Samstag, 13. April 2013

Antarktis - von Walen und Robben

Hallo zusammen!
Nach fast einem Monat auf Island, den ich überwiegend im Zelt verbrachte, bin ich nun in Reykjavík und finde endlich Zeit und Muße, um mich wieder diesem Blog zu widmen. Ein solcher Eintrag ist ja dann doch immer ziemlich zeitintensiv!

Von Anfang Januar bis in die zweite Märzwoche hinein war ich also mit der MS Expedition im Südpolarmeer unterwegs. Das äußerst fotogene Schiff, eine umgebaute und eisverstärkte Autofähre, gehört der kanadischen Firma G Adventures und beherbergt überwiegend Gäste der Commonwealth-Nationen: Amerikaner, Briten, Australier und Kanadier machen das Gros der Besucher aus, der Rest kommt von ziemlich überall. Das Klientel ist generell gut betucht, da diese Reisen teuer sind. Die kürzeste Fahrt von Ushuaia und zurück kostet in der günstigsten Kategorie 4500€ - das ist weniger, als auf anderen Schiffen. Genau deswegen sind hier immer wieder viele junge Leute mit dabei, die sich einen lang erarbeiteten Traum erfüllen - und den Altersdurchschnitt dadurch senken.
An Bord sind meistens 133 Gäste. Die Besatzung, also die Crew, Offiziere, das Hotel-Team und wir Expedition-Guides, zählt 65 Leute, überwiegend Filipinos (Hotel und Kombüse) sowie Osteuropäer (Offiziere und Maschinenraum): insgesamt befinden sich auf dem Schiff also knapp 200 Menschen. Jedes Mal in Ushuaia werden Containerladungen mit Lebensmitteln in den großen Laderäumen verstaut. Trinkwasser wird durch Osmose selbst hergestellt: gespart wird in diesem Luxus-Hotel an nichts. Im Hafen warten bei jeder Landung vier bis fünf Tankwagen darauf, mehrere Hunderttausend Liter Diesel in die Tanks des Schiffes zu pumpen. Klimaschädlicher geht's kaum! Ich denke nicht, dass es irgendein (Expeditions-)Kreuzfahrtschiff gibt, das wenig Ressourcen verbraucht - das liegt einfach in der Natur der Sache. Wer es mit Natur- und Klimaschutz ernst meint, der sollte definitiv nicht an solchen Reisen teilnehmen!
Eine standardmäßige Reise in die Antarktis beginnt mit einem 17stündigen Flug nach Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens auf 54°Süd. Nur zum Vergleich: die Insel Usedom liegt auf 54°Nord – dort sind wir also noch weit vom Pol entfernt. Von hier aus bringen über 20 Schiffe zahlende Touristen in die Antarktis: kleinere (20 Passagiere und mehr) bishin zu größeren (200 Passagiere Maximum). Die standardmäßige Antarktisreise dauert 10-14 Tage, wovon insgesamt mindestens fünf Tage auf hoher See verbracht werden, da die Fahrt über die Drake-Passage jeweils zweieinhalb Tage in Anspruch nimmt. Und dann ist man "erst" bei den Südlichen Shetlandinseln angekommen: auch spannend und voller Tierleben, aber eben noch nicht die antarktische Halbinsel. Um dorthin zu kommen verliert man noch einmal einen halben Tag. Es ist und bleibt eben eine Seereise!


Eben weil man auf jeder Reise so viel Zeit auf dem Meer und so wenig Zeit an Land (oder zumindest in Landnähe) verbringt, war ich heilfroh, an insgesamt sechs Reisen teilzunehmen! Eine davon dauerte insgesamt 21 Tage und führte mich neben der Antarktis auch nach Südgeorgien: davon berichtete ich ja schon. Südgeorgien ist nicht die Antarktis: es befindet sich auf dem gleichen Breitengrad wie Ushuaia, liegt aber 1400km weiter östlich total abgelegen im Südatlantik. Nur sehr wenige, meist sehr betuchte Gäste können sich die Reise dorthin leisten. Für mich war Südgeorgien, wie ich ja schon berichtete, absolut unglaublich: es ist das Galapagos oder die Serengeti der Kälte, sagt man, einfach ob der schieren Anzahl der Tiere, die dort dem Wetter trotzen, um vom Fischreichtum des umliegendes Meeres zu profitieren.
Ich selber habe soeben erst erfahren, dass ich in genau einem halben Jahr wieder dort sein darf: diesmal nicht mit der MS Expedition, sondern mit der deutsch-schwedischen Kooperation von 'Polar Kreuzfahrten' und 'PolarQuest' auf der MS Ocean Nova, einem kleinen Schiff für "nur" 75 Gäste, auf dem ich auch letzten Sommer schon gearbeitet habe. Wer von euch vom 18. Oktober bis zum 12. November 2013 noch nichts zu tun hat und über das nötige Kleingeld verfügt, der sei herzlich eingeladen, mich zu begleiten: dies ist die wohl traumhafteste Südgeorgien- und Antarktisreise, die es gibt! Ich jedenfalls freue mich wirklich unglaublich, als Guide und Lektor mit an Bord zu sein: weitere Informationen zu dieser Tour findet ihr hier!

