Donnerstag, 17. Oktober 2019

Extinction Rebellion - Blockadewoche in Berlin

Ich vermisse die Arktis - sehr sogar. Dennoch halte ich es bisher ganz prima ohne sie aus: denn ich bin es satt, hilflos zuzusehen, wie der Klimawandel dort alles immer schneller verändert. Da es vor allem die Industrienationen sind, welche die Erderwärmung vorantreiben, wird auch nur dort eine Lösung zu finden sein: deshalb bin und bleibe ich erstmal in Deutschland. Und weil ich mir gerne meine eigene Meinung bilde, war ich letzte Woche in Berlin und habe mir dort die neue Umweltschutzbewegung "Extinction Rebellion" genauer angeschaut. Davon mag ich euch jetzt berichten!

Extinction Rebellion, kurz XR genannt, ist eine sehr junge Bewegung aus Großbritannien, die ich gerne als "Fridays for Future für Fortgeschrittene" bezeichne. Die Hauptthemen dieser „Rebellion gegen das Aussterben“ sind Klima- und Artenschutz sowie ein friedliches, tolerantes Miteinander aller Menschen. 

XR existiert, weil mehr und mehr Leute frustriert sind von der Tatenlosigkeit der Politik im Bereich des Klimaschutzes. Wir haben erwiesenermaßen nur noch ein sehr kurzes Zeitfenster (etwa 8 Jahre für uns Industrienationen), um die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen. Jahrzehnte "normaler" Demokratiebewegungen haben sehr wenig gebracht: deswegen leisten ganz normale Bürger jetzt zivilen Widerstand. Durch Blockaden auf Straßen und Brücken wird der städtische Autoverkehr gestört: so will man mit den Passanten (auch und besonders den Autofahrern!) ins Gespräch kommen und durch dieses "Stören des Systems" sowohl die Regierung als auch die Medien erreichen. Die Aktivisten sind dabei bereit, in der Tradition Mahatma Gandhis das Risiko einer Inhaftierung in Kauf zu nehmen: ein Zeichen, wie ernst ihnen ihr Anliegen ist. Dabei ist es XR extrem wichtig, komplette Gewaltfreiheit zu leben: auch verbale Gewalt ist ein absolutes Tabu!



Die drei Forderungen von XR lauten wiefolgt:
  1. Die Regierung soll den Klimanotstand ausrufen und sich auch in den Medien so mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen, wie es dem Ernst der Lage entspricht.
     
  2. Die Regierung soll endlich handeln, damit Deutschland bis zum Jahr 2025 emissionsfrei ist: denn das ist tatsächlich noch im Reich des Möglichen.
     
  3. Auf Basis von partizipatorischer Demokratie in Form von Bürgerversammlungen sollen zusammen mit der Politik Wege zur Überwindung der Klimakrise entwickelt werden.
Und so haben sich in der zweiten Oktoberwoche etwa zweitausend Menschen in Berlin versammelt, um sich dort für drastischeren und schnelleren Klimaschutz einzusetzen. In einem legal angemeldeten Camp direkt zwischen Kanzleramt und Reichstag schlugen wir unsere Zelte auf. Was für ein genial-verrückter Ort zum Übernachten: man guckt morgens aus dem Zelt und sieht direkt auf das Reichstagsgebäude!



Obwohl ich es eigentlich nicht so geplant hatte, verbrachte ich viel Zeit in diesem Camp: denn hier gab es eine Menge wichtiger Jobs zu erledigen. Alles hier war selbstorganisatorisch, alles basierte auf Freiwilligenarbeit. Dieses Zeltlager musste Auflagen der Stadt Berlin erfüllen: und ehe ich mich's versah, wurde ich der Koordinator der Ordner. Damit kümmerte mich um die Sicherheit des Camps und war einer derjenigen, die den generellen Überblick hatten.
Einmal Hüttenwart, immer Hüttenwart! ;-)



Dieses Camp war als Stätte der Begegnung gedacht und auch als Ort der gegenseitigen Information. Hier gab es Großzelte, in denen Vorträge und Workshops angeboten sowie erste Versuche von Bürgerversammlungen durchgeführt wurden. In kleinen und größeren Grüppchen wurde geredet und diskutiert, zu allen nur erdenklichen Themen: von Seenotrettung über die Verkehrswende, Klimawandel, Klimagerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum, "Green New Deal", Artensterben, Veganismus, müllfreie Textilindustrie, Achtsamkeit, Yoga und vieles mehr - es war echt ein buntes Programm!

Und genau wie schon im Camp von „Ende Gelände“ so war die Stimmung hier einfach nur toll: alle waren gut drauf, hilfsbereit und positiv eingestellt. Die Organisation und Struktur war beeindruckend: obwohl nur ganz wenige Leute den Überblick hatten, lief alles ziemlich reibungslos. Zu jeder Tageszeit halfen Dutzende von Freiwilligen dabei, diese kleine Zeltstadt am Laufen zu halten: es gab Kloputzteams und Müllsammler sowie eine Campküche, die für unzählige Menschen vegane Mahlzeiten kochte. Es gab ein Team aus Sanitätern, eines von "feinfühligen" Menschen, die mentale Unterstützung lieferten - und es gab "mein" Team aus Ordnern, die Ansprechpartner und Sicherheitsdienst des Camps waren. Nicht, dass da viel passierte, das Ganze fühlte sich an wie eine Hippieveranstaltung aus lauter guten Freunden. Und wenn es regnete, wurde die Outdoor-Bühne zum Freiluftwohnzimmer umgestaltet - Leute, das hat richtig Spaß gemacht!



Das Camp von XR war das Herzstück, in dem alle sich ausruhen, diskutierten und sich vernetzen konnten. Die Aktionen aber, über welche die Medien berichteten, hatten mit dem Camp eigentlich nichts zu tun: sie wurden unter ziemlicher Geheimniskrämerei von externen XR-Gruppen geplant und gestartet. Diese aktiven Kleingruppen von Aktivisten, die vor allem über Smartphones vernetzt waren, werden "Bezugsgruppen" genannt und hatten sich meistens schon vorher in den jeweiligen XR-Ortsgruppen formiert.

So eine Bezugsgruppe ist gedacht als die "Familie" während der Aktion(en): man kennt einander (wichtig im Falle potentieller Verhaftungen), passt aufeinander auf und entscheidet demokratisch, wie weit man bei den Aktionen dabei sein möchte. Das ist ja von Person zu Person unterschiedlich: vom "wir lassen uns auf jeden Fall wegtragen" bis zu "wir suchen keine Polizeikonfrontation und helfen drumherum, in dem wir Essen vorbeibringen oder nach der Räumung die Straße reinigen" war alles dabei.



Und so wurden dann die ganze Woche über Plätze, Straßenkreuzungen und Brücken blockiert. Einige Aktionen dauerten nur mehrere Minuten: das sind sogenannte "Swarmings", die meist nur wenige Ampelphasen lang Straßen sperrten. Andere Blockaden wurden mehrere Tage lang aufrecht erhalten - eben so lange, wie es die Polizei zuließ. Die größten Blockaden fanden an folgenden Orten statt: dem Kreisverkehr an der Siegessäule, dem Potsdamer Platz, auf mehreren Brücken und vor'm Bundesumweltministerium. Wo auch immer XR-Gruppen auftauchten, herrschte Straßenfeststimmung. Unzählige Leute bemalten den grauen Asphalt mit Kreide und viele Künstler brachten sich ein: es gab Riesenseifenblasen, Akrobatik und Yoga, Musik und Gesang, Tanz und eine Menge gute Laune!







