Sonntag, 2. Juni 2013

Antarktis - von Pengwyns und Pinguinen

Irgendwann hört jeder Mensch das Wort „Arktis“ zum ersten Mal, und irgendwann verwechselt jeder die Arktis mit der Antarktis. Eins ist oben, eins ist unten, aber was ist wo? Ich habe mir das damals einfach so gemerkt: das kürzere Wort ist leichter und schwimmt oben... Seitdem kann ich die beiden Polgegenden richtig platzieren. Und wie passend, dass man auch die Tiere logisch verteilen kann! Bei uns gibt es Bären, also mussten die Eisbären auch oben, im Norden, sein. Und Pinguine sind so seltsam, die konnten sich nur auf einem so verrückten Kontinent wie der Antarktis entwickelt haben!
Tatsächlich stammen die Pinguine vermutlich von kormoranähnlichen Vögeln auf Neuseeland ab, wo es seit jeher keine Landraubtiere gab. Die Vögel konnten überall am Uferbereich einigermaßen ungestört nisten und mussten nicht, wie ihre Verwandten auf der Nordhalbkugel, auf steile, unzugängliche Klippen ausweichen. Ohne Feinde wie Polarfüchse, Marderartige, Ratten oder Bären konnten sie es sich leisten, komplett aufs Fliegen zu verzichten und ihre Flügel zu perfekten Rudern umzubauen. Statt durch die Luft, flogen die Tiere nun durchs Wasser und entwickelten sich zu schnellen und hocheffizienten Tauchern.


Weil sich die Vorfahren der Pinguine im kalten Wasser des Südpazifiks entwickeln, sind alle heute lebenden Pinguinarten so sehr an niedrige Wassertemperatuen angepasst, dass sie die warmen Gewässer des Equators nicht überqueren können: es ist ihnen dort schlichtweg zu heiß! Nur deshalb haben sie die Nordhemisphäre nie erreicht! Statt dessen haben sich dort andere, mit ihnen nicht verwandte Vögel sehr ähnlich entwickelt: die Alkenvögel. Zu ihnen zählen beispielsweise Lummen und Papageitaucher: Seevögel, die hervorragende Taucher geworden sind, aber wegen den vorhandenen Landraubtieren nicht auf ihre Flugfähigkeit verzichten können. 


Schaut euch einmal diese Gegenüberstellung an: links eine Dickschnabellumme (Alkefjellet, Svalbard, 80°N) und rechts ein Eselspinguin (Deception Island, Südliche Shetlandinseln, 62°S): 
ist es nicht erstaunlich, wie groß die Ähnlichkeiten zwischen ihnen sind? Das liegt nicht an ihrer Verwandtschaft (es sind beides Vögel, aber da hört ihre evolutionäre Gemeinsamkeit auch schon auf), sondern daran, dass sie sich denselben Lebensraum erschlossen haben und sich von ähnlichen Tieren ernähren.
Ihre schwarz-weiße Tracht ist eine hervorragende Tarnung: von oben betrachtet fällt ein fliegender oder schwimmender Vogel am wenigsten vor dem dunklen Untergrund auf, wenn er einen schwarzen Rücken hat. Von unten betrachtet, also gegen den hellen Himmel, ist weißes Gefieder am unscheinbarsten. Dieser einfache Trick hat sich bei vielen schwimmenden und fliegenden Tieren bewährt: sei es der Papageitaucher, der Mantarochen, die Rauchschwalbe oder der Dusky-Delphin, alle haben sie helle Unter- und dunkle Oberkörper.

Was ich bis zu meiner Antarktisreise nicht wusste: bei uns auf der Nordhalbkugel gab es bis zur Mitte des 19ten Jahrhunderts tatsächlich Pinguine! Auf den Inseln des Nordatlantik, unter anderem auch auf Island, lebte der Riesenalk, welcher den lateinischen Namen Pinguinus impennis trug. "Pinguin" nannte man ihn, erst später bekam er seinen modernen Namen "Riesanalk". Der Name "Pinguin" stammt entweder aus dem Walisischen „pen gwyn“ („Weiß-Kopf“: er hatte einen großen, weißen Fleck am schwarzen Kopf), oder aus dem Englischen „ping wing“ („kurzer Flügel“: er hatte Stummelflügel, konnte nicht fliegen).
Als die Portugiesen und Spanier in Südamerika und Afrika auf die heutigen Pinguine trafen, nannten sie diese logischerweise nach dem ihnen so ähnlich sehenden Riesenalk. Dass wir dessen Geschichte heute komplett vergessen haben, liegt daran, dass er zwischenzeitlich ausgestorben ist.

Der auf unzugänglichen Inseln lebende Vogel war groß (bis zu 85cm) und eine leichte Beute für hungrige Matrosen, Daunensammler (die Federn rupfte man, nachdem man die Vögel blanchiert hatte...) und Vogelbalgsammler, die auf ein Exemplar in ihrer Sammlung nicht verzichten wollten. Die letzten Tiere starben auf der Island vorgelagerten Insel Eldey, und weil die Isländer ja generell alles schriftlich festhalten, wissen wir sogar genau, wie es geschah:

„Am Morgen des 3. Juni 1844 wurden die letzten beiden brütenden Exemplare von Jón Brandsson und Sigurður Ísleifsson erwürgt und das letzte Ei von Ketill Ketilson zertreten. Die Bälge wurden an einen dänischen Sammler verkauft.“
Na super. Damit fiel wieder eine Tierart dem dümmsten und daher gefährlichsten Raubtier der Welt zum Opfer: uns Menschen...