Die Antarktis ist jedoch mindestens ebenso faszinierend: völlig egal ob bei strahlendem Sonnenschein (eher selten) oder dichter Bewölkung. Es ist ein Kontinent ohne Menschen, eine riesige Wildnis, bei der man den Launen der Natur und da besonders des Wetters völlig ausgeliefert ist. Sowohl als Guide als auch als Fotograf ist die Antarktis eine einzige Herausforderung: man weiß nie, was einen erwartet, muss immer auf alles gefasst sein. Und das bedeutet vor allem eines: dass man unglaublich spontan sein muss. Wenn sich das Wetter von jetzt auf gleich ändert, dann müssen alle Pläne umgeworfen werden. Tierleben kann man nicht einmal ansatzweise planen: Pinguine sind zwar an ihren Kolonien anzutreffen, Wale aber kommen und gehen, wann es ihnen beliebt. Auch das Wetter muss stimmen, um sie beobachten zu können: alles in allem ist es wirklich und wahrhaftig eine Expedition: immer offen für das Unbekannte, immer bereit, alle Pläne komplett ins Gegenteil zu verkehren.

Sieht man beispielsweise Orcas, was nun wirklich nicht oft vorkommt, dann gibt es gar keine andere Wahl: egal was auf dem Programm stand, nun wird erstmal eine Runde "Whale watching" betrieben!
Orcas sind sehr schnell unterwegs, und meist kann man sich ihnen nicht so nah annähern, wie den oft trägeren und toleranteren Buckelwalen. Zweimal nur sahen wir diesen Sommer Schwertwale (ich mag den Namen "Killerwal" nicht), aber beide Male waren es faszinierende Begegnungen: aus der Ferne, aber wunderbar!

Buckelwale kommen, wie die meisten Tiere, nur im Sommer in die Antarktis, um Krill zu fressen, den es hier dann wie gesagt in Massen gibt. Es sind Langstrecken-schwimmer, die im Winter gen Äquator ziehen, um in warmen Gewässern ihre Jungen zu gebären. Die arktischen Wale machen das genauso, aber ein halbes Jahr versetzt im nördlichen Winter: daher vermischen sich die Populationen der Arktis und Antarktis (vermutlich) nicht.


Genau wie ihre arktischen Verwandten sind diese bis zu 15 Meter langen Riesen meist wenig scheu und lassen sie sich oft beim Fressen beobachten. Dabei kommen sie, wenn wir etwas Abstand halten und die Motoren ausstellen, teilweise sehr nahe an die kleinen Zodiacboote heran. Es ist immer wieder ein überwältigendes Erlebnis, diesen Riesen so nahe zu sein!
Von den kleineren Zwergwalen, rechts im Bild, hatte ich bisher keine hohe Meinung. In der Arktis sind sie generell eher scheu: was ihnen aber kaum zu verübeln ist, werden sie dort schließlich im großen Stil gejagt. In der Antarktis aber waren sie unglaublich aktiv: sie sprangen hoch aus dem Wasser und suchten oft Kontakt. Einmal tauchte eine Dreiergruppe langsam direkt unter meinem Zodiac entlang: ein Auge zu uns gerichtet, neugierig, aufmerksam. Diese Tiere blicken einem direkt in die Seele!

Faszinierende Begegnungen gab es auch mit den verschiedenen Robben der Antarktis: vor allen aber mit den Seeleoparden. Diese bis zu vier Meter langen Räuber sind meist sehr neugierig und wenig scheu, da sie ganz oben in der Nahrungskette stehen: einzig und allein die Orcas müssen sie fürchten, ansonsten aber sind sie die Jäger der Südmeere.
Sie fliegen mit ihren riesigen Vorderflossen durch das
Meer und jagen mit ihrem beeindruckenden Gebiss in ihrem reptilienartigen Schädel andere Robben und Pinguine. Trotz alledem fressen sie aber auch Krill, winzige Garnelen, von denen sich, direkt oder indirekt, alle Tiere in der Antarktis ernähren: eben auch diese geschickten Jäger, denen wir immer wieder begegnen durften!


Es gibt dort unten noch andere Robben: die Weddellrobbe beispielsweise, welches das einzige Tier ist, das auch den Winter in der Antarktis verbringt. Man begegnet ihr immer wieder: sie ist weniger aktiv als der Seeleopard, einfach ein gemütlicherer Zeitgenosse, der sich ausschließlich von Krill ernährt - und das nicht schlecht! Weddellrobben sind meistens recht gut im Futter...
Die Weddellrobbe hat ein richtig niedliches Gesicht und sieht damit den uns bekannten Seehunden am ähnlichsten: von der Leibesfülle einmal abgesehen. Es gibt noch eine andere häufige Robbenart: die Krabbenfresser. Die fressen zwar keine Krabben, sondern ausschließlich Krill, aber sind dafür die häufigste Robbenart der Welt: man vermutet, dass es von dieser rein antarktischen Robbenart mehr Tiere gibt, als alle anderen Robben zusammengenommen!
Anfangs fiel es mir schwer, die Robben auseinander zu halten, aber eigentlich ist es ganz einfach. Der Seeleopard ist der größte von allen und hat einen schlangenähnlichen Kopf. Die Weddellrobbe ist die dickste und hat einen katzenähnlichen Kopf. Und der Krabbenfresser ist der einfarbigste und hat einen hundeähnlichen Kopf. Außerdem tendieren Krabbenfresser dazu, sehr scheu zu sein: dementsprechend selten habe ich sie gesehen!

