Freitag, 29. September 2017

Vogelberingung auf Jomfruland - Teil 2

Schon am ersten Tag auf Jomfruland begriff ich, dass es technisch nicht sonderlich schwer ist, einem Vogel einen Fußring umzuschnallen. Aber um ihn überhaupt beringen zu dürfen, muss man genau wissen, was für einen Vogel man da vor sich hat. Nicht nur muss man sich 100% sicher sein, welche Art man in der Hand hält, nein, man sollte wenn möglich auch sagen können, ob es sich um ein erwachsenes Tier handelt oder um einen Jungvogel, um ein Männchen oder ein Weibchen. In meinen zwei Wochen auf der Vogelwarte habe ich so einiges gelernt, aber mal Hand auf's Herz: Vogelberingung ist was für absolute Nerds. Das meine ich keineswegs despektierlich, denn: man muss sich verdammt gut auskennen, um alle europäischen Vogelarten voneinander unterscheiden zu können! Klar, manche sind einfach zu bestimmen: Spechte zum Beispiel. Auf dem folgenden Bild halte ich einen Schwarzspecht in den Händen: Ich hatte keine Ahnung, dass sie so groß werden! Dieser Vogel hier ist ein Altvogel (Jungtiere haben dunkle Augen, keine gelben), genauergesagt ein Weibchen (nur der Hinterkopf ist rot: bei Männchen ist die gesamte Krone rot, von der Stirn zum Nacken...).



Andere Vogelarten unterscheiden sich nur durch die Form einzelner Federn: Zilpzalp und Fitis sehen so komplett gleich aus, dass man sich die sechste Handschwingenfeder angucken muss, um sie zu identifizieren. Da die Küken beim Verlassen des Nestes schon komplett ausgewachsen sind, kann man sie bei einigen Arten nur am Zustand ihrer gerade neu gewachsenen, frischen Federn von erwachsenen Tieren unterscheiden. Bei wieder anderen Arten ohne Geschlechtsdimorphismus muss man die Flügellänge messen, um Männchen und Weibchen auseinanderzuhalten. Zum Glück gibt es dafür sehr detaillierte Bestimmungsbücher und hatte ich Ola immer nahebei, der mir alles erklärte. Und wenn man an einem Morgen mal eben 80 Vögel der gleichen Art fängt, lernt man diese Unterschiede dann doch ziemlich schnell.

Flügel vermessen bei einer jungen, männlichen Mönchsgrasmücke

Wenn nicht zu viele Vögel in die Netze geflogen waren und wir folglich nicht zu sehr unter Zeitdruck standen, haben Ola und ich auch die Länge der Flügel vermessen, also vom Schulterknochen bis zur längsten Handschwingenfeder. Auf Lista wurden die Piepmätze auch noch gewogen, und schauten sie sich die Kondition der Tiere an, also ob am Bauch viel Fett zu sehen war, oder nicht. All diese Daten werden akribisch in Listen eingetragen und diese dann später digitalisiert ans Museum Stavanger geschickt - womit sie dann weltweit zugänglich sind.

Ein Waldbaumläufer bekommt den kleinsten Ring, den wir hatten: so dünn, dass ich ihn
ohne Probleme mit den Fingern ums Bein biegen konnte. Eigentlich soll man auch da die
Zange nutzen, aber ich habe so mehr Gefühl - und bekomme ihn genauso rund gebogen! :)

So aufgeregt die Vögel im Netz und unter der Beringen auch sind, so schnell finden sie wieder zur Normalität zurück. Gefahren begegnen ihnen überall im Leben: Marder, Katzen, Raubvögel, Autos und Windräder lassen sie immer wieder nur knapp mit dem Leben davonkommen. Sich zu erschrecken, das sind sie also irgendwie gewohnt, und deshalb erholen sie sich schnell wieder von der kurzen Fangepisode. Die meisten machten sich mit einem empörten 'Pieps' auf den Weg, wenn ich die Hand öffnete, einige blieben sogar noch ein wenig sitzen! Ganz so schlimm kann's also nicht gewesen sein...

Ein Fitis, der nach seiner Beringung noch gute 30 Sekunden lang auf meiner Hand herumhüpfte...



  
Damit die Vögel die Beringungsaktion möglichst gut überstehen, gilt es einige Regeln zu beachten. So fängt man beispielsweise nie im Regen, weil die Tiere völlig chaotisch in den Netzen hängen und ihr Gefieder dann nicht wasserdicht ist, woraufhin sie schnell an Unterkühlung sterben könnten. Vögel sind relativ temperaturanfällig: man muss immer auf die Außentemperatur achten und die Beutel beispielsweise nie im direkten Sonnenlicht hängen lassen, denn dann überhitzen sie. Beim Hantieren eines Vogels ist es wichtig, ihn nie an nur einem Bein festzuhalten, sondern immer an beiden, und außerdem so körpernah wie möglich, damit sie sich nichts ausrenken können, wenn sie einen Fluchtversuch starten. Beachtet man all dies, und das wurde sowohl auf Jomfruland und auch auf Lista vorbildlich getan, dann lassen sich Unfälle auf's absolut Unvermeidliche reduzieren.




Trotz allem überlebt schätzungsweise einer von 100 Vögeln die Fangaktion nicht oder wird verletzt - meist dann, wenn er versucht, dem Netz zu entkommen. Je kleiner der Vogel, desto empfindlicher scheint sein Kreislauf zu sein: so sah ich einen Vogel sterben, drei Minuten nachdem er ins Netz geflogen war, und das scheinbar ohne Grund, als habe er einen plötzlichen Herzinfarkt erlitten. Ola hat die Theorie, dass diese Tiere vielleicht ohnehin einen Herzschaden haben. Klar, beweisen kann das keiner. Fakt ist aber: wenn wir sie nach 15-75 Minuten wieder in die Freiheit entlassen, sind die meisten Vögel 'nur' stinksauer, ansonsten scheint es ihnen aber gut zu gehen.