Den Pinguinen der Antarktis geht es, zum Glück, gut, auch, weil sie streng geschützt sind. Der Klimawandel betrifft auch sie, vor allem entlang der antarktischen Halbinsel verschiebt sich die Anzahl der brütenden Tiere, aber nicht so, dass sie in nächster Zeit vom Aussterben bedroht wären. Auf einer typischen Expeditionskreuzfahrt wird man versuchen, die drei häufigsten Pinguine zu sehen: Eselspinguine (Gentoos), Zügelpinguine (Chinstraps) und Adeliepinguine.
Adelies sind die kleinsten der antarktische Pinguine, sie sind maximal 71cm groß. Sie sind am einfachsten zu erkennen: rein schwarz-weiß, mit einem hübschen weißen Augenring und Federn, die ihnen bis weit auf den Schnabel wachsen. Dies ist eine Anpassung an die Kälte: Adelies sind, nach dem Kaiserpinguin, am besten auf tiefe Temperaturen eingestellt und, auch neben dem Kaiserpinguin, die einzige rein antarktische Pinguinart. Sie brüten um und auf dem Kontinent und damit wesentlich südlicher, als die anderen Langschwanzpinguine, die man eher nördlich und auf den subantarktsichen Inseln antrifft.
Der Zügelpinguin, der aus offensichtlichen Gründen auch Kehlstreifpinguin genannt wird, ist etwas größe als der Adelie. Ich mag ihn sehr; rein schwarz-weiß ist er sehr fotogen, und die weißen Federn betonen seine helle Augenfarbe wunderbar. Wirklich, ein wunderschöner Vogel!

Ja und dann gibt es da noch die Eselspinguine, zu erkennen an ihrem weißen Augenfleck
(ein Pen Gwyn!) und dem orangefarbenen Schnabel. Es sind die auf der antarktischen Halbinsel häufigsten Pinguine, und die drittgrößte Pinguinart überhaupt: bis zu 90cm groß stehen sie, nur die Königs- und Kaiserpinguine sind größer.

Ihr Schnabel ist wie gesagt leuchtend orange: diese Farbe vereinfacht es, die Widerhaken zu sehen, die ihren Rachen zu einer regelrechten Einbahnstraße für ihre Beute machen. Pinguine verschwenden bei ihren Tauchgängen keine Zeit; sie fangen Fisch und Krill und schlucken sie sofort, unter Wasser und ohne aufzutauchen. Damit ihnen die Beute dabei nicht entwischt, ist ihre Zunge mit kleinen, starren Kreatinplättchen belegt: eine effektive Falle!


Die Antarktis ist Kontinent der Widersprüche. Das Land ist extrem lebensfeindlich: winterliche Temperaturen selbst im Sommer, harsches Wetter, kaum vorhandene Primärproduktion: dass dort überhaupt Leben zu finden ist, liegt eigentlich nur daran, dass die Säugetiere und Vögel irgendwo ihre Jungen aufziehen müssen und das im Wasser nicht können. Nur dazu kommen sie an Land: scheitern sie oder sind die Jungen eigenständig, verschwinden sie wieder in Luft und Wasser. Sehr verständlich bei Anblicken wie diesen!

Nein, nicht das Land ist der Lebensraum der Pinguine, sondern das Meer: es sind echte Wasserbewohner geworden. Sie verbringen den ganzen Winter auf dem Meer und auch ihre Jugendjahre, schlafen sogar dort draußen. Allerdings muss man dabei sagen, dass Schlaf bei vielen Tieren anders definiert ist, als bei uns: Tiefschlaf, wie ihr ihn betreiben, kann sich kaum ein Tier leisten. Delphine, Wale, Robben, sämtliche Vögel brauchen Luft zum Atmen und würden ertrinken, wenn sie in Tiefschlaf fallen würden! Von daher schalten sie immer nur eine Hirnhälfte aus: die andere ist aktiv, passt also auf die Umgebung auf und dass man nicht untergeht. Und nach ein paar Minuten wird dann gewechselt, nach ein paar Minuten wieder, und wieder, und wieder.

Was diese Tiere in die kalten Gewässer des Südens zieht, ist Krill: garnelenartige Kleinkrebse, der riesige Schwärme ausbildet. Diese sehr fetthaltigen Krebse sind der Mittelpunkt des gesamten antarktischen Ökosystems: ohne Krill wäre die Antarktis nicht attraktiv für all die großen Tiere, die nur deshalb die Kälte erdulden, um sich schnell fett zu fressen. Krill seinerseits ernährt sich von Phytoplankton, also kleinen, meist einzelligen Algen, die vor allem unter dem winterlichen Meereis wachsen. Dieses bietet den einzelligen Pflanzen perfekte Wachstumsbedingungen: es ist ein Schutz bietender Lebensraum (Eis fungiert als Wellenbrecher und als Medium, an dem man wachsen kann), und (so es nicht von Schnee bedeckt ist) lässt viel Licht hindurch, das zur Photosynthese genutzt wird. Von den Algen ernähren sich dann viele andere Lebewesen, darunter auch der so wichtige Krill: Im Endeffekt kann man also sagen, dass die gesamte Tierwelt der Antarktis vom Meereis abhängig ist. Je mehr Eis sich bildet, desto mehr Lebensraum für Algen gibt es, und dementsprechend mehr Krill und sich davon ernährende Tiere.

Anders herum betrachtet bedeutet das: gibt es weniger Meereis, geht auch die Produktion von Algen und Krill zurück und unweigerlich die Anzahl großer Tiere. Dies lässt sich Eins zu Eins auf die Arktis übertragen: und genau deswegen hat der Klimawandel dort so große Bedeutung. All der Fischreichtum der Polarmeere, all die faszinierende Tierwelt von Arktis und Antarktis stehen in direkter Verbindung zum Meereis, unter dem Algen wachsen, von dem sich dann die Tiere ernähren, welche die Grundlage unserer Fischerei sind. Es ist alles untrennbar miteinander verbunden!

In der Antarktis ist der Klimawandel lange nicht so ausgeprägt, wie in der Arktis: man sagt, dass es mit dem Ozonloch zu tun hat, das sich über dem kalten Kontinent befindet, und welches eher zu einer Abkühlung bzw. zu einem Ausgleich der eigentlich stattfindenden Erwärmung beiträgt. Die Antarktische Halbinsel trifft es dagegen umso härter: kaum ein Ort der Erde erwärmt sich schneller, als dieser weit nach Norden reichende Teil der Antarktis. Niederschlagsmengen verschieben sich, die sommerliche Meereisausdehnung erlebt immer neue Negativrekorde: so fern unsere zivilisierte Welt auch scheint, der Klimawandel ist selbst auf diesem menschenleeren Kontinent spürbar.



