Samstag, 17. April 2010

Vulkanausbruch - erste Eindrücke

Ich befinde mich mittlerweile auf meiner alten Farm Lágafell, mitten in der Sperrzone wo ich eigentlich nicht sein duerfte, 25km Luftlinie vom Vulkan entfernt. Dieser spuckt gigantische Mengen von Asche kilometerhoch in den Himmel - der Anblick ist unglaublich! Zum Glück blieben wir hier bisher vom Ascheregen verschont. Nachdem es in Südisland über eine Woche lang nur regnete, gaben die Wolken gestern zum ersten Mal den Blick auf den Gletschervulkan frei. Und was für ein Anblick das ist!


Der Vulkan ist sehr unterschiedlich aktiv: mal erhebt sich nur eine dünne Wolke in den Himmel, mal verschwindet der ganze Horizont in solch dunkelgrauen Wolken, dass man meint, das Ende der Welt stände bevor. Heute herrscht außerdem ein solcher Sturm, dass sich keine Wolke am Himmel hält außer die Aschewolke, welche sich bis zum Horizont ersteckt und wie eine schwarze Wand vor uns aufragt. Ein unglaubliches Erlebnis! Ein paar erste Bilder will ich euch hier zeigen, unbearbeitet, da ich meinen Computer in Rvk gelassen habe. Ich wollte ja eigentlich wandern und fotografieren, aber es herrscht totaler Reisestopp: ab Hvolsvöllur ist der Weg nach Osten nur noch für Anwohner und Hilfskräfte zugelassen. Ich hatte Glück, dass Halldór und Sæunn mich zum Helfen einluden, ansonsten hätte ich es nicht einmal bis hierhin geschafft... Und eigentlich ist es mir auch ziemlich recht, mich erst einmal aus der Ferne mit diesem Vulkan vertraut zu machen - laut Vulkanologen kann der Eyjafjallajökull nämlich wochen- bis monatelang Asche speien. Mal schauen was wohl werden wird!

So, nun die Bilder.
Bis auf bald!

Mittwoch, 14. April 2010

Eyjafjallajökull

Als ich vor vier Tagen definitiv wusste, dass der Vulkanausbruch auf dem Fimmvörðuháls zum Erliegen gekommen ist, da war ich unglaublich geknickt. Ein kleiner Funke Hoffnung war zwar da, dass der Ausbruch irgendwie wieder aufkeimen würde, aber irgendwie schien das total unwahrscheinlich. Seit meinem letzten Blogeintrag herrschte so gut wie keine Erdbebenaktivität mehr und sogar die Vulkanologen erklärten den Ausbruch für beendet. Das war gestern - der Tag, an dem ich nach Oslo reiste. Dort schlug ich dann bei frühlingshaften 10°C mein Zelt direkt an der Flughafenmauer in einer kleinen Baumansammlung auf und schlief sehr früh ein - ich war einfach geschafft vom Stress der vergangenen Tage, wo mich meine eigene Vulkan-Vorfreude und die dann so herbe Enttäuschung nur sehr schlecht schlafen gelassen hatte.

Mitten in der Nacht geschah etwas, dass ich so noch niemals erlebt hatte. Ich wachte auf, schrak regelrecht aus dem Schlaf empor, und das erste, was mir durch den Kopf ging, war: auf Island ist ein Vulkan ausgebrochen. Das war kein Wunsch, es war Wissen: ich wusste, dass es einen erneuten Ausbruch gegeben hatte, und ich wusste es mit einer solchen Sicherheit, dass ich den Rest der Nacht wachlag und mich freute, wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Viel zu früh stand ich auf, packte meine Sachen, checkte mich zum Flug nach Island ein und suchte mir dann einen Internetzugang. Mein erster Blick galt der Hauptnachrichtenseite Islands, und dort war zu lesen: "Erdbebenserie unter dem Eyjafjallajökull: Katastrophenschutz und Vulkanologen starten zum Erkundungsflug mit dem Helikopter, um weiteres herauszufinden".

Kurz vor dem Abflug war es amtlich: die vulkanische Aktivität war erneut aufgeflammt, allerdings nicht mehr zwischen den beiden Gletschern, sondern direkt unter dem kleineren Gletscher Eyjafjallajökull.
Als wir dann um 10:15 Uhr Ortszeit an Südisland vorbeiflogen, kündigte auch der Pilot den Vulkanausbruch an und wies auf die Wolke hin, die vom bewölkten Gletscher ausstieg. Und so gelang mir mein erstes Vulkanfoto, noch bevor ich einen Fuß auf isländischen Boden gesetzt hatte: eine fast rein weiße Wolke, kaum aus Asche bestehend, da der Vulkan sich zu dem Zeitpunkt erst noch durch den Gletscher schmelzen musste und dabei sehr viel Wasserdampf produzierte.


Während der Fahrt mit dem Flybus nach Reykjavík wurde in den 12 Uhr Nachrichten von nichts anderem berichtet. Der Ausbruch war um vieles stärker als der zuvorige: die Vulkanspalte wurde auf 2km gemessen. Die Anwohner der gesamten Gegend waren evakuiert weil man mit einer Flutwelle rechnete, die tatsächlich eintraf: das vom Vulkan geschmolzene Gletschereis ergoss sich in zwei Sturzfluten an zwei verschiedenen Stellen des Gletschers. Der Fluss Markarfljót stieg viel stärker an, als alle es erwartet hatten: die Schutzdämme leiteten das Wasser zwar den Gletscherfluss hinunter und verschonte so Häuser und Gehöfte, die Ringstraße jedoch wurde zerstört. Ein Baggerfahrer hatte geistesgegenwärtig die Ringstraße aufgerissen, damit das Wasser sich über eine größere Fläche verteilen konnte und die wichtigste Brücke der Gegend intakt blieb.

Gleichzeitig wurde ein totaler Reisebann verhängt: Straßen wurden abgesperrt und Flugverkehr verboten. Ich glaube ich saß im letzten Flug, der noch in Island landete und der die Vulkanwolke sah: nun kommt man nicht an den Vulkan heran, nicht einmal nach Hvolsvöllur werden Autos gelassen. Ich werde trotzdem versuchen, mich morgen nach Lágafell durchzuschlagen und mich dort als Farmhelfer einzuschmuggeln! Und sobald die Straße wieder befahrbar ist, was vermutlich erst am oder nach dem Wochenende der Fall sein wird, werde ich versuchen, so nah wie möglich an den Ausbruch heranzukommen. Es ist eine schwierige Stelle, ringsherum vom Gletscher umschlossen - so fotogen wie der letzte Ausbruch ist diese Naturgewalt auf keinen Fall. Aber ganz klar: besser, solch ein Ausbruch, als keiner!
:-)

Vulkanische Grüße aus Island!
Kerstin

Sonntag, 11. April 2010

Reiseplanänderung

Nach der Rückkehr vom Finnmarksløpet hatte ich zwei Nächte Zeit, um Schlaf nachzuholen, dann fuhr ich mit der Hurtigrute nach Tromsø, wo ich mich mit
Olaf Krüger zu einem neuntägigen Fotourlaub auf den Lofoten traf. Mit dieser Reise nahmen wir ein gemeinsames Projekt in Angriff: In den kommenden zwei Jahren wollen wir die "Inseln des Nordens" bereisen und eine Diashow gleichen Namens auf die Beine stellen. Beziehungsweise eine "Live-Reportage in Digitalprojektion" oder auch "Multivision", wie die digitalen Nachfolger der Diashows heutzutage heißen. Obwohl mir ja schleierhaft ist, wieso das nicht weiterhin Diashow heißen kann, da versteht man wenigstens, was gemeint ist!


Die Lofoten haben mich fotografisch sehr enttäuscht. Die Gegend ist, wie ganz Norwegen, so dicht besiedelt, dass man es als Wildnisfotograf wirklich nicht einfach hat. Auf den Inseln lag außerdem ein guter Meter Schnee, was Wanderungen extrem schwierig machte: wir mussten uns fast die ganze Zeit in unmittelbarer Nähe zu Straßen aufhalten und kamen nicht in landschaftlich reizvollere Gebiete hinein. Dennoch haben wir (bei ausnahmslos gutem Wetter) den Inseln ein paar gute Fotos abluchsen können - wobei ich mich natürlich, wie immer, fast ausschließlich auf Landschaften im interessanten Licht konzentriert habe. Sogar Nordlichter haben wir fotografieren können und sind so Fotos entstanden, die ich schon immer einmal machen wollte: der Vollmond hob jedes Detail und sogar die Farben der schneebedeckten Landschaft hervor und ließ den Himmel hellblau leuchten. Hier ein paar Impressionen der Reise.


