Sonntag, 3. April 2011

Die Farben der Nordlichter

Pünktlich mit dem Beginn einer Gutwetterperiode verlasse ich Grundarfjörður. Zum einen soll ich mein Zimmer für die Osterferien räumen, zum anderen ist mein Rücken nun so stabil geworden, dass ich mit Sport und Rückengymnastik beginnen kann. Ein Schwimmbad muss her! Also werde ich die nächsten 6-10 Wochen in Reykjavík verbringen. Bah.
Dennoch spricht einiges für die in meinen Augen viel zu große, laute und hektische Stadt. Unter anderem habe ich dort bei einer Freundin ein preiswertes Zimmer gefunden, bin dort umgeben von Bibliotheken und Krankengymnasten, und werde vermutlich auch beim FÍ im Büro arbeiten können. Mein Hauptanliegen ist es aber, meinen Rücken auf Vordermann zu bringen. Wenn ich ganz viel Glück habe, dann könnte ich im Spätsommer wieder abseits von Teerstraßen wandern und Natur erleben. Das ist mein Ziel, und dafür muss gearbeitet werden. Folglich wird ab morgen täglich geschwommen!

Grundarfjörður hat mir den Abschied in sofern leicht gemacht, als dass ich in den letzten beiden Nächten noch einmal Nordlichter fotografieren durfte. Die Wolken, Regenschauer und ich kämpften stur um den längeren Atem: und beide gewannen. Es regnete, war jeweils vor und nach meiner mehrstündigen Nachtschicht komplett bewölkt, und doch durfte ich ungewöhnlich farbige Aurora in kleineren und größeren Wolkenlücken erleben. Vermutlich waren es die letzten Nordlichter der Saison, denn in Reykjavík dürft sich Nordlichtfotografie ob der Lichtverschmutzung als schwierig erweisen. Zumal es in vier Wochen zu hell sein wird, um Aurora sehen zu können. Dann hab ich erstmal Ruhe bis Ende August und kann auch bei gutem Wetter ruhig durchschlafen!

Sodenn: mit diesen Bilder will ich mich von Grundarfjörður verabschieden. Es war eine schöne Zeit!

Eine Langzeitaufnahme von schwächeren, fast farblosen Nordlichtern, eingerahmt von Regenwolken. Dieses Grün ist die mit Abstand häufigste Farbe der Aurora.

Manchmal ist Aurora so hell, dass man sie sehen kann noch bevor es gänzlich dunkel geworden ist. Wenn die Nordlichter so stark sind, dann wird das Grün zu Gelb und manchmal auch zu Orange.

Pink ist eine eher selte Farbe und noch dazu extrem kurzlebig. Während das Grün lange leuchtet, ist das Pink meist weg, bevor man es wirklich gesehen hat. Das hat mit seiner Entstehung zu tun. Owei, jetzt wirds lang - egal, da müsst ihr durch! :-)

99,9% aller Luftmoleküle unserer Atmosphäre befinden sich in einer 100km dicken Schicht um unseren Planeten, der sogenannten Homosphäre. Danach beginnt offiziell zwar der Weltraum: aber in den folgenden 900km, der Heterosphäre, befinden sich halt immer noch Luftmoleküle. Und genau die sind es, welche normalerweise vom Sonnenwind zum Leuchten angeregt werden. Meistens sind es Sauerstoffmoleküle: wenn sie von den hochenergetischen Elektronen getroffen werden, geben sie mehrere Minuten lang grünes Licht von sich.

Trifft jetzt starker Sonnenwind die Atmosphäre, dann kann der bis in die Homosphäre durchdringen, also bis unter 100km Höhe. Dort hat die Luft die gleiche Zusammensetzung wie direkt am Boden: Stickstoff überwiegt. Und wird Stickstoff dort zum Leuchten angeregt, dann glüht er pink: dies allerdings nur wenige Sekunden lang. So kommt es also, dass man bis zur Grenze zwischen den Atmosphärenschichten die gut erkennbaren, lang grün leuchtenden Nordlichter hat und darunter, nur ganz kurz und schnelllebig, ein Streifen Pink.


In der Heterosphäre, also in über 100km Höhe, haben die Luftmoleküle ewig viel Platz und ordnen sich nach Eigengewicht und Ladung in Schichten an. Zuunterst liegt Sauerstoff, der grün leuchtet. Darüber liegt eine dicke Schicht Stickstoff: die leuchtet blau/lila, das allerdings so schwach, dass es menschliche Augen, wenn überhaupt, nur als farblos wahrnehmen. Die Sensoren und Filme von Kameras erkennen die Farbe aber in Langzeitbelichtungen deutlich!

