Samstag, 6. Februar 2016

Herbst in Island

Es hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert, dass ich die Zeit zwischen meinen polaren Sommerjobs (Nordsommer in der Arktis und Südsommer in der Antarktis) in Island verbringe. Auch im vergangenen Herbst kehrte ich nach einer ereignisreichen Saison auf Svalbard für ein paar Wochen nach Island zurück - und musste (ganz isländisch) erst einmal alle geplanten Aktionen vertagen. Grund war der Trubel um mein Eisbärenbild, der mich mal eben zu drei Wochen Computerarbeit „verdonnerte“. Pressearbeit ist viel zeitintensiver, als man sich das vorstellt... Und da ich kurze Zeit später schon in die Antarktis reiste, komme ich erst jetzt dazu, über meinen sehr nassen Herbsturlaub zu berichten.

'Geirfugl' von Olöf Nordal - die Statue eines Riesenalken im Skerjafjörður, Reykjavík,
unter sogenannten Mamatus-Wolken, die oft zusammen mit Cumulonimbuswolken auftreten (Gewitterwolken)

                
Als ich endlich wieder Zeit zum Reisen hatte, war es Anfang Oktober. Zwar war die Herbstfärbung wunderbar, allerdings regnete es fast ohne Unterlass: so einen nassen Herbst habe ich in Island selten erlebt. Blauer Himmel war Mangelware, und ich war teilweise regelrecht euphorisch, wenn mal "nur" dichte Bewölkung herrschte, es also NICHT regnete, und ich zumindest die wunderbare Laubfärbung der Birken fotografieren konnte!



Seit Jahren will ich im Herbst eine mehrtägige Wanderung im isländischen Hochland unternehmen, und seit Jahren komme ich nicht dazu. Einer der Hauptgründe ist, dass ich unüberbrückte Flüsse furten muss, welche durch die ständigen Regenfälle ziemlich gefährlich sein können: besonders, wenn man (wie ich) immer nur zu Fuß und dann auch noch alleine unterwegs ist. Und außerdem kann ich mir auch einfach Schöneres vorstellen, als im Regen zu fotografieren: das ist ja in Ordnung, solange man einen Ort besitzt, an dem man seine Kleidung, Schuhe und Kameraausrüstung immer mal wieder halbwegs trocken bekommt. Aber zelten bei Dauerregen? Och nö - da gibt es dann doch genügend Alternativen. Und ich bin mir sicher, dass ich meine Tour irgendwann durchführen können werde!                                                                     

Also plante ich mal wieder um und ergriff die Chance, im Oktober nach Landmannalaugar zu reisen. Es lag dort wohl noch kein Neuschnee - das klang superspannend! Und da eine Gruppe des isländischen Wandervereins auf Wochenend-Tour dorthin unterwegs war und noch einen Platz im (hochgelegten) Minibus frei hatte, sprang ich spontan auf: so etwas lasse ich mir doch nicht entgehen! Der Freitag war wettertechnisch in Ordnung; Samstag aber sollte es den ganzen Tag über regnen. Also wanderte ich einfach in der Nacht los und genoss die herrlich-mystische Stimmung dieser vom Vollmond erleuchteten Vulkanlandschaft.


Die Wettervorhersage behielt Recht: tiefhängende Wolken und stürmischer Regen prägten den gesamten Samstag. Was ein Segen, in der warmen Hütte übernachten zu können und zu wissen, dass man alles im Laufe von wenigen Stunden wieder trocknen können würde! Also packte ich die Kamera in zwei Plastiktüten und zog trotzdem los: wissend, dass die Bilder viel weniger nass aussehen würden, als es sich anfühlte. Irgendwie ist es verdammt schwer, Regen so zu fotografieren, dass es auch nach Regen aussieht!


Den Rest des Tages verbrachte ich entweder in der trockenen, warmen und touristenfreien Hütte, oder aber auch im nassen, warmen und touristenfreien Bach, welcher die Gegend (neben der bunten Landschaft) berühmt gemacht hat. Die Nacht über schlief ich kaum, denn ich hoffte auf Wetterbesserung. Und tatsächlich: um 2:30 Uhr nachts riss der Himmel auf. Und so startete ich nur eine halbe Stunde später zu einer Wanderung. Den Berg Háalda wollte ich erklimmen (auf den angrenzenden Bildern oben links, der Kamelrückenberg), denn auf diesem höchsten Gipfel der Umgebung war ich noch nie gewesen. Fotografiert habe ich bis zum Morgengrauen übrigens nicht: das angrenzende Bild ist vom Vortrag...


Als ich mich besagtem Gipfel genähert hatte, begann er, sich in dichte Wolken zu hüllen. Folglich schlug ich eine andere Richtung ein und wanderte über den Bergrücken Suðurnámur zurück zur Hütte. Die Wolken holten mich zeitweise ein, hoben sich dann aber wieder - und gewährten mir die Sicht auf einen absolut spektakulären Sonnenaufgang!


Weil es so kurz zuvor noch geregnet hatte, war die gesamte Umgebung nass. Die Kombination aus feuchtem Gestein und warmem Morgenlicht sorgte für einen wahren Farbenrausch. Nasser Stein ist viel farbiger, als trockenes Gestein, die Tatsache kennen wir ja von Kieseln, die wir an Flußufern und Stränden finden, und die dann Zuhause (da trocken) einfach nicht mehr toll aussehen. Dies ist ein Grund, weshalb man genau nach Regenschauern spektakuläre Landschaftsbilder machen kann: die Farben sind dann so stark, wie sonst selten. Im Falle der bunten Rhyolitberge Landmannalaugars sah das aus, als hätte jemand reinste Farben über die Berge gekippt. Was für ein Anblick!


