Sonntag, 19. April 2020

Kjölur im Winter - Teil 2

Wind war das allgegenwärtigste Wetterphänomen während meiner Skitour. Ich hatte an meinem ersten Pausentag (dem dritten Tag der Reise) auf der anderen Talseite Handynetz gefunden: das Wettertelefon sagte voraus, dass sich der Wind am vierten Tag legen würde. Ob das tatsächlich geschieht, ist allerdings immer die Frage: nicht selten klingt die Wettervorhersage abends ganz anders, als noch am Mittag...


Die Nacht war sehr stürmisch gewesen, und als ich eine Stunde vor Sonnenausgang den Kopf aus der Tür steckte, sah ich außer wirbelndem Schnee nicht viel. Egal: ich packte alles zusammen, fegte noch schnell die nicht ganz so saubere Hütte, bevor ich mich noch vor 8 Uhr morgens auf den Weg nach Nord-Osten begab.



Der starke Westwind trieb mich vor sich her; ein Segen, denn diese fliegenden Schneekörner sind ziemlich unangenehm, wenn man sie ins Gesicht bekommt. Weil aber immer wieder die Sonne zwischen den Wolken hervorlugte und die Winterlandschaft herrlich in Szene setzte, blieb ich immer wieder stehen und bestaunte die Schönheit des über den Boden fegenden Schnees.











Was im obigen Bild aussieht, wie eine Luftaufnahme von weißen Dünen, sind etwa 10-15 cm hohe "Sastrugis" (im Schneefegen...). Das sind kleine Schnee-Dünen, die vom starken Wind geschaffen werden. Auf der Luv-Seite fräst der Wind die vorhandene Schneedecke ab (die Seite ist steinhart), und im Windschatten der entstandenen Erhebung lagern sich neue Schneekörner an (die Seite kann butterweich sein). Diese Sastrugis können ziemlich hinderlich sein beim Skiwandern und bringen definitiv viel Abwechslung in meinen Touren-Tag, sehen aber immer total schön aus!




Die Sicht war den ganzen Vormittag über immer wieder schlecht, weshalb GPS und Kompass mal wieder unverzichtbar waren. Als ich den Höhepunkt der Tagesetappe erreicht hatte, konnte ich von knapp 600 Meter Höhe die Hochspannungsleitung sehen, die südlich des Langjökull in Richtung Gullfoss abbiegt. Auch wenn ich ein bekennender Nicht-Fan von Hochspannungsleitungen bin (das war jetzt so gelinde ausgedrückt, wie möglich...), so war es in diesem Fall ein willkommener Anblick, weil ich endlich wieder ein Ziel hatte, auf das ich zulaufen konnte...



Von der Mittagszeit an wurde das Wetter immer besser. Der Wind legte sich langsam aber sicher, die Sonne schien und nur noch die hohen Berge hüllten sich in Wolken. Nach dem Mittagessen bestand der nächste Programmpunkt darin, mit dem Schlitten den 80 Meter steilen Mosaskarð runterzufahren, was Spaß machte, bis ich realisierte, dass der Hang plötzlich zu steil wurde, ich vom Schlitten purzelte und (mit dem Pulka im Schlepptau) einen zirkusreifen Salto hinlegte. Da lag ich dann, kopfüber im tiefen Pulverschnee versunken, und stellte zuerst fest, dass mir nichts wehtat (yeay!), und dass ich meine Brille verloren hatte. ZUM GLÜCK fand ich die ziemlich schnell wieder - denn ohne Brille bin ich blind wie ein Maulwurf!

Ich kämpfte mich dann durch den brusthohen Schnee zu meinem Schlitten durch: normal Gehen ging nicht, Krabbeln ging nicht, und ich probierte eine Art des Schneeschwimmens aus, aber auch nur mit mäßigem Erfolg... So einen krass-tiefen und überhaupt nicht tragenden Pulverschnee hatte ich noch nie erlebt, das machte voll Spaß! Der Pulka schien alles gut überstanden zu haben, auch der Inhalt war noch gut festgezurrt, inklusive meiner Ski. Ich krabbelte auf den Schlitten, und zusammen rutschten wir die letzten Meter des Hanges herab, bis es wieder 'normal' und flach weitergehen konnte. Der Blick zurück offenbarte, dass ich hier nie wieder runterfahren wollte! Das war meine bisher gefährlichste Fehleinschätzung - aber nun ja, man sieht halt von oben nicht immer alles, gerade und besonders, wenn alles so verdammt weiß ist. Und getreu dem 'þetta reddast'-Motto der Reise ist ja doch mal wieder alles gut gegangen...!
:-)

Der Rest des Tages war eine Wanderung durch ein Winterwunderland! Blauer Himmel, glänzender Schnee, kein Wind mehr und so warm, dass ich die Jacke ausziehen konnte. Dies allerdings war auch den Umständen zu verdanken, dass ich mich extrem anstrengen musste, um vorwärts zu kommen. Ich befand mich nun im Lee der Berge von Brekknafjöll und der Flugschnee der vergangenen zwei Tage hatte sich in dicken Schichten abgelagert. Das war kein 'normaler' Schnee, das waren feinste Eiskristalle, die sich nicht binden wollten. Ich sank auf meinen Ski gut 30cm tief in diesen lockeren Pulverschnee, und der Schlitten, der pflügte regelrecht hinter mir her. Es war, als sei eine Bremse angezogen, als sei der Pulka plötzlich mit Ziegelsteinen beladen... Und das, während mein Ziel schon in Sichtweite war - es war soooo frustrierend!



Diese Tagesetappe war mit 19 Kilometer recht lang gewesen, ich hatte fiese Blasen, war mit einem +60kg schweren Schlitten einen Steilhang runtergepurzelt, und kämpfte mich jetzt zwei Kilometer lang durch eine Art Treibschnee. Ach ja, und ich hatte an dem Tag meine Periode bekommen, klar, das passte ja wie die Faust auf's Auge... Ich kann auf jeden Fall schamlos behaupten, fix und alle gewesen zu sein, als ich endlich an der Hütte von Hagavatn ankam. Und ich war super dankbar, dass ich diesmal keinen Schnee schaufeln musste, weil die Tür sehr clever auf genau der richtigen Seite erhöht angebracht war. Ein Hoch auf 'ne richtig konzipierte und ausgerichtete Hütte!!!





Die Hütte Hagavatn (für 12 Personen) mit Plumpsklo und meinen Spuren im tiefen Pulverschnee.
Dass eine Person mit Schlitten solche sichtbare Spuren hinterlässt, ist eher
ungewöhnlich und lässt erahnen, wie tief der Schlitten eingesunken ist...
 
Und obwohl eine wunderbar sternklare Nacht und ein herrlicher Sonnenaufgang folgte, verbrachte ich sie in der Hütte - schlafend bzw. entspannend. An einen Ausflug konnte ich erst am folgenden Mittag denken: dann hatte ich wieder genug Energie, um die Umgebung zu erkunden. Da war es allerdings schon wieder bewölkt - das geht hier in Island ja immer schneller, als man gucken kann...

Ich hatte gar kein Problem damit, heute nur kleine Touren auf die umliegenden Hügel bzw. zum naheliegenden Wasserfall zu unternehmen. Meine Fersen wollte am liebsten keinen einzigen Schritt mehr tun, denn bereits am ersten Tag hatte ich mir die fiesesten Blasen meines Lebens gelaufen. Aber da mussten meine Füße jetzt durch: nur wegen Blasen umzukehren, kam überhaupt nicht in Frage!

Der Wasserfall Nýifoss nahe der Hütte Hagavatn
 
Nachmittags kamen, zu meiner doch recht großen Überraschung, dann plötzlich fünf Schneemobile vorbeigerauscht, auf Durchreise irgendwohin. Ich hörte sie, lange bevor ich sie sehen konnte, und ging raus, um zu gucken. Zwei von den Maschinen waren keine Schneemobile sondern ... Hmm, wie soll ich es beschreiben, eine Mischung aus Motorrad und Schneemobil? Sah interessant aus, hatte ich so noch nie gesehen. Sie fuhren in respektvollem Abstand an der Hütte vorbei in Richtung Langjökull - ich hörte sie noch eine halbe Stunde lang, sah sie aber nie wieder...

Abends dann schoben sich zwei Superjeeps durch den Schnee; ihre Balonreifen fast platt, um im Pulverschnee überhaupt vorwärts zu kommen. Sie standen bestimmt zwanzig Minuten lang vor der Hütte, natürlich mit laufenden Motoren, und unterhielten sich durch's offene Fenster. Ob das deren Verständnis von social distancing war? Drinnen saßen je ein übergewichtiger Mann mittleren Alters; einer hatte eine weibliche Beleitung auf den Beifahrersitz dabei - da wurden also alle Klischees bilderbuchmäßig bedient... Als ich das Datum kontrollierte, wurde mir vieles klar: es war ein sonniger, nicht-windiger Samstag. An Gutwetter-Wochenenden sind immer Isländer im Hochland unterwegs: schließlich müssen die teuren Maschinen ein paar Mal im Jahr standesgemäß genutzt werden...

