Dienstag, 28. Februar 2012

Endlich wieder unterwegs!

Am 22. Februar war es endlich soweit: im Rahmen unseres Studiums brachen wir angehenden "Arctic Nature Guides" zum ersten Mal seit Oktober wieder zu einer Tour auf. Eine kurze Skiwanderung führte uns in ein benachbartes Seitental des Adventfjorden, wo wir sechs Nächte lang ein Basislager bewohnten und uns dabei an das Lagerleben bei Minustemperaturen gewöhnten. Endlich waren wir wieder draußen im Schnee und dem immer heller werdenden Tag!


Nach langer Vorbereitung rutschten wir am Tag der Anreise auf Skiern das komplett vereiste Flussbett des Adventelva hinauf und zogen unsere Massen an Gepäck in Pulkas über Eis und Steine. Alles war gekennzeichnet vom Regen der vergangenen Wochen: in den Tälern lag kaum Schnee. Wir konnten uns glücklich schätzen, wenn wir steinige Hänge und Hügel auf vereisten Regenrinnen umgehen konnten. Im Grunde genommen hätten wir Steigeisen auf dieser Reise viel eher gebraucht als Ski - aber gut, dies war als Skitour geplant, also zogen wir es als Skitour durch. Einzig unser französischbellender ANG-Hund Djenoun hatte die Erlaubnis, ohne Bretter unter den Füßen unterwegs zu sein: ansonsten aber leistete sie dasselbe wie wir und zog ohne Murren ihren Pulka über den gefrorenen Fluss.

In einem kleinen Seitental, dem Jansondalen, hatte sich zum Glück mehr Schnee angesammelt, so dass wir hier wie geplant unser Lager aufschlagen konnten. Die Ausblicke von dem kleinen Hügel, auf dem wir campierten, waren wirklich schön - zumal wir am dritten Tag bei Kaiserwetter zum ersten Mal seit Monaten wieder Sonnenlicht auf den Bergen liegen sahen! Die Sonne lugte zwar schon seit dem 16. Februar wieder über den Horizont, aber dank Bewölkung war das nie so klar gewesen, wie in diesen Tagen. Und es war erstaunlich: nur eine Woche nach dem ersten Sonnenaufgang seit vier Monaten schien schien unser Stern schon fünf Stunden am Stück!


Wettermäßig hatten wir mehr Glück als es unserem Lehrer Sigmund lieb war. Ein Grund für diesen Ausflug war es, Routinen für das Winterlagerleben zu entwickeln und diese auch bei Schlechtwetter zu beherrschen. Neben dem perfekten Aufbau und der idealen Befestigung der Zelte im Schnee testeten wir die Effizienz verschiedener Windwände, die wir um die Zelte herum aufgeschichtet hatten. Dazu kam es während dieser Woche aber nicht: Wind gab es keinen und Niederschläge ebenfalls kaum! Die Nächte waren teilweise wirklich traumhaft; erhellt nur vom ganz jungen Neumond, den Planeten Venus und Jupiter, sowie der 20 Kilometer entfernten Stadt Longyearbyen. In einer Nacht ließen sich sogar Nordlichter am Osthorizont blicken!


Die Tage verbrachten wir mit unterschiedlichen Aktivitäten. In einer Schneewehe unterhalb unseres Camps bauten wir verschiedene Arten von Schneehöhlen und schliefen anschließend auch darin. Die Idee ist einfach: Stürme können in Polarregionen jederzeit auftreten und bringen dann meistens jede Menge Schnee in Bewegung. Der kann irgendwann das Zelt begraben und zum Einsturz bringen. Eine Schneehöhle, selbst eine in 40 Minuten provisorisch errichtete, ist in dem Fall der einzige sichere Unterstand, um das Ende des Sturmes lebendig abzuwarten.

Die meisten unserer Aktivitäten waren zwar sehr ortsgebunden, wie etwa Kameradenrettung beim Fall mit Pulka in eine verschneite Gletscherspalte. Aber wir entfernten uns auch etwas vom Lager: unter anderem übten wir zum ersten Mal das Fortbewegen in einer Seilschaft mit Skis und Pulkas. Das bedeutet, dass man über einen Klettergurt mit einem Seil miteinander verbunden ist und auch die Pulkas am Seil hängen: Tempovariationen sind da nicht mehr drin, es müssen alle in der gleichen Schrittgeschwindigkeit unterwegs sein. Für mich als Fotograf ist das der Horror! Die Kamera parallel mit den Skistöcken zu bedienen, während man mitten in einer Gruppe einem bestimmten Tempo folgen muss ohne anhalten zu können oder gar zu verlangsamen - verflixt, das ist eine echte Herausforderung! Das Fotografieren auf der kommenden Tour Ende März wird nicht einfach werden, denn da werden wir auf Gletschern unterwegs sein und folglich ausschließlich in Seilschaften wandern!

Diese sieben Tage im Jansondalen habe ich wirklich genossen. Durchgehend gutes Wetter, kein Stress, schöne Landschaften in farbigem Licht, und einfach nur draußen sein bei Temperaturen zwischen -10 und -20°C - es war wunderbar! Auch meine Schlafsackkombination aus neuem Winterschlafsack und altem Sommerschlafsack hat sich als äußerst einsatzfähig herausgestellt - es ist toll wenn man weiß dass man zumindest Nachts nicht frieren muss! :)


Am letzten Morgen der Reise zog ein einzelnes Rentier im Tal entlang und verdeutlichte die Größe und Erhabenheit der versilberten Winterlandschaft. Ähnliches fühlte ich, als ich auf meine Klassenkameraden blickte, die vor mir ihre Pulkas zurück Richtung Longyearbyen zogen. Der Mensch ist klein angesichts der Weite der Gletschertäler, und verloren und hilflos innerhalb der lebensfeindlichen Kälte. Ohne große Ausrüstung wäre uns ein Überleben unmöglich: absolut erstaunlich wie es den Rentieren, Füchsen und Schneehühnern gelingt, 10 schneereiche Monate zu überdauern!