Jede Antarktisreise beginnt und endet mit einem oder zwei Stopps auf den Südshetlandinseln, die als subantarktische Inseln gelten. Dort gibt es noch zwei weitere Robben, die ihr schon kennt: die Pelzrobben, auch Ohrenrobben, Seebären oder Motztrolle genannt, die kleinsten und einzigen, die keine "Echten Robben" sind. Noch gibt es hier keine Kolonien von ihnen, gegen Ende der Saison kommen aber vermehrt Tiere hier an Land, um sich auszuruhen und Scheinangriffe auf Menschen zu veranstalten!
Und dann trifft man auf den Südshetlandinseln auch die größten (und dicksten) aller Robben an: die See-Elefanten! Diese lustigen Wesen haben, wie viele antarktische Tiere, ein kleines Problem: sie können sich kein Loch in ihrem Tauchanzug erlauben. Ihre Haut aber muss sich erneuern, wie bei allen Tieren. Normalerweise verlieren alle Säugetiere ihre Haut das ganze Jahr hindurch in winzigen Stückchen: wir ja auch, wir nennen das "Schuppen" und ärgern uns darüber. Würden die antarktischen Tiere ihre Haut auch ständig erneuern, dann wäre ihr Tauchanzug nie dicht: und deshalb häuten sich die See-Elefanten innerhalb weniger Wochen, und stoßen in der Zeit ihre gesamte alte Haut ab. Während dieser Zeit sind sie nicht wasserdicht (bzw. nicht kälteresistent) - und verlassen das Land nicht. Für die ausgewachsenen Männchen ist im Spätsommer der Zeitpunkt zum Hautwechsel gekommen: und so liegen sie in Gruppen an Land und warten darauf, dass ihnen endlich die juckende Haut abfällt.

Wenn man sieht, wie sie dort liegen, sich ständig kratzen und offensichtlich ziemlich gelangweilt sind, erscheinen einem Schuppen plötzlich als ein Segen - man, bin ich froh, dass ich nicht einen Monat lang Hausarrest habe und darauf warten muss, dass meine Haut sich pellt! *grusel*

So, das waren sie: die Säugetiere der Antarktis, denen ich im vergangenen Winter / Sommer begegnet bin. Nur ein Bild fehlt noch: das wurde aber nicht in der Antarktis aufgenommen, sondern im Beagle Channel unmittelbar vor der Ankunft in Ushuaia, Südamerika. Es zeigt Schwarzdelphine (Dusky Dolphins), eine sehr kleine, menschengroße Delphinart, die total verspielt ist, viel springt und sehr gerne Schiffe begleitet. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen, wie sie durchs Wasser pflügen und ab und an Salti schlagen!
Delphine gibt es in der Antarktis übrigens nicht: aus dem einfachen Grund, dass sie zu dünn sind. Um im kalten Wasser des Südpolarmeeres zu überleben, braucht man eine dicke Fettschicht: und die haben Delphine nicht. Also sind sie auf wärmere Gewässer angewiesen, oder zumindest nicht auf komplett eisige Ozeane!

Ja und damit will ich diesen Eintrag dann auch beenden.
Auf bald!

Freitag, 15. März 2013

Von 64°Süd nach 64°Nord

Von der Antarktis nach Island - so schnell kann man vom einen Polarkreis zum andern wechseln. Es ist eigentlich ziemlich absurd, wie schnell man mit Flugzeugen reisen kann: aus einer Welt gerissen, in die andere hineingeworfen. Vom Herbst der Südhemisphäre in das Frühjahr des Nordens - und das, ohne dass ich bisher Zeit gefunden habe, aus der Antarktis zu berichten. Das wird folgen - mit Verspätung, da ich gerade einfach nur raus in die Natur will, weg von allen Menschen, allen Tourisen, allen Fragen und aller Schauspielerei. Raus in einen kalten Aktivurlaub, der so absurd und ungeplant ist, dass er nur scheitern kann. Mal gucken, was geschehen wird: auf jeden Fall werden sich hier auf dem Blog bald Fotos mischen: von weißen Landschaften mit Pinguinen und weiß-braunen Landschaften mit Polarlichtern (leider aber nicht beides auf einem Foto...).

Liebe, wenn auch kurz angebundene Grüße
Eure Kerstin

Zwei Seeleoparden auf einem Eisberg. Pléneau Bay, Antarktische Halbinsel.

Sonntag, 24. Februar 2013

Südgeorgien – Teil 2


Genau wie Grönland vergangenen Herbst, so traf mich Südgeorgien völlig unvorbereitet. Ich hatte mich nie genauer mit einer dieser Inseln beschäftigt, wäre nie im Traum auf die Idee gekommen, sie zu besuchen: einerseits weil ich mir das als Urlaub finanziell nie leisten könnte, und andererseits weil ich bisher sehr auf Skandinavien fixiert war. Allein meine Beschäftigung auf der MS Expedition brachte mich dorthin, einfach weil diese Reise genau in dem Zeitpunkt stattfand, als ich dort arbeitete. Und eben weil ich keinerlei Vorbereitungen getroffen hatte, war ich völlig überwältigt von diesem kleinen Eiland.
    