Eigentlich hatte ich geplant, nach dem Urlaub noch bis Mitte Mai auf Parken Gård zu bleiben und danach nach Grönland zu reisen, um dort zusammen mit ein paar befreundeten Ornithologen ein paar Wochen lang Gänse zu zählen. Allerdings kam ein Ereignis dazwischen, das bis heute andauert: der Vulkanausbruch auf Island. Seitlich des Eyjafjallajökull hat sich auf dem Fimmvörðuhals eine Vulkanspalte geöffnet, aus der seit dem 21.März Lava fließt. Es ist die fotogenste Eruption, von der ich weiß: die Bilder, die in den letzten Wochen im Internet zu sehen waren, sind einfach nur unglaublich. Dass ich währenddessen in Norwegen bin, hat mich so gewurmt, dass ich all meine Zukunftspläne über den Haufen geschmissen habe: statt Grönland wird es diesen Sommer wieder Island werden.

Leider stehen die Vorzeichen sehr schlecht. Die Aktivität auf dem Fimmvörðuháls hat in den letzten Tagen deutlich nachgelassen: wenn sich da nicht noch etwas verändert, wird die Eruption sehr bald beendet sein. Aber wie heißt es so schön: die Hoffnung stirbt zuletzt! Der Flug ist nun gebucht, meine Zelte auf Parken abgebrochen: übermorgen, am 13. April, werde ich nach Oslo reisen und von da aus weiter nach Reykjavík fliegen. Und dann einmal sehen, was sich so ergibt! Bleibt der Vulkan aktiv, dann werde ich dort wohl mindestens zwei Wochen ausharren und auf den ein oder anderen Tag ohne Regen hoffen. Und wenn mir das Geld ausgeht, werde ich mir irgendwo Arbeit suchen, was in der Tourismusbranche kein Problem darstellen dürfte.

Auf jeden Fall bedeutet das, dass ich keine Ahnung habe, wann ich wieder Internetzugang haben werde. Es kann gut sein, dass ich innerhalb der nächsten drei Wochen wieder einen Blogeintrag schreibe und euch die ersten Vulkanbilder meines Lebens zeigen darf. Es kann auch sein, dass ich schwer enttäuscht werde, weil der Ausbruch in dem Moment aufhört, wenn ich mich ihm nähere: so geschehen ja im Jahr 2004. Aber mal nicht schwarz malen: vielleicht hält die Aktivität ja noch so lange an, bis ich ein paar Fotos machen kann!

Ich werde euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten, sobald ich wieder Internetzugang habe.
Also: bis auf unbestimmte Zeit, und euch allen einen schönen Sommer!

Samstag, 10. April 2010

Finnmarksløpet - Teil 3

Auf dem Weg zum nächsten Checkpunkt Neiden gab es ziemlich genau um Mitternacht auf den 15.März ziemliche Aufregung. Dieses Jahr wurden den zehn Favoriten des 1000km-Rennens GPS-Geräte mitgegeben, über welche man die der Teilnehmer live im Internet verfolgen konnte. Und Arnes Gerät verriet, dass er einen falschen Abzweig genommen hatte und vom Weg abgekommen war.
Marianne, die unmittelbar von der Rennleitung kontaktiert worden war, setzte sich unverbindlich mit Arne in Verbindung, welcher behauptete, richtig zu sein: er könne sowohl die Markierungen der Rennstrecke sehen als auch die Spur des vor ihm fahrenden Gespannes. Da Arne kein Rookie ist, sondern im Gegenteil das Rennen zum 19. Mal bestritt, vertrauten wir seinem Urteil und gaben das an die Verantwortlichen weiter. Dennoch herrschte eine weitere halbe Stunde Ungewissheit: dann zeigte das GPS wohl wieder an, dass Arne richtig fuhr. Und wir waren alle wieder hellwach und fluchten auf die Technik...

In Neiden angekommen, konnten wir 4 Stunden schlafen bevor Arne um 5:40 Uhr als vierter in den Checkpoint fuhr. Die Temperatur war auf -30°C gefallen und das Warten eine eisige Angelegenheit.
Die Hunde hatten nun schon 390km hinter sich gebracht und sich eine lange Pause verdient: Arne blieb 16 Stunden und schlief selber endlich mal wieder. Ich selber konnte auch noch einmal vier Stunden lang schlafen, nachdem ich mich drei Stunden lang mit dem Wachsen von zwei Paar Kufen herumgeplagt hatte.

Marianne bei -30°C

Mit den Pausen ist das beim Finnmarksløpet so eine Sache. Es gibt zwei Pflichtpausen. Eine von 16 Stunden Länge, die man irgendwann im Laufe des Rennens nehmen muss. Und dann noch eine 8-stündige Pause vor der letzten und längsten Etappe. Es ist völlig klar, dass andere Pausen notwendig sind, aber die kann sich jeder Musher selber einteilen.
Um 22:02 Uhr am Montag Abend fuhr Arne mit 12 Hunden weiter: zwei hatte er aus dem Rennen genommen, da sie humpelten.

Die folgende Etappe nach Kirkenes war mit 125km die zweitlängste des Rennens, für die Arne etwa 9 Stunden einplante. Daher gönnten wir uns noch einmal einen kurzen, dreistündigen Schlaf in der gemieteten Hütte, bevor wir weiterfuhren und vor Ort unserer eigentlichen Hauptbeschäftigung nachgingen: Zeit totschlagen und auf Arnes Ankunft warten. Der Checkpunkt lag mitten in der Stadt an einem Hotel gelegen, weshalb wir uns im Warmen aufhalten konnten, was sehr angenehm war. Außerdem gab es dort eine warme Halle, in der ich Kufen wachsen konnte - das geht nämlich um so vieles einfacher, wenn es nicht friert!


Arne hielt sich nur vier Stunden lang in Kirkenes auf, bevor er weiter fuhr: wieder zurück Richtung Heimat. Er hatte den östlichsten Punkt des Rennens erreicht und war genau an die Grenzen von Russland und Finnland herangefahren - und das Wetter war weiterhin unglaublich gut. Tagsüber nur Sonnenschein, nachts tanzten Polarlichter am sternenklaren Himmel. Was für ein unglaubliches Glück wir hatten!

Mittelstarkes Nordlicht am Checkpoint "Sirma".
Arne und seine Hunde (das zweite Gespann) wurden von einem Baustrahler angeleuchtet
und bildeten einen mal ganz anderen Vordergrund für ein Nordlichtbild!

Der nächste Stop war wieder Neiden. Als Arne nach fast 7 Stunden Fahrt dort ankam, waren alle geschafft - Hunde wie Menschen. Gleich drei Hunde musste er aus dem Rennen nehmen und fuhr dann nur noch mit neun Hunden weiter - im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die teilweise noch über 12 Hunde verfügten und fast alle kleiner und leichter waren, als Arne. Ob der seinen momentan 8. Platz verteidigen können würde, war ungewiss.

Nicht wenige Hunde fuhren im Schlitten in den nächsten Checkpoint ein,
wo sie dann aus dem Rennen genommen wurden
.

An der nächsten Station Varangerbotn kam Arne sehr spät als elfter herein und sagte offen und ehrlich, dass es jetzt nicht mehr um eine gute Platzierung ginge, sondern nur noch darum, in Alta anzukommen. Die Hunde waren müde und konnten einfach nicht mit dem Tempo mithalten, das die starke Konkurrenz Arne vorgab. Dazu kam die Gefahr, dass die Hunde "parkten" - so nennt man es in der Mushersprache, wenn ein gesamtes Gespann sich weigert, weiterzugehen. Hunde sind Tiere, die einen eigenen Willen besitzen und die wissen, wann es genug ist: wenn sie zu müde sind und zu geschafft, dann kann man sie allerhöchstens noch durch Motivation zum Weitergehen bewegen, keinesfalls aber mit Gewalt. Allein deshalb schon müssen Musher Hundemenschen sein: um zu erkennen, wie weit sie ihre Hunde antreiben können, ohne sie psychisch auszubrennen. Und da Arne seit über 20 Jahren mit Schlittenhunden arbeitet, wusste er, dass sein diesjähriges Gespann das Tempo nicht mithalten konnte, und er beschloss, sie ab sofort zu schonen bzw. nicht zu stark anzutreiben. Nach vier Stunden Pause ging er mit nunmehr 8 Hunden die noch vor ihm liegenden 350km an.