Für die Versorgung der Blockaden war eine Straßenküche zuständig und es hätten Dixie-Klos bereitgestanden, hätte die Polizei sie durchgelassen: statt dessen mussten meist die öffentlichen Toiletten genutzt werden, die (wenn ich das richtig verstanden habe) auch von XR-Kloputzteams sauber gehalten wurden. Viele verbrachten mehrere Nächte auf der Straße: unter freiem Himmel schliefen sie auf Isomatten, und als es regnete, behalf man sich mit Planen oder harrte unter Rettungsdecken und Regenzeug beharrlich aus. Das Wetter war nicht immer toll: dass so viele Leute auch Regen und Temperaturen von bis 1°C ertrugen, ist bewundernswert! Und es zeigt gleichzeitig, wie ernst es den Aktivisten von XR ist: wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun, dann fliegt uns hier bald alles um die Ohren!



Den Kern der Blockade bildeten jeweils sogenannte "Arrestables" - das sind Menschen, die sich anketten, meist aneinander oder an feststehenden Dingen, um die Räumung für die Polizei schwieriger zu gestalten. Damit nehmen sie etwas höhere Strafen in Kauf, als jene, die sich der Sitzblockade anschließen und "nur" von der Polizei wegtragen lassen.

Diese Strafen sind für so "banale" Dinge wie eine Blockade zum Glück nicht so krass: eine nicht angemeldete Demo / Blockade nach Aufforderung der Polizei ist noch keine Straftat, wie Anketten es wäre, sondern "nur" eine Ordnungswidrigkeit: lässt man sich von der Polizei wegtragen, dann drohen einem ein Polizeigewahrsam von maximal 48 Stunden sowie ein Bußgeld. Praktisch war vom ersten Tag an klar, dass die Berliner Polizei wohl von oben (also der Regierung) den Befehl erhalten hatte, niemanden festzunehmen: da wollte wohl jemand Eskalationen und eventuelle Rechtfertigungen vermeiden...








Ich selber war als Camp-Verantwortlicher ohne Bezugsgruppe immer nur stundenweise auf den Blockaden, habe es aber zweimal geschafft, bei einer Räumung der Polizei dabei zu sein. Und dort konnte ich erleben, dass XR-Deutschland zu seinem Wort steht: alle bemühen sich um absolute Gewaltfreiheit und um eine gute Beziehung zur Polizei.

Spezielle XR-Polizeikontakte waren ständig mit den Beamten in Beratung, zögerten Räumungen heraus und versuchten, die Wünsche der Gesetzeshüter in die XR-Entscheidungen einfließen zu lassen: denn dass die individuellen Polizisten mit uns Arbeit haben, ist echt schade, aber im Zuge der Mission (Politik beeinflussen, in dem man hartnäckig ein Zeichen setzt) unvermeidlich. Ich selber habe mich bei meiner ersten Räumung wegtragen lassen, aber mich echt schlecht gefühlt, als ich merkte, wie müde die beiden Beamten waren - weil ich wahrscheinlich schon die fünfzigste Person war, die sie an dem Morgen wegtrugen...



Immer wieder suchte ich das Gespräch mit der Polizei und lernte ihren Zwiespalt kennen: meine Gesprächspartner unterstützten unser Anliegen, fanden es aber meist nicht so toll, dass wir es "auf ihrem Rücken" austrugen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Und deswegen folgte ich bei meiner zweiten Räumung der Bitte der Polizisten, in Begleitung selber fortzugehen, statt mich von ihnen tragen zu lassen.

Empathie und gegenseitiges Verständnis waren Werte, die zu leben in dieser Woche ganz viele Menschen versucht haben. Dazu passt auch gut, dass die Blockaden Rettungsfahrzeuge durchgelassen haben: wenn normale Polizei-Einsatzwagen (also keine Gruppentransporter) oder Nicht-Polizei mit Blaulicht und Martinshorn angerauscht kam, öffneten wir sofort eine Rettungsgasse und ließen sie hindurch. Soviel dann auch zu dem falschen Gerücht, dass XR keine Rettungswagen durchlassen und deswegen Menschenleben gefährden würde!







An der Stelle will ich mit einigen anderen Falschinformationen über XR aufräumen: etwa, dass es ein sektenähnlicher Verein sein soll mit esoterischer Denkweise. Das ist totaler Quatsch! Eine Sekte ist religiös oder vertritt Ideologien, die nicht den ethischen Grundwerten der Gesellschaft entsprechen. Beides ist bei XR absolut nicht der Fall. Es machen Menschen allen Alters und aller Gesinnungen mit: es sind viele Studenten dabei, aber auch Familien mit Kindern, Rentner und einfach jeder nette Mensch, der sich Sorgen um die Zukunft macht und sich aktiv und friedlich aber hartnäckig einbringen will.




Klar: es gibt in der Bewegung einige, nennen wir sie mal "Paradiesvögel", und ja, ein paar wenige Esoteriker mögen dabei sein, das will ich nicht ausschließen. XR ist komplett inklusiv: mitmachen dürfen alle, solange sie sich an die Grundwerte halten (die ihr gerne hier nachlesen könnt: XR - Prinzipien und Werte). Viele Künstler und künstlerische Aktionen sind dabei: unter anderem die "Rote Brigade", eine Schweige-Prozession von Menschen in seltsamen roten Gewändern. Ich glaube, dass sie der Grund sind, warum sich die Vorwürfe einer XR-Sekte mit esoterischem Anklang so hartnäckig halten. Die Idee hinter der Darstellung der Rote Brigade ist, dass sie "das gemeinsame Blut symbolisieren, das wir mit allen Spezies dieser Erde teilen", die Verbundenheit, Trauer und das Leid, das wir mit dem Klimawandel über die Erde bringen. Es ist eine Kunstform: und eine sehr eindrückliche, das nur mal nebenbei gesagt...



Meine Erfahrungen mit XR waren durchweg positiver Natur. Dafür, dass in Berlin mehrere tausend  Menschen zusammenkamen, um selbstorganisatorisch zu campen und Aktionen zu machen (eine Premiere für XR Deutschland), lief alles erstaunlich gut! Natürlich gab es hier und da kleine Pannen; unter anderem war ich wenig begeistert von zwei Swarmings, die (weil ganz spontan und nicht gut durchdacht) nicht nur die Autofahrer, sondern auch die öffentlichen Verkehrsmittel störten - also eher suboptimal...

Dazu gehört auch, dass ich nicht alle Aktionen von XR vollen Herzens unterstütze; so hielt ich nicht viel davon, Kunstblut auf Treppen auszuschütten. Ich selber plädiere immer an die Toleranz aller Menschen: man muss nicht immer zu 100% hinter jeder Aktion stehen, um die generelle Richtung der Bewegung zu unterstützen. Das ist ja in der Politik nicht anders: kaum jemand wird hinter allen Entscheidungen stehen, welche die Partei fällt, und trotzdem wählt man "für die Sache"... Solange Extinction Rebellion gewaltfrei bleibt und sich nicht gegen die Gesellschaft richtet, sondern mit ihr für mehr Klimaschutz arbeiten will, werde ich sie unterstützen, und dabei andere Ansichten und Fehler akzeptieren. Das gehört einfach dazu, wenn viele unterschiedliche Menschen zusammen agieren!



Überhaupt waren es die Menschen, die mich am meisten überrascht haben. Jeder einzelne war interessant, nett und auf seine Art besonders! Ich habe erlebt, wie mit Polizisten geflirtet wurde, wie erst unverständige Passanten zu Unterstützern wurden, und wie Menschen aller Altersstufen und Gesinnungen sich ohne Vorurteile begegneten und einander halfen. Verrückt war auch der Moment, als ich mich plötzlich (mitten in der Räumung des Potsdamer Platzes) in einem Sessel neben einer mir zuvor gänzlich Unbekannten wiederfand, die versuchte, mir das Stricken beizubringen. Dass es davon auch noch ein Foto gibt, setzt dem ganzen die Krone auf!