Das Wochenende ging viel zu schnell vorbei, und bald war ich zurück in Reykjavík, wo ich mich der Vorbereitung meiner Antarktissaison widmete. Und als der Regen einfach nicht auffhören wollte, startete ich wieder los: diesmal in die Þórsmörk. Dies ist wahrscheinlich der Ort in Island, den ich in den letzten Jahren am häufigsten besucht habe. Grund daran ist einerseits die Nähe zu Reykjavik und die gute Erreichbarkeit durch Linienbusse auch außerhalb der Hochsaison, und andererseits natürlich die vielseitige Landschaft in diesem von Gletschern umgebenen Tal. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war die Farbenpracht, die mich empfing: solch einen spektakulären „Indian summer“ hatte ich in Island noch nicht erlebt!


Genau wie Landmannalaugar, so war auch die Þórsmörk aufgrund des chronischen Regenwetters menschenleer. Ich übernachtete in der Hütte des FÍ, in der ich selber ja schon mehrmals als Hüttenwart gearbeitet hatte, und unternahm in den folgenden Tagen viele verschiedene Wanderungen. Ständig wechselte die Lichtstimmung, ständig rangen Regen und Sonne miteinander. Selten hat Wandern im Regen so Spaß gemacht!


Meistens kehrte ich nach Sonnenuntergang zur Hütte zurück, dankbar, dass ich mich und meine Fotoausrüstung über Nacht trocknen können würde. Eines Nachmittags aber wanderte ich zum Myrdalsjökull hinüber, in den Regen hinein, und durfte abends spektakuläre Lichtstimmungen erleben. Wenn man bloß nicht so nass werden würde... Denn vom fotografischen Gesichtspunkt aus lohnt sich wirklich immer wieder, diesen ständigen Streit zwischen Wolken und Sonne zu erleben!


Die erste Hälfte der Nacht verbrachte ich unter einem Felsvorsprung, denn leider trat die angekündigte Wetterbesserung nicht ein. Ich hatte auf einen (zumindest einigermaßen) sternklaren Himmel spekuliert, an dem ich Nordlichter fotografieren wollte, erlebte stattdessen aber böigen Nieselregen. Glücklicherweise klarte es in der Morgendämmerung auf und folgte ein Tag voller Sonne, Wärme und ausgedehnter Wanderungen.


Den Sonnenuntergang hielt ich nicht mehr durch, denn ich brauchte Schlaf, weshalb ich am späten Nachmittag zur Hütte zurückkehrte. In der fortgeschrittenen Abenddämmerung aber klingelte der Wecker wieder und stieg ich zum Valahnúkur auf. Dort oben erfüllte sich mir endlich der Wunsch, nach langer Abstinenz mal wieder Nordlichter beobachten zu können. Sie erschienen wie bestellt, aktiv und intensiv, und tanzten still über das Firmament. Es war magisch - und beinahe zu schön (und kitschig!) um wahr zu sein...

Der kommende Tag war verregnet, was mich aber nicht weiter störte, denn ich musste eh Schlaf nachholen und genoß es, in der Hütte zu bleiben und Tagebuch zu schreiben. Wach und mit völlig verdrehtem Tagesrhythmus stieg ich nach Sonnenuntergang dann wieder zum Gipfel des Valahnúkur auf - im leichten Nieselregen eines komplett bewölkten Abends. Es klingt vielleicht bescheuert, aber mich reizte der Gedanke, Nordlichter über Regenwolken ablichten zu können: alles, was ich brauchte, war ein Wolkenloch. Und das zeigte sich erstaunlich bald: ich hockte maximal eine Stunde gut vermummt unterhalb des Gipfels und wartete. Zwei Jacken hielten mich trocken und warm, und meine Kamera selbst war ebenfalls doppelt gegen die Nässe eingepackt. Das Problem war leider, dass es trotz eines großen Wolkenloches über mir immer noch regnete - aber noch hatte ich einige trockene Taschentücher, um die Linse immer wieder zu putzen. Und so flitzte ich in den kommenden 15 Minuten auf dem Gipfel umher, suchte Standpunkte und fotografierte mit den Regentropfen um die Wette. Die Nordlichter, die sich zeigten, waren nicht stark, aber herrlich mystisch über der von Wolken vermummten Landschaft. Die Stunden dort oben hatten sich total gelohnt!


Dass ich in den einzigen beiden (zumindest teilweise) klaren Nächten auch tolle Nordlichter sehen durfte, war nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Ich weiß nicht, wie oft ich schon vergeblich auf der Erscheinen dieses faszinierenden Lichtphänomens gewartet habe, oder wie oft sie niemals dort auftauchten, wo ich sie haben wollte. Manchmal aber kommt alles zusammen. Es sind wahre Glücksgefühle, die einen erfüllen, wenn man nicht nur vor Ort die Natur erleben darf, sondern dann auch noch Fotos mitbringt, die genau dieses Erlebnis dokumentieren.
Danke, Island! :-)

Montag, 1. Februar 2016

Antarktis aus Pinguinperspektive

Wie schon erwähnt, habe ich in der vergangenen Antarktissaison viel Zeit in Booten und wenig Zeit an Land verbracht. Im Nachhinein könnte ich fast glauben, dass ich das irgendwie geahnt haben muss:
ich habe mir nämlich ein Unterwassergehäuse für meine Kamera zugelegt.
Die „echten“ Unterwassergehäuse aus hartem Plastik sind nicht nur riesengroß, sondern auch unverschämt teuer: für meine Kamera hätte ich mal eben 2500€ und mehr ausgeben müssen. Da ich die Unterwasserfotografie aber überhaupt erst einmal ausprobieren wollte, entschied ich mich für eine wesentlich günstigere Variante. Das sogenannte flexible Gehäuse, welches ich mir bestellte, ist eigentlich nur ein wasserdichter Sack aus dickerem Plastik und einer starren Plastikscheibe, hinter der das Objektiv sitzt.