Ganz zum Schluss will ich noch ein Foto zeigen, dass mein persönlicher Favorit dieser Reise ist und eigentlich nichts anderes zeigt, als unseren Erdtrabanten. Am Tag nach Neumond stand er in der Abenddämmerung filigran knapp über dem Horizont und wurde kurzzeitig von zwei Richtungen beleuchtet. 3% wurden direkt von der Sonne angestrahlt, und die verbliebenen 97% wurden von der Erde erleuchtet, beziehungsweise vom letzten Licht des Tages, das von den irdischen Wolken zurück zum Mond geworfen wurde. Diese dunkle Seite des Mondes war wirklich so hell zu sehen wie auf diesem Foto - ein faszinierender Moment, den ich sehr genossen habe!

Samstag, 18. Februar 2012

Winter auf Spitzbergen

Mit einiger Verspätung komme ich endlich dazu, diesen Blogeintrag zu schreiben. Ich habe so einiges zu berichten: vom Leben im winterlichen Svalbard.

Spitzbergen hat sich im vergangenen Monat in allen nur denkbaren Facetten gezeigt. -30°C und +6°C, feinster kalter Pulverschnee versus dicken, feuchten Schneeflocken oder prasselndem Nieselregen, nicht vorhandene ewig dunkle Tage und neun Stunden lange Helligkeit mit farbigen Sonnenaufgangswolken - solch krasse Gegensätze hatte ich im Hochwinter in der Arktis nun wirklich nicht erwartet!

Am 8. Februar regnete es zum wiederholten Mal und lagen die Temperaturen mal wieder über dem Gefrierpunkt. Der Schnee schmolz zwar, konnte aber genau wie der Regen nicht einfach verschwinden, denn: hier oben gibt es Permafrost. Der Boden ist gefroren, das ganze Jahr hindurch: das viele Wasser kann nicht versickern und muss oberflächlich ablaufen. Auch aufgrund des Nachtfrostes bildete sich eine Eisschicht, auf die es dann wieder regnete. Das Ergebnis: alles, aber auch wirklich alles, verwandelte sich in spiegelglatte Rutschbahnen, da half auch das Streuen der Wege herzlich wenig. Ohne Spikes oder Ketten unter Füßen und Rädern ging hier gar nichts mehr, und selbst damit rutschte man als Fußgänger noch oft genug aus.

Jegliche Senke füllt sich mit Wasser (das Raumschiff rechts im Hintergrund ist übrigens meine Uni), und jede Bewegung war schweißtreibend: es waren schließlich alle auf -30°C und weniger vorbereitet, aber nicht auf nassen Dauerregen. Eine absurde Situation!

Die Tage wurden Anfang Februar schon spürbar länger und heller: noch nicht hell genug, um mit dem Auto ohne Licht zu fahren (was ja ohnehin nicht erlaubt wäre), aber definitiv hell genug, um seine Umgebung klar sehen zu können. Dennoch fanden so gut wie alle Aktivitäten weiterhin drinnen statt: Kultur und Indoor-Sportarten feiern im Dunkelwinter ihre Hochsaison. In dem Zuge will ich die wohl lustigste Freizeitbeschäftigung vorstellen, der man hier in Longyearbyen nachgehen kann: Kajakpolo!

In der modernen, großen Schwimmhalle findet zweimal die Woche ein mehrstündiges Training dieses lustigen Sportes statt, das ein australischer Student einführte und auf rege Teilnahme gestoßen ist. Zwei Mannschaften in Kajaks versuchen, einen Ball in kleine, aufgehängte Tore zu werfen. Das Hantieren von Kajak, dem Paddel und dem Ball wäre an sich schon kompliziert genug, hätte nicht die andere Mannschaft die Erlaubnis, einem genau dies so schwer wie möglich zu machen - etwa indem versucht wird, einen zum Kentern zu bringen. Allein das Zusehen hat mir große Freude gemacht - dieser Sport sollte viel verbreiteter sein! Wie schaut's aus: wollt ihr nicht einen Kajakpoloverein bei euch Zuhause gründen?


Die abrupt länger werdenden Tag im Februar verlagern das Geschehen langsam wieder nach draßen - eigentlich. Denn das verrückte Wetter machte so mancher Aktivität einen Strich durch die Rechnung. Die ersten Touristen, die nun wieder die Stadt unsicher machen, konnten weder Schneemobil fahren noch an Hundeschlittentouren teilnehmen und saßen, genau wie wir, im verregneten Tal fest. Das traditionelle erste Skirennen des Jahres, "Spitsbergen Up & Down" konnte zwar so gerade eben stattfinden, nicht so aber zwei Projekte, die unser Kurs im Zusammenhang mit dem Rennen geplant hatte: wir wollten umsonst geführte Touren in Eishöhlen anbieten. Nun waren diese aber leider einerseits von Schneematschlawinen verschüttet und andererseits von Wassermassen geflutet - all unsere Planung war umsonst. Das dritte Projekt der Klasse, "Spitsbergen Hot & Cold" war allerdings umsetzbar - wenn auch anders als gedacht!