Dies passierte Arne nicht: dass die Hunde keine Lust mehr hatten, weiterzurennen,
und von ihrem Musher zum Laufen gelockt werden mussten.
Dieser Teilnehmer hier mühte sich über eine halbe Stunde damit ab,
die Tiere zum Weitergehen zu bewegen - für beide Seiten keine schöne Angelegenheit.

Bei den nächsten Stationen ließ Arne die Hunde immer genau so lange ruhen wie er konnte, um seinen elften Platz zu verteidigen, ließ sich Zeit, schwatzte mit Gott und der Welt und hatte erstaunlich gute Laune für jemanden, der seit Tagen kaum geschlafen und eigentlich vorgehabt hatte, das Rennen zu gewinnen. Um das verdammte Wachsen der Kufen kam ich leider weiter nicht herum, aber zumindest war ein Ende in Sicht!


Die Temperaturen spielten auf diesen letzten Etappen verrückt. An der Grenze zu Finnland waren wir so weit vom Meer entfernt, wie sonst nirgends im Rennen, und demetsprechend kalt wurde es: -41°C wurde offiziell verkündet. Das war eine Schweinekälte - besonders nun, da wir alle total übermüdet und ausgebrannt waren. Kaum ging die Sonne auf, kletterten die Temperaturen aber bis auf 0°C und verbrannten wir uns die Nasen, als wir entlang des Flusses auf Arne warteten, um zu sehen, wie es ihm mit seinen nur noch 7 Hunden erging.

Das Bild, das sich uns bot, war köstlich! Arne war am Checkpoint zuvor auf seinen Ersatzschlitten umgestiegen, welcher ein Sitzschlitten war. Und als wir ihn dann sahen, saß er auf dem Sitz und hatte die Beine auf den Handbalken gelegt, wo man sich normalerweise im Stehen festhält - es war ein Bild für die Götter! Und seien Hunde liefen energetisch wie immer: schön!


Die letzte Etappe schien dann wie im Fluge vorbeizugehen. Und dann, irgendwie plötzlich, kam Arne nach nur fünfeinhalb Tagen mit sieben aufgedrehten Hunden am 19.03.2010 um 9:18 Uhr in Alta an.


Er war sichtlich froh - dabei war dies, in neunzehn Jahren, seine zweitschlechteste Platzierung überhaupt - allerdings auch sein schnellstes je gefahrenes 1000km-Rennen! Niemals zuvor war die Konkurrenz so stark gewesen, niemals zuvor hatten die Hunde solche Durchschnittsgeschwindigkeiten an den Tag gelegt. Einerseits lag dies an den guten Wetter- und Schneeverhältnissen, andererseits aber auch daran, dass die Schlittenhundeelite von Jahr zu Jahr zu neuen Höchstleistungen angetrieben wird. Arne sagte mir vor ein paar Wochen selber: Hunde, die vor ein paar Jahren noch das Finnmarksløpet gewonnen hätten, wären heute nur Mittelmaß. Die allgemein im Sport zu beobachtende Entwicklung, immer größerer Leistung erbringen zu müssen, hat auch längst im Hundesport Einzug gehalten.

Der Sieger Ralph Johannessen kam 12 Stunden vor Arne ins Ziel

Einen tieferen Einblick in das verrückte Leben der Musher zu erhalten, war interessant - auch wenn ich jetzt weiß, dass ich nicht infiziert bin und garantiert nicht selber ein solches Rennen fahren muss. Es ist mir einfach zu stressig, und außerdem hasse ich das Wachsen von Kufen mittlerweile einfach zu sehr! Wirklich interessant für mich war aber die Erfahrung, dass ich mit nur sehr wenig Schlaf erstaunlich gut funktionieren kann. In diesen fast sechs Tagen schlief ich nur 27 Stunden, wobei die längste Schlafphase 4 Stunden dauerte. Und in den allermeisten Fällen fühlten sich diese wenigen Stunden an, wie ein normaler Schlaf. Wirklich verrückt!

Und jetzt will ich diesen Bericht mit ein paar weiteren Bildern ausklingen lassen!

Donnerstag, 8. April 2010

Finnmarksløpet - Teil 2

Heissa, nun ist bald ein ganzer Monat vergangen seit wir zum Finnmarksløpet aufgebrochen sind. Mal schauen ob ich das alles in der kurzen Zeit aufholen kann!

Finnmarksløpet fand dieses Jahr vom 13-21. März statt. Am 13.März starteten 66 Teilnehmer, um mit jeweils 8 Hunden die kurze Etappe von 500km zu bewältigen, verfolgt von 42 weiteren Mushern, die sich das Ziel gesetzt hatten, mit jeweils 14 Hunden einmal quer durch das Bundesland Finnmark fahren und über 1000km zurückzulegen.


Arne und Marianne waren schon drei Tage vor Start nach Alta gefahren, wo Informations-Treffen stattfanden, die Hunde tierärztlich untersucht und erfasst wurden und alle Vorbereitungen für den Start getroffen wurden. Am 13.März fuhr auch ich nach Alta und traf die Truppe auf dem Parkplatz, an dem sich die gesamte Schlittenhundeszene Skandinaviens versammelt zu haben schien. Das Rennen startete direkt in Alta, einer Stadt von über 15.000 Einwohnern, und zog einiges an Medienpräsenz und Schaulustigen an.

Nachdem Kronprinz Håkon das Rennen eröffnete, startete um genau 11 Uhr das erste Gespann. Von da an gab es jede Minute einen Start. Die Organisation war unglaublich gut! Ein Heer von Freiwilligen wusste genau, was es zu tun hatte. Jeder hatte seine Startnummer gezogen und wusste seine Startzeit. Diejenigen, die unmittelbar vor dem Start standen, wurden von Quads abgeholt. Man muss sich das so vorstellen: man hat 8-14 total aufgedrehte Rennmaschienen vor dem Schlitten, die über ein halbes Jahr Training auf dem Buckel haben und zusammen eine Kraft aufbringen, die kaum ein Musher beherrschen kann - zumindest nicht auf den glatten Straßen der Stadt, wo die Schlittenbremsen kaum greifen. Die Hunde bellen, jaulen, schmeißen sich mit alle ihrer Kraft in die Leinen - ohne motorisierte Hilfe wären nicht wenige Gespanne einfach durchgegangen. So aber wurden die Hunde erst unmittelbar vor dem Start vor die Schlitten gespannt und von einem Quad begleitet, das den Schlitten an einem Seil an sich festgebunden hatte und so kontrolliert bis in die Warteschlange vorfahren konnte.
Dort stellte sich jeweils ein Freiwilliger zu jedem Hundepaar und hielt deren Leinen - bis der Musher sich ausgecheckt hatte und sekundengenau unter dem Applaus mehrerer hundert Menschen gestartet war.

Arnes Gespann und Marianne
Arne hatte die Startnummer 83 gezogen und startete erst um Viertel nach Zwölf: zu dem Zeitpunkt war ich bereits taub von der Lärmkulisse der insgesamt 1116 Hunde, des normalen Stadtverkehrs und dem Kreischen der Schneemobile, vom Menschengeschnatter, vom tieffliegenden Fernseh-Hubschrauber und dem Gedröhne der Lautsprecher. Alle waren aufgepuscht, alle enthusiastisch - auch, weil Kaiserwetter herrschte und kein Wölkchen die Stimmung trübte.

Das ist übrigens Arne Karlstrøm, zusammen mit den Hündinnen Nuni und Tyv


Unmittelbar nachdem Arne gestartet war machten wir uns auf zum eigentlichen Start des Rennens. Es hat sich so eingebürgert, dass die 14er Gespanne etwas außerhalb der Stadt zum eigentlichen Rennen starten, da sie auf den ersten 15km einen bezahlenden Gast im Schlitten sitzen haben, vor den außerdem nur 10 Hunde gespannt sind. Erst an diesem Neustart steigen die meisten auf ihre leichten Rennschlitten, die ein Vermögen kosten und deren Kufen auswechselbar sind.

Arne startete also um 14:15 Uhr zum eigentlichen Rennen - und damit begann, was für uns nun Routine werden sollte. Ab ins Auto, auf die Straße, und im großen Bogen dahin fahren, wo Arne das nächste Mal stoppen würde: zum Checkpoint Skoganvarri. Dort kam Arne als dritter seiner Klasse um 20:08 Uhr an. Wir sorgten dafür, dass er alles bekam, was er brauchte, waren sozusagen immer auf Abrufbereitschaft. Doch viel gab es nicht zu tun: Arne gönnte seinen Hunden nur zwei Stunden Pause, dann ging es weiter.