Einer der eindrücklichsten Momente war es, als eine Demo mehrerer tausend Teilnehmer beim Holocaust-Mahnmal ankam - und von jetzt auf gleich mucksmäuschenstill wurde. Nicht einmal Gespräche waren zu hören: schweigend zogen Demonstranten wie Polizisten an den grauen Stelen vorbei, minutenlang, bis auch die letzten vorbei gezogen waren. Die Kombination aus Holocaust und dem gerade geschehenen Anschlag in Halle erzeugten einen absoluten Gänsehautmoment, der mir noch einmal verdeutlicht hat, was für Menschen bei XR mitmachen: empathische, soziale Leute, die viel begriffen haben. Und die hoffen, dass ihr friedlicher Aufstand bald erhört werden wird: denn wir wollen doch nur, dass auch die nächsten Generationen noch in Frieden und Wohlstand in Deutschland und ganz generell auf dieser Welt leben können...



Nach einer ganzen Woche voller Aktionen waren wir einerseits begeistert von der gefühlten Aufbruchstimmung - andererseits aber enttäuscht darüber, dass von der Bundesregierung nicht einmal die kleinste Stellungnahme kam. Wirklich überraschend war das aber nicht: wohl kaum einer von uns hat geglaubt, dass die Woche in Berlin sofort Ergebnisse erzielen würde. Wichtig ist daher, dass das Thema Klimaschutz weiter stark im Gespräch bleibt - und sich mehr und mehr Bürger Klimaschutzbewegungen wie FFF oder XR anschließen. Je mehr Leute auf die Straße gehen und sich für ihre Überzeugungen stark machen, desto eher werden die Politiker sich trauen, endlich mutige Entscheidungen zu treffen: gegen den menschengemachten Klimawandel und für eine inklusive, empathische Gesellschaft.

Von daher apelliere ich einmal mehr an euch: engagiert euch und traut euch, Stellung zu beziehen für die Dinge, die euch wichtig sind. Im Angesicht der Klimakrise, des Rechtsrucks in der Gesellschaft und der zunehmenden Normalisierung von Gewalt kann es sich eigentlich niemand mehr leisten, schweigend im Hintergrund zu bleiben. Eine Demokratie ist vom Volk für's Volk: nur wer sich aktiv einbringt, wird die Chance haben, die Zukunft zu beeinflussen!


























Eine kurze Zusammenfassung der Woche sowie die Frage, ob der Protest von XR nun sinnvoll ist, oder nicht, könnt ihr euch hier ansehen, in einer 20-minütigen Reportage des BR:

PULS Reportage: Wie geht guter Protest?

Dienstag, 10. September 2019

Ein Sommer in Deutschland

Owei, schon wieder sind Wochen vergangen seit meinem letzten Lebenszeichen hier...

Ich bin erstaunt, wie beschäftigt ich bin, und das trotz eines ganz normalen Lebens in der Zivilisation - nun, soweit man bei mir von "normal" sprechen kann...

Ich habe mir diesen Sommer ganz bewusst frei gehalten und keinem anderen Job zugesagt.
Statt dessen habe ich mich auf ein eigenes Projekt eingelassen. Olaf, mit dem ich ja die "Inseln des Nordens" gemacht habe, bat mich, ob ich nicht bitte eine Show zum Thema Südgeorgien halten können würde. Ich habe nicht lange überlegt, denn: einerseits sind in meinen Aufenthalten auf dieser entlegenene Insel irre Fotos entstanden, die ich gerne mit Interessierten teilen würde, und andererseits gibt es auch von dort kritische Dinge, die angesprochen werden müssen. Und so ist dies meine Hauptaufgabe diesen Sommer: hinter'm PC sitzen, Bilder bearbeiten und eine Foto-Reportage erstellen, die am 19. Januar in Stuttgart Premiere haben wird.

Sollte ich im darauffolgenden Winter (1920/21) nicht sonstwo sein (ich habe mich für ein Naturschutzprojekt beworben, das mich ein Jahr auf die Südhalbkugel bringen würde. Aber das ist alles noch total ungewiss...), dann werde ich mich bei verschiedenen Veranstaltern bewerben und meine Südgeorgienshow dann hoffentlich in mehreren Städten in den deutschsprachigen Ländern zeigen können. Aber bis dahin wird noch etwas Zeit vergehen...

Hier in Deutschland versuche ich nun, die ermutigenden Bewegungen zu unterstützen, welche den Klimawandel endlich effektiv bekämpft sehen wollen: "Fridays for Future" (FFF) und "Extinction Rebellion" (XR). Die Kids von FFF brauchen dringend Unterstützung: es reicht nicht, dass wir Erwachsenen sagen: oh, prima dass die junge Generation jetzt endlich etwas tut! Sie schaffen das nicht, wenn wir nicht mit auf den Zug aufspringen und ihnen helfend zur Seite stehen. Ich persönlich versuche, jeden Monat auf ein bis zwei Demos zu gehen: um den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie mit ihren Forderungen nach einer lebenswerten Zukunft nicht alleine sind!

© Fridays for Future Deutschland





 
Diesbezüglich kommt mein Aufruf an Dich, der Du das hier grade liest: für den 20. September ist die wichtigste Klimademo geplant, die es weltweit je gab! In jeder größeren Stadt ist eine Demo von FFF und XR angesetzt: wenn euch der Klimawandel bedrückt und euch die Zukunft der nächsten Generationen etwas Wert ist, dann, bitte: geht am 20. September (ein Freitag Vormittag) zur Demo in die nächstgrößere Stadt!
Wo es Demos gibt, könnt ihr hier herausfinden:
Klimastreiks 20. September 2019
Wer an dem Tag keine Zeit hat, der wisse: am 20. September beginnt die "Klima-Woche". In mehreren großen Städten wird bis zum 27. September täglich etwas los sein, in Köln zum Beispiel: da kann man dann auch am Wochenende Demos und Aktionen unterstützen. Die Termine für Deutschland werden oft erst sehr kurzfristig hier zusammengefasst:
Fridays for Future - Streiktermine

Ich selbst bereite mich jetzt für etwas noch Größeres vor: ich will, zusammen mit Extinction Rebellion, im Oktober Berlin blockieren. Wir versuchen das, was die Briten Anfang des Jahres in London machten: Brücken und Straßen sperren, tagelang, um den Protest zu den Politikern zu bringen und ihnen zu zeigen, dass wir es ernst meinen mit unserer Forderung, sofort drastische Maßnahmen zu treffen - weil wir sonst absolut keine Chance mehr haben, den Klimawandel auf 2°C zu begrenzen. Selbst das wird mit jedem verstreichenden Tag der Untätigkeit immer unwahrscheinlicher... Auch ich bin es leid, dass ich zwar mein Leben lang von der Existenz des Klimawandels gehört habe, dass wir Menschen aber so tun, als sei es nicht unser Problem, als läge die Lösung in der Zukunft. Von daher werde ich im Oktober in Berlin sein: zusammen mit hoffentlich mehreren Tausend Menschen, die eingesehen haben, dass es bereits 5 nach 12 ist und dass wir ein radikales Umdenken von Politik und Industrie brauchen - und zwar sofort, und nicht erst in 25 Jahren...

Hier gibt's mehr Infos zu "Rebellion Week" in Berlin:
Auftand oder Aussterben

Ja, und zwischen Computerarbeit und Klimaaktivismus genieße ich den Sommer in der Wärme.
Klar, der Juli war ja wohl mal viel, viel zu heiß: 40°C kenne ich sonst nur aus der Sauna! Hitzewellen und Dürre, Insektensterben und Baumsterben, Flüchtlinge, politischer Rechtsruck und eine akute Verrohung der Gesellschaft - man muss schon willentlich blind sein, um zu glauben, dass Klimawandel nur ein Problem ferner Länder sei...