Ohne Kontakt aufnehmen zu wollen, bulldozerten die beiden Monsterfahrzeuge dann weiter. Während ich in der Hütte Tagebuch schrieb, beobachtete ich sie dabei, wie sie noch 20 Minuten damit verbrachten, eine etwa 10 Meter hohe Steigung empor zu kommen: da war nämlich wieder 'Schwimmschnee' und kamen diese tonnenschweren Maschinen nicht mal eben so hoch. Ich begreife echt nicht, was diese Superjeepfans so interessant finden an ihrem Hobby. Alle paar Meter stecken sie fest und verbringen dann minutenlang damit, die Luft ihrer ohnehin schon platten Reifen abzulassen und vor- und zurück zu rollen, aus der Spur auszubrechen und es nochmal zu versuchen, und nochmal, und nochmal... Ne, das ist echt nichts für mich - ich laufe mir lieber Blasen und purzel Hänge runter! Ich und Superjeepbesitzer, das sind echt die entgegengesetzen Enden des isländischen Wintersport-Spektrums...

Als die Klimasünder dann auf nimmer Wiedersehen verschwanden, genoss ich die plötzliche Stille im menschenleeren Tal. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies die einzige Begegnung mit anderen Menschen innerhalb von zwei Wochen gewesen war. Schon verrückt, wie intensiv die Eindrücke, Geräusche und auch das 'Störungssempfinden' ist, wenn man nach langer Einsamkeit plötzlich mit anderen Menschen und Motoren konfrontiert wird.


Vom Hügel bei der Hütte hatte ich super Handyempfang und konnte die neueste Wettervorhersage anhören. Dieser Ort, Hagavatn, war ein Schlüsselpunkt meiner Wanderung: ich hatte überlegt, eventuell mehrere Nächte hier zu bleiben, um die wunderschöne Gegend zu erkunden. Zumal die Hütte total schnuckelig ist, mit einem echten Holzofen! Die Wettervorhersage war aber leider ziemlich schlecht: stürmisches Tauwetter und danach Neuschnee und starker Nordwind. Also beschloss ich, schnell weiter Strecke zu machen und die fast 40 Kilometer nach Hvítárnes im Eiltempo zurückzulegen. Am nächsten Morgen zog ich im Fast-Whiteout weiter: fest entschlossen, irgendwann zurückzukommen, um dann bei möglichst gutem Wetter hier mehr Zeit zu verbringen.




Meine Befürchtungen, wieder auf Pulverschnee zu stoßen, bewahrheiteten sich zum Glück nicht, im Gegenteil: der Schnee trug prima und ermöglichte es mir, das Biskupstungnaafrétt an dem Tag 350 Höhenmeter aufzusteigen und dennoch 18,5 Kilometer zurückzulegen. Allerdings wurde das Wetter und damit die Sicht immer schlechter. Die letzten Kilometer war ich wieder im totalen Whiteout unterwegs und baute mein Zelt schließlich im Schneetreiben auf knapp 700 Meter Höhe auf. Die Nacht schlief ich kaum, weil das Zelt von Windböen geschüttelt wurde und feinster Flugschnee wie Sandkörner auf die Plane prasselten. Man kann dann wählen zwischen Pest und Cholera: entweder, man lässt die Lüftungen offen und damit den Flugschnee ins Zelt, oder aber man verschließt die Lüftungen und wird plitschnass. Die Feuchtigkeit meiner Atmung kann dem Zelt dann nämlich nicht entweichen und kondensiert an der Zeltplane und dem Innenzelt. Die Sturmböen schütteln diese Kondensations-Tröpfchen wie Regen auf einen herunter: in einem Schneesturm wird folglich alles nass!
Den wenigen Schlaf fand ich sowieso nur, weil ich mich mit meiner Goretexjacke zudeckte, damit mein Gesicht nicht immer von Tropfen getroffen wurde... Bah! In Momenten wie diesen fragt man sich schon, was zur Hölle einen je dazu bewegt hat, sich mutterseelenallein in solche Situationen zu begeben...

Am nächsten Morgen ging es früh weiter; Müdigkeit und Kopfschmerzen als stete Begleiter. Die Sicht war gleich null, der Wind weiterhin stark, als ich mich Schritt für Schritt den Pass 'Bláfellsháls' hinabtastete und die Autopiste 35 suchte, die Hochlandpiste 'Kjölur'. Wenn gestern Superjeeps bei Hagavatn waren, würden auch hier Autos gefahren sein, und ich hoffte, den Spuren folgen zu können, denn das war einfacher, als mit GPS und Kompass zu navigieren. Meine Hoffnung erfüllte sich: die tonnenschweren Superjeeps mit ihren riesigen Balonreifen hatten bis zu ein Meter tiefe Rinnen in den Schnee gepflügt, die sich jetzt erst langsam wieder füllten. Mein Pulka liebte diese Spuren, der war gar nicht mehr raus zu bekommen... Und ich freute mich besonders über die Wegmarkierungen, die endlich Akzente in dieser ansonsten komplett weißen Welt setzten. Den gelben Plastikstecken konnte ich so lange folgen, bis ich endlich aus den Wolken herauskam, und auch dann boten mir die Markierungen willkommene visuelle Anhaltspunkte im schier endlosen winterlichen Weiß.

Mittags hatte ich die Brücke über die Hvítá erreicht, und von dort aus waren es 'nur noch' 10 Kilometer bis zur Hütte in Hvítárnes. Bei der wollte ich unbedingt heute noch ankommen, denn ab dem Abend war Sturm angesagt. Und kaum, dass ich den Fluss passiert hatte, begann es dann auch, zu regnen. Fotos machte ich an dem Tag so gut wie keine, und Pausen auch nicht - es ging nur Schritt für Schritt weiter, dem Ziel entgegen...




Die Hütte in Hvítárnes ist alt und zugig, aber auch echt schnuckelig, und sie bot mir hervorragenden Schutz vor den Elementen. Obwohl es kein Gas mehr gab, um Ofen oder Herd zu bedienen, konnte ich all meine Dinge trocknen; denn mit meinem eigenen Benzinkocher konnte ich das kleinste Zimmer wunderbar erwärmen und die wichtigsten Dinge trocknen, wie etwa meine Jacke, Hose, Schuhe und meinen Schlafsack. Alle anderen nassen Sachen, unter anderem mein Zelt, hängte ich unter'm Dach auf, wo sie im Laufe der nächsten zwei Tage langsam aber sicher auch ohne zusätzliche Wärme trockneten.

Blick von der Hütte über den Bach Tjarná hin zum Leggjabrjótur und dem Gletscher Langjökull



  
In Hvítárnes blieb ich insgesamt drei Nächte. Draußen regnete es, teilweise in Strömen, und ich konnte dem Schnee beim Schmelzen regelrecht zusehen. Plötzlich erschienen vor der Hüttentür die Umrisse eines Baches im Schnee, den hatte ich bei meiner Ankunft gar nicht gesehen! Während der ersten beiden Nächte/Tage schmolz hier gut ein halber Meter Schnee: im folgenden Bild kann man  sehen, wie viele Steine plötzlich sichtbar wurden. Ich muss zugeben, dass ich echt Bammel hatte, ob mir wohl hoffentlich noch genügend Schnee für die Weiterreise erhalten blieb!

Ein 'vörður', ein 'Wächter'. Es ist eine alte Streckenmarkierung für die damalige Pferde-Route des 'Kjalvegur hinn forni'

Am 1. April, meinem zweiten Pausentag in Hvítárnes, drehte der Sturmwind von Süd auf West. Die Temperaturen fielen wieder unter den Gefrierpunkt und das Wetter wurde etwas besser. Der weiterhin heftige Wind brachte vom Gletscher Langjökull nun wieder Flugschnee, der sich in sehr fotogenem Schneefegen manifestierte. So unangenehm das Ganze auch ist - es sieht einfach nur wunderschön aus! Und so fotografierte ich, wann immer die Sicht es zuließ: aus dem Inneren der Hütte durch die offene Tür hindurch, später aus dem Windschatten der Hütte, und am Abend des zweiten Pausentages dort sogar auf einer einstündigen Erkundungstour. Die fotogenen Momente waren auf dieser Tour rar - aber wenn sie dann eintrafen, waren sie einfach nur atemberaubend schön!!!




Donnerstag, 16. April 2020

Kjölur im Winter - Teil 1

In meinem Jahresstudium zum Arctic Nature Guide habe ich gelernt, Expeditionen ins Detail zu planen. Wo genau soll die Route entlangführen, wie viele Kilometer legt man pro Tag zurück und wann wird man wo sein? Diese Infos sind super wichtig, wenn man etwa eine Tour mit Kunden plant oder zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo ankommen muss.
Wenn ich aber in Island unterwegs bin, dann plane ich ganz anders. Denn wenn ich hier eines gelernt habe, dann, dass vieles anders kommt, als man so denkt. Und das trotzdem alles "schon irgendwie werden wird". 'Þetta reddast' heißt diese isländische Lebensphilosophie. Þetta reddast: wenn du dein Bestes gibst und immer offen bleibst für die unerwarteten Wendungen des Lebens, wenn du spontan genug bleibst, um deine Pläne auch mal zu ändern, dann wird alles schon irgendwie gut werden. Und das trifft auch auf meine Skiwanderungen zu.