Copyright: unbekannter ANG-Student aus dem Jahr 2011

Dies ist ein Bild von vergangenem Jahr, das wiederspiegelt, wie wir uns dieses Event vorgestellt hatten: eigentlich wollten auch wir ein Loch in das Seeeis des Fjordes sägen und interessierten Badewilligen ein Eisbad ermöglichen.

Leider, wenn auch nicht ganz überraschend, sah die Küste dieses Jahr etwas anders aus: Seeeis war absolute Mangelware, statt dessen gab und gibt es hier offenes Wasser bis zum Horizont. Das verdeutlich das folgende Bild, welches ich in der letzten Vollmondnacht dort machte, wo wir das Eisbaden geplant hatten.

Aber gut, auch das offene Wasser war kalt genug um eine Attraktion zu sein: und so hängten wir innerhalb der Uni und der Stadt Plakate auf und luden wir am 12. Februar zum abendlichen Badevergnügen. Man hat ja hier sonst nichts Vernünftiges zu tun!

Und als wir am Abend des Geschehens ein großes Lagerfeuer entfacht, eine Theke mit heißen Getränken aufgebaut und jede Menge Kerzen aufgestellt hatten, da glaubten wir unseren Augen kaum: über 70 Bekloppte stürzten sich mit oft lautem Geschrei ins flache Wasser des Fjordes!


Es waren hauptsächlich Studenten, die unser Angebot mit Begeisterung annahmen und, begierig auf das in Aussicht stehende Eisbadezertifikat, Schlange standen, um in der Sicherheit von uns ANG-Studenten in den etwa 0°C kalten Fjord zu sprinten. Meerwasser gefriert aufgrund des Salzgehaltes ja erst ab -1,8°C...


Das arktische Badevergnügen war bei den allermeisten von nur sehr kurzer Dauer: barfuß oder in Socken rannten fröhliche junge Menschen ins Wasser, schmissen sich kurz hinein und rannten in meist rekordverdächtigem Tempo zurück ans Ufer - schnell hinein in unsere Sauna!

Wir hatten ein Zelt mit Hilfe eines Kerosinbrenners auf angenehme Temperaturen erwärmt - ohne dieses wäre wohl kaum jemand gekommen, denn die Temperaturen lagen an dem Abend wieder bei -10°C. In der muckeligen Wärme unseres Saunazeltes, so hörte es sich zumindest von außen an, herrschte sehr gute Laune, aber auch wir Nichtbadenden (ich musste arbeiten und schenkte an der Theke warmen Saft aus) hatten unseren Spaß am gemütlichen und sehr warmen Lagerfeuer.

Nun, jetzt wisst ihr was Studenten an der nördlichsten Universität des Planeten so in ihrer Freizeit treiben! ;-)


Unmittelbar nach unserem erfolgreichen "Spitsbergen Hot & Cold" schlug das Wetter um. Nach über dreiwöchiger Achterbahnfahrt hoher Temperaturen sank das Thermometer auch tagsüber beharrlich auf unter -15°C. Die Wolken verschwanden, der Vollmond erhellte das Land: fotografisch war das ganze wahrlich nicht uninteressant, wie das obige Bild beweist. Nur eines fehlte uns jetzt noch: Schnee. Denn dieses blöde Glatteis hatten wir jetzt wirklich satt!

Schnee wollten wir - Schnee bekamen wir. Mitte Februar begann es zu schneien: wenig nur, wie so üblich, aber beständig. Und so konnten wir glücklicherweise doch die große, schon lange geplante Lawinenübung des Roten Kreuzes durchführen, dem ich hier in Longyearbyen beigetreten bin. Bei nahezu normal anmutenden Tageslichtverhältnissen erreichten wir ein Lawinenszenario und suchten und gruben wir mehrere Verschüttete (Puppen) aus.

Die Übung war ein Zusammenspiel aller im Realfall beteiligter Parteien: Rotes Kreuz, Polizei, Krankenhaus und AirLift (die hiesige Helikoptergesellschaft). Polizisten und Einsatzleiter verteilten uns Freiwillige auf die verschiedenen Aufgaben und koordinierten das Geschehen, forderten unter anderem den Rettungshelikopter an, der mit großem Getöse im Dämmerlicht landete und dabei einen solchen Schneesturm verursachte, dass man teilweise kaum etwas sehen konnte.


Allerdings wäre ich kaum ich gewesen, hätte ich dem beeindruckenden Sturmwind der Rotoren nicht getrotzt, statt mich wie befohlen abzuwenden (Polizeianweisung? Als Polizistentochter habe ich gelernt, die ab und an mal getrost zu ignorieren!) - und statt dessen meine Kamera mitten drauf zu halten. Das hätte mich beinahe meine erste Erfrierung gekostet (wie kann so kurze Zeit in so kaltem Wind bloß SO kalt sein?) und dürfte auch meiner Kamera nicht sonderlich gut bekommen sein: was tut man nicht alles für ein Foto!?!

Im Eiltempo wurde einer unserer fiktiven Überlebenden (gespielt von einem unverletzten Freiwilligen, versteht sich) in den Hubschrauber gebracht und ins Krankenhaus geflogen. So also sieht Bergrettung auf Svalbard aus. Beeindruckend! Allerdings hoffe ich sehr, dass ich im wirklichen Leben niemals in eine solche Situation komme: Lawinen sind mörderisch. Wer nicht innerhalb einer Viertelstunde ausgegraben wird, der erstickt mit größter Wahrscheinlichkeit: da würde auch der Helikopter nicht viel helfen, Übung hin oder her.