Was man an diesem Foto einmal abschätzen kann, sind die Entfernungen. Die Stadt Grundarfjörður und mein Lieblingsberg Kirkjufell sind im Vordergrund. Die grünen Nordlichter sind nach unten hin in ziemlich genau 100km Höhe "abgeschnitten", genau an der Trennungsschicht der Homo- und Heterosphäre. Die blauen Nordlichter reichen bis etwa 200km in den Himmel hinein - danach herrscht wieder Sauerstoff vor. Und um diese obere Schicht in 300km zum Leuchten azuregen, braucht es einen heftigen Sonnensturm, der dann diese ganze obere Schicht weinrot glühen lassen würde. Aber solch eine Atmosphärenstörung gab es seit dem Jahr 2005 nicht mehr. Nächstes Jahr vielleicht! :-)

Und jetzt genug vom Nordlichtexkurs. Hier noch ein Bild von den wenigen Sekunden, wo meine Augen zum ersten Mal farbiges blaues Nordlicht erkannten. Im Gegensatz zum vorherigen Bild, wo ich das Blau als grau einschätzte, erkannte ich hier einen kühlen Farbton, ein ganz, ganz schwaches blau-lila. Die Kamera sah mal wieder mehr als ich. Egal: diesmal ließ ich es so! Sieht echt klasse aus! :-)

Sonntag, 27. März 2011

Vom Schreiben meines Buches

Als ich mich vor einem Monat in mein kleines Garagenzimmer in Grundarfjörður einmietete, dann tat ich das in dem Bestreben, Ruhe zu haben und mich ganz ohne Stress dem Schreiben meines Buches widmen zu können.
Fünf Wochen später habe ich genau drei von insgesamt 50 Kapiteln geschrieben und sollte mich eigentlich so langsam mal ranhalten - denn wenn das so weitergeht, wird der Band 2012 noch nicht fertig sein!

Das Hauptproblem am Schreiben ist, wie sollte es anders sein, die Ablenkung. Ich war durch die Ausbildung zum Ranger im vergangenen Monat insgesamt 9 Tage in Skaftafell und Reykjavík und darf mich nun 'landvörður' nennen. Als Ranger kann ich von nun an in allen Nationalparks und Schutzgebieten Islands arbeiten - ich freue mich! Eine spannende Arbeitsmöglichkeit mehr! :-)

Ein weiteres Problem ist meine Nachtaktivität. Seit Monaten bin ich begeisterter Dumpsterdiver / Mülltaucher bzw. ich gehe 'containern' wenn ich Lust und Zeit dazu habe. Das heißt schlichtweg, dass ich nicht mehr tagsüber in den Supermärkten einkaufe, sondern ich nachts in deren Müllcontainern herumkrabbele und mich munter an einem sehr ausgiebigen Sortiment bediene. Dies tue ich aus Protest und zur Konsumverminderung: was in unserer Konsumgesellschaft weggeschmissen wird, ist schlichtweg pervers! Von daher habe ich keinerlei schlechtes Gewissen oder Ekel: seht her, so schlimm wie man sich das vorstellt ist es nämlich gar nicht! 90% der von den Supermärkten weggeworfenen Lebensmittel sind kompromislos genießbar! Eine Schande wäre es hingegen, das alles der Müllverbrennung zuzuführen!



Damit schlage ich mir also meine Nächte um die Ohren - es sei denn, es ist gutes Wetter und sind Nordlichter am Himmel zu sehen. Dann verlege ich das Schlafen auf den Folgetag und warte warm eingemummelt an einem fotogenen Ort auf die grünlichen Lichter.

Vor zwei Wochen gab es einen Nordlichtsturm, nur war leider schlechtes Wetter für Snæfellsnes vorhergesagt. Also stand ich um die Mittagszeit and der Straße und hielt den Daumen in den Wind. Drei Stunden, drei Autos und 200km später war ich in Þingvellir (viel früher als gedacht!) und durfte dort eine wundervolle Nacht mit teilweise sehr starker Aurora erleben. Es war wirklich einfach nur genial!



Dass ich bei -15°C keinen Schlaf fand war nebensächlich - schließlich konnte ich am nächsten Abend in meinem Bett in Grundarfjörður durchschlafen. Am Tag danach wollte ich, wie immer, endlich richtig mit dem Schreiben beginnen - aber da meldete sich ein mir bis dato unbekannter iranischer Fotograf übers Internet und bat mich um Rat zu seiner spontan geplanten Fotoreise in Island. Das ganze endete darin, dass ich vier Tage lang mit ihm und seinem irischen Freund mitreiste. Bei durchgehender Bewölkung, Regen und Schneefall besuchten wir Vík, Skaftafell und Jökulsárlón und konnten einige sehr schöne Bilder machen! Besonders faszinierten mich die hohen Wellen, die der Südwind die Küste hinauf peitschte und denen ich stundenlang zusehen konnte.


