Sonntag, 24. Mai 2020

Sommerbeginn in Nordisland

Island ist eines der teuersten Länder der Welt. Was die Lebenshaltungskosten angeht, liegt die kleine Insel seit Jahren beständig in den Top 3, zusammen mit der Schweiz und Norwegen. Hier Zeit zu verbringen, ist also eine ziemlich kostenspielige Angelegenheit! Ich glaube, das einzige, was hier nicht überproportional teurer ist als in Deutschland, ist das Leitungswasser. Und die Bahnfahrten. Aber letzteres auch bloß, weil es hier gar keine (Eisen-)Bahn gibt...

Als ich im April beschloss, wegen des Coronavirus in Island zu bleiben, stand für mich fest, dass ich mir eine Anstellung suchen musste, oder zumindest ein Freiwilligenjob gegen Kost und Logis. Aber wo Arbeit finden in diesen verrückten Zeiten? Der Tourismus ist in Island am Boden; Tausende haben ihren Job verloren und die Arbeitslosenquote ist hoch, wie nie. Betroffen sind nicht nur all diejenigen, die irgendwie in der Reisebranche arbeiten, also etwa als Guides, Busfahrer oder in Hotels, sondern auch in internationalen Vereinigungen, Sozialprojekten und all den "Extra"-Arbeitsplätzen, die sich Firmen bzw. Kunden nur leisten können, wenn es ihnen finanziell gut geht.

Ein kleiner Einwurf am Rande: wer sich für eine aktualisierte (und eigentlich völlig umgeänderte) Version meines Berichtes "Corona in Island" interessiert, den darf ich auf folgenden Blog aufmerksam machen, für den ich sporadisch schreibe:
Welt und Wir - Corona in Island
  
Selbst in Krisen gibt es Bereiche, in denen Arbeiter gebraucht werden. Und dazu gehört die meiner Meinung nach krisensicherste Branche: die Landwirtschaft. Da scheint es wirklich seltsam, dass kaum jemand mehr in der Landwirtschaft arbeiten will und dass trotzdem die Löhne unverhältnismäßig niedrig sind im Verhältnis zum Arbeits- und Zeitaufwand. Wie ist es bloß dazu gekommen? Wie kann es sein, dass der wichtigste Job unserer Gesellschaft, nämlich der der Nahrungsmittelproduktion, solch ein Imageproblem hat?

Zugegeben: die Arbeit auf dem Land ist körperlich anstrengend, und sie ist so vereinnahmend, dass man kaum Freizeit, geschweige denn Urlaub kennt. Aber das liegt natürlich auch daran, dass es zu wenig Menschen gibt, die besagte Arbeit machen, und diese zudem zu schlecht bezahlt wird. Ich weiß das, denn ich habe seit meiner Kindheit auf verschiedensten Bauernhöfen mitgeholfen, in Deutschland und Österreich, in Island, in Norwegen und sogar in Neuseeland. Ich habe per Hand Kühe gemolken, auf dem Pferderücken Schafe zusammengetrieben und Kälbern und Lämmern auf die Welt geholfen. Und als krassen Gegenpol dazu habe ich in einer neuseeländischen Industriefarm in einem Riesenrondell Kühe im Akkord gemolken, habe in Island Melkroboter bedient, in einer Legebatterie gearbeitet und eine moderne Schweinefarm von innen gesehen. Seitdem bin ich ein akuter Gegner von Massentierhaltung, esse keine Eier mehr und habe längst begriffen, dass auch "glückliche Tiere" spätestens seit dem Lebend-Schlachttransport auch nicht mehr glücklich waren... Aber das näher zu beleuchten, würde gerade den Rahmen sprengen.



Lange Rede, kurzer Sinn: Seit Ende April lebe und arbeite ich auf einer kleinen Familienfarm ganz im Norden von Island, an der Nordspitze von Skagi. Diese Halbinsel ist karg, selbst für isländische Verhältnisse: hier wachsen nicht mal mehr Sträucher, und von Seen durchsetzte Moorlandschaften wechseln sich ab mit fast leblosen, unfruchtbaren Steinwüsten. Alle paar Kilometer gibt es eine Farm; die Gegend ist wirklich sehr wenig besiedelt. Und das, muss ich zugeben, war einer der Hauptgründe, weshalb ich mich für diesen Bauernhof entschieden habe!


Meine neue Familie auf Zeit ist ein sehr bodenständiges Ehepaar, das hier mit 500 Mutterschafen und 50 Pferden lebt. Wie auf jeder Farm, so fällt auch hier mehr Arbeit an, als es Hände gibt - obwohl gerade drei der erwachsenen Kinder teilweise mit Ehegatten und Nachwuchs tatkräftig mithelfen. Unsere Arbeitstage sind mindestens 8 Stunden lang, meistens aber eher so 12-16. Es ist eine Arbeit ohne Zeitdruck, aber auch ohne das Gefühl, je fertig zu werden. Die Schafe gebären gerade Lämmer, im Schnitt Zwillinge, was bedeutet, dass Ruckzuck aus 500 Schafen 1400 werden. Und alle haben ständig unstillbaren Hunger und glauben zudem, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind.