Die Pinguine nutzen jede Stunde des Sommers, Klimawandel hin oder her: sobald es hell ist, verlassen sie die Kolonie, fischen, und kommen dann mit vollem Magen zurück zu ihren Küken, nur um dann sofort wieder zum nächsten Beutezug aufzubrechen. Die Vögel sind ständig beschäftigt, scheinen ständig in einer Mission unterwegs zu sein: bis auf Nachts, dann verharren sie still an Land.

Auf der MS Expedition haben wir ein Camping-Programm: bis zu 60 Gäste können, so sie es vorher gebucht haben, eine Nacht in Zelten an Land verbringen. Es ist verboten, an Land zu essen, und man darf nichts hinterlassen, nicht einmal Urin: folglich ist es viel Arbeit für die Guides. Nach einem langen Tag mit zwei Landungen muss das Abendessen für die Camper vorgezogen werden, alles für den dritten Landgang vorbereitet werden, Campingtoiletten und Zelte für alle an Land gebracht werden: Camping, das bedeutet Stress und noch weniger Freizeit, als ohnehin schon, sowie sehr frühes Aufstehen für alle Beteiligten am nächsten Morgen. Ein paar Guides müssen außerdem mit den Gästen im Zelt übernachten: und ja, es ist für alle ein Muss, kaum einer macht das freiwillig.


Und genau das habe ich nie verstanden: wie kann man sich so eine Chance entgehen lassen? Ist doch völlig wurscht wenn man einmal pro Reise keinen Schlaf bekommt: ich war jedes Mal der erste, der sich freiwillig gemeldet hat, um den Gästen beim Zeltaufbau im Schnee zu helfen und einen Abendspaziergang zu organisieren! :-)

Wenn das Wetter gut genug war, leider viel zu selten, machte ich einfach die Nacht durch. Ein einziges Mal übernachteten wir in direkter Nachbarschaft zu einer Pinguinkolonie. Als alle schliefen und ich ENDLICH einmal ein paar Stunden ganz alleine mit der Natur sein konnte, bemerkte ich, dass auch bei den sonst so hyperaktiven Eselspinguinen Nachtruhe einkehrte.

Als die Dämmerung begann und auch ich wieder Farben erkennen konnte, watschelten alle erwachsenen Tiere wie auf ein Kommando zum Meer: es war Rush-hour bei den Pinguinen!

Diese Vögel haben offensichtlich eine schlechtere Dunkelsicht, als ich: sehr interessant! Da können sie von Glück reden, dass die hellen Mittsommernächte erst im Spätsommer so dunkel werden, dass Nachtruhe obligatorisch für sie wird!
Pinguine sind auch deshalb so faszinierend zu beobachten, weil sie an Land keine Feinde kennen und dementsprechend wenig Scheu zeigen. Wie alle Tiere haben sie ein Territorium und einen persönlichen "Wohlfühlabstand" zu anderen Lebewesen, aber der ist unglaublich gering. Laufend und hoch über sie aufragend empfinden sie uns ganz klar als Störung. Verhält man sich aber ruhig und lässt sich mehrere Meter entfernt von ihnen nieder, dann weckt man ihre Neugierde. Und mit etwas Geduld erlebt man dann, wie plötzlich die Tiere die Initiative ergreifen!

Oft stoppen sie ein bis eineinhalb Meter von einem entfernt, manchmal aber kennen sie keine Hemmungen. Das obrige Bild wurde spät in der Saison aufgenommen und zeigt zwei Jungvögel: der eine schon komplett gemausert, der andere noch mit einem Teil seines Daunengefieders. Beide waren sie von meinem orangefarbenen Overall fasziniert: ich habe die Vermutung, dass sie mich als riesigen, wandernden Schnabel und somit als potentielle Futterquelle ansahen. Mein Hosenbein übte eine besondere Faszination aus, denn dort konnten sie ihren Schnabel hineinstecken - ganz so, wie sie es bei den Eltern taten. Und da kam ja schließlich auch immer Futter bei raus!

Es ist wirklich einzigartig, wilden Tieren so nahe sein zu dürfen: nie im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass mir irgendwann einmal ein Pinguinküken die Brille von der Nase ziehen würde! Oder dass ich einmal lange ganz still im Sand liegen und irgendwann später Weitwinkel-Portraits von Zügelpinguinen machen können würde: diese Momente sind unschreiblich! Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal ein solch priviligiertes Leben leben können würde - unglaublich, wirklich.
Kann mich mal jemand zwicken, bitte...?


Freitag, 24. Mai 2013

Frühling in Island

Für die kommenden zwei Wochen habe ich mich in Vík einquartiert, wo ich fast ausschließlich am Computer arbeite. Es gibt erstaunlich viel aufzuarbeiten und gleichzeitig für die kommende Sommersaison vorzubereiten. Vík ist für Computerarbeit ein hervorragender Ort, denn hier regnet es eigentlich fast täglich - ist es aber mal trocken, so wie gestern, dann ist es sehr schwer, im Haus zu bleiben! Und so machte ich mich vergangene Nacht dann auch auf den Weg, den Frühling zu finden: und siehe da, ich war erfolgreich!


Da es aktuell nichts zu berichten gibt, will ich einfach nur ein paar Bilder aus den vergangenen zwei Monaten zeigen. Es begann alles mit den stärksten Nordlichtern, denen ich dieses Jahr Zeuge werden durfte: am 17. März explodierte der Himmel in grünen Farben und erstreckten sich die Nordlichter so weit in den Süden, dass ich sie mit den Reynisdrangar und Dyrhólaey ins Bild setzen konnte. Was für eine fantastische Nacht!
Damit waren meine Nordlicht-Entzugserscheinungen erstmal gestillt, soviel steht fest...
Weil es aber gerade noch winterlich kalt war, zog es mich weiter gen Osten zu den Gletscherzungen des Vatnajökull. Mit Eis verhält es sich bei mir, wie mit Nordlichtern: je mehr ich davon sehe, desto mehr fasziniert es mich! Eis ist ein so ein unglaublich abwechslungsreiches Element, immer ist es anders, immer wieder entdeckt man es neu.