Blick auf Stromnes, eine ehemalige Walfängerstadt in Südgeorgien. 
Im Fjord die MS Expedition, die uns in einer anderen Bucht absetzte 
                       und uns nach einem vierstündigen Marsch (dem letzten Teil des 'Shackleton Walk') hier abholte.


Südgeorgien ist, wie ihr ja schon im vergangenen Blogeintrag gesehen habt, erstaunlich grün, gleichzeitig hochalpin und stark vergletschert. Wo auch immer man sich in Meeresnähe befinded, muss man Angst haben, von halbstarken antarktischen Seebären angeblafft zu werden, diesen frechen kleinen Motztrollen, die nichts und niemandem in ihren Revier dulden und ihre Unzufriedenheit mehr als deutlich mit ihrer Umgebung teilen.
 
Zu (guter) Landschaftsfotografie komme ich auf dem Schiff nicht: zu wenig Zeit bleibt mir, zu eingebunden bin ich in meinen Job, und außerdem gehen wir immer im hellen Mittagslicht an Land und niemals, wenn es farblich so richtig interessant wird. So spiele ich, wenn ich mal ein paar freie Minuten an Land habe, mit den Motiven, die sich mir bieten: und das sind sowohl in Südgeorgien als auch in der Antarktis die Tiere. Die absoluten Lieblinge aller auf Südgeorgien sind ausnahmslos Pinguine: und zwar die zweitgrößten weltweit: Königspinguine.  
  
Diese Vögel sind durchweg faszinierend. Auf Südgeorgien gibt es einige der weltweit größten Kolonien; die Tiere kommen an Land, um ein Ei pro Paar auf ihren Füßen auszubrüten, 13 Monate lang die Küken großzuziehen, die den kalten Winter in ihren dicken braunen Daunenkleid ausharren. Erst im darauffolgenden Sommer mausern sie in ihr Erwachsenenfederkleid, und erst dann können sie ins Wasser, wo sie eigenständig schwimmen und jagen lernen.
 
 Und so kommt es, dass man in den Kolonien immer alle nur erdenklichen Altersstadien antrifft: Eltern, die brüten, hungrige Jungvögel im dicken Daunenanzug, mausernde Jungvögel die schon von ihren Eltern verlassen wurden, und erwachsene, nicht brütende Tiere, die gerade ihre alljährliche Mauser durchleben. 
 
Im Nachhinein scheint es unglaublich, dass wir nur drei Tage in Südgeorgien waren: so vielfältig waren die Eindrücke, so facettenreich die Königspinguine, für die wir bloß bunte und erstaunlich große Kollegen waren. So unattraktiv und plump die Küken auch wirken mögen, so hübsch und erstaunlich gelenkig sind die erwachsenen Tiere. Ihr Federkleid ist ein Kunstwerk aus Farben, und wenn sie sich strecken und ihren Hals recken, wirken sie überraschend filigran. 
 

Bevor ich hier noch weitere Worte verliere, will ich lieber Bilder zeigen: drei Tage in Südgeorgien waren viel zu kurz, doch dank Wetterglücks und einem hervorragenden Expeditionsleiter kosteten wir jede Minute an Land aus und verbrachten so wenig Zeit wie möglich auf dem Schiff. Und obwohl ich voll eingespannt war in die teilweise recht stressige Arbeit als Guide, AEL, Zodiakfahrer und generell Mädchen für alles, konnte ich viele Bilder mitnehmen aus diesem Tierparadies am südlichen Ende der Welt!  
  

Donnerstag, 7. Februar 2013

Südgeorgien

Während meiner ersten Antarktisreise kam ich so gut wie nicht zum Fotografieren: zu erschlagend war der mir neue Job, zu angefüllt die Tage, zu begeistert war ich von der Natur und da vor allem vom Tierleben. So ähnlich sich Arktis und Antarktis sind, so grundverschieden sind sie auch.

Die beiden Pole teilen sich wolkenverschleierte Gletscher, von Wetter und Eis bearbeitete Steilklippen, Eisberge und monotone Schlechtwetterlagen. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Antarktis ist ein Kontinent mit bis bis zu 5000m hohen Bergen, die Arktis dagegen ist ein Meer, das von Kontinenten umgeben ist. Niederschläge sind in der Antarktis eine Seltenheit: es gibt kaum Flüsse, die Sedimente ins Meer tragen, weswegen das Meer hier unglaublich blau und klar ist, nicht so milchig braun, wie in der Nähe der arktischen Landmassen. 
  
Beide Meere sind sehr produktiv, der Hauptunterschied der Tierwelt aber beruht auf den Raubtieren: in der Arktis lebt der Feind an Land bzw. auf dem Eis (Eisbär, Polarfuchs und Wolf), wogegen er in der Antarktis im Meer lebt (Orca und Seeleopard). Dementsprechend verhalten sich die bejagten Tiere: in der Arktis sind sie an Land scheu, in der Antarktis fürchten sie an Land nichts zu niemanden und konnten es sich sogar erlauben, das Fliegen zu verlernen.
   