Wir zwängten uns alle ins viel zu kleine Auto: ein umgebauter Pickup mit kaum vorhandener Rückbank, auf dessen Transportfläche Boxen für insgesamt 24 Hunde untergebracht waren. Wir, das war zum einen Marianne, deren Hauptaufgabe es war, das Auto zu fahren und Arnes Kontaktperson zu sein.

Dann war da ich. Ich machte alles, was getan werden musste und vor allem alles, was mit Laufen und Organisieren zu tun hatte. Meine Hauptaufgabe aber war es, Schlittenkufen zu wachsen - eine Tätigkeit, die ich mittlerweile hasse wie die Pest. Das Metallgestell von Arnes Rennschlitten hat Schienen, in die man dünne, leichte Plastikkufen einschieben kann, die dann festgeschraubt werden. Diese Kufen werden bei jedem Checkpunkt ausgetauscht, denn sie leiden ziemlich und haben Kratzer, die teilweise über einen Zentimeter tief und breit sind. Fast alle Musher hatten daher ein Dutzend neue Kufenpaare dabei: nicht so aber wir. Bei jedem Stopp musste ich Kufen wachsen - was eine Wissenschaft für sich, aber leider auch totlangweilig ist. Mit einem Bügeleisen schmilzt man Wachs auf die Kufen. Für jede Temperatur gibt es andere Wachssorten, die angeblich den Schlitten wohl noch ein bisschen besser gleiten lassen. Ist das Wachs dann auf der Kufe drauf, bügelt man es mehrere Male ein und schrubbt es anschließend mit einem Plastikschaber wieder ab. Das ist der schwierigste Teil, denn man muss aus einer total geschundenen Kufe wieder eine glatte Fläche machen, was nicht immer gelingt. Zum Schluss wird das Meisterwerk dann noch mit einer Bürste poliert - man, ich habe teilweise geflucht, dass die Leute große Bögen um mich machten.


Die dritte Person in Arnes Handler-Team war Kristianne, eine Bäuerin aus dem Tal. Genau wie ich war sie zum ersten Mal dabei war, hatte also auch von Nichts eine Ahnung - das fand ich sehr beruhigend! Kristiannes Hauptaufgabe war es, Arnes Essenspakete fertig zu machen und, genau wie ich, immer da zu helfen, wo Hilfe gebraucht wurde. Was sich aber im Laufe des Rennens als ihre eigentliche, unverzichtbare Aufgabe herausstellte, war, dass sie Marianne bei Laune und vor allem wach hielt, wenn sie Auto fuhr! Das letzte, was wir gebrauchen konnten, war ein Autounfall!

Noch aber war gerade einmal die erste Nacht angebrochen, und keiner von uns war außerordentlich müde: zu aufgedreht waren wir alle vom Rennen. Um 1:30 Uhr nachts kamen wir am 14.03.10 kamen wir in Levajok an. Dort hatte Marianne eine Hütte gemietet, wo wir uns hinlegen und 3 Stunden Schlaf tanken konnten. Danach hieß es wieder: in der Kälte stehen und auf Arnes Ankunft warten. Es war in den Nächten des Rennens meist um oder unter -20°C kalt.


Wieder legten wir für Arne alles bereit, was er brauchen würde: u.a. Brennspiritus für den Kocher, mit dem er das Wasser fürs Hundefutter kochte, Arbeitshandschuhe für ihn, Decken, Hemden und Beinwärmer für die Hunde, damit sie sich nach der getanen Anstrengung nicht unterkühlten und ihre Muskeln nicht steif wurden. Die Tiere werden bei jedem Checkpunkt von erfahrenen Tierärzten durchgeknetet und untersucht, und fast alle Musher rieben die Beine und Schultern ihrer Tiere mit verschiedenen Salben ein, bevor sie sie warm einpackten.

Die Farbkombination der Hundekleidung mutete teilweise sehr heldenhaft an...

Schlaf bekammen die Musher selber kaum. Um 9:10 Uhr am Sonntag Morgen fuhr Arne nämlich wieder weiter: vier Musher hatten ihn während seiner Pause überholt, die Zeit drängte. Und so fuhren auch wir weiter zum nächsten Checkpunkt bei "Tana bru".

Freitag, 12. März 2010

Finnmarksløpet - Teil 1

Der Februar war ein sehr entspannter Monat: es wurde relativ wenig trainiert und ich bekam Besuch von Steffi, die mir bei den täglichen Arbeiten mit den Hunden enorm geholfen hat. Einige Stunden nach ihrer Abreise aber brach hier im Norden das Schneechaos aus: all der Schnee, der hier in den vergangenen Monaten nicht gefallen ist, der fällt jetzt. Gut zwei Meter Neuschnee in den vergangenen fünf Tagen haben hier alles auf den Kopf gestellt und mich zum Dauerschneeschüppen verdammt: eine Arbeit, die zunehmend deprimierender wird, da die Erfolge sofort wieder zugeschneit werden. Drei Tage lang Dauerschaufeln um die Hundehütten herum, und dennoch sieht man die Häuser kaum noch (außer den paar wenigen, die ich aus dem Schnee befreien und hochheben konnte).

Auch auf den Flachdächern wachsen die Schneeberge, dass einem Angst und Bange wird.
Die hier gezeigten Bilder sind schon wieder veraltet; seit ihrer Aufnahme gestern Nachmittag ist fast ein Meter mehr Schnee gefallen. Und weiterhin schneit und schneit und schneit es - dabei habe ich keine Zeit mehr für dämliches Schneeschüppen!

Morgen nämlich, am Samstag den 13. März, beginnt der Finnmarksløpet, das längste Schlittenhunderennen in Europa. Arne nimmt mit den 14 besten Hunden daran teil, und so stand die vergangene Woche nur im Zeichen der Vorbereitungen des Rennens. An was alles gedacht werden musste! Meine Aufgabe war es u.a., Schlittenkufen zu wachsen - man, so eine beschissen langweilige Arbeit ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr untergekommen! In der vergangenen Woche habe ich bestimmt 15 Arbeitsstunden damit verbracht, Spezialwachs mit einem Bügeleisen auf abnehmbare Plastikkufen zu schmelzen, mühsam abzukratzen, abzubürsten und wieder draufzubügeln - ARGH ich kann Wachs nicht mehr riechen!

Ebensoviel Arbeit war es aber auch, all das Futter für die Hunde vorzubereiten. Die Tiere müssen während des Rennens alle 2-3 Stunden fressen, um die Energie für die 1000km aufzubringen, die sie in möglichst nicht mehr als 6 Tagen zurücklegen sollen. Und um ihren Appetit aufrecht zu halten, bekommen sie immer unterschiedliches Futter und Snacks: verschiedenste Fleischmischungen, Trockenfutter, Dosenfutter, extra "Wiederbelebungsfutter" für Hunde die total am Ende sind (was es nicht alles zu kaufen gibt...), Robbenfett, Lachs pur und Lachs geschreddert, Rindermagen und Würstchen - und das Kiloweise. Einen ganzen Tag habe ich damit verbracht, Lachse zu filletieren (zweite Wahl, nicht zum Verkauf geeignet aber in meinen Laienaugen wunderschöne Fische, die ich jederzeit essen würde), Dosenfutter in Tüten umzupacken und zentnerweise gefrorene Fleischmischungen in schnauzengerechte Happen zu zersägen. Welch ein Wahnsinn - was da an guten Ressourcen und Geld in diese Hunde gepumpt wird ist abartig, wirklich und wahrhaftig abartig. Aber gut, so weiß ich das auch.

Arne muss übrigens nicht alles Essen selber im Schlitten transportieren, sondern bekommt etwa alle 100km alles zugestellt, was er im Vorhinein dafür bereitgestellt hat: die gelben Säcke, gefüllt mit Kiloweise Hundenahrung, sind jetzt schon unterwegs durch Nordnorwegen, dafür sorgt die Organisation des Rennens. Arne wird morgen um 12 Uhr als dritter von 50 Teilnehmern starten. Und ich werde bei den Checkpunkten mit dabei sein: zusammen mit einer mir noch unbekannten Bäuerin aus dem Dorf und Marianne werden wir Arnes Versorgungsteam sein. Mit den Hunden dürfen wir nichts machen, das ist allein Arnes Aufgabe, aber alles Drumherum wird unsere Aufgabe sein. Ich werde mich wohl um die Kufen des Schlittens kümmern müssen. Und wahrscheinlich auch auf die Hunde, die Arne nach und nach zurücklassen wird. Von den 14 Hunden werden 7-10 die 1000km wirklich rennen können, müde oder verletzte Tiere werden wir von Arne entgegen nehmen und uns um sie kümmern.
Viel mehr als das weiß ich aber selber noch nicht. Für mich ist es überhaupt eine Überraschung, nun doch als Handler beim Rennen dabeizusein: bis vor zwei Wochen sollte ich ja Zuhause bleiben und die Welpen füttern. Nun werde ich also doch dabei sein - und hinterher berichten können, wie solch ein Rennen abläuft. Da ich aber direkt nach dem Rennen für 10 Tage auf die Lofoten fahren werde (ich hab auch mal Urlaub, jawohl!) werde ich mich vermutlich nicht vor April wieder melden. Also, bis dann!