Heute dann war es endlich soweit: ich hatte mir fest vorgenommen, nun richtig mit dem Schreiben beginnen und mindestens zwei Kapitel verfassen.

Nur war es leider so, dass ich beim verspäteten Zubereiten meines Mittagessens (Spaghetti mit Restesoße) aus dem Fenster schaute und ständig seltsame Reflektionen auf dem Meer sah. Die Kamera als Fernglas nutzend offenbarte sich mir ein völlig unerwartetes Bild: im Fjord drängelten sich Wale! Also ließ ich mein Mittagessen sausen, schnappte mir meinen Kamerarucksack und ging so schnell ich konnte hinunter zum Hafen. Zwei Boote befanden sich schon auf dem Fjord und guckten sich das Spektakel an - ich war etwa eine halbe Stunde zu spät gekommen. Im kleinen Privathafen fand ich nur noch einen Fischer, der gerade seinen kleinen Kutter betankte und erst gar nicht verstand, warum um alles in der Welt ich so dringend diese Wale sehen wollte. Dann aber lachte er nur und meinte, ich solle aufspringen, wir würden uns das mal angucken gehen.


Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und kletterte über die Reling des kleinen Bootes namens Birta, dessen Besitzer Kristinn hieß. Kristinn ist übrigens ein gängiger isländischer Männername: die Frauenversion wird Kristín geschrieben.

Nur fünf Minuten dauerte die Fahrt, dann befanden wir uns mitten in einer großen Familiengruppe von Schwertwalen / Orcas, die das Wasser durchflügten. Kristinn zeigte mir auf seinem Radar, dass sie einen riesigen Heringsschwarm zusammengetrieben hatten und sich zügig daran satt futterten. Mindestens 20 Tiere verteilten sich über die ganze Breite des Fjordes, egal wohin man guckte sah man die Finnen der majestätischen Tiere auf- und untertauchen. Einige sehr große Männchen waren darunter, deren Rückenflossen über einen Meter lang waren. Sie interessierten sich herzlich wenig für uns, dafür aber umso mehr für die Millionen von Heringen im Wasser unter uns. Das große Fressen spielte sich zwar in einigen Metern Tiefe ab, aber die Wale kamen immer zum Atmen an die Oberfläche. Über ihnen kreisten Tausende von Möwen und Eissturmvögeln, die sich an der Wasseroberfläche um tote Heringe stritten.


Kristinn blieb dort für 15 Minuten, die mir einerseits wie eine Ewigkeit vorkamen, andererseits viel zu schnell vorbei waren. Ich hätte ihnen ewig zuschauen können, diesen größten Delphinen der Welt! Aber Kristinn musste seine Netze einholen und so fuhr er mich zurück zum Hafen. Geld wollte er keines von mir haben, aber über Bilder täte er sich freuen, sagte er, und fuhr dann aufs offene Meer hinaus, um Heilbutt zu fangen.

Ja, und so sitze ich nun hier und freue mich unbändig über diese 15 Minuten bei den Orcas. Trotz allem Geschaukel entstanden dabei sogar brauchbare Bilder: was für ein Tag! Von diesem Erlebnis werde ich noch lange zehren! Um morgen dann, endlich und ganz bestimmt, so richtig mit dem Schreiben des Buches zu beginnen! ;-)


Mittwoch, 23. Februar 2011

Grundarfjörður

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt – wieder einmal hat sich dieses Sprichwort mehr als bewahrheitet.

Eigentlich wollte ich diesen Winter nach Island reisen, um im winterlichen Landmannalaugar als Hüttenwart zu arbeiten. Einerseits ist es landschaftlich dort unglaublich schön, und andererseits liegt da Schnee. Im Gegensatz zu Mitteleuropa hat Island in den vergangenen zwei Jahren nämlich kaum Schnee abgekommen: die Berge sind zwar leicht gepudert, aber Wintersport kann man an den wenigsten Orten betreiben. Daher der Plan, in Landmannalaugar zu arbeiten: dort würde ich mich mit meinen bis dahin neu angeschafften Backcountry-Skiern anfreunden können. Denn obwohl ich so viel Zeit in Skandinavien verbracht habe, sind mir Ski ziemlich fremd!