Ein Gentoo, zu deutsch "Eselspinguin" mit zwei wenige Tage alten Küken


Bevor ich die Antarktis etwas näher kennenlernen konnte, wurde ich mit einem weiteren Wunderland bekannt gemacht: mit Südgeorgien. Diese Insel liegt so abseits im Meer, dass man eigentlich immer einen Stop auf den Falklandinseln macht, die von Südamerika gesehen fast auf dem Weg liegen


Wir erlebten die Falklandinseln in Traumwetter: und ich, die ich mich noch nie mit diesem Fleckchen Erde beschäftigt hatte, war überrascht, wie lieblich alles war. Sanfte Hügel, Klima und Wetter wie in Großbritannien, Steilküsten wie auf Hornstrandir, ein Flair von der Nordinsel Neuseelands (mit all den Tussockgräsern oder alternativ stark beweideten Hügelwiesen) - und einer Tierwelt, die ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte. Zum ersten Mal im Leben sah ich Albatrosse, genauer gesagt Schwarzbrauenalbatrosse, die inmitten der heimischen Tussockgräser brüteten.



Zwischen diesen riesigen Vögeln, deren Körper die Umfänge einer Mastgans erreichen, stapften kleine Raufbolde umher: Felsenpinguine, robuste und freche Kerlchen, die sich von nichts und niemandem etwas sagen ließen. Und die, im Sonnenschein vor strahlend blauem Himmel, sehr fotogen waren mit ihren gelben Federn und tiefroten Augen.


Auf dem Weg zurück zu den Zodiaks erblickte ich einen Magellangans-Erpel: ein fast schneeweißes, wunderschönes Tier, das im hohen Gras Samen vertilgte. Ein toller Anblick, bei dem ich meine Kamera wieder aus dem Rucksack holen musste...


Weiter ging die Reise: zwei Tage lang über das stürmische Südmeer. Nach 1000km kamen wir dann in Südgeorgien an und hatten, wie schon auf den Falklandinseln, ungeheures Wetterglück: drei Tage lang nacheinander konnten wir alle Landungen durchführen! Das ist insofern etwas Besonderes als dass die Insel im offenen, rauhen Südpolarmeer liegt und einem hohe Wellen und starke Winde oft einen Strich durch die Rechnung machen. Wir aber mussten nur auf einen einzigen Landgang verzichten und konnten an sechs verschiedenen Orten die Fauna des von Tussockgräsern bewachsenen Gletschergebirges bewundern. 

Ich sah den Vogel mit der weltweit größten Flügelspannweite: den Wanderalbatross, der einem Höckerschwan von der Körpergröße her in nichts nachsteht und dazu mal eben dreieinhalb Meter Flügelspannweite besitzt


Wo wir auch anlandeten wurden wir von grimmigen Antarktischen Seebären empfangen: diese Pelzrobben sind extrem streitlustig und nicht bereit, ihre überbevölkerten Strände mit anderen zu teilen - völlig egal, wie groß die Eindringlinge auch sein mögen!


Die Tiere wurden ob ihres Pelzes fast ausgerottet: auch hier haben Menschen das natürliche Gleichgewicht völlig durcheinander gebracht. Wale, See-Elefanten und selbst Pinguine wurden ihres Fettes wegen gejagt, aus dem Tran gewonnen wurde und welches das Öl der Vorkriegszeit war. 

Ein See-Elefant, ca. 9 Jahre alt und noch im Wachstum begriffen. 
Diese Tiere können 5m lang und 3.7 Tonnen schwer werden!


Nachdem alle bejagten Tiere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befriedet wurden, pendelte sich ein neues Gleichgewicht ein: momentan gibt es in Südgeorgien über vier Millionen Seebären, mehr, als jemals zuvor. Die Strände sind voll von ihnen: ob sich der Bestand wieder nach unten korrigieren wird oder so hoch bleibt, wird sich zeigen!


So jedenfalls stehen die antarktischen Seebären unter extremem Konkurrenzdruck: wohl auch ein Grund für ihre Aggressivität. Selbst die winzigen Jungtiere sind schon frech ohne Ende: allerdings auch ziemlich niedlich! Dieses blonde Seebärchen hier kann weniger Farbpigmente ausbilden, als die anderen: Leuzismus nennt sich das und ist im Tierreich ganz und gebe. Weiße Katzen, weiße Tiger, weiße Kaninchen, gefleckte Tiere - erinnert ihr euch an meinen weißen Buckelwal aus der Arktis? Selbes Phänomen, bloß eine andere Spezies!


Ein total verrückter Vogel, den ich sehr ins Herz geschlossen habe, ist der Weißgesicht-Scheidenschnabel, im Englischen "Snowy Sheathbill" genannt. Ich weiß nicht, mit wem diese weißen Clowns verwandt sind, aber sie sind eine wirklich lustige Mischung aus Huhn und Taube und ernähren sich nur von dem, was andere hinterlassen. Sie sind neugierig und haben eigentlich immer nur eines im Sinn: etwas Fressbares zu finden.


Eine meiner Aufgaben an Bord der MS Expedition ist es, Zodiac zu fahren: also Gäste vom Schiff an Land zu bringen und wieder zurück. Fast alle Guides können die 50 PS starken Boote steuern, daher wechseln wir uns von Landung zu Landung ab: mal sind wir an Land, mal fahren wir Bötchen, mal beides – je nachdem wie es grade passt. Bei unserer letzten Landung in Südgeorgien  stand ich am Motor des Zodiacs „Alberta“ und fuhr die Gäste zurück zum Schiff.


