Mittwoch, 25. April 2012

Lichtwinter

Meine Güte. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und mein Vorsatz, hier regelmäßig über meine Erlebnisse zu berichten, hat sich zusammen mit der Sonne in die Luft erhoben. Hmm, irgendwas ist an der Redewendung falsch, ich kann kein Deutsch mehr... Egal, ich denke ihr versteht, was ich meine! ;-)

Der April ist auf Svalbard ein Monat gigantischer Veränderungen. Wir sind, plötzlich, in einer Jahreszeit angekommen, die ich persönlich "Lichtwinter" nenne: es ist die Zeit des Winters, in der die Sonne regiert.

Weniger als einen Monat nachdem ich die Sonne nach der Polarnacht das erste Mal sah wurde es nachts schon nicht mehr dunkel. Dieses Foto von Longyearbyen machte ich kurz vor Mitternacht Ende März.
In der ersten Aprilwoche war es um die gleiche Zeit dann schon so hell, dass ich eine Bartrobbe fotografieren konnte, welche auf einer dünnen, kleinen Eisscholle im Fjord trieb.
Und dann, am 18. April, fotografierte ich den vorerst letzten Sonnenuntergang. Erst am 23. August wird die Sonne hier oben wieder unter dem Horizont verschwinden!
Seit dem 19. April ist die Sonne nun also wieder 24 Stunden am Himmel - es herrschen momentan Lichtstimmungen wie in Island Ende Juni. Für mich ist es besonders abstrus, weil ja vor zwei Monaten noch tiefe, dunkle Polarnacht herrschte und es mir wie gestern vorkommt, dass ich die Sonne das erste Mal sah. Und jetzt geht sie schon nicht mehr unter! Mir kommt das sehr gelegen, weil ich nicht mehr auf Freitage angewiesen bin, um Ausflüge zu unternehmen, sondern selbst nach einem langen Arbeitstag noch mit Kamera und Ski unterwegs sein kann. Den 1079 Meter hohen Berg Nordenskjöldtoppen etwa bestieg ich abends. Auf dem exponierten Bergrücken haben Wind, Schnee und Luftfeuchtigkeit wunderschöne Formationen gebildet, die ich im schönsten Abendlicht bestaunen konnte!

Die Bilder zeigen eine weitere Eigenschaft des Lichtwinters: Bewölkung und Niederschlag halten sich wirklich in Grenzen! Das Wetter ist, ganz besonders nach dem ganzen Drisswetter des vergangenen Halbjahres, schlichtweg phänomenal! Und das ist, so verstehe ich endlich, der Hauptgrund, weshalb viele Menschen überhaupt hier oben leben. Im Frühjahr, von März bis Mai, gibt es hier oben oft wochenlang anhaltende Schönwetterperioden und liegt, zumindest in normalen Jahren, genügend Schnee, um lange Schneemobiltouren auch auf Seeeis zu unternehmen. Und genau dies ist sehr beliebt: hier oben gibt es nicht ohne Grund mehr Schneemobile als Menschen. Leider.