Es sieht zugegebenermaßen wenig vertrauenserweckend aus, hatte aber einen guten Ruf. Und einen Versuch war es mir wert: zumindest mit meiner alten Kamera, die ich eh schon lange verkaufen wollte und ohnehin nur im Schrank gelegen hatte. Und so habe ich dann in der Antarktis einen ersten, skeptischen und extreeeeem vorsichtigen Versuch unternommen, meine Kamera unter Wasser zu tunken. Und, oh Wunder: es funktionierte! Die Kamera blieb trocken, und machte tatsächlich klare Fotos - irre!

Spätestens da hatte mich die Begeisterung gepackt. Wann immer ich es konnte, bin ich in Gummistiefeln oder Wathosen an der Küste entlang gewandert. Und wenn ich als Zodiakfahrer eingesetzt wurde, ergab sich ab und an auch einmal die Möglichkeit, die Kamera mit Hilfe eines Einbeinstatives in tieferem Wasser abtauchen zu lassen. Und auch wenn die Ergebnisse sehr primitiv und stümperhaft sind (verglichen mit den Bildern von erfahrenen Unterwasserfotografen), war ich begeistert. So ließ es sich beispielsweise endlich einmal bildlich zeigen, wie viel größer Eisberge unter Wasser sind. Davon zu reden, ist eine Sache, es aber zu sehen, eine ganz andere!


Was für mich völlig unerwartet kam, war die unterschiedliche Reinheit des Wassers. Als Nichttaucher bzw. Über-Wasser-Mensch habe ich noch nie im Leben auf die Klarheit bzw. Trübheit von Wasser geachtet - und nun das Lehrgeld dafür bezahlt. Ab Dezember waren nämlich kaum noch gute Unterwasserfotos möglich: das Wasser war einfach zu trüb und die Sicht zu gering. Der Grund war die zunehmende Düngung der Küstengebiete durch die Pinguine. Ihr glaubt ja gar nicht, was eine Pinguinkolonie für Mengen an Guano produziert! Das endet automatisch irgendwann im Meer, welches dann nicht mehr schön klar und blau erscheint, sondern richtig trüb. Eine schöne Scheiße - im wahrsten Sinne des Wortes!


Die Faszination Unterwasserfotografie hat mich völlig gepackt. Direkt unter der Wasseroberfläche beginnt eine andere Welt voll interessanter Dinge und Anblicke: war das spannend! Die Fotografie an sich war allerdings ziemlich ... einfach. Weil ich nicht tauchen konnte, war ich nicht in der Lage, durch den Sucher zu schauen, und eine technische Lösung mithilfe von Wifi und einem externen Monitor war mir zu umständlich. Also hielt ich die Kamera ins Wasser und drückte blind den Auslöser, immer in der Hoffnung, dass ein oder zwei gute Bilder herauskommen würden. Also "gut" im Sinne eines totalen Anfängers der Unterwasserfotografie, der von jedem einigermaßen scharfen Foto begeistert ist... ;-)



Die tollsten Unterwasserbilder gelangen mir direkt während meiner ersten Reise entlang der antarktischen Halbinsel: und zwar in der Nacht, welche wir zeltend an Land verbrachten. Einmal pro Reise übernachten bis zu 60 Gäste in Zelten im Schnee und das ist die einzige Chance für mich, einmal in aller Ruhe fotografieren zu können. Als ich mich um 22 Uhr endlich loseisen konnte, ging ich sofort mit meiner Wathose ins Meer hinein. Die Sonne war zwar gerade dabei, unterzugehen, aber dunkel wurde es nicht: es war schließlich Mittsommernacht am Polarkreis.


Während ich also ein paar erste Unterwasserfotos machte, hörte ich einen Eselspinguin rufen. Wenn sie im Meer auf Nahrungssuche sind, sind Pinguine alleine unterwegs, an Land aber suchen sie die Gesellschaft ihrer Artgenossen. Ich kenne die verschiedenen Rufe der Vögel mittlerweile und kann sie auch gut nachmachen. Also antwortete ich dem Pinguin, den ich noch nicht sah. Und tatsächlich: der Vogel schwamm zielstrebig auf mich zu, geleitet von meinen gelegentlichen Antworten. Als er mich sah, war er sichtlich irritiert. Er schwamm langsam auf mich zu, beobachtete mich über und unter Wasser, und beschloss dann, dass ich zwar nicht gefährlich, aber eben auch kein Pinguin sei, und deshalb nicht weiter von Interesse. Nach einem letzten Blickkontakt drehte er dann ab und sauste unter Wasser wieder davon.


Könnt ihr euch meine Freude vorstellen, als ich feststellte, dass mehrere Fotos scharf und brauchbar waren? Ich konnte gar nicht glauben, dass mir das direkt beim ersten Versuch gelungen war! Fröhlich ging ich an der Küste entlang, fotografierte die Mittsommernachtsstimmung und freute mich an der Einsamkeit. Von den anderen 60 Gästen und 3 Guides sah ich kaum etwas: die meisten schliefen, denn es war nun nach Mitternacht. Trotz der kalten Hände, Lufttemperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und ordentlicher Müdigkeit zwischen zwei anstrengenden Arbeitstagen konnte ich aber nicht an Schlaf denken. Die Lichtstimmung war zu fantastisch!