Wie gesagt: handelt, Leute, handelt - bevor es zu spät ist! Sich für eine bessere Welt einzusetzen, ist nie verkehrt - aber genau jetzt super, super wichtig. Jetzt der schweigenden Mehrheit anzugehören, bedeutet, die negativen Veränderungen zu billigen. Und ich zumindest werde die Welt, die ich liebe, nicht kampflos aufgeben! Besonders nicht, wenn der "Kampf" so relativ einfach und extrem befriedigend ist - weil wir ja noch eine sehr lebenswerte Welt haben. Die zu erhalten, ist wesentlich einfacher, als sie später neu aufbauen zu müssen! :-)

Bild: Claudia Fallert



 
Und so versuche ich, überall das Gute und Schöne zu sehen - und trotzig an der Hoffnung an eine gute Zukunft festzuhalten, egal wie negativ die Nachrichten auch sein mögen, die da tagtäglich auf uns einprasseln. Ich besuche Freunde und ich verbringe viel Zeit in der Natur: Pilze und Früchte sammeln, wandern, lesen, und zu tun, was ich als im Reiche meiner Möglichkeiten ansehe. Jeder von uns ist unterschiedlich, jeder hat seine Stärken und Möglichkeiten. Ob man sich nun für eine bessere Gesellschaft einsetzt oder den Schutz der Natur: solange es darum geht, dass man versucht, die Welt zu verbessern, ist jeder Aktionismus wichtig! Die einen gehen auf die Straße, die anderen arbeiten hinter den Kulissen. Tut das, was ihr könnt: seid empatisch, tut Gutes: Menschen und/oder der Natur gegenüber. Meine Stärken liegen u.a. darin, ungewöhnliche Wege zu gehen, aber auch in der  Motivation von Menschen und der Umweltbildung und Berichterstattung: also konzentriere ich mich darauf. Ganz nach dem Motto: Jeder Versuch ist einen Versuch wert, verlieren kann ich nichts, nur gewinnen. Mit dem Hintergedanken habe ich letzte Woche ein Interview beim NDR gegeben: das Ergebnis seht ihr hier. Und damit verabschiede ich mich - bis Ende Oktober, denn ich gehe mal schwer davon aus, dass ich von Berlin berichten werde!

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/Eisbaer-Fotografin-Kerstin-Langenberger,dasx19404.html

Link zum Interview: Eisbär-Fotografin Kerstin Langenberger

Montag, 24. Juni 2019

"Ende Gelände" - Ein etwas anderes Abenteuer

Hallo zusammen!

Ich habe diesen Blog in den vergangenen Monaten chronisch vernachlässigt, und möchte nun wieder regelmäßiger von mir hören lassen. An der Stelle ein herzliches Dankeschön an jene, welche mir private Nachrichten schickten: auch wenn ich nicht geantwortet habe, so freute ich mich doch SEHR über eure Rückmeldung!!!

Jetzt möchte ich aber nicht chronologisch den Blog weiterführen, sondern mit den neuesten Neuigkeiten beginnen: und zwar diesmal mit einer Geschichte aus Deutschland.
Ja, richtig gelesen: ich bin in Deutschland, und zwar erstmal für länger. Ob die Idee so gut war, frage ich mich jetzt schon: bei den momentan 36°C komme ich mir vor, wie ein Eisbär in der Sauna und kann wenig mehr tun, als im Haus zu sitzen und mich zu wundern, wie Nicht-Arktisbewohner solche Temperaturen aushalten...

Einer der Hauptgründe, jetzt mehr Zeit in Deutschland zu verbringen, ist es, dass ich mehr für den Natur- und Klimaschutz tun möchte. In der Arktis und der Antarktis habe ich erstens extrem wenig Zeit für andere Dinge, als das Leben im Moment - und dort sieht man nur die Auswirkungen des Klimawandels, kann diese aber nicht verhindern oder verändern. Dazu braucht es einen Wandel unserer Lebensweise - und dieser kann, wenn überhaupt, nur dort gestartet werden, wo es Menschen gibt. Und das ist in meinem/unserem Fall nun einmal Mitteleuropa. Also: Deutschland, hier bin ich!

Meine erste Aktion war es, mich vom 19-23. Juni den Bündnissen „Ende Gelände“ und „Fridays for Future“ anzuschließen, welche gegen den Kohleabbau im Rheinland sowie für einen Systemwechsel protestierten. Aus den Medien hört man ja immer alles Mögliche: ich aber wollte mir selber ein Bild von jenen Menschen machen, welche die Welt positiv verändern wollen und durch zivilen Ungehorsam eine Reaktion von Politik und Gesellschaft einfordern. Und genau davon will ich nun berichten! Die Fotos stammen übrigens zum Großteil nicht von mir: ich hatte mich ganz bewusst dazu entschieden, ohne Kamera unterwegs zu sein, und „knipste“ nur dann und wann ein paar Bilder mit Eikes altem Handy...

Foto: Kristoffer Schwetje Sustainable Photography



  
Das Bündnis „Ende Gelände“ hatte über die Sommersonnenwende hinweg zum Klimacamp bei Viersen aufgerufen. Ich kam zwei Tage vor Start der Aktionen und half zuerst beim Aufbau des Camps mit. Als alter Hüttenwart meldete ich mich für die Organisation des Campingplatzes: weil wir nur über begrenzten Platz verfügten und nicht wussten, wie viele Menschen kommen würden, bat ich alle Neuankömmlinge, Sardine in der Dose zu spielen. Und unglaublich aber wahr: alle machten mit und schufen so den geordnetsten (und vollsten) Großcampingplatz, den ich je gesehen habe!

Foto: Ende Gelände


  
Am Donnerstag liefen dann die Trainings auf Hochtouren. Das Ziel von „Ende Gelände“ ist es, mit zivilem Ungehorsam, also bewusstem Regelbruch, die mediale Aufmerksamkeit zu erlangen und gleichzeitig Druck auf die Politik auszuüben. Die Denkweise dieser links-grünen Bewegung ist simpel: sie will alles daran setzen, die Auswirkunges des Klimawandels auf ein Minimum zu begrenzen. Der geplante Kohleausstieg in 2038 ist viel zu spät und zeigt nur die Macht des Großkonzern RWE - und dem stellen sich mutige Menschen entgegen. Nicht einfach so, nicht unvorbereitet, im Gegenteil: in Gruppen reisten Menschen aus ganz Europa nach Viersen und trainierten u.a., wie man auf verschiedene Arten Polizeiketten durchbricht und wie man sich verhält, wenn man Polizeigewalt ausgesetzt ist.



Auf täglich mehreren Treffen im riesigen Zirkuszelt wurden alle informiert: und die Gemeinschaft wurde immer größer! Es war alles da: viele junge Menschen, aber auch viele ältere, Familien, Kinder und körperlich behinderte Menschen. Die meisten waren da, um RWEs Strukturen zu stürmen, aber es wurde immer wieder betont, wie wichtig auch die Freiwilligenarbeit "aus der Ferne" sei. Um alles zu koordinieren und geordnet ablaufen zu lassen, wurden hunderte von unsichtbaren Helfern im Hintergrund benötigt.