Das ist immer mit längeren Warteperioden verbunden, in denen ich dann immer den Motor ausschalte und die Szenerie vom Meer aus beobachte. Kaum, dass ich eine Minute saß, kam ein Scheidenschnabel angeflogen – und wo einer ist, da kommen immer welche nach. Ruckzuck hatte ich 12 Scheidenschnäbel an Bord, die munter auf dem Boot umherstapften und jeden Zentimeter nach Essbarem absuchten. Sie fanden zwar nichts, aber ich hatte meinen Spaß mit den kecken Kerlchen, die nach einiger Zeit sogar mich untersuchten und auf meinem Kopf und Rücken landeten. Es war ein wirklich witziges Erlebnis!


So, die Zeit drängt, ich muss zusehen, dass ich diesen Blog beendet bekomme bevor wir wieder in See stechen. Ich versuche, mich bald mal wieder zu melden!

Liebe Grüße aus Ushuaia,
Kerstin

Samstag, 5. Januar 2013

Auf in den Süden

Montag, 31. Dezember 2012, 21 Uhr. Seit Stunden schon hörte und sah man immer mal wieder Feuerwerkskörper in den Himmel aufsteigen, weniger und weniger Menschen waren in den Städten und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und dann meist in Feierlaune. Im ICE zum Frankfurter Flughafen saßen ungewöhnlich wenige Reisende, und auch der Frankfurter Flughafen war so menschenleer, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Es gab keine Schlangen, ich kam problemlos durch die Kontrollen – irgendwie war alles etwas surreal. Und als ich schließlich die Maschine erblickte, die mich nach Buenos Aires bringen sollte, wurde mir allein durch die schiere Größe der Boeing 747-400 klar, dass ich nicht in gewohnte Gefilde reisen würde.