Es war ungefähr zu Sonnenaufgang, also um 2 Uhr morgens, als ich hinter mir ein spritzendes Schnauben vernahm. Mir war sofort klar, dass dieser Laut nur von einer Robbe stammen konnte. Und tatsächlich: in etwa zehn Meter Entfernung schwamm eine ausgewachsene Weddellrobbe. Es sind die friedlichsten und zutraulichsten aller antarktischen Robben, die ich bisher aber nur schlafend an Land erlebt hatte. Ein kleiner Kopf mit großen, schwarzen Kulleraugen sah neugierig zu mir hinüber. Ich beschloss, die Robbe zu ignorieren, und ging langsam am Ufer entlang. Die Entscheidung, mich nicht anzunähern, war goldrichtig gewesen: das Tier folgte mir kurz in immer gleichem Abstand, dann aber siegte seine Neugierde. Und während es langsam aber stetig immer näher an mich heranschwomm, blieb ich stehen und drehte mich vorsichtig um, um ein paar erste Bilder zu machen.

Was jetzt geschah, hatte ich nicht erwartet: das Klicken der Kamera faszinierte die Robbe. Während ich still im oberschenkeltiefen Wasser stand, kam das Tier langsam immer näher. Mal sah es mich über Wasser an, oft aber sah ich nur seinen Bauch, weil es kopfüber im Wasser hing. Ich musste mir ein Lachen mehrmals verkneifen, weil es einfach zu komisch war. Warum hängt eine Robbe freiwillig falsch herum im Wasser und schaut sich die Welt andersherum an?
Die Antwort ist wahrscheinlich ziemlich einfach: weil sie es kann!

Dieses wunderbare Tier war ein erwachsenes Männchen, und es war genauso fasziniert von mir, wie ich von ihm. Wir haben bestimmt 20 Minuten miteinander verbracht und einander neugierig beobachtet. Es ist ein absolut unglaubliches Gefühl, wenn ein wildes Tier einem solch ein Vertrauen schenkt! Ausgewachsene Weddellrobben haben wenig Feinde: eigentlich werden sie nur noch von Orcas gejagt, und ich war ja ziemlich offensichtlich kein Schwertwal. Dennoch: eine solche Begegnung ist genauso selten wie besonders. Es war der Höhepunkt meiner Antarktiszeit!


Die Robbe war so fasziniert von mir, dass sie sicherlich noch eine Weile bei mir geblieben wäre. Zwischen den seltenen Atemzügen hing sie fast regungslos kopfüber im Wasser und starrte mich an. Letztlich waren wir uns so nahe, dass ich sie mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können. Was für ein Erlebnis!


Leider hatte ich ein kleines Problem: ich trug keine Handschuhe, musste die Kamera aber unter Wasser halten und bedienen. Nach gut 20 Minuten im maximal 2°C kalten Wasser hatte ich jegliches Gefühl in meinen Fingern verloren. Und als die Taubheit zu extrem wurde, war mir klar, dass ich aufhören musste. Also ging ich langsam zum Ufer hinüber und kletterte die Schneewehe empor. Die Robbe sah mir kurz nach, bevor sie still abtauchte - und unter Wasser vondannen schwamm.

Nach einigen äußerst unangenehmen Minuten konnte ich meine Finger wieder feinmotorisch bewegen - und widmete mich dem Bildschirm meiner Kamera. Die Fotos ließen mich in einen stillen Freudentaumel ausbrechen: es war ein Blick in einer andere Welt! Obwohl die Kamera nur wenige Zentimeter unter Wasser gewesen war, hatten sich einzigartige Blickwinkel ergeben. Wie unglaublich muss es wohl sein, richtig zu tauchen und sich komplett ins Wasser zu begeben?
Verammt, ich glaube, ich habe schon wieder eine neue Leidenschaft entdeckt!

Mit diesen Bildern will ich die diesjährige Antarktissaison ausklingen lassen. Ein bisschen schwermütig bin ich, denn ich habe mich entschieden, erst einmal nicht mehr auf Expeditionsschiffen zu arbeiten. Der kommende Sommer auf Spitzbergen wird meine vorerste letzte Saison als Guide sein: das bedeutet halt auch, dass ich so bald nicht mehr in der Lage sein werde, solche Fotos zu machen. Umso mehr freue ich mich über diese ersten Unterwasserbilder - und auf das, was anstelle der Arbeit als Expeditionsguide treten wird. Und bis dahin werde ich ja noch in Island und Spitzbergen fotografieren können. Ich freue mich schon sehr auf den kommenden arktischen Sommer! :-)



Dienstag, 12. Januar 2016

Aus dem Alltag eines Expeditions-Guides

Es ist Mitte Januar, und ich befinde mich gerade auf dem Rückweg nach Deutschland. Ich staune immer wieder, wie schnell doch Zeit vergehen kann. Die zurückliegende, halbe Antarktissaison war wieder einmal völlig anders, als die vorhergehenden: auch, weil ich jedes Mal in einem neuen Team arbeite und immer leicht andere Dinge erlebe. Dieses Mal war ich (leider) nicht oft an Land, dafür aber umso mehr in Booten unterwegs. Meine Hauptaufgabe war es, Zodiaks zu fahren und dort die Fotogruppen zu (beg)leiten. Zusätzlich bin ich spontan für jemanden eingesprungen und habe zum ersten Mal auch als Kayak-Guide gearbeitet - das war mal eine ganz neue Facette meines ungewöhnlich vielfältigen Jobs.