Das oft gute Wetter und die langen Tage, zusammen mit den Schneeverhältnissen machen den Monat April zur Touristenhochsaison. Vier große Flugzeuge landen momentan täglich auf dem kleinen Flughafen, oft bis auf die letzten Plätze aufgefüllt, und bringen jede Menge abenteuerlustige Touristen hierher. Davon gibt es zwei verschiedene Sorten: einmal die "normalen" Touris, die ihre meist sehr knapp bemessene Zeit hier oben mit mindestens einer Schneemobilfahrt und einem halben Tag auf einem Hundeschlitten verbringen, und dann die etwas abenteuerlustigeren, die Skiexpeditionen unternehmen und Svalbard zu Fuß erkunden. 
Dazu kommen nicht wenige Besucher, die Svalbard als Zwischenstop für Nordpolausflüge nutzen. Besonders reiche Russen fliegen mit teuren Charterflügen von hier aus direkt zum Nordpol. Und bilden sich mächtig was drauf ein!
Weil der April Touristenhochsaison ist und ich ja gerade ein Guidestudium absolviere habe ich momentan vorlesungsfrei. Um für die Prüfung zugelassen zu werden müssen wir 150 Stunden Praktikum bei einem Tourismusbetrieb unserer Wahl absolvieren - unbezahlt, versteht sich, Praktikanten sind ja bekanntlich dazu da, um ausgebeutet zu werden. Longyearbyen ist ein kleiner Ort, und 17 Studenten versus 17 Praktikastellen verdammt viel - und so kommt es, dass nicht alle von uns die gewünschte Praktikumsstelle erhielten. Dazu gehöre auch ich. Dass ich Schneemobilfahrten kategorisch ablehne, sowohl aus umweltethischen Gründen als auch aufgrund meines blöden Rückens, hat meine Möglichkeiten noch einmal dezimiert. So nahm ich, was ich kriegen konnte, und absolviere mein Praktikum nun bei einem kleinen Schlittenhundekennel. Hier mache ich ziemlich genau dasselbe, wie vor zwei Jahren in Nordnorwegen, bloß halt mit Touristen im Schlepptau. Vier Stunden lang habe ich Zeit, um Gäste von ihren Hotels abzuholen, einzukleiden, mit ihnen eine kurze Hundeschlittenfahrt vorzubereiten, die ständig gleiche Route zu fahren, die Hunde anschließend zu füttern und dann die Gäste wieder zurückzubringen. So eintönig das für mich auch ist, besonders weil ich mir mit meinen Erfahrungen ziemlich überqualifiziert für den Job vorkomme, so schön ist es doch, mit Tieren zu arbeiten und im Schnee draußen unterwegs zu sein! Besser als in der Uni in Vorlesungen zu sitzen ist es allemal! :-)
Glücklicherweise hat auch der Vermieter meiner kleinen Wohnung eine Firma und bietet er Touren in eine Eishöhle im Larsbreen an. Und genau dorthin habe ich jetzt schon mehrmals zahlende Gäste geführt: eine willkommene Abwechslung zum Hundeschlittenfahren!
Diese Höhle ist ein Schmelzwasserkanal weit oben auf 500 Metern überm Meeresspiegel, welchen man nur zu Fuß erreichen kann. Das hat mehrere Vorteile: einerseits sehen weit weniger Gäste diese Höhle, die noch dementsprechend unberührt ist. Dann scheiden die "schlimmsten" und arogantesten Kunden schonmal aus, weil diese niemals eineinhalb Stunden lang einen steilen Gletscher emporlaufen würden. Und drittens verdanken wir es der hohen Lage und den dort herrschenden Schneeverhältnissen dass "meine" Höhle die einzige der ganzen Umgebung ist, welche noch begehbar ist. Alle anderen sind aufgrund des verregneten, zu warmen Winters, zu unstabil geworden, um sie sicher zu begehen.
Der Schmelzwasserkanal auf dem Larsbreen ist dieses Jahr ein einziges, wunderschönes Abenteuer! 25 Meter tief im Gletscher gelegen ist es für eigentlich alle meiner Gäste eine Herausforderung, erstmal hinein zu gelangen - und dann staunt man nur noch ob der Formen und Formationen, die man auf den folgenden 300 Metern zu sehen bekommt. Räume, teilweise groß wie Kapellen, und winzige Tunnel wechseln sich ab.   Glatte, durchsichtige Eisschichten, zentimeterlange Eiskristalle und zarte Eiszapfen bilden die Wände des sich wild windenden Schachtes. Hier ein bis zweimal die Woche unterwegs sein zu dürfen ist ein Privileg, das ich sehr schätze! Zu schade, dass die Höhlensaison bald vorbei ist: in spätestens drei Wochen wird die Sonne schon wieder so stark scheinen, dass das erste Schmelzwasser fließen wird. Und dann ist die Höhle unpassierbar - bis zum nächsten Winter!

So gerne ich die Höhle auch mag, so froh bin ich, viel draußen unterwegs sein und Sonnenschein tanken zu können. Und den gibt es wie gesagt momentan fast ohne Unterlass! Das führt dazu, dass der Schnee im Flachland schon schmilzt, und das obwohl die Temperaturen im Schnitt immer noch bei -10°C liegen. Auch das ist zu warm für diese Jahreszeit, aber daran lässt sich nichts mehr rütteln: dieses Jahr, zumindest dieses Frühjahr, ist das mit Abstand wärmste der menschlichen Svalbardgeschichte. Es ist ein Katastrophenjahr fürs Seeeis und alle Tiere die davon abhängig sind, wie etwa gewisse Robbenarten, die das Eis brauchen, um darauf sicher ihre Jungen großzuziehen. Ich denke, dass uns spätestens im Sommer neue Rekorde verkündet werden, die sich um die geringe Ausbreitung und Dicke des Seeeises rund um den Nordpol drehen. Wer auch immer den menschengemachten Klimawandel verleugnet, der sollte das mal erleben. Eisfreie Fjorde, offenes Wasser und gemäßigte Temperaturen sind angenehm für uns Warmblüter, ohne Frage - aber es ist nicht normal. Das sehe und spüre selbst ich in meinem allerersten Winter hier oben!