By the way: die Strukturen im Hintergrund der Bilder dürften euch bekannt vorkommen: es sind die Radarantennen von EISCAT, siehe vorhergehender Blogeintrag! Nur dort oben auf dem Bergrücken fanden wir ausreichend Schnee zur Lawinenübung vor.
Dies aber hat sich in der vergangenen Woche geändert: momentan kommt alle zwei Tage Niederschlag in gefrorener Form zu Boden und ermöglicht uns, endlich, wieder Ausflüge hinauf in Richtung Berge! Nun, da die Touristensaison begonnen hat, sieht man täglich Kolonnen von nervigen, stinkenden und lauten Schneemobilen im Schneckentempo den Longyeargletscher oder das Tal hinauffahren. Das Ziel ist die am höchsten gelegene Eishöhle, die ich bisher leider noch nicht besuchen konnte - unter anderem weil ich weiterhin den privaten Gebrauch motorisierter Fahrzeuge ablehne. Es fahren schon genug Skidoos umher, und ich werde sie im Rahmen des Studiums auch irgendwann einmal besteigen müssen - da mache ich privat gerne Abstriche. Zu dieser Eishöhle werde ich in den kommenden Monaten sicherlich auch zu Fuß gelangen können!

Am 16. Februar war es dann schon soweit: drei Wochen, nachdem die Polarnacht spürbar und rapide heller geworden war, ging theoretisch das erste Mal die Sonne auf. Praktisch machten Wolken jegliche Sichtung auf einer Bergspitze zunichte, aber immerhin: wir sahen das erste Mal seit Monaten wieder Farbe am Winterhimmel! Ganz zartes Rosa erhellte den Nordhimmel, als wir zum ersten Mal in diesem Jahr mit der Klasse auf Skiern unterwegs waren und eine Menge über Schnee, Schneeprofile und Lawinengefahr lernten.

Mit diesem Bild will ich mich für knapp zwei Wochen verabschieden: wir unternehmen bis Anfang März unsere erste Tour, die wir in einem festen Basislager irgendwo in der Umgebung verbringen werden. Der Bericht wird im März folgen: bis dahin wünsche ich allen Lesern eine schöne Zeit! Auf bald!

Mittwoch, 1. Februar 2012

Regen und Sturm

Die vergangene Woche war geprägt von Extremen. Momentan herrscht auf Svalbard das verrückteste Wetter seit Menschengedenken: in einem der eigentlich kältesten Monate des Jahres und noch dazu in einer polaren Wüste hat es in den beiden Tagen des Monatswechsels mehr geregnet, als in den vorhergegangenen sechs Monaten zusammengenommen. Die Temperaturen lagen statt -30°C bei bis zu +6°C, und das während es in Europa momentan zu einem Kälteeinbruch kommt, der u.a. Istanbul -11°C beschert. Irgendwas ist da ganz und gar nicht richtig, irgendwas läuft da völlig verkehrt...

Und während wir hier ironischerweise im ersten Teil unseres Lawinenkurses im strömenden Regen nach Schnee suchten, rauschten Lawinen aus Schneematsche zu Tal und brachten das öffentliche Leben völlig durcheinander. Straßen waren gesperrt, die Rollbahn des Flughafens akut lawinengefährdet, weshalb keine Flugzeuge landeten und Tageszeitungen, Tomaten, Milch- und Nudelprodukte im Supermarkt knapp wurden. Das Tal hat sich in eine völlig vereiste Seenlandschaft verwandelt: jegliche Fortbewegung ist aufgrund des spiegelglatten Untergrundes zum Spießrutenlauf geworden. Ohne Spikes oder Ketten unter Schuhen und Reifen wagt sich gerade kaum jemand mehr vor die Tür!

Am Abend des ersten Februar sind die Temperaturen wieder unter Null grad gefallen und schneit es gerade wieder winzige weiße Flocken - jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die mehrtägige Warmwetterperiode erstmal beendet ist. So hat sich von uns keiner die Hocharktis vorgestellt, und so macht es auch auf Dauer keinen Spaß: ohne Schnee ist es gleich viel dunkler und ungemütlicher!

Umso dankbarer bin ich, dass die Woche vor diesem Regendrama wunderbar winterlich war. Das Tageslicht kommt mit rasanter Geschwindikeit zurück, jeden Tag bleibt der Himmel ein bisschen länger blau und wird das blaue Licht um die Mittagszeit immer intensiver.

Der Adventfjord, an den Longyearbyen grenzt, denkt nicht ans Zufrieren. Nur an tiefen Einschnitten entlang der Küste enstehen kleine Schollen, die von den Gezeiten an Land gedrückt werden. Der Grund für das Aubleiben des Seeeises ist der Golfstrom: der drückt durch geänderte Wetterbedingungen diesmal intensiv in die Westfjorde Svalbards hinein und erwärmt das Wasser so weit, dass es sich nicht weit genug abkühlen kann: Meerwasser gefriert erst ab einer Temperatur von -1.8°C, und das nur, wenn es lange genug kalt gewesen ist.

Es ist wirklich erstaunlich, wie wir hier alle dem Licht entgegenfiebern: jeden Tag hört man neue Bemerkungen darüber, wie wahnsinnig hell es doch sei. Um dieselbe Zeit im Herbst hätten wir diesen maximalen Lichtverhältnissen nur negativ kommentiert - jetzt aber kommt es uns schon als etwas Besonderes vor, wenn man bei Regenwetter die Berge erkennen kann. Eines ist im wahrsten Sinne des Wortes sonnenklar: die dunkelste Zeit des Jahres liegt nun hinter uns. Noch zwei Wochen, dann wird es wieder richtig hell sein!