Die Háalda bei Landmannalauger, Winter 2008

Nach einem Skiurlaub in Österreich bekam ich jedoch so starke Rückenschmerzen dass ich zum Orthopäden ging und dieser mir einen leicht deformierten Lendenwirbel und daraus resultierende Bandscheibenprobleme offenbarte. Mehr noch: er sagte ziemlich deutlich dass ich mein bisheriges Leben so nicht weiterführen dürfe. Schwere Rucksäcke tragen und fernab der Zivilisation durch den Schnee tollen sei nicht mehr drin, wenn ich keinen Bandscheibenvorfall riskieren wolle.

Halleluja, was für eine Nachricht... Das musste ich erst einmal verdauen.
Seitdem übe ich mich mittelmäßig erfolgreich darin, mit meinem schmerzenden Rücken klarzukommen. Noch hängt der drohende Bandscheibenvorfall wie ein Damoklesschwert über mir. Daher sind alle Abenteuerpläne vorerst dahin – leider allerdings auch all meine bevorzugten Arbeitsmöglichkeiten. Nach Island bin ich trotzdem gereist: wo ich meinen Rücken auskuriere, ist diesem ja völlig egal!


Seit Mitte Februar bin ich nun also wieder auf der Vulkaninsel - und schmiede neue Pläne. Es ist zugegebenermaßen ziemlich blöd, meine ganzen schönen Abenteuerpläne um mindestens ein Jahr zu vertagen, aber es gibt dennoch genug zu tun!

Unmittelbar nachdem ich von meinem Wirbelsäulenschaden erfuhr, wurde ich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, ein Buch über Island zu schreiben. Die Anfrage hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können! Das Buch wird beim Bruckmann-Verlag erscheinen und eine Mischung aus Bildband und Reiseführer werden, das auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2011 vorgestellt werden soll. Olaf Krüger liefert den Hauptteil der Bilder, ich werde fotografisch allerdings auch nicht ganz untätig sein und schreibe wie gesagt alle Texte des 160 Seiten starkens Bandes. Die Zeit dazu habe ich dank meines Rückens ja jetzt!
Es hat also alles auch seine guten Seiten...

Parallel dazu habe ich mir spontan Arbeit als Übersetzer gesucht (Englisch / Isländisch / Deutsch) und mache außerdem einen Fernkurs bei der isländischen Umweltbehörde, um danach offiziell anerkannter "Ranger" zu sein. Zur Not könnte ich dann in den Touri-Infos der Nationalparks arbeiten, das geht auch mit kaputtem Rücken. Denn nur vom Schreiben kann man nicht leben, das wird in etwa so schlecht bezahlt, wie Fotografie...

Nach einigem Hin und Her habe ich sehr kurzfristig ein Zimmer in Grundarfjörður gemietet, einem kleinen Fischerdorf an der Nordseite der Halbinsel Snæfellsnes, etwa zweieinhalb Autostunden (177km) von Reykjavík entfernt. Hier bin ich mitten in der Natur und kann mir die sehr fotogene Umgebung erwandern. Als am Wochenende starkes Polarlicht vorhergesagt wurde, durchwachte ich zwei komplette Nächte unter dem sternklaren Himmel. Man, was habe ich das vermisst!

Ein verrücktes Bild: der Vollmond tauchte die Nacht in fast taghelles Licht

Ich war allerdings nicht der einzige Fotograf, der am Kikjufell auf Aurora wartete: ein Isländer sowie zwei Profifotografen aus Norwegen harrten bis tief in die Nacht hier aus. Da sich allerdings stundenlang keine Nordlichter am hellen Himmel sehen ließen, kam ich mit den beiden Norwegern ins Gespräch, die mich genauso schnell erkannten, wie ich sie: Orsolya und Erlend Haarberg machen ganz hervorragende Bilder und arbeiten gerade an einem Bildband über Island. Als um 4 Uhr Nachts allerdings immer noch kein grüner Schimmer am Himmel zu erkennen war, gingen alle schlafen: die Haarbergs in ihrem kleinen Wohnmobil, der Isländer in seinem Auto, das die ganze Nacht mit angeschaltetem Licht und laufenden Motor direkt neben unserem Hauptfotomotiv stand. Traurig, diese Ignoranz und das fehlende Umweltbewusstsein dieses Großstädters, wirklich traurig.

Da ich Bärenhunger verspürte und die Ruhe der Nacht genoss, blieb ich noch wach und kochte mir im blendenden Schein des Vollmonds eine Nudelsuppe. Und dann, plötzlich, waren die Nordlichter da. Und was für welche!


Das erste Mal seit Jahren sah ich wieder rotes Nordlicht, das filigran und schnell hoch oben am Zenit tanzte. Ich habe mittlerweile schon so oft Nordlichter gesehen, aber dieses Mal war wieder mal ganz besonders: der Vollmond beleuchtete die Landschaft taghell, die Dämmerung setzte bereits ein, und dennoch puslsierte kurzzeitig sehr starke Aurora über den Zenit.
Solche Erlebnisse sind es, die mich an Skandinavien binden. Die Natur hier oben ist einfach nur unglaublich!