Wider Erwarten (und entgegen meiner Hoffnungen) wollten erstaunlich viele Leute über Silvester nach Argentinien fliegen: die doppelstöckige Boeing war zu gut zwei Dritteln belegt. So musste ich mir leider eine Reihe mit einem älteren Mann teilen, der sich, genau wie ich, eigentlich auf den Sitzen hinlegen wollte. Ich ließ ihm den Vortritt, denn erstens war ich partout nicht müde und wollte außerdem das Silvesterfeuerwerk aus der Luft sehen. Das Wetter war super: über der Schweiz und Südfrankreich konnte ich immer mal wieder einzelne Lichtblitze sehen, gezündet von all jenen, die nicht bis Mitternacht warten konnten. Leider leider befanden wir uns zum Jahreswechsel irgendwo südlich von LaPalma über dem Mittelmeer, und als wir später Algerien überquerten, schien niemand (mehr?) Silvester zu feiern.
Zu Sonnenaufgang hatten wir den Äquator schon überflogen; unser Stern tauchte die unter uns dahingleitenden Landschaft aus Cumulus congestus Wolken in wärmste Farben.
Irgendwann, wir flogen schon seit längerem die brasilianische Küste hinab, sah ich aus der Ferne eine riesige Stadt: die Karte auf den Bildschirmen im Flugzeug wies sie als Rio de Janeiro aus. Ich hatte noch nie Luftfotos von Rio gesehen, wusste bloß, dass die berühmte Jesus-Statue in relativer Nähe zum Meer auf einem Zuckerhutberg steht. Es war schwer, aus dieser Höhe das Relief zu erkennen, aber mithilfe meiner Kamera entdeckte ich ihn doch tatsächlich: den "Cristo Redentor" auf dem 700m hohen Berg "Corcovado". Cool – jetzt kann ich behaupten, ihn mit eigenen Augen gesehen zu haben, und das ohne dass ich mich je in diese Stadt begeben musste! Praktisch! :-)
Nach 13½ Flugstunden und sehr wenig Schlaf fand ich mich plötzlich im sommerlichen Buenos Aires wieder und kam mir völlig fehl am Platze vor. Wie absolut verrückt es doch ist, im Winter auf der einen Seite der Erde in ein Flugzeug zu steigen und nach einem kurzen Nickerchen im Sommer der Südhemisphäre zu stehen. Irgendwie fühlt sich das nicht richtig an...
Ich hatte ein paar Stunden Aufenthalt, verzichtete aber dankend auf eine Besichtigung des Riesenmolochs: mir war viel zu warm! Ich hatte mich für die Antarktis eingekleidet, nicht für Flip-Flop Wetter und angeln am braunen Meer, das kein Meer sondern der breiteste Fluss war, den ich je gesehen hatte... Statt dessen schlug ich mich zum Inlandsflughafen durch, wo ich einige Stunden später in meinen Anschlussflug nach Ushuaia stieg. Zu meiner Überraschung wurde ich in der ersten Klasse einquartiert – ich weiß ja nicht, wie ich zu der Ehre kam, aber ich genoss die viele Beinfreiheit und bekam obendrein noch ein belegtes Brötchen zum Mittagessen!
Beim Start bestätigte sich mein Eindruck von der Landung: Buenos Aires ist ein Moloch. Häuser, wohin das Auge nur schaut, von Horizont bis Horizont – warum sich Menschen so etwas antun wird  mir wohl nie begreiflich sein!
Das Wetter war den ganzen Flug über fantastisch: ich konnte mir einen ziemlich guten Eindruck von der Landschaft der südamerikanischen Küste machen. Und dieser Eindruck war sehr ernüchternd: ich sah ausnahmslos Städte, Acker und Weideland. Kaum ein Baum stand in der grünen Landschaft unter mir; winzige Wald- und Feuchtgebiete gab es allerhöchstens in direkter Nachbarschaft zu kleineren, quadratischen Städten. Im Gegensatz zu diesen endlosen Nutzgebieten erschien mir Mitteleuropa wie ein bewaldetes Paradies!
Je weiter wir nach Süden flogen, desto bergiger und unwegsamer wurde die Landschaft unter uns: endlich gab es größere, zusammenhängende Waldgebiete, durchzogen von gelegentlichen menschlichen Großbauten wie Straßen, Gruben oder Staudämmen. Dann setzten wir zum Landeanflug an.
In Ushuaia angekommen, schlief ich erstmal die ganze Nacht hindurch und machte mich am nächsten Morgen daran, die bewaldeten Berghänge hinter dem Ort zu erkunden. Die Stadt hat durch den Kreuzfahrttourismus einen solchen Boom erlebt, dass bezahlbarer Wohnraum knapp geworden ist und die Menschen einfach begonnen haben, illegal in den Wäldern zu wohnen. 
Ohne Müllabfuhr und Kanalisation entstehen um die selbstgezimmerten Häuser dann Müllhalden, um die sich später keiner mehr kümmern will. Im Gegenteil: vieles machte den Eindruck, dass diese Müllhalden von Einheimischen noch vergrößert wurden, vielleicht um sich die Müllabgabegebühr zu sparen. Es waren herbe Anblicke, die sich mir da boten, und ein trauriger erster Eindruck des mir so neuen Kontinentes.
Ich versuchte, die bewohnten und vermüllten Waldbereiche so schnell wie möglich zu verlassen: dann, endlich, konnte ich so richtig eintauchen in diesen feuchten, subtropischen Südbuchenwald und seine gelegentlichen Lichtungen. Ich konnte einige unbekannte Vogelarten beobachten, die ich immer nur grob einzuordnen wusste: regenpfeiferartige, drosselartige, ein Ibis, und viele kleine, oft sehr lautstarke Singvögel die mich an Zaunkönige und Pitpits erinnerten. 
Auch die Pflanzenwelt war mir oft gänzlich unbekannt: flechtenbehangene Südbuchen, orchideen-, stiefmütterchen- und erdbeerenartige Blumen, Binsen und gelegentliche Farne wuchsen zwischen wunderschön beblümten Sträuchern. Besonders auffällig war die hohe Anzahl von parasitären Pflanzen und Pilzen; der auffälligste Vertreter hing wie eine Ansammlung orange-gefleckter Marzipankugeln an den Stämmen und Ästen der Bäume. 
Cyttaria darwini, parasitischer Schlauchpilz, auch Golfkugelpilz genannt, auf Südbuche/Scheinbuche
Als ich am späten Nachmittag nass, dreckig und glücklich nach Ushuaia zurückkehrte, sah ich eine alte Bekannte im Hafen liegen: „Fram“, das Expeditionsschiff von Hurtigruten, lag am Kai vertäut. Ich versuchte sofort, in den Hafenbereich zu gelangen, da ein ANG-Student meines Jahrgangs auf dem Schiff arbeitete. Leider ließen mich die Hafenarbeiter nicht hinein – schade, das wäre eine lustige Begegnung gewesen. Statt dessen aber traf ich meinen Chef Morten von PolarQuest und zwei weitere Guides, die ich in der Arktis kennengelernt hatte – das Gelächter war groß, als wir uns gegenseitig erkannten. Die Welt der Expeditionskreuzfahrt-Guides ist offensichtlich ziemlich klein!
Abends lief die MS Expedition im Hafen ein, das Schiff, auf dem ich bis März arbeiten werde. Die Hälfte der Saison war nun vorbei: fünf im bestehenden Team wurden durch einen neuen Expeditionsleiter, den Camping-Master, den Zodiak-Master, einen General Naturalist und mich als neuen Expeditionsleiter-Assistenten ersetzt. Um 15 Uhr kamen die neuen Gäste an Bord, um 17 Uhr stachen wir in See: für die kommenden zweieinhalb Monate würde ich nun unterwegs sein. Man, was war ich auf die Antarktis gespannt!

Dienstag, 25. Dezember 2012

Weihnachtsgrüße


Mit diesem Bild vom ersten See-Eis an der Küste bei Longyearbyen, aufgenommen im vergangenen Winter auf Svalbard / Spitzbergen, möchte ich allen ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen! Frohe Festtage!