Eine junge männliche Mönnchsgrasmücke

      
Da Jomfruland ein beliebtes Naherholungsziel für die Südnorweger ist, sind dort gerade am Wochenende eine Menge Leute unterwegs. Wir fangen die Vögel sichtbar für alle, weshalb wir oft interessierte Beobachter um uns herum hatten. Nicht wenige Kinder blieben stundenlang bei uns, etwa um uns beim Tragen der Beutel zu helfen oder den ein oder anderen Vogel in die Freiheit zu entlassen. Ola hat erstaunlichen pädagogischen Feinsinn bewiesen und sich als hervorragender Lehrer und Inspiration entpuppt - mir gegenüber genau wie allen Gästen. Bei besonderen Fängen, wie etwa einem Schwarzspecht, Sperber und Ziegenmelker, haben wir die gesamte Umgebung zusammengetrommelt: über Whatsapp sind sogar Bewohner der Insel zu uns gekommen, 'nur' um dabeizusein, wenn wir die dann schon beringten Vögel in die Freiheit entlassen haben. Wie viele Zoos und Tiergärten, so versuchen auch Vogelwarten diesen schwierigen Spagat zwischen Umweltpädagogik, wissenschaftlichem Nutzen, Naturschutz und der Sorge um das Wohl des Tieres. Wir haben interessante Diskussionen geführt, etwa zu der Frage, ob der Vogelfang jetzt notwendig und/oder gut ist. So kritisch ich das auch sehe, besonders wenn ich dann wieder meinen (zwei-) täglichen Todesfall in den Händen hielt, so interessant, aufschlussreich und inspirierend war die direkte Arbeit mit den Dinosauriernachfahren.

Ein Ziegenmelker. Dieser total coole, nachtaktive Vogel heißt auch auf Latein so seltsam: "Caprilmulgus" heißt die Gattung, capra = Ziege; mulgere = melken. Plinius der Ältere hat in seiner Naturgeschichte fälschlicherweise berichtet, die Art würde nächtlich an den Eutern von Ziegen saugen. Das ist natürlich totaler Blödsinn - aber der Name hat sich bis heute gehalten.


  
Laut Ola wird übrigens nur ein Prozent der beringten Vögel woanders wieder gefangen, bzw. von Leuten, welche die Funde weiterleiten. Der illegale Fang von Singvögeln im Mittelmeerraum, bei dem die kleinen Kerle zu Hunderttausenden in den Kochtopf wandern, hat viele Arten stark in Mitleidenschaft gezogen, dazu kommen dann noch Klimawandel und Habitatzerstörung durch Menschen. Wichtiger als die Ringfunde sind daher die Daten, welche die Beringer allein durch ihre Listen sammeln: also wie viele Vögel welcher Art in diesem oder jenen Monat in die Netze geflogen sind. So kann man Trends beobachten und dann eventuell eine Art komplett unter Schutz stellen, was immer mal wieder national geschieht.

Der große Brachvogel gilt als eine der Arten, die vom Klimawandel besonders betroffen sein wird.
Man geht davon aus, dass sein Verbreitungsgebiet bis zum Ende des 21. Jahrhunderts
um mehr als vierzig Prozent schrumpfen und sich weiter nach Norden verschieben wird.




 
Im Endeffekt liefert die Vogelwarte Jomfruland einen kleinen aber wichtigen Beitrag beim Sammeln internationaler, wissenschaftlicher Informationen. Ohne die Station wäre das Gebiet wohl nicht zum Nationalpark erkoren geworden, gäbe es hier keinen aktiven Vogelschutz, keine Nerzjagd, keine Biotoperhaltung und keine Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten. Es sind die Bemühungen von Freiwilligen, die solch kleine Außenposten des Naturschutzes möglich machen. Vogelbegeisterte aus einem Einzugsgebiet von ca. zwei Autostunden kommen hierher, um Ola in den Ferien sowie an den Wochenenden zu helfen. Ich alleine habe in meinen zwei Wochen dort etwa zwei Kilometer Strand gesäubert, 799 Singvögel beringt und Ola dabei unterstützt, Stadtmenschen verschiedenen Alters unsere Arbeit vorzustellen, sprich: ihnen zum wahrscheinlich ersten Mal im Leben einen Vogel aus direkter Nähe zu zeigen.

Bürokraten (Entscheidungsträger des Umweltministeriums) mit Sperber.

Mein Fazit dieser zwei intensiven Wochen: Vogelberingung ist wahnsinnig interessant, und ja, sie ist notwendig und wichtig, wenn sie nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt wird. Diese Beschaffung von Basisdaten ist die einzige Möglichkeit, Informationen über den momentanen Status einer Population zu gewinnen und letztlich zu erfahren, was genau wir tun könn(t)en, um den allgegenwärtigen Negativtrends irgendwie entgegenzuwirken. Ich bin total froh, einen ersten Einblick in diese Arbeit gewonnen zu haben und bin mir sicher, dass dies nicht mein letzter Besuch auf Jomfruland war. Wer weiß: vielleicht bin ich nächsten Spätsommer/Herbst dann wieder da?!
:-)

Montag, 25. September 2017

Vogelberingung auf Jomfruland

Wer mich kennt, der weiß, dass ich kein Fan von zu viel Routine bin. Vertrautheit und Erfahrung im Job und generell im Leben sind super, aber zu viel Gewohnheit wird auf die Dauer langweilig - nun ja, mir zumindest. Von daher probiere ich alle paar Jahre mal wieder etwas gänzlich anderes aus - so wie in den vergangenen drei Wochen. Da habe ich nämlich auf einer Vogelwarte mitgeholfen:
der Jomfruland Fuglestasjon.

Jomfruland ist eine kleine Insel im Skagerrak, die dem norwegischen Bezirk Telemark vorgelagert ist. Sie ist 4,5 km vom Festland entfernt, etwa 7,5 km lang und durchschnittlich einen Kilometer breit - und landschaftlich ziemlich abwechslungsreich. Es ist der letzte Rest einer alten Gletschermoräne: ein Schutthaufen, den der Eispanzer der letzten Eiszeit am Gletscherrand zurückgelassen hat und der jetzt als lange, dünne Insel aus dem Meer ragt. Wie ganz Südskandinavien handelt es sich hier hauptsächlich um Kulturlandschaft: es gibt vier aktive Bauernhöfe, über 160 Ferienhütten und noch 80 feste Bewohner, sowie eine Menge Kühe und Schafe. Die Tiere laufen frei umher 
und weiden so ziemlich überall: auch im (Eichen-)Wald und an der Küste. Diese Beweidung hält das Unterholz zurück und hat sehr interessante und unterschiedliche Biotope geschaffen, was Jomfruland zu einem idealen Zwischenstopp für viele verschiedene Zugvögel macht. Und genau deswegen gibt es hier eine Vogelwarte, in der ein Festangestellter und viele Freiwillige damit beschäftigt sind, die Vogelzüge zu überwachen.