Die Antarktis ist zwar eine der wildesten Regionen der Welt, aber auch eine der am meisten reglementieren: für den Tourismus hier unten gelten viele Auflagen. Es gibt beispielsweise Begrenzungen für die Anzahl von Menschen, die zeitgleich, die an Land gehen dürfen. Die Obergrenze liegt bei den meisten Landestellen bei 100 Passagieren. Die meisten Schiffe, welche die Antarktis anlaufen, haben aber mehr als 100 Gäste: also muss improvisiert werden. Manche Schiffe teilen die Passagiere in zwei Gruppen und machen sogenannte 'split landings': die Hälfte der Reisenden wird an Bord belustigt, beispielsweise in Form eines Vortrags, während die andere Hälfte an Land geht - und irgendwann wird dann getauscht.


Die MS Expedition, auf der ich oft arbeite, hat maximal 133 Passagiere und geht andere Wege. Zum einen wird immer ein sogenanntes Foto-Zodiak angeboten: eine Gruppe von Foto-Enthusiasten ist erst einmal ein bis eineinhalb Stunden per Boot auf Motivsuche, bevor sie an Land geht. Zusätzlich gibt es ein Kayak-Programm: bis zu 20 Gäste erpaddeln sich die Antarktis, bevor sie dann meist zusätzlich noch kurz an Land gehen - hinterher, wenn die meisten schon wieder zurück an Bord sind. Gerade für diejenigen, welche sich sportlich betätigen wollen, ist das Kayak eine reizvolle Ergänzung der Antarktisreise. Ich persönlich finde Landgänge um einiges spannender, muss aber zugeben, dass es Spaß gemacht hat, in solch extremer Umgebung ohne Motor auf dem Wasser unterwegs zu sein. Und manchmal hat man auf die Art ganz andere Tierbegegnungen, als die Landgänger - zum Beispiel mit einem neugierigen Seeleoparden...


Wie ich im letzten Blog ja schon erwähnt habe, bietet gAdventures (die Eigner der MS Expedition) auch Camping als Option an: bis zu 60 Leute dürfen eine Nacht in Zelten und warmen Schlafsäcken an Land verbringen. Auch hier sind wieder strenge Regeln einzuhalten: so darf beispielsweise nur in Notfällen gegessen werden, und absolut gar nichts darf zurückgelassen werden. Folglich bringen wir unsere Gäste erst nach dem Abendessen an Land und vor dem Frühstück wieder zurück - und nehmen Campingtoiletten mit.


Die ganze Aktion ist eine Heidenarbeit, die von den meisten meiner Kollegen gemieden wird: ich gehöre meist zu den sehr wenigen Freiwilligen, welche die Nacht liebend gerne an Land verbringen. Nachdem den Gästen beim Aufbau der Zelte geholfen wurde, seile ich mich meist ab, um ein paar Stunden alleine zu sein. Ich kann zwar keine großen Strecken wandern, da die meisten Orte kleine Inseln sind oder direkt an Gletscher grenzen, aber das muss ich auch gar nicht. Ich habe einfach nur Freude daran, die Landschaft im verändernden Licht der langen Sommernacht zu erleben, und mal ein paar Stunden alleine zu verbringen, ohne von Gästen angesprochen zu werden. Die Antarktis ist märchenhaft grandios und generell ziemlich superlativ - und das begreift der Mensch dann am besten, wenn er die Zeit findet, mal zu sich selbst zu kommen und, still, im Moment zu leben.


Spätestens um fünf Uhr morgens ist es mit der Ruhe vorbei: dann werden die müden und verfrorenen Gäste geweckt und beginnt das große Packen. Geschlagene zwei Stunden dauert es im Normalfall, bis sich die Gäste und die gesamte Ausrüstung wieder an Bord befinden. Wir Guides springen von Zelt zu Zelt, geben Tipps und Anweisungen - manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich. An einem windigen Morgen können wir beispielsweise noch so oft sagen, dass die Leute unbedingt aufpassen müssen: es geht garantiert irgendetwas fliegen. Dass man leeren Zeltsäcken oder Isomatten hinterhersprinten muss, ist normal: aber dass ein ganzes Zelt erst fliegen und dann baden geht, war auch für mich etwas Besonderes. Dankbarerweise hatte ich Wathosen an und bin bei der Zeltrettung so gerade eben trocken geblieben. Für die Gäste war die ganze Aktion eine Gaudi, und auch ich hatte meinen Spaß dabei! :-)


Mein total verrückter Job hat seine absoluten Höhepunkte, aber selbstverständlich auch seine Schattenseiten. Ich arbeite in einer Dienstleistungsbranche für meist wohlhabendes (und deshalb oft forderndes) Klientel. Ich bin eben NICHT als Tourist hier, es ist kein Urlaub: mein Job ist und bleibt ein Job, egal wo, egal wie, und er ist genauso anstrengend und ermüdend, wie jeder andere Job auch.
Sorry, wenn irgendjemand geglaubt hat, dass es anders sei. Kaum Freizeit, zu wenig Schlaf, absolut keine Privatsphäre über Wochen hinweg: wir Dienstleister sind die Aushängeschilder von unseren Arbeitgebern, und es liegen eine Menge Pflichten und Verantwortungen auf unseren Schultern, Wildnisgebiete hin oder her.