Sonntag, 28. Februar 2010

Absurdistan

Seit Tagen will ich mich melden, seit Tagen finde ich keine Zeit. Bevor ich morgen früh wieder mit den Hunden auf die Vidda verschwinde (Finnmarksløpet beginnt in nicht einmal drei Wochen, jetzt steht alles Kopf...) will ich euch nur kurz an einer komplett absurden Geschichte teilhaben lassen.

Ihr kennt doch sicherlich meine Foto-Seite auf Flickr; dort lade ich ab und an sehr kleine Bilder hoch. Über diese Seite bekam ich vor einer Woche eine Email: ob ich mir vorstellen könnte, ein paar Nordlichtbilder bei einer Agentur einzuspeisen. Besagte Agentur kannte ich noch nicht und ich war auch eher abgeneigt. Doch dieser Mensch war so hartnäckig, dass er mir in den folgenden drei Tagen sieben weitere Emails schickte und versuchte, mich für die Agentur zu gewinnen. Nach Rücksprache mit Olaf ließ ich mich schließlich dazu breitschlagen, 15 meiner Aurora-Fotos für ein Jahr lang der Agentur zur Verfügung zu stellen. Der Deal ist der, dass die Agentur versucht, Abnehmer für die Bilder zu finden, und ich 50% des Erlöses erhalten: der Standardsatz den Agenturen Nonames wie mir anbieten. Kaum hatte ich die Bilder an Barcroft Media versandt, klingelte mein Handy und die Nervensäge war dran: ein Journalist aus London mit dem feinsten britischen Akzent - ich LIEBE britischen Akzent, das klingt immer so lustig! :-)

Das Interview schwenkte schnell von meinen Fragen zur Agentur hinüber zur Aurora ("Was ist Aurora eigentlich" und "Wie entstehen die Farben?") und dann, wie sollte es anders sein, zu mir und zur Außentemperatur (mir gehts gut und draußen ist es weiterhin saukalt). Eine Dreiviertelstunde später qualmten mir die Ohren und schwante mir nichts Gutes, weil die Nervensäge relativ gen Ende damit herausgerückt war, dass er alles per Steno mitgeschrieben hatte. 20 Stunden später erhielt ich dann eine weitere Email von ihm: Der erste Abnehmer meiner Bilder war die britische Boulevard-Tageszeitung "Daily Mirror". Er schickte mir den Link, welcher mich in Lachkrämpfe ausbrechen ließ: der Artikel dreht sich genau wie das Interview eher um mich und die Kälte als um die Nordlichter. Wie Medien so sind, machen sie aus einer Mücke einen Elefanten - und aus mir einen Superlativ. Der Bericht ist wirklich nur eine reine Lachnummer, vor allem meine Zitate sind nicht einmal annähernd so, wie ich sie in Erinnerung habe. Seit diesem Bericht allerdings sind die Klickzahlen auf meine Bilder auf Flickr in unbekannte Höhen geschnellt und habe ich plötzlich unzählige, mir gänzlich unbekannte britische und asiatische "Freunde" auf Facebook, die mir sogar Fanpost schicken. Oh man, geht das schon wieder los! Es ist alles so absurd... Aber solange ich zum Helden gemacht werde und nicht zum Buhmann und dabei noch ein wenig Geld verdienen kann, kann ich drüber lachen - und ihr vielleicht auch! Hier ist er also: der Bericht über "die heldenhafte Reise einer unerschrockenen Frau durch gefrorene Ödnis, im Bestreben das Phänomen [Aurora] in all seiner Pracht im Bild festzuhalten".
Ja, ne, ist klar! BOULEVARDPRESSE! *augenverdreh*

Daily Mirror, February 26th

Und damit verabschiede ich mich auf wann immer ich die Zeit finde, wieder zu berichten.

Freitag, 5. Februar 2010

Soldag i Langfjordbotn

Heute, am 5 Februar, war es endlich soweit: die Sonne steht wieder so hoch am Horizont, dass man sie von Langfjordbotn aus sehen kann. Die 17 Kinder der örtlichen Schule haben daher heute den sogenannten Sonnentag gefeiert. Leider war es den ganzen Tag über bewölkt, so dass man die Sonne selber nicht sehen konnte - aber hell wurde es dennoch, richtig hell sogar!

Trotz zunehmender Helligkeit war der Januar für mich der depressivste Monat bisher: Alltagstrott und mangelnde Motivation mache ich dafür ebenso verantwortlich, wie die bisher heftigste Magen-Darm-Grippe meines Lebens. Ein Virus grassierte, und ich war die mit am heftigsten Betroffene hier im Tal. Andere klagten über Unwohlsein und Durchfall - ich hing eine ganze Nacht nur überm Klo und bin immer noch erstaunt, wie viel Wasser ein Mensch verlieren kann. Danach war ich zwei weitere Tage lang zu nichts zu gebrauchen und bin nun mehr denn je der Meinung, dass Kranksein abgeschafft gehört!
Meine Stimmung war dementsprechend mies, vor allem, weil ich so nicht erleben konnte, wie die Sonne zum ersten mal oben auf der Vidda aufging. Auch der heftigste Nordlichtsturm des neuen Jahres, wunderbar zu beobachten bei perfekt-kaltem Wetter, verpasste ich schlafend im Bett. Und als wäre das nicht genug, kam Arne auf die glorreiche Idee, genau dann meine Sickergrube auszuleeren. Diese ist nicht sonderlich groß und schon seit Wochen fast gefüllt gewesen - daher war ich dankbar, dass Arne sich so eifrig an die Arbeit machte. Leider vollführte er diese geruchvolle Arbeit mit derselben Maschinerie, mit der er die riesige Jauchegrube unterm im Kuhstall leert. Die Kraftverhältnisse sind in etwa so, als wolle man eine Pipette mit einem voll aufgedrehten Wasserhahn füllen: das konnte nur in die Hose gehen! Das kommende Desaster ahnend räumte ich das kleine Badezimmer komplett leer, schloss den Klodeckel und stellte eine mit Wasser gefüllte Schüssel als Gewicht auf den Ausfluss am Badezimmerboden. Als Arne dann den Motor anschmiss und zu pumpen begann, musste der Druck irgendwohin ausweichen, und tat das entgegengesetzt der normalen Spülrichtung. Oder um es salopp zu sagen: mir spritzte die Scheiße aus'm Klo und flutete meinen Badezimmerboden. In der Hinsicht war es vielleicht ganz gut, dass ich mich in der Nacht zuvor jeglichem Magen- und Darminhaltes entledigt hatte... Oh man...

Den Anblick, der sich mir bot, musste ich mit der Kamera festhalten. Ich werde das Foto an dieser Stelle allerdings nur verlinken. Ein wahres Schocker-Foto - wer traut sich, es anzusehen? ;-)

Mein Badezimmer am 23. Januar 2010

Diesen (im wahrsten Sinne des Wortes) ziemlich beschissenen Tagen folgte eine sehr ruhige Woche. Arne war sechs Tage lang mit britischen Touristen unterwegs und hat alle erwachsenen, unverletzten Hunde mitgenommen. Nur vier erwachsene Hunde und die 11 Welpen blieben hier - es gab kaum Arbeit! Dementsprechend freue ich mich nun aber auch wieder darauf, nach 14 Tagen Pause endlich wieder mit dem Training zu beginnen. Hunde zu halten ohne Schlittenfahren zu können erscheint mir mittlerweile als ziemlich langweilig!