Die Organisation war der absolute Hammer; nie habe ich so etwas erlebt oder für möglich gehalten.
Es gab es eine beeindruckende Bandbreite von Teams, so beispielsweise:

- Eine Camp-Organisation, welche sich um den Campingplatz, Hygiene und Essen kümmerte; inklusive 200 Dixie-Klos, Kloputz-Brigaden (welche partout nicht in der Küche und beim Spülen helfen durften) und mehrere Essens-Versorger (vegan und komplett auf freiwilligen Helfern und Spenden beruhend).
- Eine Aktions-Organisation, welche die eigentlichen Aktionen vorbereitete und lenkte
- Ein Aktions-Logistik Team, welches Freiwilligenteams aufstellte, die dann an strategischen Punkten als Ansprechpartner stationiert wurden. Deren Aufgaben waren dann beispielsweise, die Aktivisten mit Wasser zu versorgen (es hatten zwar alle genug für 48 Stunden dabei, aber Wasser wird immer gebraucht...). Es gab aber auch jene, welche Gefangene moralisch unterstützten, oder welche Busse und Autos fuhren um die potentiellen Gefangenen, Helfer oder Hilfebedürftige ins Lager zurückzubringen bzw. zu versorgen, ect.
- Ein Sanitäterteam, das überall mit dabei war: bei allen Aktionen und im Camp, und das vor den Aktionen noch Helfer ausbildete
- Ein „Legal Team“, das für alle Rechtsfragen jederzeit zu erreichen war: im Camp und per Telefon
- Es gab zudem eine Pressegruppe, ein Anti-Repressions-Team (für sagen wir mal „traumatisierte“ Teilnehmer), einen Polizeikontakt (welcher als Vermittler in kritischen Situationen half), und, und, und. Alle diese Teams bestanden aus einigen wenigen Ehrenamtlichen, die Ahnung hatten: und dann die Arbeit an Freiwillige abgaben. Und das klappte dank einer Jobbörse wunderbar - und dank der irre schönen, hilfsbereiten Stimmung im Lager. Jeder half jedem, ohne Wenn und Aber, ohne Fragen und scheinbar gänzlich ohne Vorurteile.



Wer definitiv blockieren wollte, der wurde in „Bezugsgruppen“ eingebunden: niemand wurde alleine in die Aktion gelassen. Viele reisten schon als Gruppe an; dieses Camp war seit Wochen international vorbereitet worden. Jeder hatte mindestens eine Bezugsperson, die immer bei einem bleiben sollte und genau wusste, wer man war und welche Personen kontaktiert werden sollten im Falle einer längeren Verhaftung. Und wer alleine angereist war, der fand auf der "Bezugsgruppenbörse" seine Aktionsfamilie... Und innerhalb dieser Bezugsgruppen wurde auch während der Aktion immer wieder basisdemokratisch entschieden, was man machen wollte und wie weit man in der Aktion mitmachen oder auch abbrechen wollte - alles war jederzeit möglich.



Und dann ging es los: Freitags und Samstags starteten insgesamt 7 Gruppen mit, so heißt es, insgesamt 6000 Teilnehmern. Es war bunt, es war alternativ und voller guter Laune: ein bisschen wie im Karneval, bloß ohne Alkohol und Kamelle und mit viel, viel mehr Zusammenhaltsgefühl!

Das Ziel waren die 20-25 Kilometer entfernten Strukturen des Kohleabbaus und der Kohlekraftwerke von RWE, um genau diese zu blockieren. Und wenn das nicht gelang (was für die Beteiligten natürlich frustrierend war), dann war eine der positiven Auswirkungen, dass die Gruppe Polizei "gebunden hat" und somit weniger Polizisten bei den anderen Gruppen waren, was deren Wahrscheinlichkeit auf Erfolg wesentlich erhöhte.

Foto: Jens Volle



  
Einerseits ist es beeindruckend, zu sehen, wie viel mehr Demonstranten unterwegs waren, als Polizisten: aber da diese gepanzert und bewaffnet waren und auf Einschüchterung setzten, braucht es schon eine große Menge Aktivisten, um sich gegen sie durchzusetzen. Und es waren extrem viele Bereitschaftspolizisten vor Ort: Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet waren angereist, mit Wasserwerfern und Räumpanzern. Dieses Aufgebot war ehrlich gesagt ziemlich gruselig!

Foto: Chris Willner


  
Ich selbst habe bei der Aktionslogistik mitgemacht und bekam eine Menge direkt mit: wie beispielsweise die Polizei unrechtmäßig (und total dumm) den Bahnhof Viersen sperrte, was zur Folge hatte, dass die Aktivisten dann halt die 8 Kilometer zum Hauptbahnhof in Mönchengladbach liefen und so leider zwei Bahnhöfe blockierten. Eine dämliche Aktion: hätte die Polizei sie einfach einsteigen lassen, wäre es lediglich zu leichten Verzögerungen gekommen (weil es halt seine Zeit braucht, bis 400-600 Menschen in einen Zug steigen, und das in 2-3 Zügen nacheinander...).



Als eine der Gruppen dann endlich in Hochneukirch direkt am Tagebau Garzweiler ankam, kesselte die Polizei sie ein und hielt sie 4 Stunden fest - auch wieder ohne rechtliche Grundlage und Stellungnahme. Meine Mahnwache hatte alle Hände voll damit zu tun, die müden, fröhlichen und friedlichen Menschen mit Wasser zu versorgen. Da es kein Bahnhofsgebäude mehr gab, keine Klos und kein Wasser, waren wir auf einige Anwohner angewiesen, die uns Wasser spendeten. Ich weiß nicht, wie viele Kanister wir auf den Platz schleppten, damit die Aktivisten wenigstens ihren Durst stillen konnten!



Die Stimmung während der Aktion war total irre: alle waren super gut gelaunt und dankbar für jede Hilfe und nettes Wort. Und was mir schon ab dem ersten Tag auffiel: wir Frauen waren in der Mehrheit! Es war echt irre, wie stark die Frauen im Camp und auf der Straße vertreten waren und sich für eine lebenswerte Zukunft eingesetzt haben!

Das Motto, welches auch direkt vorm Start der Gruppen wie ein Mantra wiederholt wurde: immer friedlich bleiben, aber auf seinem Standpunkt beharren. Klar kam es zu Provokationen, die aber von der Polizei ausging: warum müssen sie den Kessel plötzlich enger machen, warum muss eine Einheit mitten durch die Gruppe durch laufen wollen, statt einen kleinen Umweg drum herum zu machen? Natürlich lassen sich die Aktivisten das nicht gefallen und beharren auf ihren Rechten, die sie alle SEHR gut kannten. Neben einer Menge Neulinge waren auch viele "alte Hasen" dabei, protesterprobt und mit sehr schlechten Erfahrungen, was Polizeigewalt angeht. Aber wie gesagt: die lebensbejahende, friedliche Stimmung überwog die ganze Zeit: es war wie ein großes Fest, begleitet von neutral bis mürrisch dreinschauenden Polizisten...



Der Samstag war der Höhepunkt der Aktionen: irgendwie geschah alles gleichzeitig. Einige Gleise der Kohlezubringer waren schon am Freitag blockiert worden, aber am Samstag machten auch die anderen Gruppen Tacheles. Wie gesagt: sieben eigenständige Gruppen von 50 - 1500 Menschen, und dazu noch zwei Demos: eine von „Fridays for Future“ (FFF) und eine von „Alle Dörfer bleiben“, welche sich alle zusammenschlossen. In einer kilometerlangen Schlange waren dort dann wohl auch so 8000 Menschen unterwegs!



Die Schüler von FFF sind einfach nur lustig: was die teilweise für Sprüche von sich gaben, war schon zum Piepen! Aber auch da haben sich alle Altersgruppen gemischt: mit den Kindern und Jugendlichen marschierten Eltern und Großeltern, Studenten und Lehrer - und eine Kerstin...
Versucht einmal, mich und mein Eisbärfoto im folgenden Bild zu entdecken:





Die einzige „Blockade“, die ich wirklich miterlebte, war die des „goldenen Fingers“, welcher der größte war. Ich habe 1500 Leute gezählt, welche sich hinter die Demo von FFF platzierte. Es war sehr interessant: die Lautsprecherwagen von FFF forderten die jungen Leute mehrfach auf, nicht in die Grube zu gehen, und mir (und vielen anderen) war ganz klar: der Zug der FFFler würde sich benehmen, wer aber stürmen wollte, der hielt sich hinten bei den "Ende Geländlern". Und so war es nicht verwunderlich, dass der "goldene Finger" direkt hinter den FFFlern trotz hoher Polizeipräsenz in die Grube stürmte.