All dies habe ich über's Internet ausfinding gemacht, und einfach einmal angefragt, ob sie auch Leute wie mich willkommen heißen, also Nichtornithologen, die mit Federvieh bisher relativ wenig zu tun gehabt haben. Die Antwort war ziemlich eindeutig: jede helfende Hand zähle, und übernachten könne ich in der kleinen Hütte auf einem Schlafdachboden. Da außerdem eine ebenfalls in Südnorwegen liegende Vogelwarte namens
Lista fuglestasjon einen "Einsteigerkurs in Vogelberingung" angeboten hat, habe ich nicht mehr lange gezögert und zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich bin erst mit Bahn und Fähre nach Lista gereist und habe dort ein Wochenende lang gelernt, was es beim Beringen von Vögeln zu beachten gilt. Dann bin ich per Anhalter 4 Stunden lang nach Osten gefahren und für genau zwei Wochen in die kleine, gemütliche Station im Norden von Jomfruland eingezogen.


Warum ausgerechnet Südnorwegen, mag man fragen? Nun, das war ganz einfach: In Nordnorwegen gibt es leider keine bemannten Vogelwarten, in denen ich hätte helfen können. Und Norwegen sollte es deswegen sein, um meine "schlechteste" aktive Fremdsprache aufzupolieren. Dazu kam, dass Jomfruland der neueste Nationalpark Norwegens ist und ich neugierig auf diese Region war. Wer mehr über die Insel wissen möchte, dem kann ich ans Herz legen, diesen 12-minütigen Film anzuschauen. Er ist auf norwegisch, aber mit deutschen Untertiteln: 

Jomfruland nasjonalpark mp4 
 
Jomfruland ist aufgrund seiner Küstenlage ideal geeignet, um Vogelzüge zu beobachten. Man muss wissen, dass die wenigsten Vögel große Wasserflächen mögen und sie deshalb, wann immer möglich, in direkter Küstennähe fliegen. Nun liegt Jomfruland nahe der Meerenge nach Dänemark, und die ist für viele Singvögel schon zu groß: und so kommt es, dass es hier zwei Zugouten gibt. Da sind einmal die Unterschrockenen, welche einfach von Norwegen über's Meer nach Dänemark fliegen, und da sind diejenigen, die lieber einen Umweg in Kauf nehmen und tatsächlich die gesamte Küste des Skagerrak entlangfliegen, um über Schweden nach Süden zu kommen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Vögel über Jomfruland in zwei Richtungen ziehen: die Eiligen fliegen direkt nach Süden, die Wasserscheuen nach Norden (um erst in Schweden nach Süden abzubiegen). Und genau diese Doppelroute macht Jomfruland zum idealen Vogelbeobachtungsstandort.



Jomfruland fuglestasjon hat einen einzigen Festangestellten: das ist Ola, ein totaler Vogel-Nerd. Wir waren meistens nur zu zweit dort, bloß am Wochenende bekamen wir Besuch von je einem weiteren Freiwilligen aus der Region.

Unsere Tage begannen vor Sonnenaufgang (also um 5:30 Uhr) und endeten oft erst um Mitternacht. Was wir die ganze Zeit taten? Zugvögel bestimmen und zählen, sowie Vögel fangen und beringen. Das große Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Vogelwarten und Vogelbegeisterten einen Überblick zu gewinnen, wie viele Vögel es von jeder Art so ungefähr geben mag. Klar, es gibt gute Jahre und schlechte, aber wenn man die Zahlen vergleicht, besonders längerfristig, bekommt man eine sehr gute Idee davon, wie es um die einzelnen Arten bestellt ist. 



Gerade die größeren Vögel wie Stare, Gänse und Kormorane lassen sich wunderbar am Flug erkennen und zählen - die braucht man also nicht wirklich fangen. Bei den kleinen Piepmätzen aber wird es schwierig. Viele ziehen einzeln oder in nur kleinen Gruppen, und im Flug sehen die alle gleich aus. Deshalb führen Lista und Jomfuland einen sogenannten 'standartisierten Vogelfang' durch: seit 1999 werden von Februar bis November jeden Morgen an immer der gleichen Stelle Netze aufgespannt, von Sonnenaufgang bis fünf Stunden später. Diese sehen aus wie übergroße Badmintonnetze mit mehreren Taschen und einer Maschengröße von etwa zwei Zentimetern. Die meist niedrigfliegenden Singvögel sehen diese Netze nicht, fliegen hinein und verfangen sich mit ihren Krallen - und dann kommen sie alleine nicht wieder heraus.


Ola und ich kontrollierten die Netze mindestens einmal pro Stunde. Erst einmal sammelten wir die Vögel aus den Netzen heraus, vorsichtig aber zügig, und brachten sie in kleinen Stoffbeuteln unter. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Vögel ruhiger werden, wenn sie nichts mehr sehen: genau deswegen tragen beispielsweise Jagdfalken diese komischen Hauben.

Ein junges, weibliches Wintergoldhähnchen
Ola befreit eine Kohlmeise











   
Im Beutel können sich die Vögel nicht verletzen, weil alles weich ist, zudem verhalten sie sich ruhiger und sind trocken und warm untergebracht. Mit immer mehr Beuteln in der Hand sind wir alle Netze abgegangen, 10 Stück insgesamt, und haben dann unsere Beutelsammlung zu dem Ort gebracht, wo wir in aller Ruhe beringen konnten: einem Aussichtsturm mit Blick auf den Skagerrak.