Eben weil die Hunde so wenig Arbeit gemacht haben, hatte ich mir von Montag bis Mittwoch frei genommen. Ich hatte eigentlich geplant, mit dem Bus an einen landschaftlich reizvollen Ort zu fahren und dort zweimal zu übernachten und zu fotografieren. Allerdings mangelte es an Unterkünften - jetzt im Winter sind die wenigen Übernachtungsmöglichkeiten entweder geschlossen oder unbezahlbar. Deshalb wollte ich am Montag zu einer Tagestour aufbrechen und stand däumchendrehend an der Straße - vergeblich. Die wenigen Autos, die an mir vorbeifuhren, wollten mich nicht mitnehmen. Und da ich ohnehin relativ wenig Lust auf diesen Ausflug hatte und außerdem Wolken aufzogen, die jegliche Hoffnung auf schönes Fotolicht zunichte machten, kehrte ich nach zwei Stunden zurück nach Parken Gård. Die paar Stunden an der frischen Luft hatten mir gereicht: es richtig ungemütlich kalt, da bei -18° teils sturmartige Windböen übers Land fegten.

Als es dunkel wurde, sah ich mir im Internet die neuesten Vorhersagen für Wetter und Polarlicht an. Die Wettervorhersage war gut bis zum folgenden Mittag, und die Werte von SOHO (dem Sonnensatelliten) machten auch Hoffnung auf Polarlichter. Der noch sehr volle Mond sollte an diesem Abend erst um 21Uhr aufgehen: auch dies positiv, da bis zum Mondaufgang schwache Nordlichter am dann noch dunklen Nachthimmel sichtbar wären. Und als sich dann um 17:30 Uhr in einer Wolkenlücke stärkere Nordlichter am Nordhorizont erahnen ließen, schnappte ich mir meinen noch gepackten Rucksack samt Kamera und sprang in den Bus nach Øksfjord.

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, meine Fotoausflüge grob mithilfe von Karten und Satellitenbildern zu planen. Gerade für die Nachtfotografie ist es wichtig, möglichst wenig Lichter von Zivilisation im Bild zu haben: dies kann ich anhand von Karten mittlerweile ziemlich gut abschätzen. Darum hatte ich schon seit längerem vor, eine Nacht am Øksfjorden zu verbringen: dieser Fjord ist nicht weit entfernt und mit dem Bus erreichbar, was für mich Autoverweigerer ja ein sehr wichtiges Kriterium ist.

Parken Gård befindet sich dort, wo die gelbe Hundepfote zu sehen ist.
Mein spontanes Reiseziel ist die rote Stecknadel weiter oben am Øksfjorden:
eine kleine Ansammlung von Häusern an der Straße zum Ort Øksfjord (Einwohner: 482).


Der Busfahrer kannte sich überhaupt nicht aus und hatte keine Ahnung, wo ich rauswollte - ich allerdings auch nicht, da ich zum ersten Mal dort war. Zum Glück war der einzige Passagier außer mir ein Einheimischer, der dem Busfahrer sagen konnte, wo er stoppen sollte. Er wollte sogar wissen, zu welcher Person ich reisen wollte, um mir noch das richtige Haus zu zeigen - und war dann ganz verwirrt, zu hören, dass ich niemanden besuchen, sondern stattdessen bei -20°C im Zelt übernachten und Nordlichter fotografieren wollte. Auch der Busfahrer schaute leicht deppert drein, als er das hörte - woraufhin ich nur grinsend aus dem warmen Bus in die kalte Nacht stieg.

So kalt wie es klingt war es aber gar nicht. Zum einen war ich die ganze Zeit in Bewegung: erst wanderte ich zwei Kilometer mit dem Rucksack auf dem Rücken, bis ich einen guten Zeltplatz fand (was an der Steilküste gar nicht so einfach war). Dort ließ ich den Rucksack einfach liegen und zog mir eine weitere Schicht Kleidung an. Sechs Hosen und sechs Oberteile waren es, die ich im Zwiebelprinzip trug: jeweils zwei Lagen Wollunterwäsche, gefolgt von einer Lage Fleece, dann wieder eine Lage dicker Wolle, gefolgt von Hose und einem Wollpulli. Darüber dann noch die im Fotowettbewerb gewonnenen Über-Hose und neue Jacke, sowie dicke Wollsocken in den Winterstiefeln, eine Sturmhaube und zwei Mützen - so lässt es sich -20°C und Windböen gut aushalten! Meine Daunenjacke blieb die ganze Nacht über im Rucksack - ich bin also für noch kältere Temperaturen und Wind gewappnet! :-)

Vor Mondaufgang Richtung Norden fotografiert:
das rote Licht stammt von der Ortschaft Øksfjord (10km entfernt).

Hier im Øksfjorden waren die Wolken fast gänzlich verschwunden, und vor Mondaufgang waren wie erwartet mittelmäßig starke, allerdings detailarme Nordlichter zu sehen. Ich fotografierte ein wenig, verbrachte die folgenden Stunden jedoch hauptsächlich mit dem Suchen nach Motiven und dem Warten auf stärkere Aurora. Statt besser wurde es leider schlechter: der aufgehende Mond färbte zwar den Himmel wunderbar blau und beleuchtete die Berge, die Nordlichter aber waren deswegen viel schlechter bzw. hinterher gar nicht mehr auszumachen. Nachdem ich drei Stunden lang mit Wandern und Warten verbracht hatte, machte ich ein letztes Foto und ging dann zurück zu meinem Rucksack, um mein Zelt aufzubauen und zu Abend zu essen.


Es kam, wie es kommen musste: als ich gerade beim Zeltaufbau war, inmitten eines kleinen Haines an einer wenig fotogenen Stelle, da wurde es so hell, als sei innerhalb von Sekunden der Mond zum Zenit gestiegen. Aus dem Nichts gab es eine Nordlichtexplosion: mehrere Bänder hochagiler Lichter pulsierten wie Wellen aus Licht über den Himmel. Im Norden schien ein Band aus Nadeln zu hängen: ein langer Bogen feiner Nordlichtsäulen, der waberte und mich ein wenig an einen dieser Fliegen-Türvorhänge erinnerte, der vom Wind bewegt wurde. Direkt über mir zog sich von Ost nach West ein schlankes, helles Nordlichtband quer über den Himmel, das wankte und zuckte, wie eine Schlange im Todeskampf.


Mal war es ein komplettes Band, mal spaltete es sich auf und formte eine Corona (eine dreidimensionale Krone aus Lichtstrahlen am Zenit). Die Hauptfarbe war ein sanftes Pastell-Türkis, ausufernd in stärkerem, gelblichen Grau-Grün bishin zu Weiß und ganz kurzlebigem, ganz schwachem Pink. Es war das stärkste Nordlicht, das ich innerhalb der letzten zwei Jahre gesehen habe - und es währte maximal fünf Minuten. Ich fand gerade die Zeit, das Zelt ein Zelt sein zu lassen, zu fluchen (weil ich unter Bäumen stand), zu jubeln (weil ich mich so über das Nordlicht freute) und mir die Kamera zu schnappen. Dann rannte ich einen kleinen Hügel empor, die Kameratasche über die Schulter, das Stativ mit der Kamera in der einen Hand, während ich mit der anderen Hand eine warm gehaltene Batterie aus einer meiner vielen Hosen zu kramen versuchte (was aufgrund der vielen Hosen gar nicht so einfach war). Irgendwie kam ich den Hügel hinauf, ohne hinzufallen, und hatte dann tatsächlich eine einsatzbereite Kamera, mit der ich das obige Bild machte. Da mir der Vordergrund aber nicht zusagte, rannte ich kurz darauf den Hügel wieder herunter, auf die Straße (auf der längst kein Auto mehr fuhr). Diese war eisbedeckt, was mich nach ein paar Metern zur Überlegung brachte, das Rennen mit einem geschulterten Stativ und der ungeschützten Kamera darauf vielleicht nicht unbedingt die beste Idee war. Aber ich musste doch hinunter zum Fjord solange das Nordlicht noch so stark war: also einigte ich mich mit dem Risiko auf einen schlurfenden Rennstil. Der sah höchstvermutlich ziemlich deppert aus, aber das war mir herzlich egal, weil ich so nach wenigen Minuten unversehrt unten am Fjord ankam. Die Nordlichter hatten an Intensität verloren, waren aber immer noch enorm stark: so stark, dass die vom Dreiviertel-Mond beschienenen Berge dunkel wirkten.


Mein erster Stopp war ein kleiner Naturhafen, in dem zwei kleine Fischkutter dümpelten, welche von den Straßenlaternen angeleuchtet wurden und daher als Motiv herhalten mussten. Als die Nordlichter sich dann immer noch deutlich vom hellen Nachthimmel abhoben, rennschlurfte ich weiter die Straße entlang. Dabei wurde ich fast von einem LKW überfahren, der viel zu schnell um eine Kurve geschossen kam und da entlang ratterte, wo ich Sekunden zuvor noch langgerennschluft war, bevor ich schnell über die Leitplanke geklettert war und mich oberhalb eines Steilhanges an einigen dünnen Birkenstämmen festhielt.
Meine Güte, ich neige zu langen, unübersichtlichen Schachtelsätzen, kann das sein?

