Donnerstag, 16. April 2020

Kjölur im Winter - Teil 1

In meinem Jahresstudium zum Arctic Nature Guide habe ich gelernt, Expeditionen ins Detail zu planen. Wo genau soll die Route entlangführen, wie viele Kilometer legt man pro Tag zurück und wann wird man wo sein? Diese Infos sind super wichtig, wenn man etwa eine Tour mit Kunden plant oder zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo ankommen muss.
Wenn ich aber in Island unterwegs bin, dann plane ich ganz anders. Denn wenn ich hier eines gelernt habe, dann, dass vieles anders kommt, als man so denkt. Und das trotzdem alles "schon irgendwie werden wird". 'Þetta reddast' heißt diese isländische Lebensphilosophie. Þetta reddast: wenn du dein Bestes gibst und immer offen bleibst für die unerwarteten Wendungen des Lebens, wenn du spontan genug bleibst, um deine Pläne auch mal zu ändern, dann wird alles schon irgendwie gut werden. Und das trifft auch auf meine Skiwanderungen zu.

Nicht, dass ihr denkt, dass ich nicht geplant hätte: eine gute Woche war ich beschäftigt, alle Dinge einzukaufen, die ich noch brauchte, all mein Essen rationengenau abzupacken, Kocherbenzin aufzutreiben und Infos zu beschaffen über die potentiell problematischen Orte meiner Route. Welche Flüsse sind möglicherweise offen und müssen über welche Brücken überquert werden? Wo besteht Lawinengefahr oder liegt eventuell kaum Schnee? Welches ist die ideale Route, wo liegen Hütten, welche sind offen und für welche muss ich mir die Schlüssel organisieren? Wo gibt es Handynetz? Und, ganz wichtig, wie ist die Wettervorhersage für die ersten fünf Tage?

Und nachdem ich dann einen Plan A (von Þingvellir nach Hveravellir), B (Plan A plus Rückkehr auf ähnlichem Weg) und C (von Þingvellir nach Hagavatn nach Geysir) geschmiedet und alle Pläne bei der isländischen Bergrettung abgegeben hatte, ging es beim nächsten guten Wetterfenster los. Meine Freundin Arianne setzte mich am 24. März im menschenleeren Þingvellir ab. Der Schlitten war irre schwer (irgendwas zwischen 60 und 70kg), beladen mit allem, um drei Wochen lang im Zelt komplett autark zu sein, plus meiner Kameraausrüstung und meinem 3kg-Stativ.



Am ersten Tag herrschte überwiegend gutes Wetter: warm (nur knapp unter'm Gefrierpunkt), kaum Wind und mehr Sonne als Schneeschauer. Trotz späten Starts legte ich 14 Kilometer zurück, ehe ich mein Zelt aufbaute. Der erste Tag ist immer eine Eingewöhnung: die Füße müssen wieder lernen, auf Ski zu gleiten und nicht zu gehen, die Hüfte muss sich daran anpassen, ein Gewicht zu ziehen, und ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich nicht alle 50 Meter zum Fotografieren stehen bleiben kann, wenn ich eine Tagesetappe schaffen will...
   
Der Blick zurück über Þingvallahraun zum gefrorenen Þingvallavatn, Arnarfell und Hengill



   
Mein Zelt baute ich während eines Schneeschauers auf, der die Sicht zuletzt auf unter 200 Meter reduziert hatte. Und als ich dann in meinem Heim für die Nacht saß und Schnee für's Abendessen schmolz - da wurde es wieder hell. Und erlebte ich einen wunderschönen Sonnenuntergang!
Dieses isländische Wetter... Wechselmütiger geht's echt nimmer...



An Schlaf war kaum zu denken, denn nachts war es immer wieder klar, und farblose, detaillose Nordlichter waberten unter der Milchstraße. Sooo schön! Ich lag auf der Isomatte in der offenen Zelttür, Brille auf der Nase und wie ein Raupe tief vermummelt im Schlafsack und bin im Licht der Sterne eingedöst - bis mich die Schneeflocken des nächsten Schneeschauers weckten und ich mich wieder ins Zelt verkrümelte. Und um 5:30 Uhr klingelte dann mein Wecker, denn: das gute Wetter sollte sich an diesem Tag in Mistwetter wandeln.

Das 70-90cm tiefe Loch im Eingangsbereich macht den Einstieg ins Zelt viel angenehmer.
Außerdem kann man dann wunderbar im Zelt sitzen und die Füße baumeln lassen.
UND man hat direkt Schnee zur Wasserproduktion und um die Schneelappen zu beschweren,
die ich außen am Zelt angenäht habe und die das Eindringen von Flugschnee verhindern.