Nicht, dass ihr denkt, dass ich nicht geplant hätte: eine gute Woche war ich beschäftigt, alle Dinge einzukaufen, die ich noch brauchte, all mein Essen rationengenau abzupacken, Kocherbenzin aufzutreiben und Infos zu beschaffen über die potentiell problematischen Orte meiner Route. Welche Flüsse sind möglicherweise offen und müssen über welche Brücken überquert werden? Wo besteht Lawinengefahr oder liegt eventuell kaum Schnee? Welches ist die ideale Route, wo liegen Hütten, welche sind offen und für welche muss ich mir die Schlüssel organisieren? Wo gibt es Handynetz? Und, ganz wichtig, wie ist die Wettervorhersage für die ersten fünf Tage?

Und nachdem ich dann einen Plan A (von Þingvellir nach Hveravellir), B (Plan A plus Rückkehr auf ähnlichem Weg) und C (von Þingvellir nach Hagavatn nach Geysir) geschmiedet und alle Pläne bei der isländischen Bergrettung abgegeben hatte, ging es beim nächsten guten Wetterfenster los. Meine Freundin Arianne setzte mich am 24. März im menschenleeren Þingvellir ab. Der Schlitten war irre schwer (irgendwas zwischen 60 und 70kg), beladen mit allem, um drei Wochen lang im Zelt komplett autark zu sein, plus meiner Kameraausrüstung und meinem 3kg-Stativ.



Am ersten Tag herrschte überwiegend gutes Wetter: warm (nur knapp unter'm Gefrierpunkt), kaum Wind und mehr Sonne als Schneeschauer. Trotz späten Starts legte ich 14 Kilometer zurück, ehe ich mein Zelt aufbaute. Der erste Tag ist immer eine Eingewöhnung: die Füße müssen wieder lernen, auf Ski zu gleiten und nicht zu gehen, die Hüfte muss sich daran anpassen, ein Gewicht zu ziehen, und ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich nicht alle 50 Meter zum Fotografieren stehen bleiben kann, wenn ich eine Tagesetappe schaffen will...
   
Der Blick zurück über Þingvallahraun zum gefrorenen Þingvallavatn, Arnarfell und Hengill



   
Mein Zelt baute ich während eines Schneeschauers auf, der die Sicht zuletzt auf unter 200 Meter reduziert hatte. Und als ich dann in meinem Heim für die Nacht saß und Schnee für's Abendessen schmolz - da wurde es wieder hell. Und erlebte ich einen wunderschönen Sonnenuntergang!
Dieses isländische Wetter... Wechselmütiger geht's echt nimmer...



An Schlaf war kaum zu denken, denn nachts war es immer wieder klar, und farblose, detaillose Nordlichter waberten unter der Milchstraße. Sooo schön! Ich lag auf der Isomatte in der offenen Zelttür, Brille auf der Nase und wie ein Raupe tief vermummelt im Schlafsack und bin im Licht der Sterne eingedöst - bis mich die Schneeflocken des nächsten Schneeschauers weckten und ich mich wieder ins Zelt verkrümelte. Und um 5:30 Uhr klingelte dann mein Wecker, denn: das gute Wetter sollte sich an diesem Tag in Mistwetter wandeln.

Das 70-90cm tiefe Loch im Eingangsbereich macht den Einstieg ins Zelt viel angenehmer.
Außerdem kann man dann wunderbar im Zelt sitzen und die Füße baumeln lassen.
UND man hat direkt Schnee zur Wasserproduktion und um die Schneelappen zu beschweren,
die ich außen am Zelt angenäht habe und die das Eindringen von Flugschnee verhindern.


 
Bis zum Tagesziel, der Hütte bei Hlöðuvellir, waren es zwar 'nur' 16,5 km - aber die wollte ich gerne bei guter Sicht zurücklegen. Der bewölkte Morgen lud nicht wirklich zur Fotografie ein, also wickelte die ganze Morgenroutine ab: 1,5 Liter Wasser aus Schnee schmelzen, Thermoskanne mit kochendem Wasser füllen, frühstücken, Mittagessen vorbereiten, alles zusammenpacken. Das dauert immer erstaunlich lange - gerade und besonders am ersten Tag der Tour, wenn sich die Routine erst wieder einspielen muss.



Und dann folgte ein wunderschöner Vormittag! In aller Seelenruhe zog ich den Pulka in der ganz leichten Steigung (200 Höhenmeter auf 6 Kilometer) auf wunderbar tragendem Schnee an den Hütten von Skjaldborg vorbei. Der angekündigte Wetterwechsel war gut zu beobachten: Wolken senkten sich aus zwei verschiedenen Richtungen zu mir herab, krochen über die Bergrücken, und verschlangen mich, als ich um 14 Uhr zu mittag aß.



Und dann - war ich im Whiteout. Es gibt verschiedenste Wettersituationen, die zum Whiteout führen: Schneefall, Nebel (wenn man also IN den Wolken ist) oder hochliegende Bewölkung. Alles scheint dann gleichmäßig hell; es gibt keinen oder kaum Unterschied zwischen Himmel und dem schneebedeckten Boden und keinerlei Kontraste mehr, keine Schatten, keine Konturen - außer in schwarzen, aus dem Schnee herausragenden Steinen. Und das bedeutet, dass man keinerlei Gefühl mehr für Distanzen hat. Man kann kaum sehen, wohin man seine Füße setzt, kann nicht erahnen, ob es vor einem hoch oder runter geht, oder wie weit der Stein, den man da hinten sehen kann, wirklich von einem entfernt ist.




Whiteout ist gleichermaßen faszinierend wie doof. Man ist viel langsamer unterwegs, als bei guter Sicht, weil jeder Schritt ins Nichts führt und man einfach nicht sehen kann, ob man vielleicht gerade auf einen Abgrund zusteuert. Und vor allem kann man keine Richtung mehr halten, da man sich wirklich nur noch per GPS orientieren kann. Ohne GPS würde ich im Whiteout keinen Schritt tun wollen! Das Gerät sagt einem einem, wo man ist und in welcher Richtung das Ziel liegt, sodass man dieses per Kompasspeilung ansteuern kann. Auf so langen Touren schont man die Batterien des GPS wann immer möglich, in dem man altmodisch mit dem Kompass arbeitet, nachdem man vom GPS die Gradzahl des nächsten Zielpunktes abgefragt hat...

Ein Bild vom Tag danach - als ich ankam, war der Berg nicht zu sehen, und die Tür auch nicht...


 
Es war eine echte Erleichterung, als ich endlich die Umrisse der Hütte in Hlöðuvellir ausmachen konnte. Aber bevor ich mich dem mittlerweile sehr stürmischen Wind entkommen konnte, musste ich erst einmal eine Stunde lang Schnee schaufeln. Die Tür war nämlich bis auf's Dach eingeschneit, und ich war super froh, neben der obligatorischen Schaufel auch eine Eisaxt mitgenommen zu haben. Der Schnee war auf den unteren Zentimetern zu Eis geworden, und ohne penibles Fort-Hacken am Türrahmen hätte ich die Tür niemals aufbekommen.


Was für ein Segen, dann endlich aus dem mittlerweile heulenden Sturmwind in die Hütte flüchten zu können! Ausblicke gabs' da zwar keine, aber das war mir dann auch egal. Es stand ja nicht mehr viel auf dem Programm: nur noch Abendessen und schlafen...


Der nächste Tag war ein Pausentag, denn der Wind heulte und drückte die Sicht auf Whiteout-Niveau. Ich hatte Essen für drei Wochen dabei, die reine Wanderstrecke nach Hveravellir beträgt aber 'nur' sieben Tage - von daher konnte ich mir Pausen erlauben und musste nicht auf Teufel komm raus Strecke machen. Und so freute ich mich, als am Nachmittag des 26. März mal für zweieinhalb Stunden die Sonne rauskam und ich die Landschaft sehen konnte. Der starke Wind trieb noch immer feinen Flugschnee vor sich her; dieses in Island ganz typische Phänomen nennt sich 'skafrenningur', auf deutsch: schneefegen. Sieht super aus, fühlt sich aber ziemlich unangenehm an, denn der Wind, der ist kalt, und der Schnee trifft einen wie feinste Sandkörner...






Die Hütte von Hlöðuvellir und die Bergkette Skriðutindar







Montag, 23. März 2020

Corona in Island

Ich habe ein Talent, das ich zwar relativ wenig beeinflussen kann, das aber unbestreitbar da ist: nämlich, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein bzw. die richtigen Dinge zu tun. Momentan ist mal wieder ein solcher Zeitpunkt. Die Welt spielt verrückt wegen dem Coronavirus, der das Leben vieler Menschen auf den Kopf gestellt oder angehalten hat. Viele haben existenzielle Sorgen: um ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Lieben, oder um die finanziellen Auswirkungen dieser nie dagewesenen Situation. Ich könnte dazu gehören, schließlich habe ich die letzten Jahre viel im Tourismus gearbeitet, und der ist seit einem Monat komplett zum Erliegen gekommen. Die Arktissaison vieler Schiffe ist bereits abgesagt worden und viele meiner Kollegen stehen bis in den Herbst ohne Job da und sorgen sich um ihren Verbleib. Denn für uns internationale Freiberufler kommt keiner auf, da greift kein Hilfspaket, im Gegenteil. Oft sind wir die ersten, die ihren Job verlieren. Reiseleiter zu sein, ist zwar nach außen hin ein spannender Job, aber finanziell ein total unsicherer.