Freitag, 14. Januar 2011

Rainbow Warrior, Teil 2

Rückblick: 17-20. März 2009

Am 17. März 2009 ging die eigentliche Aktion der Rainbow Warrior endlich los - und lernte ich meine Privilegien als Hilfskoch kennen. Statt nämlich wie alle an Bord um 6:30 Uhr aufzustehen, konnte ich bis 10 Uhr schlafen. Das war klasse! :-)

Das war der Zeitplan für die Tage an Land - an Seetagen mussten alle
außer Wendy, der Nachtschicht und mir um 6 Uhr aus den Kojen sein...

An diesem Tag allerdings war ich um 8 Uhr an Deck, um ja das Auslaufen nicht zu verpassen. Pünktlich legten wir ab und verließen Bergen in Richtung Norden: immer die norwegische Küste hinauf ging es, mal mit Segel, mal ohne. Das Ziel war Ålesund in Mittelnorwegen: die Fahrt dorthin sollte anderthalb Tage dauern, mit einem nächtlichen Stop in Breisundsdypet.


Die Landschaft war wirklich schön, und zwischendurch machte die Crew auch Zodiaktraining, was ganz interessant war. Genießen konnte ich die Reise aber nicht wirklich: ich wurde seekrank noch ehe wir überhaupt offenes Gewässer erreicht hatten. Wendy versuchte mich mit allen möglichen Mitteln aufzupäppeln: ich weiß nicht, wie viele verschieden Sorten von Seekrankheitspillen ich ausprobierte und wie viele Ingwerbonbons und Tassen Ingwertee ich in den Folgetagen zu mir nahm. Es half alles nichts: ich wurde seekrank, wie nie zuvor im Leben. Das einzige, was wirklich half, waren die Seebands: Akkupressurbänder, die auf einen bestimmten Punkt am Handgelenk drücken und dadurch den Magen beruhigen. Klingt wie Hokuspokus, aber ist wohl klinisch erforscht und wird mittlerweile selbst in Krankenhäusern eingesetzt.

Ich lernte auf dieser Reise alle Facetten der Seekrankheit kennen: erst wurde mir schlecht, dann schwindelig, dann wurde ich regelrecht lethargisch und wirr im Kopf und gähnte mir die Seele aus dem Leib. Kopfschmerzen kamen schubweise, Hunger hatte ich so gut wie keinen, mir wurde eiskalt, ich konnte Hände und Füße teilweise kaum fühlen, so taub wurden sie. Als es ganz schlimm wurde, sah ich schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen und wurden meine Beine weich wie Pudding. Aber trotz alledem musste ich mich kein einziges Mal übergeben: ich stand oft kurz davor, doch die 'Seabands' verhinderten das. Erstaunlich!

Malin

Mit an Bord war eine junge Schwedin namens Malin, die als unterstützende Kraft an Deck dabei war und als Mädchen für alles arbeitete. Man, was hätte ich dafür gegeben, an ihrer Stelle zu sein! Ich hätte es definitiv viel interessanter gefunden, an Deck Rost wegzuspachteln oder Seemannsknoten zu lernen, als Kartoffeln zu schälen oder Geschirr zu spülen... Allmählich verstand ich, wieso sich außer mir niemand für diesen Posten interessiert hatte!


Eine von Malins Hauptaufgaben sollte von nun an sein, mich in der Küche abzulösen, wenn ich wieder einmal gar nichts zustande bekam und frische Luft an Deck schnappen musste. Sobald ich oben war, sei es an Deck oder auf der Brücke, und den Horizont sehen konnte, ließ es sich besser aushalten. Ich verstehe ja bis heute nicht wieso man die Kombüse seitlich hinten am Schiff angebracht hat: wenn es irgendwo schaukelt, dann dort. Was immer ich mir an Arbeit an Deck mitnehmen konnte, das brachte ich nach oben: weshalb man mich sehr oft dort über einem Topf Kartoffeln schälen sah. Auch die Kamera war oft dabei: Ablenkung ist und bleibt das beste Mittel gegen diese vermaledeite Seekrankheit. Das halte ich auch immer noch für eine überzeugende Ausrede, um dem Küchendienst kurzzeitig zu entfliehen und fotografieren zu können! ;-)


Am zweiten Tag erreichten wir bei strahlendem Sonnenschein das Meeresgebiet, in dem geforscht werden sollte. Mit an Bord war eine ziemlich große Winde, die etwa 500m Kabel aufgerollt hatte. Zwei Techniker kümmerten sich im Schichtdienst darum, diese Winde zu bedienen: sie standen Tag und Nacht bei Wind und Wetter draußen an der Winde, starrten auf einen winzigen Bildschirm und ließen diese per Joystick auf- oder abrollen. Am Ende des Kabels hing ein kleiner Tauchroboter, der eine Videokamera, eine Fotokamera, einen Scheinwerfer und einen Blitz enthielt.