Einen Vogel zu beringen ist an sich nicht schwer - man braucht lediglich einen Vogel, einen Ring, eine Zange und 30 Sekunden Zeit, um es mal ganz salopp auszudrücken. Jeder Vogelart ist eine bestimmte Ringgröße zugeordnet - die einzuhalten ist wichtig, damit die Vögel davon so wenig belästigt werden, wie möglich. Jedes Land gibt seine Ringe kontrolliert heraus, und zwar nur an jene Leute, die eine Beringungslizenz haben. Um die zu bekommen, muss man Tausende von Vögeln beringt haben: so einfach das ganze technisch auch sein mag, so ist es doch Erfahrung, die am allerwichtigsten ist für fundierte Vogelbestimmung und das Wohlergehen des Tieres. Im Endeffekt heißt das also: im Namen der Wissenschaft dürfen Vögel nur von Profis gefangen und beringt werden. Und diese strikte Regel ist auch gut so!

Ola mit einem Sperber

Jeder Ring ist einzigartig, wie ein Auto-Nummernschild oder ein Geldschein: darauf eingestanzt ist eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen, sowie der Name der herausgebenden Instanz (in unserem Fall: Stavanger Museum, Norwegen). So kann man schon auf den ersten Blick erkennen, in welchem Land das Tier beringt wurde und wen man kontaktieren muss, um Informationen darüber zu erhalten.

Eine weibliche Mönchsgrasmücke wird beringt

Die Ringe sind total leicht: sie bestehen aus Aluminium, bzw. für größere, kräftigere Vögel aus Stahl, und werden schon vorgebogen angeliefert. Man braucht jetzt nur noch eine Zange mit eingestanzten Löchern, mit deren Hilfe man den Ring um's Vogelbein herum schließt. Das geht schnell und für den Vogel schmerz- und gefahrlos vonstatten. Vom Herausholen aus dem Sack bis zum Freilassen vergehen normalerweise keine zwei Minuten, oft nur eine Minute. Dennoch: die Vögel mögen die ganze Aktion überhaupt nicht. Sie sind plötzlich kurzzeitig gefangen von einem riesigen Wesen, dessen Absicht sie nicht kennen. Die meisten Singvögel ergeben sich ihrem Schicksal und erstarren - einige aber sind kleine Kämpfer, die alles tun, um der Situation zu entkommen.

Ein junger, männlicher Jungspecht, protestierend

Ganz besonders garstig haben sich Blaumeisen und Stare gezeigt, sowie alles ab Buntspechtgröße: da wird mit den Krallen gekratzt und den Schnäbeln gehackt, dass man teilweise blutet. Ich denke, ich würde ähnlich reagieren wenn ich in der Hand eines Riesen enden würde, der mir mit einer Monsterzange eine Manschette um den Unterschenkel knipsen will. Da heißt es als Beringer: Zähne zusammenbeißen und zügig arbeiten. Je schneller der Ring am Vogelfuß, desto eher kann man die Hand aufmachen und den Vogel wieder in die Freiheit entlassen, wo er hingehört!

Eine empörte Blaumeise unmittelbar vor dem Freilassen










Montag, 28. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 3

Ein paar Stunden waren wir nun schon auf der Bäreninsel, und das Wetter hielt sich. Es war dicht bewölkt, aber trocken - und das war auch gut so, denn dank unserer Fotografen machten wir kaum Strecke. Einmal im Foto-Modus, bekam man sie kaum vom Fleck: Ich fand's klasse, denn so konnte auch ich das ein oder andere Bild machen. Da ich hier nicht als Fotograf angeheuert war, sondern als Eisbärenwache und Guide, hatte ich viel Gepäck und Gewehr auf den Schultern, sowie (mit Ulvar zusammen) die Verantwortung für's Wohlergehen der Gruppe. Meine Kamera ganz Zuhause zu lassen kam nicht in Frage, aber ich konnte nur eine extrem abgespeckte Ausrüstung einpacken: eine Kamera mit einem Objektiv, das war's. Aber das reichte für schnelle Dokufotografie, wenn es der Moment erlaubte, und solcherlei Momente gab es zum Glück öfters.







Wir waren mittlerweile zum östlichsten Ausläufer der südlichen Vogelklippen vorgedrungen: Oben der Blick nach Nordosten, in unsere Ankerbucht Sørhamna hinein.

Während unseres 14-stündigen Landaufenthaltes kamen wir nicht weit: wir wanderten nur etwa fünf Kilometer an den 200 Meter hohen Klippen entlang und genossen das Erlebnis. Die Bäreninsel liegt auf 74° nördlicher Breite, was bedeutet, dass die Sonne im Sommer nicht untergeht und wir trotz Bewölkung bis etwa 22:30 Uhr noch gutes Fotolicht hatten - nun ja, gut genug für Dokumentarfotografie zumindest.



Während Christian und Will sich am Boden herumrollten (meine Güte - mir war gar nicht klar wie bescheuert ich selber aussehen muss wenn ich fotografiere!), 360° Kameras an langen Selfie-Sticks über die Klippen hielten und die Drohne fliegen ließen, kümmerten Ulvar und ich uns ums leibliche Wohl des Landteams. Wir richteten ein provisorisches Lager ein, schmolzen Wasser aus den Restschneefeldern, kochten es auf und riefen zum sehr verspäteten Mittagessen, später dann zu mehreren Kaffee- bzw. Schokopausen, und einem Abendessen (Astronautennahrung: Heißwasser drauf und fertig...).



Nachdem weit und breit immer noch kein Eisbär in Sicht war, und es noch zwei Nichtfotografen gab die in der Vertikalen blieben, gab es auch für mich kein Halten mehr: ich erlaubte es mir, ebenfalls in den Foto-Wahn-Modus zu verfallen. Die Südküste der Bäreninsel von oben ist so viel spektakulärer, als ich es mir vorgestellt hatte! Ich dachte immer, der Blick von unten sei am Interessantesten, doch ich wurde hier eines Besseren belehrt. Diese Küste ist der Hammer!