 
Bis zum Tagesziel, der Hütte bei Hlöðuvellir, waren es zwar 'nur' 16,5 km - aber die wollte ich gerne bei guter Sicht zurücklegen. Der bewölkte Morgen lud nicht wirklich zur Fotografie ein, also wickelte die ganze Morgenroutine ab: 1,5 Liter Wasser aus Schnee schmelzen, Thermoskanne mit kochendem Wasser füllen, frühstücken, Mittagessen vorbereiten, alles zusammenpacken. Das dauert immer erstaunlich lange - gerade und besonders am ersten Tag der Tour, wenn sich die Routine erst wieder einspielen muss.



Und dann folgte ein wunderschöner Vormittag! In aller Seelenruhe zog ich den Pulka in der ganz leichten Steigung (200 Höhenmeter auf 6 Kilometer) auf wunderbar tragendem Schnee an den Hütten von Skjaldborg vorbei. Der angekündigte Wetterwechsel war gut zu beobachten: Wolken senkten sich aus zwei verschiedenen Richtungen zu mir herab, krochen über die Bergrücken, und verschlangen mich, als ich um 14 Uhr zu mittag aß.



Und dann - war ich im Whiteout. Es gibt verschiedenste Wettersituationen, die zum Whiteout führen: Schneefall, Nebel (wenn man also IN den Wolken ist) oder hochliegende Bewölkung. Alles scheint dann gleichmäßig hell; es gibt keinen oder kaum Unterschied zwischen Himmel und dem schneebedeckten Boden und keinerlei Kontraste mehr, keine Schatten, keine Konturen - außer in schwarzen, aus dem Schnee herausragenden Steinen. Und das bedeutet, dass man keinerlei Gefühl mehr für Distanzen hat. Man kann kaum sehen, wohin man seine Füße setzt, kann nicht erahnen, ob es vor einem hoch oder runter geht, oder wie weit der Stein, den man da hinten sehen kann, wirklich von einem entfernt ist.




Whiteout ist gleichermaßen faszinierend wie doof. Man ist viel langsamer unterwegs, als bei guter Sicht, weil jeder Schritt ins Nichts führt und man einfach nicht sehen kann, ob man vielleicht gerade auf einen Abgrund zusteuert. Und vor allem kann man keine Richtung mehr halten, da man sich wirklich nur noch per GPS orientieren kann. Ohne GPS würde ich im Whiteout keinen Schritt tun wollen! Das Gerät sagt einem einem, wo man ist und in welcher Richtung das Ziel liegt, sodass man dieses per Kompasspeilung ansteuern kann. Auf so langen Touren schont man die Batterien des GPS wann immer möglich, in dem man altmodisch mit dem Kompass arbeitet, nachdem man vom GPS die Gradzahl des nächsten Zielpunktes abgefragt hat...

Ein Bild vom Tag danach - als ich ankam, war der Berg nicht zu sehen, und die Tür auch nicht...


 
Es war eine echte Erleichterung, als ich endlich die Umrisse der Hütte in Hlöðuvellir ausmachen konnte. Aber bevor ich mich dem mittlerweile sehr stürmischen Wind entkommen konnte, musste ich erst einmal eine Stunde lang Schnee schaufeln. Die Tür war nämlich bis auf's Dach eingeschneit, und ich war super froh, neben der obligatorischen Schaufel auch eine Eisaxt mitgenommen zu haben. Der Schnee war auf den unteren Zentimetern zu Eis geworden, und ohne penibles Fort-Hacken am Türrahmen hätte ich die Tür niemals aufbekommen.


Was für ein Segen, dann endlich aus dem mittlerweile heulenden Sturmwind in die Hütte flüchten zu können! Ausblicke gabs' da zwar keine, aber das war mir dann auch egal. Es stand ja nicht mehr viel auf dem Programm: nur noch Abendessen und schlafen...


Der nächste Tag war ein Pausentag, denn der Wind heulte und drückte die Sicht auf Whiteout-Niveau. Ich hatte Essen für drei Wochen dabei, die reine Wanderstrecke nach Hveravellir beträgt aber 'nur' sieben Tage - von daher konnte ich mir Pausen erlauben und musste nicht auf Teufel komm raus Strecke machen. Und so freute ich mich, als am Nachmittag des 26. März mal für zweieinhalb Stunden die Sonne rauskam und ich die Landschaft sehen konnte. Der starke Wind trieb noch immer feinen Flugschnee vor sich her; dieses in Island ganz typische Phänomen nennt sich 'skafrenningur', auf deutsch: schneefegen. Sieht super aus, fühlt sich aber ziemlich unangenehm an, denn der Wind, der ist kalt, und der Schnee trifft einen wie feinste Sandkörner...






Die Hütte von Hlöðuvellir und die Bergkette Skriðutindar







1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für den spannenden Bericht. Ich freu mich schon sehr auf die Fortsetzung.

    "ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich nicht alle 50 Meter zum Fotografieren stehen bleiben kann."
    Oh ja, dieses Problem habe ich auch immer ... ;-)

    AntwortenLöschen