In der Brücke war ein kleiner Monitor aufgebaut, der ununterbrochen die Liveaufnahme der Videokamera zeigte. Meistens drängelten sich alle davor, die gerade frei hatten und starrten wie fasziniert auf das verrauschte Bild - das war richtig spannend! Zwei Leute hatten auch immer etwas zu tun: einmal gab es die Kamera zu betätigen, die dann hochaufgelöste Bilder machte. Sah man im Video ein interessantes Objekt herannahen, drückte man auf den Knopf und sofort wurde die Szene in helles Licht getaucht: ein Foto war gemacht. Diese Aufgabe übernahm ich in meine Freizeit besonders gerne! ;-)
Die zweite Person schrieb zu den gemachten Fotos die Koordinaten auf, damit man nachvollziehen konnte, wo genau sie gemacht wurden.
Sinn der Aktion war es, dieses Stück Meeresboden zu kartografieren und herausfinden, wo sich Unterwasserkorallenriffe befanden und in welchem Zustand sie waren.


Ich hielt mich während der Tauchgänge in jeder freien und seekranken Minute auf der Brücke auf. Ich fand es unglaublich spannend, live mitverfolgen zu können, was auf dem Meeresboden unter dem Schiff gerade zu sehen war. Und das in teilweise großer Tiefe! Manchmal befand sich der Meeresboden nur 70m unter uns, oft aber spielten sich die Szenen, die wir fotografierten, in 300-400m Tiefe ab. Dort unten ist es auch am helllichten Tag stockfinster - wieso die Tiere und Pflanzen dort teilweise in knallbunten Farben leuchten, ist mir nicht ganz klar! Aber schön anzusehen war es auf jeden Fall - sehr fotogen!


Die Kaltwasserkorallenriffe der hohen Breiten sind lange nicht so üppig und voller Leben,
wie die Flachwasserkorallen der wärmeren Meere. Dennoch sind sie extrem wichtig für den
ganzen Ozean: Inseln des Lebens inmitten normalerweise lebloser Ebenen aus Sand und Geröll.


Die ganze Nacht vom 18. Auf den 19. März arbeitete die Projektcrew an den Unterwasserbildern, dann musste die Aktion abgebrochen werden. Es herrschte zwar noch immer gutes Wetter, aber es war zu windig: das Schiff trieb mit mehr als 1,4 Knoten zu schnell auf dem Wasser, was zur Folge hatte, dass die Kamera den Meeresboden nicht mehr erreichte, sondern sinnlos im Wasser hinter dem Boot hergezogen wurde. Also nutzte die mitgereiste Foto- und Filmcrew das gute Wetter für ein paar Pressefotos mit den von mir gebastelten Schildern, bevor wir in Ålesund anlandeten.


Der Freitag begann ruhig. Die Rainbow lag alleine an einem Außenbereich des Hafens in direkter Nähe zu einer Imbissbude und einer Straße. Eine Schulklasse kam an Bord und machte eine Führung, die Techniker brachten Winde und Roboter in Schuss, die Crew hatte mit Einkäufen und dem ewigen Kampf gegen den Rost zu tun. Und Wendy und ich schmissen die Küche. Der Captain verkündete, dass wir bis Sonntag im Hafen bleiben würde, da ein Wetterumschwung angesagt war und wir ganz ruhige See brauchten, um einen erneuten Tauchgang vorzunehmen. Also wurde für besagten Samstag ein Tag der offenen Tür geplant und schwärmten ein paar Leute aus, um diese Nachricht in der Stadt bekannt zu machen.

Die folgende Nacht sollte uns allen in Erinnerung bleiben. Die Nordskandinavier haben im allgemeinen keine gute Meinung von Greenpeace, was vor allem damit zu tun hat, dass Greenpeace gegen Walfang und für den totalen Schutz von Meeren ist. Norwegens Wirtschaft hängt stark vom Fischfang ab, sie betreiben offiziell Walfang, und sie bohren außerdem munter nach Öl und Gas, was ja nun auch nicht wirklich umweltverträglich ist.