Meine persönliche Belohnung sind, ganz klar, die unglaublichen Naturerlebnisse, die ich mit den Gästen erleben darf. Und dann ist da mein immerwährendes Anliegen, andere für den Schutz der Natur zu begeistern und sie zu inspirieren, in Zukunft ein bisschen mehr für den Erhalt unserer Welt zu tun. Und wenn ich es kann, dann ergattere ich mir hier und da ein paar einsame Momente mit eben jener wunderbaren Welt: mal sind es ein paar Minuten ohne laufenden Motor im Zodiak, mal sind es ein paar stille Augenblicke im Kreise von schnatternden Pinguinen, mal ist es Sonnenuntergang an Deck des fahrenden Schiffes. Und von diesen kleinen, wertvollen Glücksmomenten der vergangenen Wochen möchte ich euch das nächste Mal berichten - sonst komme ich heute nämlich nicht mehr zum Schluss!

Samstag, 2. Januar 2016

Antarktische Mittsommerimpressionen

Wenn ich anderen erzähle, dass ich als Guide auf Expeditionsschiffen in der Antarktis arbeite, dann weckt das oft sehr abenteuerliche Vorstellungen. Viele haben die endlosen Eis-Ebenen vor Augen, die Skifahrer durchqueren, um zum Südpol zu kommen, oder riesige Kaiserpinguinkolonien im windumtosten Sonnenschein.

MS Expedition zu Weihnachten - Eisberge machen einen guten Weihnachtsbaumersatz! :)



           
Die Realität könnte kaum ferner sein: Kaiserpinguine findet man nur an wenigen Orten direkt auf dem Schelfeis, und dahin kommen die meisten Schiffe oft gar nicht. Und vom Südpol bin ich in der Antarktis ungefähr so weit entfernt, wie ich es in Island vom Nordpol wäre. Es scheint unglaublich, aber: der Kontinent Antarktis ist so groß, dass die ziemlich weit nördlich gelegene Antarktische Halbinsel auf denselben Breitengraden liegt, wie Island: nämlich auf 63° - 65° südlicher Breite. Den südlichen Polarkreis überfährt man nur auf langen Touren im Spätsommer: wir sind also noch ziemlich weit vom Südpol entfernt! Und trotzdem ist es hier unten kälter, als im nördlichen Grönland oder auf Spitzbergen. Die antarktische Halbinsel ist ein von Inseln gesäumtes Gebirge überzogen mit Eis: Berge in der Größenordnung der Alpen, auf denen Gletscher unvorstellbarer Größen ins Meer fallen. Man kann diesen Kontinent selbst dann kaum begreifen, wenn man tagelang an seinem Rand entlangsegelt.



Ende Dezember sind die Tage auf der Südhemisphäre am längsten: das bedeutet in den polarkreisnahen Gegenden wunderbar lange Mittsommernächte. Die Lichtverhältnisse entsprechen denen des isländischen Hochsommers: die Sonne geht 3 Stunden nach Sonnenuntergang wieder auf, die Nächte sind immer so hell, dass man jederzeit bequem lesen kann, und Sterne sieht man gar nicht. Zum Fotografieren ist das Licht nachts am idealsten: zumindest sofern man gutes Wetter hat und die extreme seltene Chance, um die Uhrzeit zu fotografieren.

Blick von Ronge Island über den Errera Channel nach Cuverville Island


                    
Eine Nacht pro Reise kann ich an Land verbringen: nämlich dann, wenn die Hälfte der Passagiere zelten geht. Es ist ein Riesenaufwand, der aber von unseren Gästen begierig nachgefragt wird. Eine Nacht im Schnee in der Antarktis zu campieren scheint besonders für Australier einen unwiderstehlichen Reiz auszuüben. Mir sollen die Beweggründe wurscht sein: Hauptsache, ich kann eine Nacht lang fotografieren!



Für mich ist die Camping-Nacht die ermüdenste Nacht der ganzen Reise, weil ich sie in der Regel durchmache und am folgenden Tag trotzdem “normal” arbeiten muss. Sie ist aber eben auch die einzige Möglichkeit auf der gesamten Reise, um mal ein paar Stunden lang alleine in der gewaltigen Natur verbringen zu können. Die Gäste schlafen, niemand belästigt die Wildtiere - ich kann mich dann einfach nur sorgenfrei der Fotografie und den Landschaften widmen. Welch ein Privileg! Ich wünschte, solche Möglichkeiten würden sich öfters ergeben. Aber eben weil sie so selten sind, sind sie umso wertvoller.



In der Stille und Einsamkeit der arktischen Mittsommernacht ergeben sich mit ein bisschen Glück tolle Tierbegegnungen. So etwa um 3 Uhr Nachts des 27sten Dezembers, als sich eine Große Raubmöwe, auch Skua genannt, zehn Meter neben mir auf einer Eisscholle niederließ und mich furchtlos beobachtete. Der Vogel war so neugierig, dass er mich im Laufe mehrerer Minuten so nahe an sich herankommen ließ, dass ich ihn hätte berühen können. Was für ein Erlebnis!



Es gibt kaum etwas Schöneres, als das direkte Vertrauen von wilden Tieren zu erleben. Diese wunderschöne Raubmöwe war mindestens ebenso neugierig auf mich, wie ich auf sie. Sie untersuchte meine Kamera und akzeptierte mich als harmlosen Erdenbewohner. Sie ruhte sich in meiner unmittelbaren Gegenwart aus, bis eine andere Raubmöwe über uns hinwegflog und in etwa 50 Meter Entfernung landete. Das war wohl das Aufbruchssignal für “meine” Möwe: sie stand auf, streckte ihren rechten Flügel - und flog besagte 50 Meter zum anderen Skua hinüber.
Ach, Tiere sind klasse! :-)




Über Weihnachten waren wir mit dem Schiff im Weddellmeer, das zum ersten Mal seit Jahren so eisfrei ist, dass man es mit Nicht-Eisbrechern erkunden konnte. Für mich war es das erste Mal dort, und ich muss sagen, dass es wirklich beeindruckend war. Tief im Süden des Weddellmeeres befinden sich zwei Eisschelfe, und von dort brechen riesige Plateaueisberge ab. Diese sind zwar nicht hoch (um Schnitt 30 bis maximal 50 Meter) aber dafür elendig lang. Der längste Eisberg, den wir sahen, war über 20 Kilometer lang und hatte einen Namen: B15Y hieß diese Stadt aus Eis, abgebrochen vom Ross-Eisschelf im Jahr 2000, und seitdem unterwegs, getrieben von den Meeresströmungen. Absolut beeindruckend!