Foto: David Klammer
Foto: Ende Gelände



  
Man kann das auf den Bildern gar nicht sehen, wie irre steil diese Stufen sind, welche die Aktivisten runter gerannt / gerutscht sind. Diese überwiegend fitten Aktivisten halfen sich gegenseitig in die Grube hinab und wurden letztlich auf halbem Weg von RWE-Mitarbeitern und der Polizei eingekesselt - und dann dort sitzen gelassen, in der brütenden Sonne bei etwa 30°C.



Stundenlang regte sich nichts. Wir waren als potentielle Unterstützung (Transport von Wasser und Lebensmitteln) oben am Grubenrand, aber die Polizei ließ keine Bewegung zu. Die Aktivisten schützten sich ein wenig mit diesen silber/gold-Folien der Erste-Hilfe-Kästen, und alle hatten ja noch etwas Wasser und Nahrung für 48 Stunden - aber bei der Hitze waren drei Liter einfach nicht genug.



Erst in der Nacht begann die Polizei dann mit der „Räumung“ und trug die Aktivisten einzeln in Wagen, welche sie dann aus der Grube fuhren. So gut wie alle verweigerten ihre Personalien, und sehr viele wurden nach einer schnellen ID-Aktion (Fingerabdruck und ein Foto) auf freien Fuß gesetzt und (in von der Polizei organisierten öffentlichen Bussen) zum Lager zurückgefahren. Die Aktivisten waren einfach zu viele, um alle verhaftet zu werden: für über 1000 Menschen gab's ja keine Unterbringung in Polizeigewahrsam!

Foto: Jens Volle
  
Mein bisher recht positives Bild von der Polizei (Erinnerung: ich bin Tochter eines Polizeihauptkommisares...) hat sich im Laufe des Protestes leider verschlechtert. Ich selbst bin mehrmals grob angefahren worden: obwohl ich Teil einer angemeldeten Versammlung war und mich freundlich und kooperativ verhielt, hatte ich das Gefühl, von einigen als Verbrecher betrachtet zu werden. Die Polizei war definitiv nicht unparteiisch und hat ziemlich nach RWE's Nase getanzt: wir waren die „Bösen“ und RWE die „Guten“.

Wir als Helfer wurden beispielsweise öfters behindert, und auch die Aktivistengruppen wurden immer wieder gestoppt und regelrecht „ausgehungert“ - als hätten sie geglaubt, dass stundenlanges Stillstehen (teils in prallen Sonnenschein) Aktivisten zum Aufgeben bewegen würde.

Foto: Ende Gelände
  
Traurig fand ich auch, dass einige Medien behaupteten, es sei zu „gewalttätigen Ausschreitungen“ gekommen. Sie berichteten sofort, dass Polizisten zu Schaden kamen, verschwiegen aber die viel größere Anzahl an Verletzungen bei den Demonstranten! Die Polizei hatte Schlagstöcke und eine Art Körperpanzer (man, müssen die in der Sonne gebraten worden sein!), die Aktivisten aber gar nichts, auch keine Waffen. Messer ect. war von "Ende Gelände" aus (und generell auf Demos) verboten.

Ich sprach mit ein paar Sanitätern, und die berichteten mir, dass es zu einer größeren Anzahl von Verletzungen bei den Aktivisten kam. Diese wurden teils von hinten geschlagen, gestoßen, es kam zu einer Schädelverletzung, weil ein Polizist von hinten seinen Helm als Schlagstock nutzte. Zurück im Lager sah ich verbundene Arme und blaue Flecken; und es hieß, einer habe nach einer Prügelattacke (Knie in Magen) vielleicht sogar innere Verletzungen. Ich will jetzt nicht sagen, dass alle Aktivisten friedlich waren und alle Polizisten gewaltbereit: ich denke, dass es (wie immer) auf beiden Seiten schwarze Schafe gab. Aber ich bin der Meinung: Ende Gelände 2019 war viel friedlicher, als das was ich aus den Medien aus den Jahren zuvor mitbekommen habe.

Ich traf und sah keine radikalen oder militanten Aktivisten: statt dessen hatte ich eher das Gefühl, dass dies ausnahmslos friedliche Menschen, waren die selbst nicht wirklich Probleme mit der Polizei bekommen wollten, aber für ihre Meinung deutlich aufstanden. Immer wieder wurden Sprüche gerufen, wie: „System change, not climate change“, oder „Hallo liebe Kohlekonzerne, Ende Gelände stört euch gerne“. Die Strategie war es, gute Laune haben, nett zueinander sein, und keinerlei Gewalt anzuwenden. Wenn's um's Polizeikontakt ging, dann war der Plan, als Masse möglichst schneller zu laufen, als die Polizisten...

Foto: Jens Volle


  
Und es gelang ihnen: 40 Stunden lang musste RWE die Arbeit im Tagebau Garzweiler einstellen bis drosseln, und die Medienpräsenz war groß. Nie zuvor haben so viele Menschen auf einmal gegen die deutsche Kohlepolitik demonstriert, nie zuvor war die Stimmung für einen Umbruch so groß, wie jetzt. Es war eine total irre Woche, welche mich gerade richtig euphorisch in die Zukunft blicken lässt!

Foto: Ende Gelände Pay Numrich

Mich hat diese Bewegung so überzeugt, dass ich nächstes Mal wieder dabei sein möchte: dann wohl auch im Maleranzug beim Katz-und-Mausspiel mit der Polizei. Ich stimme der Pressesprecherin von Ende Gelände voll zu:

„Die Klimakrise erfordert einen sofortigen Kohleausstieg.
Weil die Politik versagt, haben wir selbst dafür gesorgt, dass die Kohle-Bagger stillstehen.“

Und dies in einer so inspirierenden Gemeinschaft zu tun, von Menschen allen Alters, die alle bereit sind, ein wenig aus ihrer Komfortzone auszubrechen, um für eine bessere Welt zu kämpfen: das ist ein Riesenprivileg.

"Ende Gelände" 2019: ich bin froh, ein Teil davon gewesen zu sein!


Freitag, 3. Mai 2019

Nur ein kurzes Lebenszeichen...

Hallo ihr lieben Blogleser,

dieser Eintrag mag überflüssig sein, weil ihr es ja seit Monaten merkt: ich habe gerade keine Zeit zum Blogschreiben, bzw. teilweise auch einfach keine Lust.

In Südgeorgien, das ich im März verlassen habe, erschien mir meine Zeit zu wertvoll, um sie hinter dem Computer zu verbringen: ich war wirklich jede Sekunde draußen unterwegs, um diese phänomenale Natur zu genießen. Außerdem war die Internetverbindung im vergangenen Sommer (unserem Winter) so DERMASSEN katastrophal, dass sich das letzte Quentchen Bloggerlust völlig in Luft aufgelöst hat: eine halbe Stunde zu warten, bloß um ein winziges Foto hochzuladen, das war's mir einfach nicht wert.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland geht es für mich jetzt wieder für ein paar Wochen in die Arktis. Übermorgen starte ich meine (mittlerweile schon fast zur Routine gewordene) dreitägige Bahnreise nach Nordnorwegen: wie immer versuche ich, so viele Flüge wie möglich zu vermeiden, und reise per Bahn und Segelschiff nach Spitzbergen. Die Anreise nach Norwegen ist eigentlich auch perfekt zum Bahnfahren geeignet: malerischer kann die Aussicht aus dem Bahnfenster kaum sein! Mal gucken, ob ich wieder Elche sehen kann: letztes Mal standen zweimal welche im Wald herum und sahen der Bahn beim Vorbeifahren zu... :-)

Ich werde im Sommer versuchen, ein paar Eindrücke aus Südgeorgien und der Arktis aufzuschreiben und nachzuholen: bis dahin bitte ich euch um Geduld. Mein Leben ist aufregend wie immer - bloß wird mir meine Internetpräsenz immer unwichtiger. Schließlich habe ich so mehr Zeit für's "echte" Leben - und das ist zugegeben auch ganz nett!