Wenn man das Ganze mal aus der Distanz betrachtet, da scheint es nahezu unglaublich, dass unser Planet in genau dem richtigen Abstand zur Sonne seine Bahnen zieht, den wir zum Leben brauchen. Ein bisschen näher dran, und alles Wasser würde verdunsten, ein bisschen weiter weg, und alles wäre ständig gefroren. Statt dessen können wir ständig alle Aggregatzustände des Wassers erleben: als Gas gelöst in der Luft, als lebensspendende Flüssigkeit, und eben gefroren in winterlichen Gewässern und Gletschern. Lässt man sich darauf ein, sieht man sich immer wandelnder Kunst gegenüber, einem temporären Wirrwarr aus abstrakten Details von teils unbeschreiblicher Schönheit.

Ende März war mir dann aber doch endlich danach, gemäßigtere Temperaturen zu erleben - oder zumindest danach, nicht mehr ständig bei Minustemperaturen zu schlafen und mein Trinkwasser morgens auftauen zu müssen. Die Eislandschaft der Gletscher ließ ich guten Gewissens hinter mir und schlug mein Zelt auf Snæfellsnes in Westisland auf - davon berichtete ich ja schon. Auf der Rückreise stoppte ich dann noch an diesen wenig bekannten, wunderbaren Wasserfällen.

Danach war ich völlig ohne Plan. Es ergab sich, dass die Nordlichtchancen in einer Nacht ganz gut waren, das Wetter aber nur im Nordwesten Sichtungen versprach: also reiste ich zum Felsen Hvítserkur. Wie immer war ich per Bus und Anhalter unterwegs: doch noch nie stand ich länger an einer Staße als nun. Dort oben wohnt einfach kaum einer mehr; für die 30km von der Ringstraße zur Küste brauchte ich geschlagene 8 Stunden. Dass ich überhaupt rechtzeitig zum Ziel kam, verdanke ich einer Farmersfrau: nachdem ich ihre Kinder den ganzen Tag über amüsiert und beschäftigt hatte, brachte sie mich bei Einbruch der Dunkelheit zum Hvítserkur. Und dort gelang mir dann ein Bild, das zu machen ich mir schon lange gewünscht hatte: der Nashorn-Elefanten-Felsen und Nordlichter.

Wie prophezeit schlug das Wetter um, Schneestürme zogen über das Land, und ich verbrachte viele lustige Tage bei einer guten Freundin in Reykjavík. Als dann dort die Wetterverhältnisse besser waren, besuchte ich zum ersten Mal überhaupt eines der Hochtemperaturgebiete von Reykjanes. Ich hatte erwartet, dass es schwierig sein würde, dort zu fotografieren, da diese Naturwunder von Kraftwerken, Strom- und Wasserleitungen verbaut sind. Reykjavík braucht mehr und mehr Strom, und den gibt es auch in Island nicht ohne Preis. Die konsumorientierten Insulaner verbrennen zwar keine Kohle, zerstören und verschandeln dafür aber einzigartige Hochtemperaturgebiete. Landschaftsfotografie ist dort mittlerweile eine Herausforderung: man ist auf Dampf angewiesen, der die menschlichen Objekte verschleiert. Hat man Glück, kann man diese faszinierende vulkanische Landschaft dennoch gut in Szene setzen!
 
Auch dort wurde meinen mehrtägige Ausdauer belohnt: in einer Nacht tanzten kurzzeitig horizontnahe Nordlichter am nicht mehr ganz dunkel werdenden Nachthimmel. Gleichzeitig sorgten unser Erdtrabant und das wie ein Fußballfeld ausgeleuchtete Kraftwerk von allen Seiten für ideale Beleuchtung!

Mitte April wird der Nachthimmel schon nicht mehr richtig dunkel und hat man, wenn überhaupt, nur um Mitternacht die Chance, die schwache Lichterscheinung zu sehen. Folglich waren dies meine letzten Nordlichter der Saison, und es war gleichzeitig auch das letzte Mal, dass ich eine große Anzahl von Sternen sah: wie hier bei den Valahnúkar auf Reykjanes.





Danach habe ich eigentlich nicht mehr fotografiert, bis ich nach Vík kam. Und so will ich diesen Blog dann auch mit demselben Motiv abschließen, wie ich ihn begonnen habe: blühender Rosenwurz vor den Felsen Reynisdrangar im ersten Sonnenschein des gerade 4 Stunden und 47 Minuten alten Tages. 52 Minuten liegen zwischen den beiden Bildern: es ist doch immer wieder erstaunlich, wie Licht ein Bild verändern kann!



Freitag, 10. Mai 2013

Abonnement per Email

Diesmal nur ein sehr kurzer Eintrag.
Da ich mich ja wirklich nur sehr sporadisch zu Wort melde, habe ich rechts in der Seitenleiste eine Funktion zur Emailregistrierung freigeschaltet. Ab heute besteht also die Möglichkeit, eine Email gesendet zu bekommen, wann immer ich einen neuen Eintrag verfasse.

Wie es funktioniert?
Nachdem ihr eure Emailadresse eingetragen habt, bekommt ihr eine Bestätigungs-Email zugesandt. Darin werdet ihr gebeten, auf einen Link zu klicken: erst dann seit ihr für Abonnements registriert.

Das Ganze läuft nicht über mich, sondern über den Provider "FeedBurner", der zu Google gehört.
Wann immer ich einen Blogeintrag freischalte, wird abends eine Email an alle versandt, die sich eingetragen haben. Verändere ich am Blog nichts, werdet ihr auch nicht benachrichtigt.

Man kann diese Emails jederzeit wieder abbestellen, entweder bei mir, oder aber am einfachsten in einer der Emails, die ihr bis dahin erhalten habt. Ganz am Ende wird eine Nachricht stehen, die etwa so lauten könnte:
"To stop receiving these emails, you may unsubscribe now". 
Dieser Link wird euch dann von der Verteilerliste nehmen, so ihr das wollen würdet!

Viele Grüße aus Vík,
Kerstin


Samstag, 27. April 2013

Snæfellsnes: langer Atem und nasse Füße

Es ist wunderbar, wieder in Island zu sein – auch und besonders, weil ich seit langem wieder die Möglichkeit hatte, in mehreren kurzen Camping- und Rucksackreisen die Natur des Nordens zu erleben. In diesem völlig ungeplanten Urlaub hatte ich nur ein Ziel: alleine, ohne Zeitdruck und ohne Stress Natur zu erleben. Und nebenbei in Ruhe Landschaften zu fotografieren. 
Von einer dieser Kurzreisen möchte ich euch hier berichten.
Sonnenuntergang über dem Leuchtturm von Dyrhólaey, Westmännerinseln im Hintergrund.
Wer genau hinschaut, kann zwei Sonnenflecken erkennen.
 