Ausblick von den Radar-Antennen von EISCAT auf die Lichter Longyearbyens,
das seitlich am Ende des Adventfjorden liegt.

Die Sonne machte sich in der letzten Woche auch anderweitig bemerkbar - und zwar international. Auch die deutschen Medien haben davon berichtet, dass es in der dritten Januarwoche zum größten Sonnensturm der vergangenen Jahre kam. Dieser fiel schwächer aus, als von vielen erhofft: zum Glück, denn so kamen auch wir auf Svalbard in den Genuß der bunten Lichter!

Praktischerweise hatten wir am Tag zuvor einen Geowissenschaftler als Lektor, der uns einiges über die Aurora erzählte und mir so manche Frage beantworten konnte. Er erklärte, dass es zwei unterschiedliche Arten von Polarlichtern gibt: Tagesaurora und Nachtaurora. Nachtaurora sind die "normalen" Nordlichter, die Bilder, die man überall im Internet sieht, und auch fast alle Fotos, die ich bisher machte. Tagesaurora ist dasselbe Phänomen und auf Fotos wohl auch nicht von Nachtaurora zu unterscheiden, entsteht aber auf leicht andere Weise und vor allem an einem leicht anderen Ort. Tagesaurora liegt genau über Svalbard, wogegen Nachtaurora sich im Normalfall eher südlich über Nordnorwegen blicken lässt. Das erklärt, weshalb Svalbard für die Nordlichtforschung interessant ist: es ist einer der wenigen Orte der Welt, an denen man in der Polarnacht die Tagesaurora sehen kann.

Ein Blick hinauf ans Firmament: ungewöhnlich bunte Corona Aurora (Nachtaurora)

Ich hatte die Aktivität auf der Sonne genauestens verfolgt und wusste, dass am 24. Januar ein Nordlichtsturm erwartet wurde. Allerdings machte ich mir nicht die geringste Hoffnung auf Sichtungen. Wenn ein starker Sonnenwind die Erde trifft, dann deformiert dieser das Erdmagnetfeld, was zur Auswirkung hat, dass die Aurora sich ein paar hundert Kilometer in Richtung Äquator verschiebt: und das ist zu weit südlich, um von Svalbard aus gesehen zu werden.

Als ich aber um 18 Uhr endlich aus der letzten Vorlesung kam (Geschichte Svalbards: die Zeiten des großen Walrossschlachtens), waberten helle, agile Schlieren über das Firmament. Schneller als die Feuerwehr hatte ich die Kamera geholt und war mit dem Rad über die eisigen Straßen aus der Stadt gefahren, wo ich einen Berg emporrannte und dort endlich Fotos machen konnte: unter anderem sogar von roten Nordlichtern! Es war unglaublich schön! Schade war bloß, dass ich es in der Eile nicht geschafft hatte, einen fotogeneren Vordergrund ohne Kulturschrott zu finden. Aber Hauptsache war doch, es überhaupt gesehen zu haben!


Die rote Farbe, das muss ich fairerweise sagen, habe ich mit den Augen nur als farblos wahrgenommen. Aus Erfahrung heraus wusste ich, das alles, was farblos über dem grünen Licht steht, entweder blau, violett oder rot sein muss. Die Kamera zeigte es ganz deutlich: da oben leuchteten gerade Sauerstoffmoleküle. Das ganze Spektakel dauerte vielleicht 10 Minuten, dann waren "nur" noch grüne Lichter zu sehen. Und eine halbe Stunde später war der ganze Himmel schwarz: die Aurora war ziemlich abrupt Richtung Süden abgewandert. Mir war das allerdings nur recht: ich brauchte Schlaf und war überglücklich, überhaupt etwas gesehen zu haben. Hinterher, beim Durchstöbern des Internets, sollte ich dann feststellen, dass ich wahrscheinlich die einzige Person weltweit war, welche die Violett- und Rottöne so intensiv fotografieren konnte. Der Sturm war nur in dem Moment so stark gewesen, dass er Stickstoff- und Sauerstoffmoleküle in großen Höhen zum Leuchten angeregt hatte. Da habe ich ja wirklich wieder mal mehr Glück als Verstand gehabt! :-)

Freitag, 27. Januar 2012

Das unmögliche Foto

Als ich Anfang Januar wieder Abschied von Island nehmen musste, hielt sich meine Freude auf Spitzbergen wirklich sehr in Grenzen. Die vorhergehenden drei Wochen waren traumhaft gewesen: Island befand sich im Griff des schneereichsten Winters der vergangenen 25 Jahre, und außerdem war es dort tagsüber hell und konnte man nachts regelmäßig Nordlichter am Himmel sehen. Auch und vor allem weil ich Urlaub hatte und fotografieren konnte schien alles nett und leicht - konträr zu Spitzbergen. Dort warteten 24 Stunden Dunkelheit auf mich, Alltagsleben, Verpflichtungen und Stress. Nordlichter sind so weit im Norden eine Ausnahmeerscheinung, unter anderem auch weil es immer wieder zu Perioden tagelanger Dauerbewölkung kommt. Zudem erlebt das Archipel momentan einen der wärmsten und niederschlagsärmsten Winter des zurückliegenden Vierteljahrhunderts: statt -20°C liegen die Temperaturen um dem Gefrierpunkt (heute regnet es bei +6°C!), die Fjorde denken nicht ans Zufrieren (und werden es vermutlich auch nicht mehr tun), und Schnee ist hier sowieso Mangelware.