Zum ersten Mal im Leben kam ich auf Sichtweite an Trottellummen heran, was für mich etwas Besonderes war. Auf Spitzbergen hatte ich bisher nur Kontakt zu ihren arktischen Verwandten gehabt, den Dickschnabellummen. Diese sind sehr selten im Süden zu finden, die Bäreninsel ist mit ihre südlichste Brutpopulation. Bei den Trottellummen verhält es sich umgekehrt: sie haben den Süden für sich beansprucht, brüten von Portugal bis hoch zur Bäreninsel. Die nah miteinander verwandten Vögel unterscheiden sich durch eine leicht andere Gefiederzeichnung und Markierungen am Kopf. Dickschnabellummen, die arktische Art welche auf Spitzbergen vorkommt, haben zwischen der oberen und unteren Schnabelhälfte einen weißen Strich, der den ohnehin schon breiteren Schnabel noch dicker erscheinen lässt.



Trottellummen haben diesen Strich nicht, sondern sind entweder komplett schwarz am Kopf, oder tragen eine Brille: einen Ring um's Auge, dem ein weißer "Henkel" in Richtung Nacken entspringt.
Ob eine Trottellumme eine Brille hat, oder nicht, hat nichts mit dem Geschlecht oder einer besonderen Unterart zu tun: dieses Merkmal ist einfach nur eine Farbvariante innerhalb derselben Population. Spannenderweise gibt es dabei ein Nord-Süd-Gefälle: Bei Trottellummen in Portugal gibt es so gut wie keine Brillenträger, wogegen hier auf der Bäreninsel bis zu 50% der Vögel bebrillt sind.



Ab dem Abend nahm die Bewölkung langsam aber sicher zu und hüllten sich die Gipfel in graues Nass. Dadurch wurde es um kurz vor Mitternacht zu dunkel, um noch gute Fotos zu machen, Mitternachtssonne hin oder her. Und da die Fotografen ihre Wunschbilder im Kasten hatten, machten wir tatsächlich noch eine kleine Wanderung, um noch einen anderen Aspekt der Insel zu sehen: die wüstenhafte Berglandschaft nördlich der Vogelfelsen.



Um zwei Uhr Nachts traten wir den Rückweg an und erreichten die Nordklippen von Sørhamna, in der die 'Arctic Breeze' wieder geankert hatte. Da es weiterhin keinen sicheren Weg hinab zum Strand gab, hatten wir auf dem ersten Kilometer eine Tasche hierhin geschleppt, die mit Kletterausrüstung gefüllt war: 60 Meter Seil, Klettergurte, Helme, Anker und Brimborium. Ulvar befestigte den Anker und ich seilte mich als Erste die gut 20 Meter hohe Klippe herab, bevor ich auf einem steilen aber ab dort gut begehbarem Schotterfeld zum Stehen kam. Hier wartete ich auf die anderen und half ihnen beim Ausklinken. Als die anderen, einer nach dem anderen, zum Schiff gebracht wurden wurden, kam zum Schluss auch Ulvar runter. Zusammen schafften wir es dann auch, das doppelt durchgezogene Seil aus dem Anker zu ziehen, sodass nur dieser oben blieb: Mission abseiling completed!


Die dreieinhalb Tage Rückfahrt habe ich aus dem Kalender gestrichen. Wir flohen vor einem Sturm in Richtung Russland, und segelten unter Motor so lange Richtung Südosten, dass ich schon dachte, bald in Murmansk anzukommen. Die Barentssee machte ihrem Ruf mal wieder alle Ehre. Meine guten Seekrankheitspillen waren aus, und ich fand alles ziemlich scheisse und verbrachte so viel Zeit in der Horizontalen, dass ich vor lauter Rückenschmerzen letztlich kaum mehr liegen konnte. Eh, diese Seefahrt immer. Warum ist der Mensch bloß je auf die blöde Idee gekommen, Schiffe zu nutzen...?



Und dann waren wir endlich wieder in Tromsø angekommen, zusammen mit der 'Arctic Sunrise'. Unser Rendezvous war kein Zufall: Will und Christian mussten das Schiff wechseln und direkt wieder losstarten. Die Reise auf der 'Arctic Sunrise' würde sie diesmal wieder fast bis zur Bäreninsel bringen, bis zu einer Ölplattform, der nördlichsten dort oben, um zu protestieren. Das Schiff blieb aber noch zwei Tage im Hafen, zwei herrliche Tage, bei denen Ulvar und auf dem Schiff bei allem aushalfen, bei dem wir helfen konnten  - und einfach nur eine gute Zeit hatten. Wie schon im Jahr 2009, so durfte ich feststellen, dass auf den Greenpeace-Schiffen enorm imponierende Persönlichkeiten zu finden sind: tolle Charaktere, voller Drang, die Welt zum Besseren zu verändern. Dazu gehörte auch Lucy Lawless, eine neuseeländische Schauspielerin, die in den Neunzigern als "Xena - die Kriegerprinzessin" berühmt wurde - und schon mehrmals mit Greenpeace gegen die Ölindustrie gekämpft hat.

Das nachfolgende kleine Video zeigt sowohl Lucy, als auch einige der Sequenzen, die Christian während unserer Reise gefilmt hat.



Die Rückreise von Nordnorwegen nach Deutschland geschah zwar wieder ohne Flugzeug, aber in einer schier unglaublichen Geschwindigkeit: ich reiste mit dem Nachtzug durch Schweden und hatte dabei nur eine Übernachtung in Dänemark. Zugfahren ist ja sooooo super - es ist mir völlig wurscht, dass man ab und zu einmal Verspätung hat, es ist schlichtweg eine herrliche Fortbewegungsmethode, super angenehm und abwechslungsreich. Ich habe außerdem festgestellt, dass es ein super Gesprächs-Starter ist, ein Greenpeace-T-Shirt anzuhaben: da setzen sich dann gleich die Leute neben einen, die auch nett sind! :-)

Soweit so gut: ich melde mich bald wieder, versprochen - denn die kommenden Monate werden Spannend werden!

Also: bis dann!

Mittwoch, 23. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 2

Nach 70 Stunden auf See waren wir endlich bei Bjørnøya angekommen
Quelle: Wikimedia Commons
und ankerten im Schutz des einzigen guten, natürlichen Hafens der Südküste: in einer Bucht namens Sørhamna, dem 'Südhafen'.