Vielen Dank, dass ihr immer mal wieder auf diesem Blog vorbeischaut und Interesse am Verbleib meiner Wenigkeit habt! Auch wenn ich keine Ahnung habe, wer hier eigentlich mitliest: es freut mich, wenn ich meine Erlebnisse vielleicht auch auf diesem Wege mit jenen teilen kann, die diesbezüglich nicht so privilegiert sind, wie ich es momentan bin. Natur, vor allem wilde Natur, ist einfach nur unglaublich und in jeder Hinsicht schützenswert: sie verdient in unserem modernen Leben einen viel größeren Stellenwert, als es aktuell der Fall ist. Und deswegen blogge ich und teile ich einen Teil meines Lebens mit der Öffentlichkeit: ich möchte euch für die Schönheit der Natur begeistern und euch Dinge hinterfragen lassen. Wenn mir dies bei nur einem von euch gelingt, ist mein Ziel schon erreicht! :-)

Wenn es in den letzten Wochen auch nur wenig zu berichten gab: ab Januar werde ich vermutlich wieder regelmäßiger von mir hören lassen! Ich erhielt ein Angebot, das zu verlockend war, um es abzulehnen: auch wenn ich dabei über meinen Schatten springen und um die halbe Welt fliegen muss. Von Silvester bis Mitte März werde ich auf einem Expeditions-Kreuzfahrtschiff in der Antarktis arbeiten - ich freue mich ungemein und bin unglaublich aufgeregt!
Also: ab Mitte Januar werde ich an dieser Stelle wieder von mir hören lassen: diesmal dann vom südlichen Kältepol der Welt!
:-)

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Tagebuch eines Hüttenwartes - Teil 1

Sehnsucht nach Wildnis...


Fast drei Monate Aufenthalt in Deutschland haben mir eines mal wieder ganz klar gemacht: für ein Stadtleben bin ich absolut nicht geschaffen! Wie ich es hier jemals 19 Jahre am Stück ausgehalten habe, ist mir ein Rätsel, und wie der Rest von Deutschland das ein Leben lang tut, scheint mir ein noch viel größeres Mysterium zu sein. Diese dreckigen Städte, die grellen Lichter von Werbung, Fernseher und Verkehr, der unglaubliche Lärm und der ständige Zigaretten- oder Parfümgestank der Zivilisierten zermürben mich. Und dann erst die Gesprächsthemen der Menschen auf der Straße und, viel schlimmer, dieser sensationslustige, konsumorientierte und menschenverachtende Ton der Medien. Was manche Menschen hier zu beschäftigen scheint, das wirkt auf mich nur absurd und grenzt ans Lächerliche.

Ich vermute, dass man sich ein kleines Domizil aufbauen muss, um hier bei Verstand zu bleiben; dass man sich mit Familie und Eigenheim einen Ruhepol schaffen muss, der einem Halt gibt. Nachdem ich nun schon jahrelang weitestgehend außerhalb von Städten lebe, nehme ich alles wirklich ganz anders wahr, habe gänzlich andere Prioritäten, als es früher der Fall war. Und bin ich viel schneller überfordert und viel weniger bereit, meine Sinne einer solch gewalttätigen Reizüberflutung auszusetzen. Außerdem kränkele ich, seit ich hier bin: diesem Ansturm von Menschen, Viren und Bakterien bin ich mittlerweile auch nicht mehr gewachsen. Gut, dass ich bald wieder ins "richtige" Leben hinauskomme: Ende Dezember geht es wieder auf in die Kälte!
Bis dahin versuche ich, das beste aus meinem Deutschlandaufenthalt zu machen und all die positiven Dinge zu genießen, mit denen dieses menschengeformte Land zum Glück auch aufwarten kann. Freunde, tiefgründige Gespräche, alternative Lebensformen, fortschrittliches Umweltdenken, Weihnachtsmärkte und Wälder - das sind ein paar der Dinge, die ich an diesem sich mir entfremdenden Heimatland sehr schätze!

Zudem stürze ich mich weiterhin in neue Herausforderungen. So stand ich am 09. Dezember im Lindenmuseum in Stuttgart zum ersten Mal als Referent auf einer Bühne! Vor 122 Gästen sprach ich bei der Premiere meines "Seminar Naturfotografie - Wege zum besseren Bild" zwei Stunden lang über meine Erfahrungen mit der Kamera. Wider Erwarten hat mir dies viel Spaß gemacht und mir gezeigt, dass meine Zukunftspläne realistisch sind. Dem Vortrag "Inseln des Nordens" steht nun definitiv nichts mehr im Weg! Die Premiere ist für den 05. Januar 2014 angesetzt: bis dahin liegt aber noch viel Arbeit vor Olaf Krüger und mir... Wer will, der kann sich hier einen ersten Überblick über die Show verschaffen; meine Homepage wird diesbezüglich auch in Kürze auf den neuesten Stand gebracht werden!

Da ich jetzt schon den dritten Tag infolge von einer richtig fiesen Erkältung außer gefecht gesetzt wurde, hatte ich Zeit, ein Projekt anzugehen, das schon seit Langem auf meiner Warteliste stand: die Aufarbeitung meiner Hüttenwartberichte der vergangenen Jahre. Sie stießen damals auf große Resonanz, weshalb ich beschloss, sie mit alten und neuen Fotos zu bebildern und interessierten Leseratten zur Verfügung zu stellen. Hier ist Teil Eins meines "Tagebuch eines Hüttenwartes" mit Berichten aus der Þórsmörk!
Ich will an der Stelle ausdrücklich betonen, dass diese Berichte nicht ohne Ironie und teilweise dem Humor der Verzweiflung geschrieben wurden. Wer also Lust hat, (noch einmal) einen Blick hinter die Kulissen einer isländischen Berghütte zu werfen, den kann ich nur einladen, sich das folgende PDF anzuschauen.
Tagebuch eines Hüttenwartes - Langidalur, Þórsmörk

In diesem Sinne wünsche ich euch eine möglichst stressfreie Adventszeit. Um Weihnachten herum melde ich mich wieder!