Nun schien es aber, als ob Svalbard meine kaum vorhandenen Erwartungen heben wollte: bei meiner Rückkehr empfing mich ein wunderschöner, monderleuchteter Sternenhimmel, an dem mittelstarke Nordlichter tanzten. Das Wetter sollte sich laut Prognose zwei Tage später ändern: es war eine "Jetzt oder Nie!"-Situation! Nicht ohne ein enormes schlechtes ökologisches Gewissen bestellte ich mir für den kommenden Tag ein Taxi (das erste eigens georderte meines Lebens: das kommt davon, wenn man weder Auto noch Schneemobil besitzt!) und fuhr mit diesem am 9. Januar um 6 Uhr früh zum 12 Kilometer entfernten Ende der Straße. Eine zweistündige Wanderung im Schein des Vollmondes brachte mich hinein in die scheinbar unberührte Bergkulisse des Tals Bolterdalen. Dort hielt ich mich bereit, um die hellste Zeit der Polarnacht zu fotografieren: die fünf Stunden, in denen der Südhimmel etwas heller wird, als der Nordhimmel.

Um 10 Uhr morgens aber traute ich meinen Augen kaum: Am Südhorizont der vom Vollmond erhellten Szenerie, welche bisher monoton grau-blau gewesen war, zeigte sich ein Hauch von Farbe! Ich musste mit der Kamera ein Beweisfoto machen, um es glauben zu können, denn: eigentlich ist dieser Anblick Anfang Januar unmöglich! Die Sonne befand sich viel zu weit unter dem Horizont, um unter normalen Bedingungen ihr warmes Licht bis zu uns hinauf zu schicken. Was also war hier los?
Die Antwort bekam ich erst ein paar Tage später. Ein paar Mal im Jahrzehnt (!!!) geschieht es, dass sich Tiefdruckgebiete so zwischen Skandinavien und Svalbard ausdehnen, dass hochliegende Cirrostratus (Schleierwolken) die Sonnenstrahlen mal eben 1000 Kilometer weiter gen Norden leiten, als es eigentlich der Fall wäre. Bei dem schwachen rosa Schimmer, den man im obrigen Bild erkennt, blieb es aber nicht: um die Mittagszeit stand der ganze Südhorizont in Flammen und erhellte die Welt in dunklen, sehr intensiven Rosatönen. Es war, um es mal gelinde auszudrücken, UNGLAUBLICH!


Im Foto sieht es so aus, als ob es wahnsinnig hell gewesen wäre: mir kam es zwar so vor, allerdings verstärkt die Langzeitbelichtung auch hier die Farben und Kontraste. Es war eigentlich noch Nacht, man konnte fast überall noch Sterne sehen, auch am pinkfarbenen Himmel, und ich warf noch keinen Schatten. Für meine an die Dunkelheit gewöhnten Augen waren Licht und Farben aber extrem intensiv, und für die Kamera halt auch.

Als wäre dieses völlig unerwartete Farbenspiel nicht großartig genug, geschah nun etwas, das ich nicht einmal im Traum für möglich gehalten hätte: ein dünner Bogen schwacher Aurora wanderte dem pinkfarbenen Himmel entgegen. War ich zuvor sprachlos gewesen, konnte ich jetzt nicht einmal mehr irgendwelche protestierenden Gedanken denken. Möglich oder unmöglich hin oder her - das war einfach nur GENIAL!


Für solche überraschenden, unbeschreiblich schönen Momente lebe ich: die Launen der Natur sind für mich das Gewaltigste, Emotionalste und Tollste, was es auf dieser Welt gibt! Hätte ich mich nicht auf einem emotionalen Höhenflug befunden, wäre ich fast traurig gewesen, auch dieses Erlebnis mal wieder "nur" alleine zu erleben: dass ich hier Zeuge eines einmaligen Phänomens wurde, war mir schon an Ort und Stelle vollkommen bewusst! Umso wichtiger erschien es mir, dies mit der Kamera festzuhalten, um es zumindest auf diese Art mit anderen teilen zu können!

Auch dies ist eine Langzeitbelichtung (10 Sekunden), welche die Szenerie heller und farbiger darstellt, als es in Wirklichkeit war. Aber wie sollte ich das fotografisch korrekt darstellen? Inmitten der dunklen, blau-silbrigen Stimmung schienen die Berge Pink zu glühen, erhellt von den nördlichsten Ausläufern der farbigen Schleierwolken. Links im Bild wird der Himmel vom tiefstehenden Vollmond erhellt. Es war ein Anblick, der nicht von dieser Welt zu sein schien!

Bis zu diesem Tag war ich der Überzeugung gewesen, dass ein solches Motiv in der Natur nicht vorkommt: von der Sonne erleuchtete Wolken/Landschaft und Nordlichter schließen sich kategorisch aus. Rosa Wolken stehen normalerweise an einem blauen Himmel, welcher schon viel zu hell ist, um die im Vergleich dazu schwachen Nordlichter durchscheinen zu lassen. Aus dem simplen Grund kann man nicht sehen, was ich sah. Es geht einfach nicht, Ende der Diskussion!
:-)


Was die Natur hier wieder einmal deutlich gemacht hat, ist, dass sie sich nicht an menschengemachte Regeln oder Erkenntnisse hält. Was ich erleben durfte, war keine normale Morgendämmerung: unser Stern stand viel weiter unter dem Horizont, als es normalerweise bei rosa Wolken der Fall war. Eigentlich herrschte ja fast noch Nacht: es hatte gerade einmal die nautische Dämmerung begonnen! Das Sonnenlicht war über lange Umwege extrem gefiltert worden und leuchtete an einem dunklen, schönen Nachthimmel. Und genau dies ließ mich nun Bilder machen, die ich so noch nirgendwo gesehen habe und von denen ich vermute, dass sie weltweit einzigartig sind.