Bjørnøya ist im Nordwesten flach, im Südosten aber bergig: dort befinden sich sowohl die höchsten Erhebungen (bis 535 Meter) als auch die großen Vogelkolonien. Offizielle Zahlen habe ich keine gefunden, aber hier brüten hunderttausende von Lummen, Dreizehenmöwen und Eissturmvögeln, manche Quellen sprechen von bis zu 1.5 Millionen allein in den südlichen Klippen der Insel. Die sind allerdings so hoch und steil, dass man nur ein paar wenige, dünne Strände darunter betreten kann; einen Aufstieg gibt es hier aber nicht. Dies wissend, verbrachten wir den ersten Abend bewusst auf dem Wasser, damit die beiden Fotografen Bilder unterhalb der Klippen machen konnten.



Die Nacht war insofern turbulent, als dass wir gerammt wurden: von dem einzigen anderen Boot, das sich zusammen mit uns vor den vorhergesagten starken Winden in die Bucht zurückgezogen hatte. In dem kleinen Segelboot (etwa ein Drittel kleiner als wir) hielt nachts niemand Wache, und so bekamen
es die fünf Norweger nicht mit, dass ihr Anker nicht mehr hielt und sie in uns hineintrieben. Das Ganze lief wohl so schnell ab, dass unsere Nachtwache kaum Zeit zum Reagieren hatte und es deswegen ganz ordentlich knallte. Ungünstig - aber scheinbar ohne bleibenden Schaden.



Der nächste Tag brachte, wie vorhergesagt, stürmischen Wind aus Ost. Die Wolken hingen tief und umwaberten die Wipfel der höchsten Berge; später regnete es. Es waren meist keine guten Bedingungen für die Fotografie, geschweige denn, die Insel zu betreten. Dafür hätten wir Sørhamna verlassen müssen, und es gab weit und breit keine andere Bucht, die der 'Arctic Breeze' Schutz und Ankerstelle geboten hätte. So blieben wir also einfach da. Ulvar und ich setzten zum Strand über und versuchten, vielleicht ja doch einen Weg nach oben zu finden - aber vergeblich. Der Fels ist zu steil, um ihn hinaufzulaufen, und gleichzeitig zu locker, um zu klettern. Daraufhin versuchten wir, die Klippen mit dem für diese Aktion viel zu kleinen Dingi (Schlauchboot) zu umrunden, mit dem Resultat, dass wir dank zu hohen Seegangs fast untergingen. Plitschnass kehrten wir zurück an Bord und sammelten die Fotografen auf, um sie zumindest unten am Strand abzusetzen, damit sie ein paar erste Bilder machen konnten. Und während sie das taten, kümmerten Max und ich uns darum, Frischwasser an Bord zu bringen, denn das ging langsam aber sicher zur Neige.

Ein Eiderentenweibchen auf seinem Nest.
Es verlässt sich komplett auf seine Tarnung und wird erst dann flüchten, wenn man fast drauftritt.


Ein Lummen-Ei
         
Der nächste Morgen brachte ruhigeres Wetter und die Möglichkeit, unseren sicheren Hafen zu verlassen. Wir ließen uns von der 'Arctic Breeze' in der Kvalrossbukta absetzen, der nächsten größeren Bucht nördlich von Sørhamna, von wo aus wir die Klippen quasi von hinten erklimmen konnten. Während ich auf die anderen wartete und wir eine Menge Gepäck mit an Land brachten, erkundete ich die Küste. Es war mal wieder ein ernüchternder erster Eindruck, denn unser Müll, der ist schon lange vor uns da. Es scheint leider heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, noch irgendwo einen komplett naturbelassenen Strand zu finden: selbst nicht auf so entlegenen Insel wie der Bäreninsel.



Zu fünft standen wir dann endlich an Land, schwer bepackt und voller Vorfreude auf die vor uns liegende Nacht. Ein Sturm war vorhergesagt, der uns zu einer verfrühten Abreise zwang: spätestens am kommenden Mittag wollte unser Kapitän wieder die Segel setzen. Von daher hieß es, von den verbliebenen 24 Stunden jede Minute auszunutzen. Und so zögerten wir nicht lange und wanderten Richtung Südwesten, zuerst einmal hinüber nach Sørhamna, unserem Ankerplatz. Das Schiff war schon wieder auf dem Weg dorthin, als ich das folgende Panoramafoto machte.



Obwohl Ulvar eine Mordswanderung über die halbe Insel geplant hatte, kamen wir nicht weit. Alle 10 Meter offenbarte sich ein anderes Motiv, und die beiden Fotografen hatten eine ganze Liste abzuarbeiten von gewünschten Aufnahmen und Blickwinkeln. Christian hatte beispielsweise eine Drohne dabei (meine Begeisterung darüber hielt sich SEHR in Grenzen) und sollte außerdem mit der Filmkamera Interviews mit der deutschen Campaignerin Steffi führen.



Auch ich erledigte brav meine Pflichten: ich suchte Eisbären, von denen ich wie erwartet keine fand. Bjørnøya wurde bei ihrer Entdeckung zwar nach einem schwimmenden Eisbären benannt, aber seitdem es in Zeiten des Klimawandels in dieser Umgebung so gut wie kein Meereis mehr gibt, bleiben auch die Bären aus. Da es theoretisch zwar sein kann, dass es irgendwann mal einen Bären hierhin verschlägt, und die Insel offiziell zu Spitzbergen gehört und hier die gleichen Regeln gelten, muss man 'Mittel zur Abwehr von Eisbären' mit dabei haben: weswegen ich angeheuert wurde. Ein echt toller Job, Eisbärenwache auf einer Reise zu sein, wo die Begegnung mit einem Eisbären einem Sechser im Lotto gleichkommt! :-)

Obwohl ich wusste, dass diese Gegend ein stark befischtes Gebiet ist, so war ich überrascht, dass sage und schreibe sieben große Schiffe im Lee der Insel ankerten. Das umliegende Meer ist extrem produktiv: der Fischreichtum lockt nicht nur die Tiere, sondern auch uns Menschen hierher mit ihren großen Fabrikschiffen.