Eine Ölplattform in Reparatur, sowie Walfleisch, das man in Norwegen überall kaufen kann

Auch in Ålesund sind Fischfang sowie die Ölindustrie die wichtigsten Wirtschaftszweige - dementsprechend konservativ ist dort das Gros der Bevölkerung. Im Nachhinein ist es daher nicht wirklich verwunderlich, dass in der zweiten Nacht, die wir am Hafen von Ålesund lagen, ein Mob betrunkener Einheimischer ans Schiff kam und es betreten wollte. Die Deckhands halten im Hafen immer Nachtwache und konnten das Entern des Schiffes verhindern - aber nicht, dass die Menschen, aufgebracht wie sie waren, einfach die Seile lösten und das Schiff vom Dock wegdeuten. Spätestens in dem Moment war klar, dass wir hier nicht unbedingt willkommen geheißen wurden. Auf den Tag der offenen Tür am Folgetag freute sich keiner!

Sonnenuntergang in Ålesund: links am Bildrand sieht man die drei Masten der Rainbow Warrior


Nachtrag Februar 2011:
Leider finde ich gerade keine Zeit mehr, über die letzte Woche auf der Rainbow Warrior zu berichten. Gesagt sei kurz nur: die Einheimischen verhielten sich friedlich, wir auch, wir konnten noch mehrere Tage lang Aufnahmen vom Meeresgrund machen was ich weiterhin sehr spannend fand. Leider war ich noch eine Woche lang seekrank und habe kleine Schiffe seitdem erfolgreich gemieden! Es war eine sehr interessante Zeit, die ich nicht missen möchte, aber: ich bin und bleibe eine Landratte! Jawohl!

Donnerstag, 13. Januar 2011

Rainbow Warrior, Teil 1


Rückblick: 13-16.03.2009

Nachdem ich 2009 schon zwei Monate für Greenpeace in Stockholm gearbeitet hatte, erhielt ich Anfang März eine überraschende Anfrage. Im Kreise der skandinavischen Greenpeace-Freiwilligen wurde jemand gesucht, der Mitte bis Ende März Zeit und Lust hatte, um als Hilfskoch auf der Rainbow Warrior auszuhelfen.

Bedenkzeit brauchte ich keine: ich war nicht gebunden und bin ja generell immer für eine verrückte Aktion zu haben! Mir war in dem Moment vollkommen egal, dass ich in den letzten Jahren immer leichter seekrank werde, in keiner Weise kochen kann und Küchenarbeit im Gegenteil sogar ziemlich langweilig finde. Aber die Aussicht war einfach zu verlockend, Norwegens Küste mit der Rainbow Warrior abzufahren und mir vor Ort einen Eindruck über die Menschen und Arbeit auf einen Greenpeace-Schiff machen zu können! Also heuerte ich auf der Stelle an.


Die folgenden zwei Wochen standen ganz im Schatten der geplanten Aktion. Und am Freitag, dem 13. März 2009 ging es dann los: erst mit der Bahn nach Oslo, und von dort aus mit einem weißen Minibus nach Bergen. Zuvor hatte ich beim Beladen des Busses geholfen und mich in den dortigen Apotheken mit diversen Mitteln gegen Seekrankheit eingedeckt, und freute mich nun auf eine ungewisse Zeit voller verrückter Erlebnisse.

Die Reise im Bus war schon typisch Greenpeace: der Laderaum des Neunsitzers war bis an die Decke gefüllt mit absonderlichen Dingen. Schwimmende Schilder, die wir in Stockholm extra für die Aktion angefertigt hatten, aber auch Kostüme in Korallenform und Seesternen, mit Bannern, Kisten voller Flyer und jeder Menge Essen. Obwohl Greenpeace eigentlich ein Sammelpunkt für Veganer und ökologisch bewusst einkaufende Menschen ist, war der Einkauf für den jetzigen Trip einem begeisterten Fleischesser zugefallen. Und der hatte den größten Mist gekauft, den man sich vorstellen konnte: billigste Salami, Käse in Aluminiumdosen und diverse Fastfoodartikel von großen, internationalen Konzernen. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als ich das sah, aber ich schien die einzige der Gruppe zu sein, der dies als negativ auffiel. Und so lernte ich bereits an meinem ersten Tag in Norwegen, dass die Menschen dort, obwohl nur unweit von Schweden entfernt, wesentlich unkritischere und sorglosere Konsumenten zu sein schienen, als ihren singenden Nachbarn.

Wir waren ein Grüppchen von insgesamt neun Greenpeaclern, die sich nun auf die Nachtfahrt von Oslo nach Bergen begaben: ein Schwede, ein Kanadier, eine Französin, ich als Deutsche und noch fünf Norweger. Nur ich und der Schwede, Pelle mit Namen, würden an Bord der Rainbow arbeiten, die anderen waren als Campaigner und Volunteers dabei: also als Hilfskräfte an Land.
Spät in der Nacht erreichten wir Bergen, wo es in Strömen regnete, wir aber zum Glück Zimmer in einer einfache Herberge gebucht hatten. Und so konnten wir etwas Schlaf tanken, bevor die Rainbow Warrior am Mittag in den Hafen einlief.