Liebe Grüße!

Das neueste Bild von mir:
entstanden vor 6 Wochen in St. Andew's Bay, der größten Königspinguinkolonie in Südgeorgien,
und die zweitgrößte der Welt... Ein irrsinnig-schöner Ort!

























Freitag, 28. Dezember 2018

Weihnachtsgrüße!

Leute, Leute, also das mit dem Blog-schreiben wird irgendwie immer schwieriger. Dass ich immer seltener von mir hören lasse, mag daran liegen, dass ich immer weniger Zeit vor'm Computer verbringe - was ja an sich eine gute Sache ist. Die Natur Südgeorgiens ist einfach so irre und die Erlebnisse so vielschichtig und zeitintensiv, dass der Laptop eigentlich nur noch zum schnellen Sichern von Daten verwendet wird, sowie dem Kontrollieren von Emails. Es reicht nicht einmal zum zeitnahen Sichten von Fotos - sowas! :-)

Von daher in aller Kürze: ich hoffe, dass ihr schöne Weihnachtsfeiertage mit euren Lieben verbringen konntet. Auf dass ihr gut ins neue Jahr hineinkommt - und es ein gutes Jahr werden möge!
Es brennt an viel zu vielen Orten und vieles hat sich im vergangenen Jahr zum Schlechten gewendet. Ich hoffe inniglich, dass 2019 positiver werden wird für die Natur und Menschen dieser Erde. Das wird nicht zuletzt an dem liegen, was wir Einzelnen tun werden: von daher gebt die Hoffnung nicht auf und setzt euch ein für das, was euch wichtig ist!

„Be the change that you wish to see in the world“
Mahatma Gandhis Worte sind aktueller und wichtiger denn je zuvor!


Freitag, 9. November 2018

Südgeorgien - Start in die zweite Saison

In den letzten Jahren bin ich mehr und mehr zur Küstenseeschwalbe geworden - zumindest was mein Zugverhalten angeht. Im Sommer pendle ich zwischen Deutschland und Spitzbergen, und in unserem Winter geht’s auf die Südhalbkugel, wo dann auch Sommer ist. Seltsam, keinen Winter mehr zu erleben - obwohl ich fairerweise nie in der Hitze bin. Meine normale Sommertemperatur liegt meist bei knapp unter 10°C, mit Gletschern in der Nähe und Bergen, auf denen sich bis in den Herbst hinein noch Schnee hält...
:-)





Ich habe ja im letzten Nordwinter mehrmals aus Südgeorgien berichtet, dieser entlegenen Insel im Südatlantik, welche der Antarktis näher ist als jeder anderen Landmasse. Nur mit dem Schiff erreichbar, gibt es hier bloß zwei wissenschaftliche Stationen und ein kleines Museum mit (inselweit) maximal 50 temporären Bewohnern. Weder kann man hier 'normal' leben oder arbeiten, noch kann man mal eben schnell dorthin reisen: Fahrten mit Expeditions- und / oder Kreuzfahrtschiffen kosten ein halbes Vermögen. Als ich den Job vom letzten Jahr noch einmal angeboten bekommen habe, Museumsassistent = Mädel für alles im Museum Grytviken, war für mich klar, dass ich nicht Nein sagen können würde. Die Chance, noch einmal intensiv Zeit an diesem besonderen Ort verbringen zu können, würde ich mir nicht entgehen lassen! Und so schreibe ich diese Zeilen auch schon wieder aus Grytviken, der kleinen, demontierten Walfängersiedlung, welche heute ein begehbares Museum für eine steigende Anzahl an Kreuzfahrttouristen ist.


Als ich nach fünftägiger Schaukelfahrt am 13. Oktober hier ankam, offenbarte sich mir ein komplett konträres Bild, wie bei meiner (auf den Tag genau gleichen) Ankunft im Jahr zuvor. Der Winter 2017 war einer der wärmsten der menschlichen Erinnerungen gewesen, vergangener Winter aber war schneereich: und folglich sah es hier aus, wie im vergleichbaren Monat April in Nordnorwegen. Ein halber Meter Schnee noch auf Meereshöhe, die Seen gefroren und alles weiß: welch ein Kontrast zum letzten Jahr!
       

Die Temperaturen waren noch winterlich, teils unter -10°C, sodass sich Meereis bildete und unsere Wasserleitung einfror. Trotz erstaunlich viel Sonnenscheins hielt sich der Schnee daher für zwei volle Wochen, in denen ich jede freie Minute draußen verbrachte und diese Winterlandschaft in vollen Zügen genoss. Dies zu erleben, hatte ich nach dem warmen Sommer letztes Jahr gar nicht zu wünschen gewagt!


Hier im Museum ist immer viel zu tun: es ist ein Job, der wenig Freizeit zulässt. Anfangs kommen zwar noch nicht viele Schiffe, dafür aber müssen wir die Neuware für unseren Souvenirshop (der gleichzeitig die wichtigste Einnahmequelle der kleinen NGO des SGHT 'South Georgia Heritage Trust' ist) mehrmals ein- und umpacken, gefolgt vom leidigen Inventur, dem Einsortieren der Ware ins Lager und letztlich dem Bestücken des Shops. Zum Glück gibt es ja noch die Nächte, sodass ich ein- bis zweimal die Woche vor Sonnenaufgang aufstehe, um vor Arbeitsbeginn mehrere Stunden wandern und fotografieren zu können. Klar, das geht auf Kosten des Schlafes - aber den hole ich dann nach, wenn ich im April wieder in Deutschland bin! Zumal die Motive des warmen Morgenlichtes einfach nur unbeschreiblich sind - nun ja, zumindest wenn die Sonne mal nicht von Wolken bedeckt ist, was viel zu oft der Fall ist. Aber vielleicht ist das auch gut so, sonst würde ich vermutlich den Schlafmangel echt zu heftig spüren...
                 

So früh im Sommer ist es außerhalb der Pinguinkolonien noch relativ ruhig. Die Paarungszeit der Albatrosse und Sturmvögel, der Skuas und Küstenseeschwalben beginnt erst noch, und die Pelzrobben sind noch alle im Meer. In Grytviken sammelten sich einige wenige Königspinguine, um zu mausern (ihre Federn zu wechseln, das dauert drei Wochen), und die waren ein sehr willkommenes Fotomotiv, ganz besonders an den drei Neuschneetagen.



Mein Hauptfotomotiv im Oktober waren aber ganz eindeutig die See-Elefanten, über die ich letztes Jahr ja schon ausgiebig berichtete. Die riesigen Männchen mit ihren lustigen Nasen bewachen einen Harem aus Weibchen, welche zuerst ihre letztjährig gezeugten Jungen zur Welt bringen und sich drei Wochen später mit dem gerade machthabenden Männchen paaren.



Ich hatte sehr gehofft, dieses Jahr einen Kampf zwischen zwei Männchen fotografieren zu können, aber es war ein sehr friedliches Frühjahr: ich sah nur eine 5 Sekunden dauernde Auseindersetzung und ansonsten viele erfolgreiche Drohgebärden. Sehen die See-Elefanten einen Konkurrenten, heben sie den Kopf, zeigen ihren Rüssel und rufen laut und rülpsend - und das reicht dann meistens, um dem Anderen zu zeigen, dass man größer ist und man es ernst meint mit der Verteidigung bzw. Eroberung der Weibchen. Nur dann, wenn sich zwei gleichgroße und gleichstarke Männchen treffen, kommt es zum Kampf - aber dieses Jahr wie gesagt nicht, wenn ich bei den See-Elefanten war.
Schade.
Aber rülpsende Riesenrobben haben auch was!