Wenn man das so sieht, all diese großen Schiffe, die Wale, die unzähligen Vögel - da begreift man erst, was hier in Gefahr ist. Der Golfstrom fließt mit etwa einem Knoten Geschwindigkeit die norwegische Küste entlang und endet schließlich an der Westküste Spitzbergens. Sollte es bei einer der mittlerweile vielen Ölplatformen nördlich von Norwegen zu einem Ölunfall kommen, wird dieses Öl direkt nach Norden gebracht werden und Tonnenweise Fisch töten - und zig Tausende von Vögeln dazu. Einerseits brüten sie hier in den Klippen, gut geschützt vor allen Räubern, andererseits ziehen sie in großen Schwärmen schwimmend an den Ölplattformen vorbei. Eine Ölpest würde diese stark belebten Gegenden innerhalb weniger Tage erreichen. Nicht auszudenken, was das für die Vogelpopulation hier bedeuten würde!









Donnerstag, 17. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 1

Der Sommer 2017 stellt für mich etwas Besonderes dar, auch und vor allem, weil ich viel Zeit in Deutschland verbracht habe - das erklärt dann vielleicht auch den Mangel an Blogbeiträgen. Ich habe seit Juni nicht mehr auf Expeditionsschiffen gearbeitet und mich statt dessen auf die Suche nach anderen Tätigkeiten gemacht. Nichts gegen meine tollen Jobs, die ich auch in Zukunft weiterführen möchte, aber sie sind auch ziemlich anstrengend. Das letzte, was ich möchte, ist, die Wertschätzung und Faszination an der nordischen Natur zu verlieren, weil ich entweder ein Burnout erleide oder das Besondere zur Routine wird. Zudem würde ich mich gerne mehr für Natur und Klima einsetzen, als bisher: Also habe ich seit dem Frühjahr das Internet nach Neuem durchforstet, Kontakte geknüpft und Bewerbungen geschrieben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!



Da ich diese Saison nicht auf Schiffen anheuerte, konnte ich auf spontane Angebote reagieren. Als nämlich Greenpeace anfragte, ob ich nicht Lust und Zeit habe, eine Reise zur Bäreninsel zu begleiten, musste ich nicht lange überlegen. So machte ich mich Anfang Juli wieder einmal auf den Weg nach Norden, natürlich wieder ohne zu fliegen. Innerhalb von vier Tagen reiste ich von Lohmar nach Tromsø in Nordnorwegen: und zwar über Schweden und Finnland. Das klingt verrückt (ist es auch),
war aber super! :-)




Der Grund für die ungewöhnliche Reiseroute (Deutschland - Dänemark - Stockholm - Turku - Helsinki - Tromsø) war, dass die diesjährigen arktischen Greenpeace-Aktionen von Greenpeace Nordic geplant werden, einem Zusammenschluss der Greenpeace-Büros Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Sowohl Norwegen, Schweden als auch Finnland wollten Material nach Tromsø transportieren, weshalb ein Norweger namens Ulvar mit einem schwedischen Lieferwagen von Stockholm nach Helsinki fuhr - und von dort aus mit vollem Kleinbus weiter, längs durch Finnland, bis nach Tromsø in Nordnorwegen. Ich nutzte die Aktion aus und sprang mit auf: und hab in der Zeit echt 'ne Menge Wald gesehen. Wie man im Sommer Urlaub in Finnland machen kann, ist mir schon ein bisschen rätselhaft: flach wie ein Pfannkuchen scheint das Land zu sein, und außer Bäumen und Straßenschildern hab' ich herzlich wenig gesehen auf der langen Reise. Quasi als Entschädigung gab's eine fette Reifenpanne (wir hatten einen Ersatzrad an Bord - yeay!), und ich sah, nach stundenlangem Suchen, für jeweils 5 Sekunden ein Rentier und zwei Elche irgendwo im Gestrüpp. War ich froh, als wir über die flachen Berge nach Norwegen querten und dann endlich wieder Landschaft zu Gesicht bekamen!



In Tromsø angekommen, war es Ulvars und meine Aufgabe, unser Schiff startklar zu machen. Eigentlich sollte die Reise auf der 'Arctic Sunrise' durchgeführt werden, dem eisgängigsten aller Greenpeace-Schiffe. Dieses war seit dem Winter im Trockendock, um generalüberholt zu werden. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Schiff rechtzeitig aus einer größeren Reperatur- oder Erneuerungspause fertig wurde, und hier war es nicht anders: statt zur Bäreninsel zu fahren, machte die 'Arctic Sunrise' ihre ersten Seetauglichkeits-Testfahrten in Holland.
Dumm gelaufen!

Die 'Arctic Sunrise' vor ihrem Umbau, in Spitzbergen, wo ich sie seit 2012 jeden Sommer gesehen habe.






  
Um unsere Aktion doch noch durchführen zu können, musste ein anderes Schiff her: aus Kosten- und Verfügbarkeitsgründen viel kleiner als die 'Arctic Sunrise'. Als ich unser Ersatz-Schiff dann sah, wusste ich nicht, ob ich weinen oder lachen sollte: die 'Arctic Breeze' (vom Typ 'Bavaria 51', falls das jemandem etwas sagt...) war eine Nussschale! 15,60 Meter lang, 4,60 Meter breit, mit 10 Betten und drei (!!!) Klos, dafür aber kaum Lagerraum. Das schien ja eine interessante Reise zu werden!


Was genau hatten wir vor? Wie im vorherigen Blogbeitrag beschrieben, will Norwegen so weit nördlich wie nie zuvor nach Öl und Gas bohren. Greenpeace protestiert dagegen und zieht sogar gegen den norwegischen Staat vor Gericht: unter anderem deshalb, weil Norwegen seine Klimaziele innerhalb des Pariser Klimaschutzabkommens nicht einhalten können wird, wenn es neue Ölquellen erschließt. Der Stand der Dinge ist simpel: sollten wir alle momentan genutzten Ölquellen aufbrauchen, ist das 1.5° Ziel schon jetzt nicht realistisch. Im Anblick der sich immer schneller zuschärfenden Klimakrise nun auch noch neue Öl- und Gasfelder zu erschließen, ist ethisch absolut verwerflich, besonders und gerade wenn Norwegen sich stolz als Vorreiter in Sachen Klimaschutz tituliert.