Die Ankunft des grünen, motorisierten Segelschiffes mit Regenbogen und Friedenstaube auf dem Bug war wie arrangiert: die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel, die historischen Häuser Bergens waren wie eine Filmkulisse, und ich hatte mich an der Hafeneinfahrt eingefunden, um zu fotografieren. Der einzige Wehmutstropfen war, dass die Rainbow ihre Segel nicht gehisst hatte: es war Flaute. Schade!

Am selben Tag schon durfte ich meine Kajüte beziehen. Die Rainbow Warrior II, ein mittlerweile recht altersschwaches Schiff, ist nur 55m lang, also ziemlich klein in Anbetracht der Tatsache, dass 30 Leute auf ihr bis zu 3 Monate am Stück leben und arbeiten können. Das Schiff braucht eigentlich nur 11 Mann Besatzung, aber es ist immer bis auf die letzte Koje besetzt: an freiwilligen Mitreisenden mangelt es auf diesem traditionsträchtigen Schiff nun wirklich nicht!

Die jetzige Rainbow Warrior ist das zweite Schiff diesen Namens. Ihr Vorgängerin wurde 1985 durch zwei Sprengladungen von Agenten des französischen Auslands-Nachrichtendienstes im Hafen von Auckland versenkt. Dabei gab es einen Toten und einen Effekt, den die Franzosen so nicht erwartet hätten: statt den geplanten Protest gegen die Atomtests im Mururoa-Atoll zu unterdrücken, gab es durch den Anschlag einen globalen Aufschrei: FÜR Greenpeace und GEGEN Atomtests. Und Greenpeace sammelte in den Folgejahren genügend Spendengelder, um einen Nordsee-Fischtrawler aufzukaufen, ihn mit zwei Masten zu versehen und die jetzige Rainbow Warrior zu bauen, die seit 1989 im Einsatz ist. Das Schiff ist allerdings heute 54 Jahre alt, rostet unhaltbar vor sich hin, kriecht im Schneckentempo über die Ozeane und wird vermutlich im Jahr 2011 von der Rainbow Warrior III abgelöst werden.


Ich fand meinen Platz in einer kleinen Viererkajüte unten im Bug des Bootes, zusammen mit zwei Crewmitgliedern und einer Campaignerin. Und direkt ging die Arbeit in der Kombüse los. Ich machte mich vertraut mit meinen Hauptaufgaben: Kartoffeln schälen, Gemüse schnippeln und Geschirr waschen. Die Köchin hieß Wendy: eine lebenslustige junge Kanadierin, seefest und völlig vernarrt in gute Küche jeglicher Art. Es tat mir wirklich leid, dass ich in der Küche seit jeher zwei linke Hände habe, aber ich beschloss trotzig, trotz akuter Kochphobie mein bestes zu geben. Was man nicht alles für ein Abenteuer tut!

Wendy

An den folgenden beiden Tagen lagen wir in Bergen vor Anker. Wie ich lernen sollte, ist die Öffentlichkeitsarbeit für Greenpeace mittlerweile fast wichtiger als die Protest- und Forschungsaktionen. Wo immer die Rainbow Warrior anlegt, wird ein 'Tag der offenen Tür' geplant: mit Bannern am Schiff angekündigt und auf Flugblättern von Freiwilligen verteilt, wird jedem Interessierten ein (kostenloser) Rundgang übers Schiff angeboten. Und gleichzeitig natürlich Werbung für das jeweilige Projekt gemacht: in unserem Fall waren wir unterwegs, um die Menschen über die Existenz von Kaltwasserkorallenriffen vor Norwegens Küste aufzuklären, die von der Schleppnetzfischerei und der Ölförderung stark bedroht sind. Aber dazu später mehr.


Aus diesem Grund jedenfalls waren zusätzlich zu den 30 Mann Besatzung noch 10 weitere Freiwillige in Bergen, die nur das taten: mit den Menschen auf der Straße zu reden, sich Diskussionen stellen und Leute übers Schiff führen. Ich selber bekam davon wenig mit, weil wir unten in der Kombüse zwei warme Mahlzeiten am Tag zubereiteten, für kurzzeitig 40 Fleischesser, Vegetarier und Veganer. Wendy und ich waren in den ersten Tagen folglich von morgens 10 bis abends 21 Uhr beschäftigt. Mein neues Leben als Küchenjunge hatte mich direkt fest im Griff!