Die Lieblinge aller sind momentan eindeutig die Babyrobben, welche neugierig die Welt erobern; erst an der Seite ihrer Mütter, dann aber zunehmend alleine. Diese Selbstständigkeit ist erzwungen: die Mütter säugen ihr Jungtier nur etwa 3 Wochen lang, mit einer allerdings so dermaßen fetthaltigen Milch (über 50% Fettanteil), dass die See-Elefäntchen pro Tag bis zu 4 Kilogramm an Gewicht zulegen. Man kann ihnen also im wahrsten Sinne des Wortes beim Wachsen zusehen! Schon irre, was die Natur sich so einfallen lässt!
         
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an jene von euch, die sich ab und zu bei mir melden und / oder Kommentare hinterlassen. Ich weiß nie, wer hier mitliest - da manchmal eine Rückmeldung zu erhalten, ist motivierend!

Und jetzt geht’s an die Arbeit: heute kommt das sechste Schiff der Saison, aber ab sofort geht’s hier Schlag auf Schlag. Bis März erwarten wir bis zu 80 Touristenschiffe, dazu noch Yachten, Marine- und Forschungsschiffe mit vermutlich insgesamt über 12.000 Besuchern - viel zu tun, viel zu tun. Gut, dass gerade so richtig versifftes Regenwetter herrscht - da habe ich nicht so sehr das Gefühl, viel in der hier so großartigen Natur zu verpassen...
;-)


Samstag, 6. Oktober 2018

Späte Arktissaison 2018


Mein arktischer Arbeitssommer war dieses Jahr ziemlich kurz: 'nur' vier Reisen auf drei verschiedenen Schiffen, davon drei Touren in Spitzbergen und eine von dort aus nach Ostgrönland und später Island. Wetter und Licht waren überwiegend gut bis teilweise herausragend: schon allein die Anflug nach Spitzbergen war der fotogenste, an den ich mich erinnern kann; mit Blick über die teils wolkenverhüllten Gletscherzugen, die sich in flachen Buchten ins Meer schoben...



Nachdem ich drei Jahre lang die frühe Saison auf Spitzbergen mitgemacht hatte, genoss ich es diesmal besonders, dass jetzt im Spätsommer die Sonne wieder unterging. Spitzbergen liegt ja so weit im Norden, dass von Mitte April bis Mitte August 24 Stunden akute Helligkeit herrscht. So praktisch das einerseits ist, so langweilig ist es für Fotografen, die warmes Licht lieben. Selbst zu Mitternacht herrscht hier grelles Mittagslicht! Erst ab August kann man wieder Nachmittags- und später sogar Abendstimmungen erleben: wunderwunderschön war das! :-)



Auf allen Fahrten hatten wir herausragende Tierelebnisse: einige Bilder habt ihr ja schon gesehen. Höhepunkte waren mehrere Eisbärenbegegnungen: darunter zwei junge Weibchen, die vermutlich an einer Karriere als Model arbeiteten und sich so dermaßen fotogen verhielten, wie ich es nie zuvor erlebte. Schaut euch nur das hier an - das war echt kaum zu glauben!



Ein anderes Mal erlebte ich, wie zwei Eisbärenmännchen eine Robbe teilten: der kleinere Jäger war alles andere als glücklich, als ein großes, altes Männchen ankam und seinen Teil der Beute beanspruchte, aber nach kurzer Rangellei stand fest, dass beide lieber teilten, statt sich wirklich zu prügeln. Also waren da zwei Bären, die so schnell es ging eine komplette Robbe in ihre Einzelteile zerlegten - also sowas hatte ich auch noch nie gesehen. Das war einfach nur irre!



Was dieses Jahr für mich besonders macht, ist nicht nur geniale Ausbeute an Eisbärenfotos, sondern ein gutes Gefühl, was den diesjährigen Zustand der Eisbärenpopulation Spitzbergens angeht. Ich will jetzt nicht sagen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt: die Gletscher schmelzen weiterhin in Rekordgeschwindigkeit, es findet sich viel zu viel Plastikmüll an den Stränden und es gibt neue, erschreckende Studien zum Thema Umweltgifte und deren Auswirkungen auf die arktischen Lebewesen. Genau wie in Europa, so war der vergangene Sommer ziemlich warm, wenn auch nicht sooo extrem trocken, aber statt dessen (wie es mittlerweile ja normal ist) mit sehr wenig See-Eis. Einige strategisch wichtige Gletscher kalbten dieses Jahr aber so dermaßen stark, dass über Quadratkilometer hinweg dort so viel Eis im Meer schwamm, dass viele Robben darauf liegen konnten - und die Eisbären dort wie gewohnt jagen konnten.




In anderen Gegenden scheint der Winter lang genug gewesen zu sein, damit sich die Bären dick fressen konnten und meist das nötige Fettpolster hatten, um den kargen Sommer zu überstehen. Generell kann ich sagen: die Eisbären, die ich sah, spiegelten dieses Jahr eine gesunde Population wieder: es gab dünne aber auch dicke Bären, mehrere Mütter mit Jungtieren verschiedenen Alters und eine gute Anzahl weiblicher Bären. Es war das Gegenteil vom Horrorszenario der Jahre 2015 und 2016, wo ich ständig auf völlig untergewichtige Bären traf...



Die letzte Arktisreise dieses Jahr brachte mich nach Ostgrönland, was ein Paradies für Landschaftsfotografen ist: vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Das tat es fünf von sieben Tagen leider gar nicht, was echt super schade war - aber hey, das ist Natur, da steckt man nicht drin...



Die Geologie in Ostgrönland ist die irrsinnigste, die ich je zu Gesicht bekommen habe: einige Orte, wie der Segelsällskapet Fjord, gehören meiner Meinung nach auf die Liste des UNESCO Weltnaturerbes - und dringends gesperrt. Ich war echt geschockt, als ich gesehen habe, wie niedergetrampelt dieser Ort jetzt ist: entweder gibt es dort viel mehr Besucher, als ich bisher geglaubt habe, oder aber die Steine sind einfach so dermaßen empfindlich, dass selbst wenige Menschenfüße hier schon Schaden anrichten können. Ich habe mich bereits an die entsprechenden Stellen gewand - aber ob etwas getan wird, liegt leider nicht in meiner Hand...



Scoresbysund in Ostgrönland ist für mich der Ort mit den weltweit allerschönsten Eisbergen: alles hier ist extravagant in Größe, Form und Farbe. Dieses größte Fjordsystem der Erde hat so dermaßen tiefe Fjorde, dass die vom riesigen Inlandeis gespeisten Gletscher hier in gigantischen Stücken abbrechen können. Teilweise schwimmen da ein komplette Gletscher im Fjord herum, mit Kantenlängen von über einem Kilometer... Klar, in der Antarktis gibt es noch größere Eisberge: die sind aber meist vom Schelfeis abgebrochen, was oft langweilig-schneeweiß ist. Die Eisberge Grönlands dagegen sind wild gemustert und individuell geformt, als habe sich ein Bildhauer an jedem einzelnen seine besondere Mühe gegeben. Diese Ansichten lassen einen einfach sprachlos staunen...



Ja, und jetzt ist es auch schon wieder Oktober und höchste Zeit, nach Süden zu reisen. Ich musste einfach die Chance ergreifen, unbedingt eine zweite Saison in Grytviken auf Südgeorgien zu verbringen. Und so schreibe ich diese Zeilen bereits auf den Falklandinseln, von wo mich ein Schiff innerhalb der kommenden Woche immer schön nach Südosten auf diese entlegene Insel im Südatlantik bringen wird. Ich werde ganz arg versuchen, mich mehr als einmal zu melden. Wenn es aber wieder wochenlang nichts von mir zu hören gibt: nicht wundern, dann habe ich (wie so oft...) im realen Leben einfach zu viel zu tun! :-)