   
Der März ist zugegebenermaßen nicht der beste Monat für einen Campingurlaub in Island. Es ist eine seltsame Jahreszeit zwischen Winter und Frühjahr; wettermäßig ist da mit allem zu rechnen.
Da es zu der Zeit keine öffentlichen Verkehrsmittel zu fotografisch interessanten Orten gibt, war ich per Anhalter unterwegs. Jeder andere Fotograf würde sich vermutlich ein Auto mieten, um unabhängig, bequem und schnell das Land zu bereisen. Meinem umtriebigen Leben als Guide zum Trotz versuche ich jedoch, meinen CO2-Fußabdruck zu minimieren: ich fahre kein Auto, auch wenn das mein Leben als Fotograf erschwert. Andererseits passt es wunderbar in meine Fotophilosophie: Anstatt in kurzer Zeit viel zu sehen, verbringe ich lieber eine Woche an einem Ort und lerne diesen sehr gut kennen
. Für mich ist das einer der Schlüssel zu guter Landschaftsfotografie! Und nebenbei habe ich auch noch viel Zeit, um die Natur und die unglaublichen Erlebnisse zu genießen: das ist mir wichtiger, als jedes Foto. Die Kamera ist oft mein Antrieb, um solche Strapazen auf mich zu nehmen. Aber vor Ort, da lebe ich im Moment und genieße es, einfach nur unterwegs zu sein: ob die Kamera zum Einsatz kommt oder nicht, ist da nicht so wichtig. Ich habe da mal ein schönes Zitat gelesen, das den Nagel auf den Kopf trifft:

If I can make one good photograph a day, that keeps me going.
And if I cannot manage one, well, at least I have had the huge privilege of being in the mountains.
  
Bärlapp im Lavafeld Drangahraun, Snæfellsjökull im Hintergrund

   
Auf der Halbinsel Snæfellsnes gibt es einen Ort, an dem ich vor Jahren einmal kurz gewesen war und den ich seitdem immer wieder besuchen wollte: Lóndrangar, zwei fantastische Basaltfelsen, die unmittelbar an der dortigen Steilküste in den Himmel ragen. Fotografisch sind sie eigentlich noch nicht wirklich bekannt: auch das ein Reiz, sich mit ihnen zu beschäftigen. Und weil die Wettervorhersage ganz in Ordnung schien, holte ich mir die Erlaubnis, im Nationalpark zu zelten, und machte mich dann per Bus und Anhalter auf den Weg dorthin.


Als ich am Gletscher Snæfellsjökull angekommen war, stellte ich meinen Tagesrhythmus auf den Kopf: Bei solchen Fototouren schlafe ich tagsüber und bin stattdessen während der warmen Lichtstunden, zu den Dämmerungen und nachts aktiv. In den ersten beiden Tagen erforschte ich die Gegend wandernd und lernte viel über den Ort. Die Brandung an der Küste war gewaltig: tagelanger Südostwind bauschte die Wellen meterhoch auf. Zudem herrschte Springtide, was bedeutet, dass Flut und Ebbe ihre Extreme erreichen. Den Brechern zuzuschauen war ein Heidenspektakel: ich weiß gar nicht, wie viele Stunden ich allein damit verbrachte! Viel geschlafen habe ich jedenfalls nicht!
Schnell hatte ich meinen Lieblingsort ausgemacht. Die Wellen brachen auf einem schmalen Landstreifen unterhalb einer 20 Meter hohen Steilküste. Dort unten zu fotografieren war risikoreich; von der einen Seite drohte Steinschlag, von der anderen Seite rauschten die meterhohen Wellen heran. Dieser kleine Küstenstreifen war nur in den Stunden der Ebbe zugänglich: leider fielen Sonnenauf- und Untergang immer mit der Flut zusammen. In Meeresnähe bestand eigentlich gar keine Chance, trocken zu bleiben; die Gischt war überall, immer wieder kamen Brecher, viel größer als jene zuvor, die mir umsonst und ungefragt eine Dusche spendierten. Dazu spielte mir das Wetter einen Streich nach dem anderen: wenn das Licht interessant wurde, begann es beinahe zuverlässig zu regnen. Es war zum Mäusemelken!

Fünf Tage können wie im Fluge vergehen, sie können aber auch lang und voller Zweifel sein. Wenn man beispielsweise (mal wieder) von einer Monsterwelle fast ins Meer gespült wurde, völlig durchnässt ist und sich (nicht ganz unbegründet) um das Wohl von Kamera und seiner selbst sorgt. Wenn einem (mal wieder) der Regen alle Fotopläne verübelt und einem auf dem Rückweg ins Zelt das ganze Salz abwäscht, nur um aufzuhören, sobald man in Sichtweite des Zeltes kommt. 
Oder eben auch nicht aufhört und einen stundenlang ins Zelt verbannt, woraufhin man einschläft und dann die tollen Lichtstimmungen verpasst, die kurzzeitig vorherrschen, als man schläfrig aus dem Zelt lugt. Und wenn man dann hektisch in seine komplett nasse Kleidung springt und 15 Minuten zum Motiv hetzt - beginnt es wieder zu regnen sobald die Kamera endlich auf dem Stativ steht. ARGH!