ZUM GLÜCK stört mich diese plötzliche Arbeitslosigkeit nicht, denn: ich hatte ohnehin nicht vorgehabt, diesen Sommer zu arbeiten. Statt dessen habe ich das Jahr 2020 so geplant, dass ich mit minimalen Ausgaben gut über die Runden kommen werde. Und dieser Plan, der geht jetzt nicht nur voll auf, sondern erleichtert mir das Leben ungemein! Geldsorgen? Iwo. Zukunftssorgen? Wegen des Klimawandels und Zustands unserer Welt, ja, aber nicht wegen diesem Virus... Was kommt, das kommt, und ich werde das beste draus machen. Das habe ich zumindest vor. Und bis dahin beobachte ich die momentanen Entwicklungen mit wissenschaftlichem und gleichzeitig hoffnungsvollem Interesse. Ich bin sehr neugierig über die Weichen, die in Folge dieses interessanten Ereignisses in unserer Gesellschaft neu gestellt werden können - also potentiell, mal gucken, was da kommt... Ich will hier keinesfalls die Negativseiten dieser Pandemie schönreden, gar nicht, aber: mein Glas ist generell halbvoll, nie halbleer! Und ich bin ohnehin von allem fasziniert, was uns Menschen unsere Nichtigkeit aufzeigt. Bisher gehörten 'sichtbare' Naturkatastrophen oder gewaltige Naturereignisse in diese Kategorie, wie etwa Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Nordlichter. Und seit Neuestem eben auch Viren...

Als Corona 'nur' in China grassierte, habe ich mich auf den Weg nach Island gemacht. Das war länger schon geplant, denn der Wunsch war groß, mal wieder etwas Zeit in meiner geliebt-verhassten zweiten Heimat zu verbringen. Weil ich ohne triftigen Grund nicht mehr fliegen will, bin ich per Bahn und Fähre nach Island gereist. Es lief alles wie am Schnürchen: für 40€ ging es mit der Bahn nach Norddänemark, von dort aus vier Tage lang für 155€ (!) mit der Norröna-Fähre nach Ostisland. Besagte Fähre ist die Lebensader der Färinger: sie transportiert wöchentlich Containerladungen voller Essen und Waren auf die Färöerinseln, und von dort bzw. Island aus Fisch nach Dänemark. Und nebenbei werden Passagiere mitgenommen...

Als ich an Bord ging, war Corona schon in Italien und Österreich angekommen und beschloss man, uns wenigen Passagieren Einzelkabinen zu geben, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Mein Grinsen hättet ihr sehen müssen, als ich das erfahren habe. Mit dem günstigsten Ticket eine Einzelkabine auf der Norröna - oh yeah, ein Hoch auf das Coronavirus!



Die Überfahrt war ruhig, schön, und mit 'nur' 5 Metern Wellengang normal schaukelig, und die Färöerinseln wie immer toll vom Schiff aus zu beobachten. Und als ich dann am 11. März in Island angekommen war, ging nichts mehr: hier herrschte tiefster Winter. Seyðisfjörður (das ist der Ort in den Ostfjorden, an dem die Fähre ankommt) ist nur über einen Bergpass mit dem Rest der Insel verbunden, und der war wegen der Schneemassen drei Tage lang zu. Also mietete ich mich bei einer total netten älteren Isländerin ein (die Unterkunft war ein Glücksgriff!) und genoss es, eingeschneit zu sein.



Der öffentliche Fernverkehr ist in Island schon immer grottig schlecht gewesen, aber jetzt ist er echt noch schlechter, als früher schon. Überlandbusse fahren teilweise nur noch einmal die Woche, und so bin ich dann vor allem per Anhalter um die Insel gereist. Ich besuchte eine gute Freundin, entspannte klischeemäßig in einem Hot Pot, sah Delfine, Raben, Schneeammern und Schneehühner und wurde von ganz netten Menschen mitgenommen: (den letzten, noch nicht verunsicherten) Touristen und (den ersten, zutiefst verunsicherten) Isländern. Denn Corona war jetzt auch in Island angekommen. Die Insel ist zwar klein; hier leben grade einmal 350.000 Menschen - aber es gibt hier auch nur 30 Beatmungsgeräte. Das setzt alles in Relation...

Allerdings gibt es in Island kaum Anonymität: jeder kennt jeden, und schon allein deswegen trauen viele sich nicht, grobe gesellschaftliche Regeln zu überschreiten. Wenn also in der Zeitung steht, dass es in der so-und-so-Schule einen Corona-Fall gab, und ALLE Lehrer und Schüler in zweiwöchige Isolation geschickt werden, dann wird man diese Leute garantiert nicht in Pubs, Kinos oder auf Parties antreffen - weil alle wissen, dass sie in Isolation zu sein haben. Und wer den Virus hat (hier kann man sich relativ einfach testen lassen), der ist auch nicht im Krankenhaus, sondern kuriert sich (mit ärztlicher Rücksprache) Zuhause aus, dann aber in penibler Quarantäne. Nur die schwersten Fälle kommen ins Krankenhaus. Auf diese Art und Weise geht man hier erstaunlich relaxt mit Corona um. Allerdings so relaxt, dass es mal wieder zu einem typisch isländischen Widerspruch kam. Isländer, die aus Corona-Gebieten mit dem Flugzeug angereist kamen, wurden ausdrücklich darum gebeten, sich in Isolation zu begeben. Die Touristen aber, die in den gleichen Maschinen saßen, die ließ man fröhlich durch's Land reisen. Vielleicht ist der bisher einzige Corona-Tote in Island deshalb ein Tourist gewesen... Aber diese völlig unlogische Herangehensweise hat sich durch das Ausbleiben der Touristen jetzt eh von selbst gelöst.

Seit knapp zwei Wochen bin ich jetzt in Reykjavík: eine Stadt, die plötzlich herrlich menschenleer ist. Keine Massen an Touristen, keine überfüllten Straßen: Corona hat Island plötzlich 20 Jahre in der Zeit zurückgeworfen. Es ist toll, jetzt hier unterwegs zu sein! Toll und gleichzeitig etwas gespenstisch. Die Touristenmeile 'Laugavegur' gleicht einer Geisterstadt; ein dunkler Laden nach dem anderen, immer mehr haben „Alles muss raus“-Schilder in den Türen, sind aber gleichzeitig zu, weil keinerlei Kunden mehr da sind. Schade, hätte gerne einen Islandpulli für 70% Rabatt bekommen, wie's da im Fenster stand... Auch hier ist Stillstand, auch hier kauft man nur noch die nötigsten Waren und ist alles zu: Schulen, Schwimmbäder, Gruppen-Hobbies, nichts geht mehr. Die großen Reiseunternehmen hier bieten keine Touren mehr an; Freunde von mir sind fristlos gekündigt worden (das geht bei uns freiberuflich arbeitenden Guides ja leider viel zu einfach...), und die vielen arbeitslosen Busfahrer fahren jetzt Essen bzw. Einkäufe durch die Gegend. Wir alle hier sind gespannt, wie der Sommer werden wird: denn der Tourismus ist der größte Wirtschaftszeig Islands geworden und das Ausbleiben der Devisen wird viele Isländer hart treffen. Aber ganz ehrlich: der Natur wird es verdammt gut tun, mal einen Sommer lang nicht kaputt getrampelt zu werden! Und wie viel weniger CO2 ausgestoßen werden wird, weil kaum noch geflogen bzw. gefahren wird, darauf bin ich auch total gespannt! Und vielleicht finden die Farmer dann auch endlich mal wieder Arbeitskräfte? Denn auf dem Land werden immer helfende Hände gebraucht! In Island genauso, wie in Deutschland... Schaut mal: hier gibt's Arbeit, wenn jemand von euch grade nicht weiß, was er in den nächsten Wochen tun soll... :-)
www.land-arbeit.com

Und so habe auch ich mich in den letzten zwei Wochen im "social distancing" geübt. Zum Glück ist es hier völlig in Ordnung, raus zu gehen: solange man zwei Meter Abstand zu Nicht-Mitbewohnern einhält, ist alles prima. Deshalb habe ich es geschaftt, in den letzten 12 Tagen fünfmal mit Langlaufski unterwegs zu sein: denn hier in Island ist noch richtig Winter. Es ist ein Träumchen!



Weil ich ja ohnehin nichts am Lauf der Dinge (bzw. dem Verlauf der Pandemie) ändern kann, habe die Zeit in Reykjavík damit verbracht, eine leichte aber lange Skiwanderung zu planen. Mein Ziel: eine schöne Zeit alleine im Hochland zu verbringen und dabei auch möglichst nicht gerettet zu werden (…)

Der diesjährige isländische Winter ist eher stürmisch und schneereich, also habe ich mir eine Strecke ausgesucht, bei der ich Stürme in Hütten abwettern kann und nicht in Lawinengefahr komme, sowie oft Handykontakt haben werde, um die Wettervorhersage anzurufen. Als Nicht-Smartphonebesitzer gibt's Internet für mich nicht auf Reisen. Ich werde wirklich komplett "offline" sein für mindestens zwei Wochen! Oh yeah!