Määh - Bring mir neues Heu!
Määääh - Ich bin in den Wehen, kannste mal eben helfen?
Määäääääh - Ich will hier raus!
Määääääääääääh - He, wann gibt’s endlich wieder was zu Fressen?
Määääääääääääääääääääääääääh!



Während die Bauersleute 24 Stunden im Schafstall sind und dort Hebamme spielen, kümmere ich mich um viele der anderen wichtigen Arbeiten. Zäune müssen repariert werden, Schafe vom einen Pferch in den anderen getrieben werden, die Lämmer markiert werden, und, und, und. Es ist gut, dass die Sonne mittlerweile schon wieder 20 Stunden am Himmel steht, ansonsten würden wir noch viel weniger erledigen können.

Ein vom Wintersturm umgeknickter Zaun.
Schafe und Pferde finden den toll, denn das ist DER Weg in die Freiheit bzw. hin zum guten Gras....

 
Meine Kamera ist bei der Arbeit eigentlich nie dabei; das ist der Nachteil davon, dass ich "nur" eine professionelle Spiegelreflexkamera besitze, die halt mal eben so groß wie zwei Ziegelsteine ist. Von daher seht ihr hier vor allem Fotos, die an jenen Abenden entstanden, bei denen das Wetter mitspielte  und ich mal nicht zu müde war, um noch ein paar Kilometer lang mit Stativ und Fotorucksack die Umgebung unsicher zu machen.

Die Silhouette eines Alpenstrandläufers.
Warnung: ich finde Silhouetten momentan toll - davon gibt's bald noch mehr! ;-)


  
Die Gegend hier ist absolut entlegen: wenn die Schafe mal die Schnauze halten und kein Traktor knattert, hört man nur die Geräusche der Natur. Das Rauschen von Wind und Brandung und die vielen unterschiedlichsten Rufe der Zugvögel. Küstenseeschwalben und Goldregenpfeifer, Eistaucher und Graugänse, Singschwäne und Bekassinen, Bachstelzen und Regenbrachvögel, Raben und Schneehähne: sie alle höre ich durchs offene Schlafzimmerfenster. Das ist sooooo toll!




Und wenn ich dann die eineinhalb Kilometer zum Meer hinunter wandere, kommen noch weitere dazu: verschiedenste Strandläufer (die ich noch nicht auseinanderhalten kann: kleine, schnell flitzende Viecher, die man aus den Augenwinkeln heraus auch für Ratten halten könnte...), Austernfischer, verschiedenste Enten-, Gänse- und Möwenarten (ich arbeite noch an der Identifizierung!), Eissturmvögel, Sterntaucher, die Götterhühnchen (Thor- und Odinshühnchen), und last but not least die "du warst mir zu klein und zu schnell, um erkannt zu haben, was du bist"-Flatterfraktion. Es fiebt und kreischt, es flattert und paddelt - leider generell von mir weg.

Eine männliche Kragenente

 
Ich muss zugeben, dass ich etwas enttäuscht darüber bin, wie scheu hier alles ist. Nach zwei Halbjahren in Südgeorgien, wo sich die Tiere an Land vor nichts fürchten, finde ich es extrem schade, von fast allen wilden Lebewesen ständig als Feind betrachtet zu werden. Es hat mich einmal mehr daran erinnert, weshalb ich Landschaftsfotogafie so mag: Felsen und Pflanzen hauen nicht ständig laut zeternd vor einem ab und geben mir auch nicht immer das Gefühl, ein unerwünschter Eindringling zu sein...



Die Landschaft hier ist wild: auf der einen Seite steiniges Hochland-Feeling, auf der anderen Seite das Meer mit einer felsigen Küste, die entweder mit Treibholz und 'ner Menge Plastikmüll gesäumt ist, oder in von Basaltsäulen geschmückten Klippen ins Meer fällt.


Während in Reykjavík schon die Blätter an den Bäumen sprießen, kommt der Sommer hier oben erst langsam in die Gänge. Nicht ohne Grund sagen die Isländer, dass der Sommer dann beginnt, wenn der erste Goldregenpfeifer da ist - denn das ist viel früher, als Gras zu sprießen beginnt. Ein visuelles Sommergefühl tritt so weit im Norden eigentlich erst im Juni ein! Der Sommer löst den Winter lückenlos ab, ohne Frühling, und er beginnt mit dem Auftauchen der Vögel und den immer kürzer werdenden Nächten. Und spätestens dann, wenn die Küstenseeschwalben keckernd über den Wiesen kreisen und die Farmtiere ihre Jungen bekommen, spätestens dann ist definitiv Sommer. Und so will ich mich verabschieden mit ein paar Bildern aus der Fast-Mitternachtssonne, aufgenommen in den letzten Tagen, der dritten Maiwoche.