Nach der Begegnung mit LKW, Abhang und Birkenstämmen kam ich endlich zu einer Bucht, die nicht mehr von Zivilisationslichtern erhellt war. Endlich konnte ich in alle Richtungen fotografieren! Die Nordlichter waren noch schwächer geworden, was aber gar nicht so übel war, da sie nun ungefähr so hell wie die monderleuchteten Berge waren und das ziemlich gut ausschaute.


So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Nordlichter wieder. Etwas über eine Stunde verbrachte ich in der kleinen, dunklen Bucht, erst fotografierend, dann wartend. Und als eine ganze Weile kein einziger Schimmer von Nordlicht mehr auszumachen war, ging ich zurück zu meinem halb aufgebauten Zelt, machte es einsatzbereit und kochte mir dann als Nachtmahl die obligatorischen Nudeln. Es mag etwa Ein Uhr gewesen sein, als ich schließlich ins Zelt krabbelte, mich umständlich meinen vielen Kleidungsschichten entledigte und dann in dem von Jon ausgeliehenen Winterschlafsack verschwand. Der hatte eine Komfortzone bis -40°C und war so mollig warm war, dass ich beim nächsten Nordlichtsturm nicht mehr hinaus wollte. Um zwei Uhr nämlich, als ich müde noch mal aus dem Zelt lugte, sah ich wieder ein türkisfarbenes Band über den Himmel tanzen - beschloss dann aber, dass das Anziehen zu lange dauern würde, ich zu müde war und außerdem die gewünschten Fotos schon in der Kamera hatte. Und so blieb ich eine Weile im Zeltausgang liegen, sah der Nordlichtschlage am Firmament schläfrig zu, bevor mir meine Nase zu kalt wurde und ich zum Schlafen zurück ins Zelt robbte. Und dann schlief ich, bis mich um 7:30Uhr meine Armbanduhr weckte.

Das von innen mit meinem gefrorenen Atem bedeckte Zelt war schnell zusammengepackt, sodass ich den einzigen Bus des Tages stoppen und zurück nach Langfjordbotn fahren konnte. Der Busfahrer war derselbe, wie am Abend zuvor, und er grinste, als ich zustieg. Er muss mich für total bescheuert gehalten haben! Höchstwahrscheinlich bin ich das auch - aber das ist mir, wie immer, herzlich egal! Andere haben den Abend in ihren warmen Häusern verbracht - ich jedoch blicke nun auf das schönste Nordlichterlebnis der vergangenen Jahre zurück. Es war trotz -20°C eine erstaunlich wenig kalte, wunderbar ereignisreiche und außerdem äußerst ertragreiche Nacht! Und mit meinem Lieblingsbild des Ausfluges will ich mich hiermit bis zum nächsten Blogeintrag verabschieden!

Der tiefstehende Mond erhellt den Himmel hinter den östlichen Bergen.
Das Sternbild des Großen Bärens (der große Wagen) befindet sich auf elf Uhr.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Tag naht!

Ein halbes Jahr lebe ich nun schon in Nordnorwegen, ein halbes Jahr arbeite ich täglich mit Schlittenhunden. Wie schnell die Zeit vergeht...

Als ich herkam, war ich besonders auf die mørketid gespannt, die "Dunkelzeit", wie die Polarnacht hier genannt wird. Am meisten überrascht hat mich die Tatsache, wie wahnsinnig schnell die Tage kürzer wurden! Ende Dezember war es dann (bei gutem Wetter) noch erstaunlich hell: zwei, drei Stunden lang konnte man keine Sterne sehen und war der Südhimmel hellblau und die Wolken ... na ja, die Wolken die waren grau oder blau. Nur die sehr hoch in der Atmosphäre befindlichen Perlmutterwolken, die es einmal zu sehen gab, leuchteten zur Mittagszeit gleißend weiß.


In den Wochen um die Wintersonnenwende bestand die Welt eigentlich nur aus Blautönen. Wunderbar feine Nuancen zeichneten die Winterlandschaft: herrlich kalt-düstere Lichtstimmungen in blau und silber, die perfekt zu den kalten Temperaturen passten. Doch wie sehr ich Farben vermisst habe, merke ich nun, da der erste Sonnenaufgang rasend schnell näherrückt. Und was für Farben wir momentan zu sehen bekommen - teilweise stehe ich nur mit offenem Mund da und wähne mich auf einem anderen Planeten!


Ihr müsst euch das so vorstellen: während des mittlerweile sechs Stunden langen Tages kriecht die Sonne ganz langsam bis zum Horizont, es wird so hell, wie unmittelbar vor Sonnenaufgang, und dann geht die Sonne wieder drei Stunden lang unter. Ein endloses Spiel warmer Farben: gelb, rot und rosa am Südhimmel stehen im direkten Kontrast zu den Blau- und Türkistönen des Nordhimmels. Hätte ich diese Farben nicht selber erlebt, würde ich sie für total überzogen und künstlich halten. Ein Privileg, so etwas erleben zu dürfen, wirklich!

Gestern, am 18ten Januar, fand die Dunkelzeit dann offiziell ein Ende: Fünf Minuten lang lugte die Sonne über den Horizont und tauchte die Bergspitzen in ein wunderbares Pink, dass ich so das letzte Mal Mitte November gesehen habe!


Ich schätze, dass ich in einer Woche wieder direkt in die Sonne sehen kann - zumindest dann, wenn ich mich an einem wolkenlosen Tag oben auf dem Bergplateau befinden sollte. Mensch, was freue ich mich darauf, die Sonne wiederzusehen!

Weil Worte aber nicht beschreiben können, was ich an Farben in der vergangenen Woche während des Trainings erlebt habe, hier noch ein paar visuelle Eindrücke aus der südlichen Finnmark. Es war kalt (bis zu minus 20°C) und dazu teilweise extrem windig - aber die Farben des nahenden Tages lassen mich eiskalte Füße, Finger und Wangen schnell vergessen. Für solche Erlebnisse bin ich in den Norden gezogen!

Donnerstag, 14. Januar 2010

Alta 2-dagers 2010

Nach einer schwerwiegenden Meinungsverschiedenheit mit meinen Chefs, bei der ich nahe dran war, meinen (unbezahlten) Vollzeitjob hier an den Nagel zu hängen, trainiere ich weiterhin "meine" 32 wunderbaren Hunde, die ich wirklich lieb gewonnen habe. Wie sehr die Huskies auch mich mögen, habe ich am vergangenen Wochenende festgestellt.

Im 90km entfernten Gargia fand das erste Schlittenhunderennen der Saison statt, bei dem 42 Musher Nordnorwegens anreisten, um sich zu treffen und freundschaftlich zu messen. Es ist ein kurzes Rennen, Samstag und Sonntag wird je 45km gefahren - was wenig ist im Vergleich mit den Rennen, die ab März abgehalten werden: da werden dann 400-1000km zurückgelegt! Doch so kurz es ist, so ist es ein guter Anlass, um den Trainingsstand der eigenen Hunde mit denen der anderen zu vergleichen. Und für mich war es das erste Mal, dass ich andere Musher traf! Musher, also Schlittenhunde-Fahrer, sind ein lustiger Menschenschlag! Leicht seltsam, allesamt total verklärt was ihre eigenen Hunde angeht (die eigenen sind natürlich IMMER die besten!) und begeisterte Frischluftliebhaber, die dafür leben, tagtäglich mehrere Stunden auf dem Schlitten zu stehen und jeglichem Wetter und Temperaturen zu trotzen.
Ich war wirklich überrascht, mit nach Gargia reisen zu dürfen: meine Chefs haben mich in den vergangenen Monaten generell auf dem Hof bei den Hunden abgestellt, wenn es etwas Spannendes zu erleben gab, und es steht für sie auch felsenfest, dass ich beim Finnmarksløpet (dem großen Rennen im März, für das ich die Hunde trainiere) Zuhause bleiben und auf die restlichen Hunde aufpassen soll. Dementsprechend erstaunt war ich, als Marianne mir eröffnete, dass ich an ihrer Stelle das Rennen fahren sollte. Ein Schlittenhunderennen, und ich würde dabei sein! Cool!