Ich freue mich, morgen von Þingvellir aus ins Hochland zu starten. Ich würde gerne nach Hveravellir skiwandern, und den Bogen von dort aus auf leicht anderem Weg zurück nach Süden zu schlagen. Also eine doppelte Hochlandquerung, sozusagen... Das zumindest wäre Plan A, aber es gibt noch 'nen Plan B und C... Mein Pulka ist so voll beladen, wie noch nie, irre schwer, weil ich Brennstoff und Essen für 20 Tage dabei habe. Oh, ich werde mich verfluchen, wenn ich dieses Ding in den ersten Tagen bergauf durch Neuschnee zerren muss, Halleluja, das wird lustig werden...
Ob ich wirklich drei Wochen lang unterwegs sein werde, wird sich zeigen: ich freue mich auf jeden Fall auf längere Einsamkeit! Einfach mal weg von Corona, weg von allem, hinein ins raue Winterwetter und die Routine des Unterwegsseins ohne motorisierte Hilfe. Und meine Kamera würde ich gerne mal wieder etwas häufiger nutzen, schon alleine um die kommenden Blogeinträge wieder etwas bildlastiger gestalten zu können...

Also, ihr Lieben: bleibt mir gesund und bei guter Laune!
Und denkt immer dran: ihr habt die Wahl, das Glas als halbleer, oder als halbvoll zu betrachten!
:-)



Freitag, 24. Januar 2020

Premiere des Südgeorgienvortrags


Am 19. Januar 2020 war es soweit: ich habe meinen ersten eigenen Vortrag uraufgeführt. Im Lindenmuseum in Stuttgart begann ein aufregender Tag: erst habe ich morgens mein dreistündiges "Seminar Naturfotografie" gehalten, und dann stand nachmittags die Premiere von "Tor zur Antarktis - Naturparadies Südgeorgien" an. Halleluja, war ich aufgeregt... Zumal der Vortrag tatsächlich ausverkauft war und viele Bekannte und auch Verwandte anwesend waren.

So einen Vortrag zu erstellen, ist wesentlich arbeitsintensiver, als man sich das vorstellt. Klar hängt das auch mit meinem Perfektionismus zusammen, ich bin ja nie zufrieden, bis es nicht 100% so ist, wie ich das möchte. Aber dass ich letztlich fast fünf Monate ununterbrochene Arbeit "nur" in die Programmierung des Vortrags stecken würde, hat selbst mich überrascht. Da muss zuerst ein Konzept erstellt werden, dann der Text geschrieben werden, wobei man immer den Zeitrahmen im Hinterkopf behalten muss. Und dann müssen die passenden Bilder herausgesucht und bearbeitet werden. Ich habe mich dazu entschieden, den Vortrag im Format 16x9 zu erstellen, obwohl ich im Format 3x2 fotografierte: aber für die Zuschauer ist das angenehmer, weil die meisten Leinwände mittlerweile das 16x9-Format haben und man so einfach größere Bilder zeigen kann. Und meine Bilder zuzuschneiden und teilweise umzuformen, sodass sie im anderen Format gut aussahen, hat auch noch einmal viel Zeit verschluckt.

Dann kamen da auch noch Zeitraffer hinzu: allein an einem Milchstraßen-Zeitraffer, der im Vortrag 25 Sekunden lang zu sehen ist, habe ich 5 Tage lang gearbeitet - es war zum Verrücktwerden! Zu guter Letzt musste auch noch Musik gesucht werden; nicht einfach irgendwelches GEMA-freies Gedudel, sondern ansprechende Musik, welche die Bilder und die jeweilige Stimmung unterstützt und wenn möglich noch verstärkt. Mannoman, was habe ich nicht Stunden damit verbracht, Musik anzuhören und immer wieder zu verwerfen...

Eine Szene aus dem ausverkauften Lindenmuseum.
Ich erkläre gerade, was eine "katastrophale Mauser" ist...





   
Eine weitere Herausforderung waren die Übergänge zwischen den verschiedenen Themen: wie kommt man etwa von den Pelzrobben zur Problematik der Vermüllung unserer Ozeane? Oder wenn ich gerade die äußerst kritischen Themen des Kreuzfahrttourismus und der Klimakatastrophe behandelt habe, wie schaffe ich dann eine "gute" Überleitung zur berühmten Endurance-Expedition von Sir Ernest Shackleton? Da ist rhetorisches Fingerspitzengefühl und taktisches Denken gefragt.
Und das, muss ich zugeben, macht echt Spaß: die Erstellung eines solchen Vortrags ist ein kreativer Prozess, der an vielen Fronten Herausforderungen bereithält!

Erst bei der Premiere stellt sich dann heraus, ob der Vortrag die Zuschauer so anspricht und ob diese so reagieren werden, wie ich mir das vorher gedacht habe. Natürlich hatte ich Teile des Vortrags schon im kleinen Bekanntenkreis gezeigt, aber ein großes Publikum kann da nochmal total anders "ticken". Das ist das eigentlich Spannende an einer Premiere: zu sehen, ob der Vortrag funktioniert, mit seinen Übergängen, Witzen, Spitzen und Pointen. Die Premiere der "Inseln des Nordens" vor mittlerweile sechs Jahren hat Olaf und mir damals einiges an Änderungsbedarf aufgezeigt: u.a. disqualifizierten wir ein Musikstück und löschten bzw. kürzten mehrere Themen.

Ein Blick in das Programm "m.objects", mit dem ich meinen Vortrag programmierte.
Dies ist eine der komplizierteren Stellen: sich abwechselnde Bilder zu einem Interview,
das mit Untertiteln versehen werden musste. Mittig die sechs Bildspuren, unten die vier Tonspuren.



        
Ja, und dann war es soweit: die Premiere ging viel zu schnell vorbei. Das Publikum war SUPER und ging voll mit, der Vortrag fühlte sich rund und gut an - und ich bekam immer wieder Zwischenapplaus, was für eine Ehre! Und auch mein ungewöhnliches Ende wurde besser angenommen, als erhofft - der Schlussapplaus war der HAMMER!

Oh Leute, ist das irre, wenn die Dinge so ausgehen, wie man sich das wünscht... All die Arbeit, all das Herzblut, all dieses perfektionistische "Nein, das geht noch besser" hat sich voll ausgezahlt.
Ein Träumchen! Auch jetzt, fünf Tage nach der Premiere, bin ich noch ganz gehyped vom Erlebnis...

Hier die Geschichte, wie wir ein junge Pelzrobbe einfingen, um sie von einem Plastikband zu befreien.
Unmittelbar bevor ich erzählte, wie ich mir einen Faustkampf mit einem pubertierenden Seebärenmännchen lieferte...





        
Und jetzt? Nach dem Vortrag ist vor dem Vortrag: ich muss jetzt schleunigst daran arbeiten, dass ich mit meiner Südgeorgien-Live-Reportage noch in anderen Städten auftreten kann - das zumindest wäre mein Wunsch. Also beende ich mal diesen Blog und setze mich wieder an die Akquise, um potentielle Veranstalter anzuschreiben.

Ob es für nächsten Winter noch klappt, ist schwierig, da bin ich wirklich sehr spät dran: hier in Deutschland wird ja alles immer total lange im Voraus geplant, leider.... Aber im Winter 21/22 wird der Vortrag hoffentlich mindestens 30 Mal gehalten werden, wenn's nach mir geht, in Deutschland, Österreich UND der Schweiz!

Also: drückt mir die Daumen, und vor allem: schreibt Emails an die Veranstalter eurer Wahl, damit die sich trauen, ein so ungewöhnliches Thema in ihre Stadt einzuladen!
:-D

Dienstag, 24. Dezember 2019

Weihnachtsgrüße - und Südgeorgien

Hallo zusammen,

hmm, ob das jemals nochmal etwas wird mit mir und regelmäßigem Bloggen, das weiß ich gerade nicht. Das schlechte Gewissen ist auf jeden Fall da, denn ich weiß, dass es einige gibt, die regelmäßig auf meinem Blog nach Neuigkeiten "gucken kommen".
Hmmja - sorry.

Also: es gibt nichts Neues im Sinne von "Kerstin hat mal wieder 'nen bekloppten Job a.A.d.W. gefunden". Das heißt: gefunden hab ich sie schon, die potentiellen coolen Dinge, die man ja mal machen könnte, aber ... das kann alles erstmal warten. Ich habe jetzt 8 Monate in Deutschland verbracht, und ich staune selber, aber: mir ist nicht langweilig! Erstmal gibt's immer wieder gut zu tun, was Klimaaktivismus angeht, und das ist meiner Meinung nach auch das wichtigste, was ich jetzt tatsächlich zum Weltgeschehen beisteuern kann. Wie bei allem, was mit Klimawandel zu tun hat, ist der Erfolg des eigenen Handeln ja meist gar nicht zu sehen. Ich kann noch so viel Fahrrad fahren, Flüge einsparen, Banken wechseln, Plastik vermeiden, mich vegan ernähren, an Demos teilnehmen oder Straßen blockieren - der Klimawandel schreitet munter weiter voran, und die meisten Leute ignorieren ihre eigene Verantwortung einfach immer weiter. Als gäbe es kein Morgen, als seien sie alle willentlich blind...