Aber mal Hand aufs Herz: das gehört alles dazu, inklusive verpasster toller Motive und einer Menge Flüche in verschiedenen Sprachen! Denn man darf nie vergessen: man erlebt sie eben doch, diese tollen Momente. Man muss sie sich halt erarbeiten. Erwandern und erwarten. Nicht Geld, Autos oder tolle Guides bringen einen zu guten Bildern, sondern ein langer Atem und viel, viel Zeit draußen in der Natur. Und genau diese Momente, die ich nicht hinter der Kamera verbringe, das sind die, welche ich am besten in Erinnerung behalte - und genieße!
Dann aber war es endlich soweit: als ich am Morgen des fünften Tages um 3 Uhr aus dem Zelt lugte, blinzelten mich Sterne in großen Wolkenlücken an. Die Regenwolken hatten sich zum Horizont verzogen; der tiefstehende Mond stand am Südhorizont im Sternbild des Löwen. Ich entschied mich, trotz Dunkelheit zum riskanteren meiner beiden Lieblings-Fotoorte zu wandern. Es war insofern risikoreich, als das er unterhalb der bereits erwähnten Steilklippe lag. Dorthin im Dunkeln zu wandern bzw. klettern, war eine Sache: die Wellen aber wollte und musste ich sehen können. Ich wollte schließlich nicht als Fischfutter im Meer oder als Algendünger in der Klippe landen...
Mittlerweile kannte ich die Höhepunkte der Gezeiten und wusste, dass mir nur ein kleines Zeitfenster blieb, um dort zu fotografieren. Frühestens im fortgeschrittenen Licht der Morgendämmerung konnte ich mich in die Nähe der Wellen wagen. Und spätestens bei Sonnenaufgang musste ich den Rückweg angetreten und den steilen Aufstieg zur Klippe erreicht haben, wenn ich nicht von der Flut eingeschlossen werden wollte.

Die Morgendämmerung verging viel zu schnell! Es war durch und durch herausfordernd, dort unten zu fotografieren. Ständig musste ich mich vor großen Brechern in Acht nehmen; ich konnte kaum mehr als zwei, drei Bilder machen, bevor ich Kamera, Stativ und mich vor den nächsten Wellen in Sicherheit bringen musste. Die Luft war gesättigt von Gischt, was es schwer machte, mit Kamera und Filtern zu hantieren, besonders auch, weil ich es mir kaum leisten konnte, meine Aufmerksamkeit von der Küste und den ankommenden Wellen zu nehmen.

Die Macht der größten Brecher war einfach nur beeindruckend! Donnernd brachen sie über die Küste herein, schossen an den ersten Felsen bis zu 10 Meter hoch in die Luft oder aber rollten gut 50 Meter weiter als die Wellen zuvor. Teilweise wähnte ich mich den Niagarafällen gegenüber: Ich war der Brandung völlig ausgeliefert, musste die anrollenden Wassermassen ständig abschätzen und immer bereit sein, schnell davonzurennen. Und das tat ich, oft und immer wieder: ich wartete bis zum letzten Moment, und sobald das Foto im Kasten war, schnappte ich mir die Kamera auf dem Stativ und rannte auf den nassen Steinen wie auf rohen Eiern den Wellen davon. Sie holten mich meist trotzdem ein, ich wurde klatschnass und musste öfters um festen Stand kämpfen: aber es hat einen Heidenspaß gemacht! Schließlich wurde ich mit Anblicken und Motiven belohnt, die beinahe nicht von dieser Welt scheinen: tosende Brandung vor den fotogenen Klippen, unter dem untergehenden Mond, der sich sich im Licht der Morgendämmerung in einem fließenden Pool aus Salzwasser spiegelte – auch wenn ich ständig auf der Flucht war, war es schlichtweg atemberaubend!

Wie erwartet wurden die Wellen bei steigender Flut immer höher und zwangen mich schließlich genau zu Sonnenaufgang zum Rückzug. Teilweise war das Meer schon bis zur Klippe vorgedrungen; um zum Aufstieg zu gelangen musste ich niedrige Wellen abwarten und bei den kritischen Passagen durch knietiefes Wasser waten. Was für ein Triumphgefühl, als ich dann endlich wieder oben in Sicherheit stand: Adrenalin im Blut, erfüllt von der puren Freude, am Leben und in der Natur zu sein!

Mit Blick aufs Meer setzte ich mich schließlich für eine Weile, genoss still den Sonnenaufgang und sah in Ehrfurcht dorthin, wo ich Minuten zuvor noch gestanden hatte. Die Küste unterhalb der Klippe hatte sich in einen kochenden Hexenkessel aus tosenden Wellen verwandelt; Land war kaum mehr zu sehen. Dass ich da unten gewesen war, schien auf einmal völlig wahnsinnig zu sein. Einmal mehr hatte ich den Elementen Erfahrungen und Bilder abgerungen, an die ich ohne etwas Einsatz und Risiko nicht gelangt wäre. Es war ein durch und durch beeindruckendes Erlebnis, und es unbeschadet überstanden zu haben, lässt mich heute noch Ehrfurcht und tiefe Dankbarkeit empfinden!
Die Küste eine Viertelstunde nach meiner geglückten Flucht, fotografiert vom Ort des Auf- und Abstiegs.
Meine Fotomotive hatten sich genau zwischen dem Eissturmvogel im Vordergrund und der Felsenburg im Hintergrund befunden: die 500m des Rückweges kamen einem Spießrutenlauf gleich. Gut, das gerade noch geschafft zu haben!

Samstag, 13. April 2013

Antarktis - von Walen und Robben

Hallo zusammen!
Nach fast einem Monat auf Island, den ich überwiegend im Zelt verbrachte, bin ich nun in Reykjavík und finde endlich Zeit und Muße, um mich wieder diesem Blog zu widmen. Ein solcher Eintrag ist ja dann doch immer ziemlich zeitintensiv!