Quelle: www.facebook.com/arctic.rising



Wenn ihr Greenpeace unterstützen wollt, dann habt ihr noch bis November Zeit, euch an der Unterschriftenaktion zu beteiligen, welche die Klage gegen Norwegens arktische Ölaktivitäten begleiten wird:
www.savethearctic.org/de/peoplevsarcticoil/


Neben den 'üblichen' Protestaktionen will Greenpeace auch Bildmaterial haben von den Lebensräumen, die von den Aktivitäten dort oben bedroht sind. Also wurde unsere Fahrt ins Leben gerufen: eine Dreier-Crew von anderen Greenpeace-Schiffen (Kapitän Daniel, Steuerfrau Emma und Matrose Max), eine Mitarbeiterin von Greenpeace Deutschland (Steffi), der Expeditionsleiter Ulvar vom norwegischen Greenpeace-Büro, zwei Fotografen bzw. Filmer (Will und Christian) - und ich als Eisbärenwache und Guide. Acht Leute in einer Nussschale, die nicht genug Diesel an Bord hatte, um die Fahrt komplett mit Motor zu bestreiten, in der wilden Barentssee, unter absurdem Zeitdruck, bei fürs Segeln schlechter Wettervorhersage. Da konnte doch gar nichts schiefgehen!




Die 'Arctic Breeze' war für acht Leute völlig okay: winzig und schlecht konzipiert, aber gemütlich. Die beiden Fotografen / Filmer hatten so dermaßen viel Gepäck dabei, dass wir eine Kabine komplett zum Lagerraum umfunktionieren mussten und ihr Fotozeugs trotzdem überall herumlag. Die Stimmung an Bord war gut, alle waren erfahrene Sardinen, die schon oft mit lauter vorher Unbekannten auf kleinstem Raum zusammengepfercht gewesen waren: hilfsbereit, unkompliziert und auf den Erfolg der Mission erpicht.



Wir segelten das Boot in drei Schichten, ich war zusammen mit der ersten Offizierin Emma für die 4-8 bzw. 16-20 Uhr Wache verantwortlich - zumindest wenn ich nicht zu seekrank war. Wir hatten zwar einigermaßen Wetterglück (die Barentssee kann eine Waschmaschine sein...), aber so ein kleiner Kahn schaukelt einfach ohne Ende. Zudem gingen meine besten Seekrankheitstabletten während der Reise zur Neige und half die andere Marke nicht wirklich - nun ja. Was heuere ich auch immer wieder auf Schiffen an, wissend, dass ich schnell seekrank werde? Selbst schuld, liebe Kerstin, selbst schuld... Aber solange ich immer mal wieder nicht seekrank bin, lässt sich das ganz gut ertragen.




Der Zufall führte uns nach etwa der Hälte der Strecke direkt an einer Ölplattform vorbei. Ich selber weiß gar nicht, wie viele von den Teilen momentan dort oben unterwegs sind. Einige sind fest installiert, andere sind beweglich (also ständig woanders), und andere Installationen der norwegischen Öl- und Gasfelder sind komplett unter Wasser, man sieht also gar nichts. Diese hier ist die 'Leiv Eiriksson', eine selbstfahrende, halbtauchende Ölbohrplattform, die zu den größten ihrer Art gehört. Das Deck hat die Maße 78 × 66 Meter, die beiden Schwimmkörper in Katamaranbauform (unsichtbar unter Wasser) sind je 105 Meter lang, 16 Meter breit und 12 Meter hoch. Der Antrieb der Plattform erfolgt durch sechs computergesteuerte Ruderpropeller, welche um 360 Grad schwenkbar sind und die Bohrinsel auf 6 Knoten Geschwindigkeit bringen können - echt ein ziemliches Wunderwerk der Technik, das muss selbst ich als akuter Gegner von Ölförderung zugeben.



Die Mannschaftsstärke der 'Leiv Eiriksson' beträgt regulär 120 Personen. Bei Bohrarbeiten in Wassertiefen bis 400 Meter wird sie mit acht Spezialankern auf dem Meeresboden verankert. Bei größeren Tiefen wird sie von ihren Antrieben direkt über einem Bohrloch in Stellung gebracht und kann diese Position genau halten. Diese Bohrinsel wird von verschiedenen Mineralölunternehmen angemietet, in deren Auftrag sie in bestimmten Gebieten nach Öl bohrt. 2011 war sie im schwarzen Meer aktiv, 2012 bei den Falklandinseln, und jetzt eben hier oben in der Barentssee.




Nach drei vollen Tagen auf See kam dann endlich die Bäreninsel in Sicht: ein großer Fels mitten im entlegenen Nordmeer. Knapp 20 Kilometer lang und 13 Kilometer breit liegt Bjørnøya irgendwo im Nirgendwo: 235 Kilometer südlich von Spitzbergen und 397 Kilometer nordnordwestlich vom norwegischen Festland.

Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Pinpin

Offiziell gilt Bjørnøya als südlichste Insel von Svalbard, aber für mich ist sie einzigartig anders. Es gibt hier keine Gletscher, keine großen Säuger und weder Bäume noch Sträucher, keine Häfen, keine Siedlung (nur eine norwegische, meteorologische Station) und folglich auch keinen Flughafen: kaum jemanden verschlägt es hierher. Selbst die Expeditions-Kreuzfahrtschiffe stoppen, wenn überhaupt, nur für eine Landung, um dann mit Vollgas gen Spitzbergen weiter zu fahren. Auch wenn die Bäreninsel zugegebenermaßen nicht so spannend ist, wie Svalbard, so ist sie dennoch interessant - und freute ich mich sehr über die Gelegenheit, Greenpeace hierher begleiten zu dürfen. Uns erwartete sogar ein im wahrsten Sinne des Wortes 'gigantisches' Willkommenskommitee: als sich die Klippen langsam als dunkle Scheerenschnitte aus dem Nebel lösten, tauchten zwei Buckelwale und ein Zwergwal mehrmals in unmittelbarer Nähe zu uns auf. Wow, was für ein Empfang!