Am 9. Januar, dem Samstag, starteten wir mit 22 Hunden zeitig gen Gargia. Dort angekommen, blieb gerade genug Zeit für das Treffen aller Musher, die sich einschrieben und dann die Startnummern zogen. Gefahren wurde in drei Klassen: 12er Gespanne, 8er Gespanne und solche mit nur 6 Hunden. Es gibt beim Schlittenfahren keine Geschlechtertrennung: schließlich sind es die Hunde, die die Hauptarbeit verrichten. Männer mögen im Durchschnitt vielleicht kräftiger sein und ihre Hunde (durch Schieben und Treten wie auf einem Roller) mit mehr Kraft unterstützen - aber sie sind dann meist auch schwerer, was mehr Last für die Tiere bedeutet.

Arne trat mit seinen 12 besten Hunden an, gegen seine größten Konkurrenten, die auch jedes Jahr im Finnmarksløpet teilnehmen. Ich konnte mir aus den verbliebenen 13 einsatzfähigen Hunden (wir haben momentan leider viele verletzte Tiere) ein 8er Gespann zusammenstellen und trat in der Klasse an, in der auch die Handler von Arnes größten Konkurrenten antraten. Wie ich hinterher feststellen sollte, lagen schon daher die Augen aller auf mir, weil ich Arnes Hunde fuhr - mir selber war das ziemlich egal. Ich wollte nur endlich mein erstes Rennen erleben!

Der Start lief simpel ab. Ich startete als zwölfte in meiner Klasse, was aber keinen Nachteil darstellte, weil die Zeit individuell gemessen wurde. Jede Minute gab es einen Start - Leute, den Krach zu Beginn eines Rennens könnt ihr euch nicht vorstellen! Alle Musher hatten ihre Hunde vor die Schlitten gespannt, 380 Stück waren es insgesamt. Und die waren vollkommen wild aufs Rennen und bellten und jaulten in so extremen Tönen, dass einem die Ohren wehtaten. Was für ein Spektakel! Je näher der eigene Start, desto aufgeregter wird man, desto verrückter werden die Hunde, die nur noch eines im Sinn haben: zu rennen!

Als es dann endlich losging, flogen wir förmlich den Berg empor und überholten das erste Gespann schon nach fünf Minuten. Beim Überholen gilt die Regel, dass der Überholte abbremsen und den Überholenden vorbeilassen muss - und zwei Minuten warten muss, bevor er diesen wieder überholen darf. Ich selber wurde nicht überholt, aber fuhr an insgesamt 6 Gespannen vorbei, bevor ich nach 2 Stunden und 24 Minuten zurück zum Start bzw. ins Ziel kam.

Vom Rennen des vergangenen Jahres gibt es einen netten Film: Alta 2-dagers 2009
Schaut euch ruhig die ersten Minuten an: es sind schöne Bilder, die die Atmosphäre des Rennens gut wiedergeben! Gesagt wird übrigens nichts wirklich wichtiges: dass es für Hunde und Fahrer viel Arbeit ist, dass alles von den Hunden abhängt, wer die großen Konkurrenten sind und was sie denken, und dass man nicht wirklich viel Zeit hat, um die Schönheit der Landschaft zu genießen...

Was mich am Samstag, dem ersten Tag des Rennens, extrem überraschte, war mein Konkurrenzwille. Ich habe mich früher als Kind oft in diversen Sportarten mit anderen gemessen und war da auch immer sehr ehrgeizig - aber dass mich dieses Rennen so packen würde, hätte ich nicht gedacht! Nachdem ich mein erstes Gespann überholte und die Hunde aus eigenem Antrieb im wildesten Galopp den Berg emporflogen, da dachte ich: jetzt wollen wir doch einmal sehen, was meine Huskies leisten können!

Und ab da half ich meinen Zugtieren, so gut ich konnte. Bergauf und auf gerader Stecke fuhr ich den Schlitten, wie einen Roller, trat alle paar Meter feste zu, und war nach wenigen Minuten nass geschwitzt. Einen Großteil der Strecke legten wir in starkem Gegenwind zurück, bei dem ich mich hinter den Schlitten zusammenkauerte und dem Wind so wenig Angriffsfläche bot, wie nur irgend möglich - auf der Rückfahrt dagegen machte ich mich so groß, wie ich es konnte, damit der Wind uns schieben konnte. Die Hunde spornte ich immer und immer wieder dazu an, schneller zu laufen, als sie es von sich aus getan hätten - mit dem Ergebnis, dass wir als vierte ins Ziel kamen. Und da war es vollends um mich geschehen. Am Sonntag nämlich, dem zweiten Tag des Rennens, gab es für mich nur ein Ziel: meinen vierten Platz zu verteidigen und, wenn möglich, den dritten anzugreifen. Der war nämlich 'nur' zwei Minuten schneller gewesen als wir!

Als ich am Sonntag Morgen beim Füttern der Hunde zum leicht bewölkten Sternenhimmel aufsah, bemerkte ich interessante, gewellte Ufo-Wolken und dachte: he, wenn wir Glück haben sind das Perlmutterwolken!
Und tatsächlich: als es dann heller wurde, begannen besagte interessant ausschauende Ufo-Wolken in allen nur erdenklichen Pastellfarben zu leuchten. Diese Wolken befinden sich so hoch in der Atmosphäre, dass sie das Sonnenlicht brechen können, lange bevor "normale" Wolken überhaupt Farbe bekommen. Es war das dritte Mal im Leben, dass ich Perlmuttwolken sah - ein wunderschöner Anblick! Leider hatte ich keine Zeit, um zu fotografieren: der zweite Teil des Rennens startete schon um 10 Uhr. Daher will ich ein Bild verlinken, dass Marit Helene Eira an die Zeitung "Altaposten" sandte:

Perlmutterwolken, fotografiert am 10.01.10 von Marit Helene Eira.


Die Rennleitung hatte für Sonntag eine seltsame Maßnahme beschlossen: sie starteten die langsamsten zuerst und die schnellsten zuletzt. Das bedeutete, dass ich in meiner Klasse als viertletzte startete und 23 langsamere Gespanne vor mir hatte. Man, waren das an dem Tag viele Überholmanöver! Jeder kämpfte, keiner wollte sich leicht geschlagen geben, vor allem nicht im ersten Drittel des Rennens. Man überholte jemanden, der wiederholte einen später wieder, den man dann wieder überholen musste - es drehte sich alles nur noch ums Überholen und überholt werden. Ein besonders hartnäckiger Kampf entwickelte sich zwischen mir und Jostein, der mit seinen Hunden am Samstag auf den zweiten Platz gekommen war. Er startete zwei Minuten nach mir und überholte mich nach schätzungsweise 20 Minuten das erste Mal. Und von da an blieben wir zusammen: mal ich vorne, mal er. Ich weiß nicht, wie viele Gespanne wir überholten: mehr als 12 waren es aber garantiert. Und meine Hunde legten sich irrsinnig ins Zeug: ich hätte nie gedacht, dass sie sich so für mich anstrengen würden!

Hunde kann man nicht zu Leistung zwingen: wenn sie etwas nicht wollen, dann tun sie es auch nicht, so einfach ist das. Sie müssen denjenigen mögen und sich wirklich für ihn einsetzen, um derart Leistung zu erbringen, wie meine 12 Junghunde das taten. Wahrscheinlich zählte für sie auch, dass ich selber an meine Grenzen ging: ich trat und schob den Schlitten im Akkord, bekam während der Fahrt Krämpfe im Oberschenkel und einen Muskelkater, der erst langsam wieder weicht. Keine Pause, kein verschnaufendes Stehen auf dem Schlitten: jede Sekunde zählte im Kampf um den dritten Platz. Und die Arbeit zahlte sich mehr als aus: mit mehr als 5 Minuten Vorsprung kam ich letztendlich auf den dritten Platz! Wir fuhren am Sonntag sogar 6 Minuten schneller als am Samstag - das Tempa war wirklich regelrecht abartig!
Arne wurde mit nur 15 Sekunden Rückstand zweiter seiner Klasse: ein super Ergebnis für Parken Gård! Und auch ich bin regelrecht euphorisch: eine größere Liebeserklärung hätten die Hunde mir nicht erbringen können. Tolle Tiere, wirklich!

Wen Statistik interessiert, für den gibt es die Ergebnisse mit allen Zeiten hier nachzulesen: Resultate Alta 2-dagers 2010
('Tid ut' = Start, 'Tid in' = Ziel, 'Tid brukt' = Zeit gebraucht, und "Total" ist die Gesamtzeit beider Tage)

Und ein lustiges Foto von unserem Zieleinlauf am Sonntag hat Jon gemacht, das ich euch auch nicht vorenthalten will!