Was mich persönlich überraschte, ist die Tatsache, dass die Wale dieses Jahr schon sehr früh in die Antarktis gekommen sind. Normalerweise trudeln sie erst ab Mitte des Sommers hier ein, um sich dann bis in den Herbst hinein am Krill die nötigen Fettreserven für den Rest des Jahres anzufressen. Dieses Jahr waren sie schon seit der ersten Reise in großer Zahl anzutreffen - ob das wohl etwas mit El Nino zu tun haben mag?

Zu Weihnachten schenkten uns die Buckelwale die wohl fantastischste Walbeobachtung der letzten Jahre: über 100 Buckelwale waren auf relativ kleinem Raum versammelt und fraßen Krill, den sie mit Blasennetzen an die Wasseroberfläche trieben.


Die Wale ließen sich vom Schiff in keiner Weise stören und tauchten unablässig unter die für uns unsichtbaren Krillschwärme in nur wenigen Metern Wassertiefe. Dann schwammen sie in Spiralen zur Wasseroberfläche, wobei sie einen Vorhang aus Luftblasen produzierten. Dies ist eine ausgeklügelte Jagdtechnik: der Krill wird durch die Blasen irritiert, sucht Schutz im Schwarm und flüchtet zur Oberfläche. Die Wale tauchen dann gleichzeitig in ihrem Blasennetz auf und sieben ihre offenen Mäuler durch den komprimierten Krillschwarm.

Wir sahen die bis zu 17 Meter langen Wale unter Wasser, sie zeigten ihren gesamten Körper: die langen, weißen Flipper, die unterschiedlich geformten Fluken, wir konnten ihnen in die Mäuler schauen, die Barten sehen, teilweise warne sogar ihre Augen über Wasser - es war unglaublich. Hier nur ein paar Bilder von einem Abend, der wohl allen Anwesenden auf ewig unvergesslich sein wird.

Mit den folgenden Bilder möchte ich euch nachträglich ein frohes neues Jahr wünschen: möge es euch Freude und Gesundheit bringen!


Die Schnauze eines Buckelwals.
Rrechts der Oberkiefer, ein (im Vergleich zum Unterkiefer) winziger "Deckel" für einen riesigen Schlund.
Dieser Wal hatte eine weiße Kehle. Ein Buckelwal ist ein  sogennanter Furchenwal:
sie haben eine Kehle wie ein Akkordeon, die sich extrem dehnen kann.
Nur dann sieht man die gut durchbluteten und deshalb rosa erscheinende Haut der Furchen.


Der Blick hinein ins Maul eines anderen Buckelwals.
Im Oberkiefer hängen die Barten; geteilt von einem pinkfarbener Muskel, dessen Funktion ich noch herausfinden muss.
Über Buckelwalanatomie findet man nicht allzu viel Informationen, seltsam... ;-)
Der Unterkiefer ist nichts anderes als eine gewaltige Schöpfkelle, mit einer Zunge, die man aber nie sieht.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Arktis oder Antarktis?

Ich werde öfters gefragt, welches ich für das schönere Reiseziel halte: Arktis oder Antarktis. Und meistens sind die Leute dann über meine Antwort erstaunt: ich kann nämlich keine geben. Es dürfte kaum zwei andere Orte auf der Welt geben, die so viel gemeinsam haben und doch so dermaßen gegensätzlich sind, wie die beiden Polregionen. Und die mich auf ihre jeweils eigene, ganz spezielle Art gleichermaßen begeistern.







Wenn man sich die Landkarte einmal anschaut (ohne Wolken und Packeis), sieht man schon den wesentlichen Unterschied. Die Antarktis ist ein Kontinent umgeben von Meer, die Arktis ist ein Meer umgeben von Kontinenten. Ein Kontinent wird kälter als ein Meer, viel kälter, und auch deswegen ist die Antarktis fast ausschließlich von Eis bedeckt, das bis zu 4500 (!!!) Meter dick ist. In der Arktis dagegen schmelzen warme Meeresströme das Meereis jedes Jahr aufs neue, und Gletscher bilden sich nur dort, wo es Berge gibt. So ist zu erklären, dass 90% des Weltgletschereises in der Antarktis zu finden sind, 9% in Grönland - und das restliche Prozent Gletschereis verteilt sich auf die alpinen und arktischen Gebiete der Welt. Diese Dimensionen kann man sich gar nicht vorstellen!

Dämmerungsstimmung im Errera Channel, mit Blick auf Cuverville Island, Antarktis



             
Für uns Menschen bedeutet diese Eisverteilung, dass wir uns in der Antarktis kaum an Land bewegen können: etwas übertrieben ausgedrückt ist es ein riesiger Gletscher, aus dem hier und da ein paar Bergspitzen schauen. Die Arktis ist das Gegenteil davon. Das Land rund um das Nordpolarmeer ist zwar von einigen Gletschern bedeckt, aber diese sind winzig im Vergleich zur Antarktis. Man kann in der Arktis also ausgiebige Wanderungen unternehmen und viel mehr Orte besuchen, als in der Antarktis. Und das ist ein Grund, warum ich die Arktis so mag: für Aktivitäten bietet der Norden die vielfältigere Wahl.
 