Von Anfang Januar bis in die zweite Märzwoche hinein war ich also mit der MS Expedition im Südpolarmeer unterwegs. Das äußerst fotogene Schiff, eine umgebaute und eisverstärkte Autofähre, gehört der kanadischen Firma G Adventures und beherbergt überwiegend Gäste der Commonwealth-Nationen: Amerikaner, Briten, Australier und Kanadier machen das Gros der Besucher aus, der Rest kommt von ziemlich überall. Das Klientel ist generell gut betucht, da diese Reisen teuer sind. Die kürzeste Fahrt von Ushuaia und zurück kostet in der günstigsten Kategorie 4500€ - das ist weniger, als auf anderen Schiffen. Genau deswegen sind hier immer wieder viele junge Leute mit dabei, die sich einen lang erarbeiteten Traum erfüllen - und den Altersdurchschnitt dadurch senken.
An Bord sind meistens 133 Gäste. Die Besatzung, also die Crew, Offiziere, das Hotel-Team und wir Expedition-Guides, zählt 65 Leute, überwiegend Filipinos (Hotel und Kombüse) sowie Osteuropäer (Offiziere und Maschinenraum): insgesamt befinden sich auf dem Schiff also knapp 200 Menschen. Jedes Mal in Ushuaia werden Containerladungen mit Lebensmitteln in den großen Laderäumen verstaut. Trinkwasser wird durch Osmose selbst hergestellt: gespart wird in diesem Luxus-Hotel an nichts. Im Hafen warten bei jeder Landung vier bis fünf Tankwagen darauf, mehrere Hunderttausend Liter Diesel in die Tanks des Schiffes zu pumpen. Klimaschädlicher geht's kaum! Ich denke nicht, dass es irgendein (Expeditions-)Kreuzfahrtschiff gibt, das wenig Ressourcen verbraucht - das liegt einfach in der Natur der Sache. Wer es mit Natur- und Klimaschutz ernst meint, der sollte definitiv nicht an solchen Reisen teilnehmen!
Eine standardmäßige Reise in die Antarktis beginnt mit einem 17stündigen Flug nach Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens auf 54°Süd. Nur zum Vergleich: die Insel Usedom liegt auf 54°Nord – dort sind wir also noch weit vom Pol entfernt. Von hier aus bringen über 20 Schiffe zahlende Touristen in die Antarktis: kleinere (20 Passagiere und mehr) bishin zu größeren (200 Passagiere Maximum). Die standardmäßige Antarktisreise dauert 10-14 Tage, wovon insgesamt mindestens fünf Tage auf hoher See verbracht werden, da die Fahrt über die Drake-Passage jeweils zweieinhalb Tage in Anspruch nimmt. Und dann ist man "erst" bei den Südlichen Shetlandinseln angekommen: auch spannend und voller Tierleben, aber eben noch nicht die antarktische Halbinsel. Um dorthin zu kommen verliert man noch einmal einen halben Tag. Es ist und bleibt eben eine Seereise!


Eben weil man auf jeder Reise so viel Zeit auf dem Meer und so wenig Zeit an Land (oder zumindest in Landnähe) verbringt, war ich heilfroh, an insgesamt sechs Reisen teilzunehmen! Eine davon dauerte insgesamt 21 Tage und führte mich neben der Antarktis auch nach Südgeorgien: davon berichtete ich ja schon. Südgeorgien ist nicht die Antarktis: es befindet sich auf dem gleichen Breitengrad wie Ushuaia, liegt aber 1400km weiter östlich total abgelegen im Südatlantik. Nur sehr wenige, meist sehr betuchte Gäste können sich die Reise dorthin leisten. Für mich war Südgeorgien, wie ich ja schon berichtete, absolut unglaublich: es ist das Galapagos oder die Serengeti der Kälte, sagt man, einfach ob der schieren Anzahl der Tiere, die dort dem Wetter trotzen, um vom Fischreichtum des umliegendes Meeres zu profitieren.
Ich selber habe soeben erst erfahren, dass ich in genau einem halben Jahr wieder dort sein darf: diesmal nicht mit der MS Expedition, sondern mit der deutsch-schwedischen Kooperation von 'Polar Kreuzfahrten' und 'PolarQuest' auf der MS Ocean Nova, einem kleinen Schiff für "nur" 75 Gäste, auf dem ich auch letzten Sommer schon gearbeitet habe. Wer von euch vom 18. Oktober bis zum 12. November 2013 noch nichts zu tun hat und über das nötige Kleingeld verfügt, der sei herzlich eingeladen, mich zu begleiten: dies ist die wohl traumhafteste Südgeorgien- und Antarktisreise, die es gibt! Ich jedenfalls freue mich wirklich unglaublich, als Guide und Lektor mit an Bord zu sein: weitere Informationen zu dieser Tour findet ihr hier!

Die Antarktis ist jedoch mindestens ebenso faszinierend: völlig egal ob bei strahlendem Sonnenschein (eher selten) oder dichter Bewölkung. Es ist ein Kontinent ohne Menschen, eine riesige Wildnis, bei der man den Launen der Natur und da besonders des Wetters völlig ausgeliefert ist. Sowohl als Guide als auch als Fotograf ist die Antarktis eine einzige Herausforderung: man weiß nie, was einen erwartet, muss immer auf alles gefasst sein. Und das bedeutet vor allem eines: dass man unglaublich spontan sein muss. Wenn sich das Wetter von jetzt auf gleich ändert, dann müssen alle Pläne umgeworfen werden. Tierleben kann man nicht einmal ansatzweise planen: Pinguine sind zwar an ihren Kolonien anzutreffen, Wale aber kommen und gehen, wann es ihnen beliebt. Auch das Wetter muss stimmen, um sie beobachten zu können: alles in allem ist es wirklich und wahrhaftig eine Expedition: immer offen für das Unbekannte, immer bereit, alle Pläne komplett ins Gegenteil zu verkehren.

Sieht man beispielsweise Orcas, was nun wirklich nicht oft vorkommt, dann gibt es gar keine andere Wahl: egal was auf dem Programm stand, nun wird erstmal eine Runde "Whale watching" betrieben!
Orcas sind sehr schnell unterwegs, und meist kann man sich ihnen nicht so nah annähern, wie den oft trägeren und toleranteren Buckelwalen. Zweimal nur sahen wir diesen Sommer Schwertwale (ich mag den Namen "Killerwal" nicht), aber beide Male waren es faszinierende Begegnungen: aus der Ferne, aber wunderbar!

Buckelwale kommen, wie die meisten Tiere, nur im Sommer in die Antarktis, um Krill zu fressen, den es hier dann wie gesagt in Massen gibt. Es sind Langstrecken-schwimmer, die im Winter gen Äquator ziehen, um in warmen Gewässern ihre Jungen zu gebären. Die arktischen Wale machen das genauso, aber ein halbes Jahr versetzt im nördlichen Winter: daher vermischen sich die Populationen der Arktis und Antarktis (vermutlich) nicht.