Dieses Motiv, so simpel es ausschaut, ist eine extrem rare Laune der Natur, ein Zusammenspiel vieler Zufälle. Der größte davon war aber wohl die Tatsache, dass ich 14 Stunden nach meiner Ankunft in Svalbard, nach einer zweitägigen Reise und einer schlaflosen Nacht am Flughafen Oslo NICHT ausschlief und gemütlich frühstückte, sondern statt dessen in dieses Tal wanderte - ahnungslos, ohne große Erwartungen, ja sogar fast mit einem Groll gegen das "blöde" und "unfotogene" dunkle Svalbard. Im Nachhinein glaube ich immer, einem Bauchgefühl gefolgt zu sein, einem stillen Drängen, das mich schon so oft in ähnliche Situationen geführt hat. Und das mich mit Svalbard versöhnte, in dem es mich an diesem einmaligen Naturwunder teilhaben ließ: wortlos, staunend wie ein kleines Kind, ehrfürchtig und glücklich zugleich.

Ist Natur nicht wunderbar...?

Samstag, 21. Januar 2012

30 Stunden Jökulsárlón

Der zweite Januar begann mit Schneefall. Das verwirrte mich zugegebenermaßen etwas, denn die Wettervorhersage hatte für die kommenden 24 Stunden eigentlich wolkenlosen Himmel versprochen. Auch laut der neuesten Prognose sollte Kaiserwetter herrschen: also ordnete ich den Schnee als lokale isländische Wetterlaune ein, packte meine gesamte Kameraausrüstung zusammen und stopfte Essen für 24 Stunden, meinen Schlafsack und eine große Thermoskanne mit Heißwasser in meinen Wanderrucksack. All dies schnallte ich dann auf meinen Kinderschlittenpulka, bevor ich mich durch sieben Lagen Winterkleidung in ein Michelin-Männchen verwandelte.
Ich hatte nur noch zwei Tage Zeit für Unternehmungen in Island und mir aufgrund der guten Wetterprognose in den Kopf gesetzt, nun 30 Stunden non-stop bei Jökulsárlón zu verbringen. Diesen Ort habe ich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zwar schon oft besucht, bin aber jedesmal wieder gleichermaßen von der Landschaft fasziniert, die auf Erden absolut einzigartig ist!

Um die Mittagszeit erreichte ich den Gletschersee. Tatsächlich war hier das Wetter viel besser! Die Sonne ging hinter sich auflockerndernden Wolken auf und beleuchtete eine Landschaft, die einem Märchenbuch zu entstammen schien. Türkisfarbene Eisberge trieben im klaren Wasser der Lagune, die nur am Ausfluß nicht zugefroren war.

Auch hier waren über Nacht einige Zentimeter Neuschnee gefallen, die jegliche menschliche Spuren verschleierten. So hatte ich die Lagune und auch den Strand noch nie gesehen: es war, als würde ich hier zum ersten Mal im Leben fotografieren. Es war atemberaubend schön!

An einen traumhaften Sonnenuntergang schloss sich eine ewig lange blaue Stunde, die sich schon um 17 Uhr zur Nacht gewandelt hatte. Die Milchstraße ging auf, der Mond auch, der Himmel wurde immer heller als der Mond immer höher zum Zenit wanderte. Es wehte kaum ein Lüftchen, ein paar Wolken entstanden und verpufften wieder, und ich wanderte entlang des Seeufers und genoss die Nacht. Schätzungsweise -8°C Lufttemperatur hatte es bei fast totaler Windstille, die Ebbe wandelte sich zu Flut, und Kormorane und schnaufende Seehunde wechselten sich dabei ab, mich singendes und klickendes zweibeiniges Wesen am Eisrand zu begutachten. Ich war allerbester Laune, es war einfach nur toll - und dennoch suchte ich den Himmel sehnsüchtig nach dem ab, was für mich die Sahnehaube im Kakao gewesen wäre: Polarlicht.

Laut Langzeitprognosen sollte es diesen Winter die besten Nordlichtsichtungen des Jahrzehnts geben, weil die Sonne auf dem Weg zu ihrem Aktivitätsmaximum ist. Der Herbst hatte auch vielversprechend begonnen: in Nordamerika und Skandinavien wurden tolle und vielfarbige Auroras gesichtet. Bloß in Svalbard herrschte genau an diesen Nächten Mistwetter - war ja klar. Und als es auf Svalbard und Island im November und Dezember immer dunkler wurde, legte die Sonne eine Ruhepause ein, die auch über Weihnachten und Neujahr anhielt.

Auch und gerade weil ich in den vergangenen Wochen keine Aurora gesehen hatte wünschte ich sie mir umso mehr herbei. Ich hatte nicht ganz ohne Grund beschlossen, genau diese Nacht an Jökulsárlón durchzumachen: meiner Einschätzung nach musste in den kommenden Stunden ein Sonnenwind aus einem sogenannten Coronal Hole eintreffen, einer Schwachstelle im Magnetfeld der Sonne. Die Polarlichtvorhersagen behaupteten zwar alle, dass es erst eine Nacht später zu stärkerer Aurora kommen würde, aber ich war da anderer Meinung. Außerdem war alles perfekt: super Wetter, frischer Schnee, der Halbmond genau hell genug, um die Landschaft zu erleuchten und gleichzeitig noch nicht zu hell, um Nordlichter zu überstrahlen - es MUSSTE einfach diese Nacht geschehen!