Faksevågen, Lomfjord, Svalbard










                 
Die Antarktis ist der in jeder Hinsicht extremere Ort. Es beginnt mit dem Wetter. Mindestens ein Tag pro Reise fällt aus, manchmal sogar bis zu drei Tage, weil extreme Winde uns Hausarrest erteilen: in diesen katabatischen Winden und den entstehenden, hohen Wellen, kann man keine sichere Landung mehr durchführen. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass das Zodiak von einer plötzlichen, extremen Sturmböe umgeschmissen wird oder sich Guides und Gäste verletzen, weil das Boot von den Elementen umhergestoßen wird.

Sturm in Bransfield Strait, Antarktis



            
Ist man dann aber an Land und erlebt man einen windstillen Tag, ist die Antarktis der beeindruckendere Ort. Was für Eismassen, was für Berge! Es gibt keinerlei Spuren menschlicher Zivilisation: nicht einmal unser Müll hat es hierher geschafft, der in der Arktis ja mittlerweile leider allgegenwärtig geworden ist.

Angeschwemmter Müll am Strand - ein gängiger Anblick auch auf den Lofoten

Eselspinguine bei George's Point, Ronge Island

Die Tiere der Antarktis sind kaum scheu, vor allem deshalb, weil es an Land keine Raubtiere gibt. Für die Pinguine und Robben kommt die Gefahr entweder aus dem Wasser (See-Leoparden und Orcas) oder aus der Luft (Skuas oder Riesensturmvögel). Dementsprechend wenig Furcht zeigen sie uns Menschen gegenüber.

Eselspinguinküken, Jougla Point, Antarktis



                                                      
In der Arktis ist es genau umgedreht: dort kommt die Gefahr von Land (Eisbären und Polarfüchse), weshalb die meisten Tiere genau dort ziemlich scheu sind. Dafür gibt es in der Arktis aber viel mehr verschiedene große Tiere zu betrachten: Eisbären, Walrosse und vier weitere Robbenarten, verschiedenste Wale (u.a. Blauwale, die in der Antarktis fast ausgerottet wurden und sich bisher nicht erholten), viele verschiedene Vögel und natürlich Rentiere und Polarfüchse. Die Bandbreite an spannenden Lebewesen ist dort also größer.

Wasser trennte Eisbär von Walrossen - ansonsten hätte dieses jungrige Männchen die Herde längst ins Wasser gescheucht



                                    
Ein weiterer Unterschied ist die Tatsache, dass wir in der Arktis keinerlei Ahnung haben, wo wir Tierleben antreffen werden. In der Antarktis brüten die Pinguine in immer denselben Kolonien: wir wissen also ganz genau, wohin wir reisen müssen, um verschiedene Pinguinarten zu finden. In der Arktis gilt das genaue Gegenteil: keines der Tiere ist stationär. Wir können nicht einmal den Höhepunkt einer Arktisreise garantieren, also die Sichtung von Eisbären. Es kann theoretisch sein, dass eine Reise in einem Desaster endet: weil keine Eisbären gesichtet wurden. Passiert ist mir das bisher zum Glück nur einmal: aber das war dementsprechend heftig. Man sollte glauben, dass die Leute wissen, dass man wilde Tiere nicht auf dem Servierteller präsentieren kann - und dass man eine Reise dennoch für toll halten kann, wenn man drei verschiedene Walarten (unter anderem Blauwale), alle Robben (also auch Walrosse), viele Vögel, Füchse und Rentiere sichtet. Aber nein, es gab beinahe eine Meuterei: weil der Eisbär fehlte. Ich hätte beinahe gesagt: "Da habt ihr euren Blick in die Zukunft!" Aber das tröstet oder beruhigt die Gäste natürlich nicht. Für sie war die Reise ein Debakel - obwohl das Wetter, Lichtstimmungen, Ausflüge und Tierbegegnungen fantasisch gewesen waren.
Menschen - ich werde sie nie verstehen ...


Arktische Küstenseeschwalbe füttert ihr fast flügges Jungtier, Nordaustlandet, Svalbard



                                        
Mein Herz schlägt für beide Polregionen: für die Arktis, weil ich mich in ihr immer mehr Zuhause fühle, und auch für die Antarktis, weil sie für mich immer noch ein riesiges Abenteuer ist und ich noch sehr viel zu lernen und entdecken habe. Genau deswegen bin ich jetzt gerade auch wieder im Südpolarmeer unterwegs: noch bis Mitte Januar werde ich die Antarktische Halbinsel und den Bereich des Weddellmeeres erkunden, als Guide, Fotograf und generelles Mädel für alles.

Mit im Gepäck ist nämlich ein neues Spielzeug: ein Unterwassergehäuse für meine Kamera. Tauchen liegt leider nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten - sehr wohl aber kann ich die obersten 30 Zentimeter der Wassersäule unsicher machen. Dabei kommen die tollsten Dinge zutage: die ersten Fotos begeistern mich total. Unter Wasser liegt eine ganz andere Welt verborgen - und eröffnen sich ganz neue Blickwinkel. Hier ein paar erste Bilder: weitere folgen dann im Januar.


Eine neugierige Weddellrobbe
Nniemals hätte ich gedacht, dass ich einem wilden Meeressäuger in seinem Element einmal so nahe kommen würde.
Die ganze Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal! :-)

                                                       
Mit diesen Eindrücken möchte ich euch ein frohes Weihnachtsfest wünschen: und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Liebe Grüße aus dem tiefen Süden,
Kerstin