Genau wie ihre arktischen Verwandten sind diese bis zu 15 Meter langen Riesen meist wenig scheu und lassen sie sich oft beim Fressen beobachten. Dabei kommen sie, wenn wir etwas Abstand halten und die Motoren ausstellen, teilweise sehr nahe an die kleinen Zodiacboote heran. Es ist immer wieder ein überwältigendes Erlebnis, diesen Riesen so nahe zu sein!
Von den kleineren Zwergwalen, rechts im Bild, hatte ich bisher keine hohe Meinung. In der Arktis sind sie generell eher scheu: was ihnen aber kaum zu verübeln ist, werden sie dort schließlich im großen Stil gejagt. In der Antarktis aber waren sie unglaublich aktiv: sie sprangen hoch aus dem Wasser und suchten oft Kontakt. Einmal tauchte eine Dreiergruppe langsam direkt unter meinem Zodiac entlang: ein Auge zu uns gerichtet, neugierig, aufmerksam. Diese Tiere blicken einem direkt in die Seele!

Faszinierende Begegnungen gab es auch mit den verschiedenen Robben der Antarktis: vor allen aber mit den Seeleoparden. Diese bis zu vier Meter langen Räuber sind meist sehr neugierig und wenig scheu, da sie ganz oben in der Nahrungskette stehen: einzig und allein die Orcas müssen sie fürchten, ansonsten aber sind sie die Jäger der Südmeere.
Sie fliegen mit ihren riesigen Vorderflossen durch das
Meer und jagen mit ihrem beeindruckenden Gebiss in ihrem reptilienartigen Schädel andere Robben und Pinguine. Trotz alledem fressen sie aber auch Krill, winzige Garnelen, von denen sich, direkt oder indirekt, alle Tiere in der Antarktis ernähren: eben auch diese geschickten Jäger, denen wir immer wieder begegnen durften!


Es gibt dort unten noch andere Robben: die Weddellrobbe beispielsweise, welches das einzige Tier ist, das auch den Winter in der Antarktis verbringt. Man begegnet ihr immer wieder: sie ist weniger aktiv als der Seeleopard, einfach ein gemütlicherer Zeitgenosse, der sich ausschließlich von Krill ernährt - und das nicht schlecht! Weddellrobben sind meistens recht gut im Futter...
Die Weddellrobbe hat ein richtig niedliches Gesicht und sieht damit den uns bekannten Seehunden am ähnlichsten: von der Leibesfülle einmal abgesehen. Es gibt noch eine andere häufige Robbenart: die Krabbenfresser. Die fressen zwar keine Krabben, sondern ausschließlich Krill, aber sind dafür die häufigste Robbenart der Welt: man vermutet, dass es von dieser rein antarktischen Robbenart mehr Tiere gibt, als alle anderen Robben zusammengenommen!
Anfangs fiel es mir schwer, die Robben auseinander zu halten, aber eigentlich ist es ganz einfach. Der Seeleopard ist der größte von allen und hat einen schlangenähnlichen Kopf. Die Weddellrobbe ist die dickste und hat einen katzenähnlichen Kopf. Und der Krabbenfresser ist der einfarbigste und hat einen hundeähnlichen Kopf. Außerdem tendieren Krabbenfresser dazu, sehr scheu zu sein: dementsprechend selten habe ich sie gesehen!

Jede Antarktisreise beginnt und endet mit einem oder zwei Stopps auf den Südshetlandinseln, die als subantarktische Inseln gelten. Dort gibt es noch zwei weitere Robben, die ihr schon kennt: die Pelzrobben, auch Ohrenrobben, Seebären oder Motztrolle genannt, die kleinsten und einzigen, die keine "Echten Robben" sind. Noch gibt es hier keine Kolonien von ihnen, gegen Ende der Saison kommen aber vermehrt Tiere hier an Land, um sich auszuruhen und Scheinangriffe auf Menschen zu veranstalten!
Und dann trifft man auf den Südshetlandinseln auch die größten (und dicksten) aller Robben an: die See-Elefanten! Diese lustigen Wesen haben, wie viele antarktische Tiere, ein kleines Problem: sie können sich kein Loch in ihrem Tauchanzug erlauben. Ihre Haut aber muss sich erneuern, wie bei allen Tieren. Normalerweise verlieren alle Säugetiere ihre Haut das ganze Jahr hindurch in winzigen Stückchen: wir ja auch, wir nennen das "Schuppen" und ärgern uns darüber. Würden die antarktischen Tiere ihre Haut auch ständig erneuern, dann wäre ihr Tauchanzug nie dicht: und deshalb häuten sich die See-Elefanten innerhalb weniger Wochen, und stoßen in der Zeit ihre gesamte alte Haut ab. Während dieser Zeit sind sie nicht wasserdicht (bzw. nicht kälteresistent) - und verlassen das Land nicht. Für die ausgewachsenen Männchen ist im Spätsommer der Zeitpunkt zum Hautwechsel gekommen: und so liegen sie in Gruppen an Land und warten darauf, dass ihnen endlich die juckende Haut abfällt.

Wenn man sieht, wie sie dort liegen, sich ständig kratzen und offensichtlich ziemlich gelangweilt sind, erscheinen einem Schuppen plötzlich als ein Segen - man, bin ich froh, dass ich nicht einen Monat lang Hausarrest habe und darauf warten muss, dass meine Haut sich pellt! *grusel*

So, das waren sie: die Säugetiere der Antarktis, denen ich im vergangenen Winter / Sommer begegnet bin. Nur ein Bild fehlt noch: das wurde aber nicht in der Antarktis aufgenommen, sondern im Beagle Channel unmittelbar vor der Ankunft in Ushuaia, Südamerika. Es zeigt Schwarzdelphine (Dusky Dolphins), eine sehr kleine, menschengroße Delphinart, die total verspielt ist, viel springt und sehr gerne Schiffe begleitet. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen, wie sie durchs Wasser pflügen und ab und an Salti schlagen!
Delphine gibt es in der Antarktis übrigens nicht: aus dem einfachen Grund, dass sie zu dünn sind. Um im kalten Wasser des Südpolarmeeres zu überleben, braucht man eine dicke Fettschicht: und die haben Delphine nicht. Also sind sie auf wärmere Gewässer angewiesen, oder zumindest nicht auf komplett eisige Ozeane!

Ja und damit will ich diesen Eintrag dann auch beenden.
Auf bald!