Ich war nicht die einzige, die an diesem bekannten Ort auf Nordlichter hoffte. Kein Wunder: es gibt kaum eine schönere Kulisse als Jökulsárlón! Und so fuhren zwischen 20 und 21 Uhr zwei Autos vor, parkten, und stellten Stative auf: zwei Italiener, ein Deutscher und zwei Kanadier hofften auf ihr Glück. Ich war von diesem Massenandrang wenig begeistert, packte meine sieben Sachen und ging in aller Ruhe zum Strand hinunter. Mein Bauchgefühl und Wissen sagte mir, dass sich Nordlichter nicht vor 23:00 Uhr blicken lassen würden. Ich weiß nicht warum, aber ich sehe die allermeisten schönen Nordlichter eine halbe Stunde vor Mitternacht, plus-minus 15 Minuten. Von daher verbrachte ich die erste Hälfte der Nacht mit normaler Landschaftsfotografie und schlichtweg mit fröhlichem Warten. Der zunehmende Halbmond schien zusammen mit den hellsten Sternen vom strahlend blauen Himmel und beleuchtete die schneebedeckte Landschaft so stark, dass meine an die Dunkelheit angepassten Augen jedes winzigste Detail wahrnahmen: so entstanden Bilder, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen: richtige Traumlandschaften.

Um 22:30 Uhr ging ich wieder zur Lagune und suchte mir einen guten Standpunkt für Nordlichtfotografie. Ich erkannte einen Schimmer von Helligkeit am Nordhorizont, schöpfte Hoffnung und baute meine Kamera auf. Das war der Startschuss für die anderen Fotografen, die daraufhin aus ihren Autos kamen und sich ebenfalls bereit hielten. Meine Zeitangabe von 23:30 Uhr nahmen sie erstaunt aber gerne hin: nun waren die Erwartungen hoch.

Und tatsächlich: die erste fotogene Aura ließ sich um 23:16 Uhr blicken. Ein recht statisches Nordlichtband wanderte langsam immer weiter Richtung Zenit. Um 23:33 Uhr war es dann soweit: farbiges, filigranes Nordlicht waberte gut erkennbar für Auge und Kamera über den blauen Winterhimmel. Ich wusste, dass uns nun ein mehrere Stunden andauerndes Spektakel bevorstand: dies hier war Aurora wie aus dem Lehrbuch!

Nun, da ich endlich abschätzen konnte, wie sich das Nordlicht entwickeln würde, machte das Warten wieder richtig Spaß, wurde ich wach und warm! Und tatsächlich: mehrmals in den kommenden Stunden erlebte ich Nordlichter der Stärke 3 (auf der Skala von 0-9). Die Farbe Grün war nun klar erkennbar, zweimal wurde es so stark, dass auch weiß und lila sichtbar wurden. Währenddessen ging der Mond unter und veränderte sich die Lichtstimmung drastisch - es war ein Traum!

Da ich die Nacht durchmachte, fühlten sich auch die anderen Fotografen angespornt, die längeren Ruhepausen des Nordlichtes abzuwarten. Ab 3 Uhr nachts fanden wir uns alle zusammen auf demselben Hügel ein und führten ein paar nette Gespräche: unmittelbar bevor die Nordlichtaktivität ihr Maximum erreichte.



Ab 5 Uhr begann das Nordlicht am Himmel zu flackern und zu verblassen: ein ganz klares Zeichen, dass das Spektakel hiermit vorbei war. Also gab ich Entwarnung und schickte meine aufgedrehten internationalen Mitfotografen ins Bett: wir waren Zeuge von 6 Stunden ununterbrochener Nordlichtaktivität gewesen. Keiner von uns hätte sich mehr erträumen können!

Die Italiener und der Deutsche fuhren übermüdet aber glücklich zurück ins Hotel und auch die Kanadier gaben auf und zogen sich in ihren VW-Bus zurück. Und ich? Wäre auch ins Bett gegangen, hätte ich es gekonnt, aber statt dessen wanderte ich noch etwas und genoss die Tatsache, nun wirklich der einzige Mensch zu sein, der die immer schwacher werdenden Nordlichter und die Winternacht genießen konnte. Irgendwann konnte auch ich mich nicht mehr wachhalten und döste so lange, wie die Kälte es zuließ. Als der Himmel sich langsam wieder erhellte war ich aber schon wieder auf den Beinen und und fotografierte Stunden später den wundbaren, wolkenlosen Sonnenaufgang. Dann aber verließ auch mich die Konzentration und der Drang zum Fotografieren: per Anhalter fuhr ich mit einer netten isländische Familie zurück zu Siggis Bauernhof und holte dort in der Wärme des Hauses erst einmal eine gute Mütze Schlaf nach!

Damit endete mein Fotourlaub auf Island: drei Tage später war ich wieder auf Svalbard. Die nächsten Berichte werden also wieder aus der norwegischen Arktis stammen! Beenden will ich diesen Eintrag aber mit Bildern aus dieser traumhaften Nacht an der Gletscherlagune: Island hat mich reich beschenkt mit Motiven und Naturerlebnissen.
Danke, kleines Eiland am Polarkreis - es war ein fantastischer Islandaufenthalt!