Egal, aufgeben und Kopf in den Sand stecken gilt nicht: und so muss man sich halt auf die kleinen Erfolge konzentrieren. So bin ich ganz überrascht vom Erfolg einer relativ einfachen Aktion, ich ich vor ein paar Wochen startete. Ich habe ein Motivationsvideo von Greta Thunberg und George Monbiot auf zweieinhalb Minuten gekürzt und mit deutschen Untertiteln versehen: und mehrere Veranstalter von Live-Reportagen / Ländervorträgen angeschrieben und gefragt, ob sie ihn vor den Vorträgen nicht zeigen wollen. Mit Erfolg: Gretas Aufforderung, sich aktiv für Klimaschutz einzusetzen, wird diesen Winter vermutlich von mehreren Zehntausend Deutschen gesehen werden. Ob sie es wollen oder nicht, hihi... :-)

Hier ist die lange Version des Videos, und zwar in der einzigen Fassung, welche ich im Netz gefunden habe, bei der man deutsche Untertitel zuschalten kann. Dafür einfach auf das kleine Zahnrad unten rechts klicken und dort unter "Untertitel" --> "deutsch" auswählen...


  
Was sonst? Abgesehen davon, dass ich endlich mal Zeit für "normale" Dinge habe (wie Bücher lesen, basteln, wandern, Pilze sammeln und demonstrieren gehen), war ich gut beschäftigt diesen Sommer und Herbst: nämlich mit der Produktion meines ersten eigenen Vortrags.
Das Thema: Südgeorgien!

Am 19. Januar werde ich mit der Premiere in Stuttgart auftreten: Infos und Karten gibt's hier: "Tor zur Antarktis - Naturparadies Südgeorgien") . Weitere Termin gibt es diesen Winter nicht; ich wollte es ruhig angehen und hoffe, dass ich nächsten Winter (also 2020/21) noch in anderen Städten auftreten kann. Infos gibt es, wenn ich mehr weiß!

Ja, und das war's dann auch von mir: ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest und mag euch als 'Geschenk' den Trailer des Vortrags nicht vorenthalten. Also, hier ist er:  ein erster Eindruck, der vor allem Lust machen soll auf's Thema.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Extinction Rebellion - Blockadewoche in Berlin

Ich vermisse die Arktis - sehr sogar. Dennoch halte ich es bisher ganz prima ohne sie aus: denn ich bin es satt, hilflos zuzusehen, wie der Klimawandel dort alles immer schneller verändert. Da es vor allem die Industrienationen sind, welche die Erderwärmung vorantreiben, wird auch nur dort eine Lösung zu finden sein: deshalb bin und bleibe ich erstmal in Deutschland. Und weil ich mir gerne meine eigene Meinung bilde, war ich letzte Woche in Berlin und habe mir dort die neue Umweltschutzbewegung "Extinction Rebellion" genauer angeschaut. Davon mag ich euch jetzt berichten!

Extinction Rebellion, kurz XR genannt, ist eine sehr junge Bewegung aus Großbritannien, die ich gerne als "Fridays for Future für Fortgeschrittene" bezeichne. Die Hauptthemen dieser „Rebellion gegen das Aussterben“ sind Klima- und Artenschutz sowie ein friedliches, tolerantes Miteinander aller Menschen. 

XR existiert, weil mehr und mehr Leute frustriert sind von der Tatenlosigkeit der Politik im Bereich des Klimaschutzes. Wir haben erwiesenermaßen nur noch ein sehr kurzes Zeitfenster (etwa 8 Jahre für uns Industrienationen), um die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen. Jahrzehnte "normaler" Demokratiebewegungen haben sehr wenig gebracht: deswegen leisten ganz normale Bürger jetzt zivilen Widerstand. Durch Blockaden auf Straßen und Brücken wird der städtische Autoverkehr gestört: so will man mit den Passanten (auch und besonders den Autofahrern!) ins Gespräch kommen und durch dieses "Stören des Systems" sowohl die Regierung als auch die Medien erreichen. Die Aktivisten sind dabei bereit, in der Tradition Mahatma Gandhis das Risiko einer Inhaftierung in Kauf zu nehmen: ein Zeichen, wie ernst ihnen ihr Anliegen ist. Dabei ist es XR extrem wichtig, komplette Gewaltfreiheit zu leben: auch verbale Gewalt ist ein absolutes Tabu!



Die drei Forderungen von XR lauten wiefolgt:
  1. Die Regierung soll den Klimanotstand ausrufen und sich auch in den Medien so mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen, wie es dem Ernst der Lage entspricht.
     
  2. Die Regierung soll endlich handeln, damit Deutschland bis zum Jahr 2025 emissionsfrei ist: denn das ist tatsächlich noch im Reich des Möglichen.
     
  3. Auf Basis von partizipatorischer Demokratie in Form von Bürgerversammlungen sollen zusammen mit der Politik Wege zur Überwindung der Klimakrise entwickelt werden.
Und so haben sich in der zweiten Oktoberwoche etwa zweitausend Menschen in Berlin versammelt, um sich dort für drastischeren und schnelleren Klimaschutz einzusetzen. In einem legal angemeldeten Camp direkt zwischen Kanzleramt und Reichstag schlugen wir unsere Zelte auf. Was für ein genial-verrückter Ort zum Übernachten: man guckt morgens aus dem Zelt und sieht direkt auf das Reichstagsgebäude!



Obwohl ich es eigentlich nicht so geplant hatte, verbrachte ich viel Zeit in diesem Camp: denn hier gab es eine Menge wichtiger Jobs zu erledigen. Alles hier war selbstorganisatorisch, alles basierte auf Freiwilligenarbeit. Dieses Zeltlager musste Auflagen der Stadt Berlin erfüllen: und ehe ich mich's versah, wurde ich der Koordinator der Ordner. Damit kümmerte mich um die Sicherheit des Camps und war einer derjenigen, die den generellen Überblick hatten.
Einmal Hüttenwart, immer Hüttenwart! ;-)



Dieses Camp war als Stätte der Begegnung gedacht und auch als Ort der gegenseitigen Information. Hier gab es Großzelte, in denen Vorträge und Workshops angeboten sowie erste Versuche von Bürgerversammlungen durchgeführt wurden. In kleinen und größeren Grüppchen wurde geredet und diskutiert, zu allen nur erdenklichen Themen: von Seenotrettung über die Verkehrswende, Klimawandel, Klimagerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum, "Green New Deal", Artensterben, Veganismus, müllfreie Textilindustrie, Achtsamkeit, Yoga und vieles mehr - es war echt ein buntes Programm!

Und genau wie schon im Camp von „Ende Gelände“ so war die Stimmung hier einfach nur toll: alle waren gut drauf, hilfsbereit und positiv eingestellt. Die Organisation und Struktur war beeindruckend: obwohl nur ganz wenige Leute den Überblick hatten, lief alles ziemlich reibungslos. Zu jeder Tageszeit halfen Dutzende von Freiwilligen dabei, diese kleine Zeltstadt am Laufen zu halten: es gab Kloputzteams und Müllsammler sowie eine Campküche, die für unzählige Menschen vegane Mahlzeiten kochte. Es gab ein Team aus Sanitätern, eines von "feinfühligen" Menschen, die mentale Unterstützung lieferten - und es gab "mein" Team aus Ordnern, die Ansprechpartner und Sicherheitsdienst des Camps waren. Nicht, dass da viel passierte, das Ganze fühlte sich an wie eine Hippieveranstaltung aus lauter guten Freunden. Und wenn es regnete, wurde die Outdoor-Bühne zum Freiluftwohnzimmer umgestaltet - Leute, das hat richtig Spaß gemacht!



Das Camp von XR war das Herzstück, in dem alle sich ausruhen, diskutierten und sich vernetzen konnten. Die Aktionen aber, über welche die Medien berichteten, hatten mit dem Camp eigentlich nichts zu tun: sie wurden unter ziemlicher Geheimniskrämerei von externen XR-Gruppen geplant und gestartet. Diese aktiven Kleingruppen von Aktivisten, die vor allem über Smartphones vernetzt waren, werden "Bezugsgruppen" genannt und hatten sich meistens schon vorher in den jeweiligen XR-Ortsgruppen formiert.

So eine Bezugsgruppe ist gedacht als die "Familie" während der Aktion(en): man kennt einander (wichtig im Falle potentieller Verhaftungen), passt aufeinander auf und entscheidet demokratisch, wie weit man bei den Aktionen dabei sein möchte. Das ist ja von Person zu Person unterschiedlich: vom "wir lassen uns auf jeden Fall wegtragen" bis zu "wir suchen keine Polizeikonfrontation und helfen drumherum, in dem wir Essen vorbeibringen oder nach der Räumung die Straße reinigen" war alles dabei.



Und so wurden dann die ganze Woche über Plätze, Straßenkreuzungen und Brücken blockiert. Einige Aktionen dauerten nur mehrere Minuten: das sind sogenannte "Swarmings", die meist nur wenige Ampelphasen lang Straßen sperrten. Andere Blockaden wurden mehrere Tage lang aufrecht erhalten - eben so lange, wie es die Polizei zuließ. Die größten Blockaden fanden an folgenden Orten statt: dem Kreisverkehr an der Siegessäule, dem Potsdamer Platz, auf mehreren Brücken und vor'm Bundesumweltministerium. Wo auch immer XR-Gruppen auftauchten, herrschte Straßenfeststimmung. Unzählige Leute bemalten den grauen Asphalt mit Kreide und viele Künstler brachten sich ein: es gab Riesenseifenblasen, Akrobatik und Yoga, Musik und Gesang, Tanz und eine Menge gute Laune!







Für die Versorgung der Blockaden war eine Straßenküche zuständig und es hätten Dixie-Klos bereitgestanden, hätte die Polizei sie durchgelassen: statt dessen mussten meist die öffentlichen Toiletten genutzt werden, die (wenn ich das richtig verstanden habe) auch von XR-Kloputzteams sauber gehalten wurden. Viele verbrachten mehrere Nächte auf der Straße: unter freiem Himmel schliefen sie auf Isomatten, und als es regnete, behalf man sich mit Planen oder harrte unter Rettungsdecken und Regenzeug beharrlich aus. Das Wetter war nicht immer toll: dass so viele Leute auch Regen und Temperaturen von bis 1°C ertrugen, ist bewundernswert! Und es zeigt gleichzeitig, wie ernst es den Aktivisten von XR ist: wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun, dann fliegt uns hier bald alles um die Ohren!



Den Kern der Blockade bildeten jeweils sogenannte "Arrestables" - das sind Menschen, die sich anketten, meist aneinander oder an feststehenden Dingen, um die Räumung für die Polizei schwieriger zu gestalten. Damit nehmen sie etwas höhere Strafen in Kauf, als jene, die sich der Sitzblockade anschließen und "nur" von der Polizei wegtragen lassen.

Diese Strafen sind für so "banale" Dinge wie eine Blockade zum Glück nicht so krass: eine nicht angemeldete Demo / Blockade nach Aufforderung der Polizei ist noch keine Straftat, wie Anketten es wäre, sondern "nur" eine Ordnungswidrigkeit: lässt man sich von der Polizei wegtragen, dann drohen einem ein Polizeigewahrsam von maximal 48 Stunden sowie ein Bußgeld. Praktisch war vom ersten Tag an klar, dass die Berliner Polizei wohl von oben (also der Regierung) den Befehl erhalten hatte, niemanden festzunehmen: da wollte wohl jemand Eskalationen und eventuelle Rechtfertigungen vermeiden...








Ich selber war als Camp-Verantwortlicher ohne Bezugsgruppe immer nur stundenweise auf den Blockaden, habe es aber zweimal geschafft, bei einer Räumung der Polizei dabei zu sein. Und dort konnte ich erleben, dass XR-Deutschland zu seinem Wort steht: alle bemühen sich um absolute Gewaltfreiheit und um eine gute Beziehung zur Polizei.

Spezielle XR-Polizeikontakte waren ständig mit den Beamten in Beratung, zögerten Räumungen heraus und versuchten, die Wünsche der Gesetzeshüter in die XR-Entscheidungen einfließen zu lassen: denn dass die individuellen Polizisten mit uns Arbeit haben, ist echt schade, aber im Zuge der Mission (Politik beeinflussen, in dem man hartnäckig ein Zeichen setzt) unvermeidlich. Ich selber habe mich bei meiner ersten Räumung wegtragen lassen, aber mich echt schlecht gefühlt, als ich merkte, wie müde die beiden Beamten waren - weil ich wahrscheinlich schon die fünfzigste Person war, die sie an dem Morgen wegtrugen...



Immer wieder suchte ich das Gespräch mit der Polizei und lernte ihren Zwiespalt kennen: meine Gesprächspartner unterstützten unser Anliegen, fanden es aber meist nicht so toll, dass wir es "auf ihrem Rücken" austrugen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Und deswegen folgte ich bei meiner zweiten Räumung der Bitte der Polizisten, in Begleitung selber fortzugehen, statt mich von ihnen tragen zu lassen.

Empathie und gegenseitiges Verständnis waren Werte, die zu leben in dieser Woche ganz viele Menschen versucht haben. Dazu passt auch gut, dass die Blockaden Rettungsfahrzeuge durchgelassen haben: wenn normale Polizei-Einsatzwagen (also keine Gruppentransporter) oder Nicht-Polizei mit Blaulicht und Martinshorn angerauscht kam, öffneten wir sofort eine Rettungsgasse und ließen sie hindurch. Soviel dann auch zu dem falschen Gerücht, dass XR keine Rettungswagen durchlassen und deswegen Menschenleben gefährden würde!







An der Stelle will ich mit einigen anderen Falschinformationen über XR aufräumen: etwa, dass es ein sektenähnlicher Verein sein soll mit esoterischer Denkweise. Das ist totaler Quatsch! Eine Sekte ist religiös oder vertritt Ideologien, die nicht den ethischen Grundwerten der Gesellschaft entsprechen. Beides ist bei XR absolut nicht der Fall. Es machen Menschen allen Alters und aller Gesinnungen mit: es sind viele Studenten dabei, aber auch Familien mit Kindern, Rentner und einfach jeder nette Mensch, der sich Sorgen um die Zukunft macht und sich aktiv und friedlich aber hartnäckig einbringen will.




Klar: es gibt in der Bewegung einige, nennen wir sie mal "Paradiesvögel", und ja, ein paar wenige Esoteriker mögen dabei sein, das will ich nicht ausschließen. XR ist komplett inklusiv: mitmachen dürfen alle, solange sie sich an die Grundwerte halten (die ihr gerne hier nachlesen könnt: XR - Prinzipien und Werte). Viele Künstler und künstlerische Aktionen sind dabei: unter anderem die "Rote Brigade", eine Schweige-Prozession von Menschen in seltsamen roten Gewändern. Ich glaube, dass sie der Grund sind, warum sich die Vorwürfe einer XR-Sekte mit esoterischem Anklang so hartnäckig halten. Die Idee hinter der Darstellung der Rote Brigade ist, dass sie "das gemeinsame Blut symbolisieren, das wir mit allen Spezies dieser Erde teilen", die Verbundenheit, Trauer und das Leid, das wir mit dem Klimawandel über die Erde bringen. Es ist eine Kunstform: und eine sehr eindrückliche, das nur mal nebenbei gesagt...



Meine Erfahrungen mit XR waren durchweg positiver Natur. Dafür, dass in Berlin mehrere tausend  Menschen zusammenkamen, um selbstorganisatorisch zu campen und Aktionen zu machen (eine Premiere für XR Deutschland), lief alles erstaunlich gut! Natürlich gab es hier und da kleine Pannen; unter anderem war ich wenig begeistert von zwei Swarmings, die (weil ganz spontan und nicht gut durchdacht) nicht nur die Autofahrer, sondern auch die öffentlichen Verkehrsmittel störten - also eher suboptimal...

Dazu gehört auch, dass ich nicht alle Aktionen von XR vollen Herzens unterstütze; so hielt ich nicht viel davon, Kunstblut auf Treppen auszuschütten. Ich selber plädiere immer an die Toleranz aller Menschen: man muss nicht immer zu 100% hinter jeder Aktion stehen, um die generelle Richtung der Bewegung zu unterstützen. Das ist ja in der Politik nicht anders: kaum jemand wird hinter allen Entscheidungen stehen, welche die Partei fällt, und trotzdem wählt man "für die Sache"... Solange Extinction Rebellion gewaltfrei bleibt und sich nicht gegen die Gesellschaft richtet, sondern mit ihr für mehr Klimaschutz arbeiten will, werde ich sie unterstützen, und dabei andere Ansichten und Fehler akzeptieren. Das gehört einfach dazu, wenn viele unterschiedliche Menschen zusammen agieren!



Überhaupt waren es die Menschen, die mich am meisten überrascht haben. Jeder einzelne war interessant, nett und auf seine Art besonders! Ich habe erlebt, wie mit Polizisten geflirtet wurde, wie erst unverständige Passanten zu Unterstützern wurden, und wie Menschen aller Altersstufen und Gesinnungen sich ohne Vorurteile begegneten und einander halfen. Verrückt war auch der Moment, als ich mich plötzlich (mitten in der Räumung des Potsdamer Platzes) in einem Sessel neben einer mir zuvor gänzlich Unbekannten wiederfand, die versuchte, mir das Stricken beizubringen. Dass es davon auch noch ein Foto gibt, setzt dem ganzen die Krone auf!




Einer der eindrücklichsten Momente war es, als eine Demo mehrerer tausend Teilnehmer beim Holocaust-Mahnmal ankam - und von jetzt auf gleich mucksmäuschenstill wurde. Nicht einmal Gespräche waren zu hören: schweigend zogen Demonstranten wie Polizisten an den grauen Stelen vorbei, minutenlang, bis auch die letzten vorbei gezogen waren. Die Kombination aus Holocaust und dem gerade geschehenen Anschlag in Halle erzeugten einen absoluten Gänsehautmoment, der mir noch einmal verdeutlicht hat, was für Menschen bei XR mitmachen: empathische, soziale Leute, die viel begriffen haben. Und die hoffen, dass ihr friedlicher Aufstand bald erhört werden wird: denn wir wollen doch nur, dass auch die nächsten Generationen noch in Frieden und Wohlstand in Deutschland und ganz generell auf dieser Welt leben können...



Nach einer ganzen Woche voller Aktionen waren wir einerseits begeistert von der gefühlten Aufbruchstimmung - andererseits aber enttäuscht darüber, dass von der Bundesregierung nicht einmal die kleinste Stellungnahme kam. Wirklich überraschend war das aber nicht: wohl kaum einer von uns hat geglaubt, dass die Woche in Berlin sofort Ergebnisse erzielen würde. Wichtig ist daher, dass das Thema Klimaschutz weiter stark im Gespräch bleibt - und sich mehr und mehr Bürger Klimaschutzbewegungen wie FFF oder XR anschließen. Je mehr Leute auf die Straße gehen und sich für ihre Überzeugungen stark machen, desto eher werden die Politiker sich trauen, endlich mutige Entscheidungen zu treffen: gegen den menschengemachten Klimawandel und für eine inklusive, empathische Gesellschaft.

Von daher apelliere ich einmal mehr an euch: engagiert euch und traut euch, Stellung zu beziehen für die Dinge, die euch wichtig sind. Im Angesicht der Klimakrise, des Rechtsrucks in der Gesellschaft und der zunehmenden Normalisierung von Gewalt kann es sich eigentlich niemand mehr leisten, schweigend im Hintergrund zu bleiben. Eine Demokratie ist vom Volk für's Volk: nur wer sich aktiv einbringt, wird die Chance haben, die Zukunft zu beeinflussen!


























Eine kurze Zusammenfassung der Woche sowie die Frage, ob der Protest von XR nun sinnvoll ist, oder nicht, könnt ihr euch hier ansehen, in einer 20-minütigen Reportage des BR:

PULS Reportage: Wie geht guter Protest?

Dienstag, 10. September 2019

Ein Sommer in Deutschland

Owei, schon wieder sind Wochen vergangen seit meinem letzten Lebenszeichen hier...

Ich bin erstaunt, wie beschäftigt ich bin, und das trotz eines ganz normalen Lebens in der Zivilisation - nun, soweit man bei mir von "normal" sprechen kann...

Ich habe mir diesen Sommer ganz bewusst frei gehalten und keinem anderen Job zugesagt.
Statt dessen habe ich mich auf ein eigenes Projekt eingelassen. Olaf, mit dem ich ja die "Inseln des Nordens" gemacht habe, bat mich, ob ich nicht bitte eine Show zum Thema Südgeorgien halten können würde. Ich habe nicht lange überlegt, denn: einerseits sind in meinen Aufenthalten auf dieser entlegenene Insel irre Fotos entstanden, die ich gerne mit Interessierten teilen würde, und andererseits gibt es auch von dort kritische Dinge, die angesprochen werden müssen. Und so ist dies meine Hauptaufgabe diesen Sommer: hinter'm PC sitzen, Bilder bearbeiten und eine Foto-Reportage erstellen, die am 19. Januar in Stuttgart Premiere haben wird.

Sollte ich im darauffolgenden Winter (1920/21) nicht sonstwo sein (ich habe mich für ein Naturschutzprojekt beworben, das mich ein Jahr auf die Südhalbkugel bringen würde. Aber das ist alles noch total ungewiss...), dann werde ich mich bei verschiedenen Veranstaltern bewerben und meine Südgeorgienshow dann hoffentlich in mehreren Städten in den deutschsprachigen Ländern zeigen können. Aber bis dahin wird noch etwas Zeit vergehen...

Hier in Deutschland versuche ich nun, die ermutigenden Bewegungen zu unterstützen, welche den Klimawandel endlich effektiv bekämpft sehen wollen: "Fridays for Future" (FFF) und "Extinction Rebellion" (XR). Die Kids von FFF brauchen dringend Unterstützung: es reicht nicht, dass wir Erwachsenen sagen: oh, prima dass die junge Generation jetzt endlich etwas tut! Sie schaffen das nicht, wenn wir nicht mit auf den Zug aufspringen und ihnen helfend zur Seite stehen. Ich persönlich versuche, jeden Monat auf ein bis zwei Demos zu gehen: um den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie mit ihren Forderungen nach einer lebenswerten Zukunft nicht alleine sind!

© Fridays for Future Deutschland





 
Diesbezüglich kommt mein Aufruf an Dich, der Du das hier grade liest: für den 20. September ist die wichtigste Klimademo geplant, die es weltweit je gab! In jeder größeren Stadt ist eine Demo von FFF und XR angesetzt: wenn euch der Klimawandel bedrückt und euch die Zukunft der nächsten Generationen etwas Wert ist, dann, bitte: geht am 20. September (ein Freitag Vormittag) zur Demo in die nächstgrößere Stadt!
Wo es Demos gibt, könnt ihr hier herausfinden:
Klimastreiks 20. September 2019
Wer an dem Tag keine Zeit hat, der wisse: am 20. September beginnt die "Klima-Woche". In mehreren großen Städten wird bis zum 27. September täglich etwas los sein, in Köln zum Beispiel: da kann man dann auch am Wochenende Demos und Aktionen unterstützen. Die Termine für Deutschland werden oft erst sehr kurzfristig hier zusammengefasst:
Fridays for Future - Streiktermine

Ich selbst bereite mich jetzt für etwas noch Größeres vor: ich will, zusammen mit Extinction Rebellion, im Oktober Berlin blockieren. Wir versuchen das, was die Briten Anfang des Jahres in London machten: Brücken und Straßen sperren, tagelang, um den Protest zu den Politikern zu bringen und ihnen zu zeigen, dass wir es ernst meinen mit unserer Forderung, sofort drastische Maßnahmen zu treffen - weil wir sonst absolut keine Chance mehr haben, den Klimawandel auf 2°C zu begrenzen. Selbst das wird mit jedem verstreichenden Tag der Untätigkeit immer unwahrscheinlicher... Auch ich bin es leid, dass ich zwar mein Leben lang von der Existenz des Klimawandels gehört habe, dass wir Menschen aber so tun, als sei es nicht unser Problem, als läge die Lösung in der Zukunft. Von daher werde ich im Oktober in Berlin sein: zusammen mit hoffentlich mehreren Tausend Menschen, die eingesehen haben, dass es bereits 5 nach 12 ist und dass wir ein radikales Umdenken von Politik und Industrie brauchen - und zwar sofort, und nicht erst in 25 Jahren...

Hier gibt's mehr Infos zu "Rebellion Week" in Berlin:
Auftand oder Aussterben

Ja, und zwischen Computerarbeit und Klimaaktivismus genieße ich den Sommer in der Wärme.
Klar, der Juli war ja wohl mal viel, viel zu heiß: 40°C kenne ich sonst nur aus der Sauna! Hitzewellen und Dürre, Insektensterben und Baumsterben, Flüchtlinge, politischer Rechtsruck und eine akute Verrohung der Gesellschaft - man muss schon willentlich blind sein, um zu glauben, dass Klimawandel nur ein Problem ferner Länder sei...

Wie gesagt: handelt, Leute, handelt - bevor es zu spät ist! Sich für eine bessere Welt einzusetzen, ist nie verkehrt - aber genau jetzt super, super wichtig. Jetzt der schweigenden Mehrheit anzugehören, bedeutet, die negativen Veränderungen zu billigen. Und ich zumindest werde die Welt, die ich liebe, nicht kampflos aufgeben! Besonders nicht, wenn der "Kampf" so relativ einfach und extrem befriedigend ist - weil wir ja noch eine sehr lebenswerte Welt haben. Die zu erhalten, ist wesentlich einfacher, als sie später neu aufbauen zu müssen! :-)

Bild: Claudia Fallert



 
Und so versuche ich, überall das Gute und Schöne zu sehen - und trotzig an der Hoffnung an eine gute Zukunft festzuhalten, egal wie negativ die Nachrichten auch sein mögen, die da tagtäglich auf uns einprasseln. Ich besuche Freunde und ich verbringe viel Zeit in der Natur: Pilze und Früchte sammeln, wandern, lesen, und zu tun, was ich als im Reiche meiner Möglichkeiten ansehe. Jeder von uns ist unterschiedlich, jeder hat seine Stärken und Möglichkeiten. Ob man sich nun für eine bessere Gesellschaft einsetzt oder den Schutz der Natur: solange es darum geht, dass man versucht, die Welt zu verbessern, ist jeder Aktionismus wichtig! Die einen gehen auf die Straße, die anderen arbeiten hinter den Kulissen. Tut das, was ihr könnt: seid empatisch, tut Gutes: Menschen und/oder der Natur gegenüber. Meine Stärken liegen u.a. darin, ungewöhnliche Wege zu gehen, aber auch in der  Motivation von Menschen und der Umweltbildung und Berichterstattung: also konzentriere ich mich darauf. Ganz nach dem Motto: Jeder Versuch ist einen Versuch wert, verlieren kann ich nichts, nur gewinnen. Mit dem Hintergedanken habe ich letzte Woche ein Interview beim NDR gegeben: das Ergebnis seht ihr hier. Und damit verabschiede ich mich - bis Ende Oktober, denn ich gehe mal schwer davon aus, dass ich von Berlin berichten werde!

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/Eisbaer-Fotografin-Kerstin-Langenberger,dasx19404.html

Link zum Interview: Eisbär-Fotografin Kerstin Langenberger