Sonntag, 15. April 2012

Per Ski zur Ostküste

Im Rahmen meines Arctic Nature Guide Studiums unternehmen wir, begleitet von ein bis zwei Lehrern, einige längere Ausflüge. Im August hatten wir einen neuntägigen Gletscherkurs, im Oktober wanderten wir fünf Tage lang umher, im Februar hatten wir ein Basislanger im Schnee, und nun stand Ende März unsere "winter ski excursion" auf dem Programm. Das Ziel: auf schneebedeckten Gletschern unterwegs zu sein, Seeeis kennenzulernen, und schlichtweg mit den Camproutinen im Hochwinter auf Svalbard vertraut zu werden.

Da Seeeis dieses Jahr absolute Mangelware darstellt, mussten wir unseren Aktionsradius ziemlich ausdehnen: Sicheres Meereis fand sich nur an der Ostküste Spitzbergens, die etwa 100km von hier entfernt ist. Also beschloss unser Studienleiter dass wir nicht von Longyearbyen aus starten würden: er organisierte uns einen Transport, was für eine 25köpfige Gruppe mit Pulkas keine einfache Aufgabe war. Pulkas sind übrigens wannenförmige Schlitten, auf denen man sein gesamtes Gepäck hinter sich über den Schnee zieht.

In zwei türkisgrünen Raupenfahrzeugen ruckelten wir also am 21. März mit etwa 20km/h über vereiste Flussbetten, bis wir 3 Stunden und 60 Kilometer später unsere Skiwanderung beginnen konnten. Wir, das waren wir 17 ANG-Studenten, zwei Lehrer sowie fünf Gäste (Friluftsliv-Studenten aus Volda, Norwegen). Insgesamt waren wir also 24 Personen sowie Djenoun, unser ANG-Hund. Zum Glück wanderten wir nicht alle zusammen sondern teilten uns in vier kleinere Gruppen auf.

Das Wetter war drei Tage vor Beginn unserer Wanderung umgeschlagen: statt dem üblichen Nieselschnee, Sturm oder Dauerbewölkung schien immer irgendwo die Sonne. Einen traumhafteren Start hätten wir uns gar nicht vorstellen können!

Nach einer ersten Nacht mitten auf einem Gletscher überquerten wir einen 600m hohen, vergletscherten Bergpass und erreichten schon am zweiten Abend die Ostküste Spitzbergens. Wolken legten sich über das Land, ließen am Horizont aber noch irgendwo das Licht der untergehenden Sonne durchdringen, was für ein paar Minuten lang faszinierende, sanfte Farben in die ansonsten grau-dämmrige Winterlandschaft brachte.


Die Zelte, 14 an der Zahl, hatten wir nebeneinander in Windrichtung aufgestellt, um im Falle eines Sturmes Windverwehungen auf unsere Nachbarzelte zu minimieren. Wir befanden uns in etwa 100m Höhe auf einem dick verschneiten Gletscher über der weiten Bucht Mohnbukta, welche weitestgehend zugefroren war. Da das Eis sicher genug schien, um es zu überqueren, bestimmte unser Studienleiter Sigmund, dass wir hier für zwei Nächte bleiben und eine Tageswanderung auf dem Eis unternehmen würden.

Gesagt, getan: am dritten Tage ging es also im leichten Schneegestöber nur mit Tagesrucksack auf Skiern zur Mohnbukta. Das Eis war so dick, dass wir mit unserem mitgebrachten Eisbohrer gar nicht durchkamen: also machten wir uns auf, die Gletscherfront zu erkunden. Im weißen, kontrastlosten Licht leuchtete das Eis in wunderschönen Blau- und Türkistönen.


Den ganzen Tag verbrachten wir auf dem Seeeis, kreuzten den kurzen Fjord einmal und wanderten in einem größerem Bogen wieder zur anderen Seite zurück. Dabei hatten wir unsere Augen auch immer erwartungsvoll auf den Horizont gerichtet: hier, genau hier, gab es große Chancen, auf Eisbären zu treffen! Keiner von uns hatte bisher einen gesehen, dementsprechend groß waren nun unsere Hoffnungen. Als wir am frühen Abend zum Camp zurückkehrten war allerdings klar: wir würden noch etwas auf unsere erste Sichtung des "Königs der Arktis" warten müssen. Immerhin hatten wir seine Spuren gesehen: beeindruckend große Abdrücke massiger, mit langen Krallen bewehrten Tatzen!


Der nächste Morgen empfing uns mit Nebel, der sich im Laufe der kommenden Stunden jedoch komplett verflüchtigte! Im Schein der nur von dünnen Cirruswolken verschleierten Sonne wanderten wir einen beeindruckend großen Gletscher hinauf der von vielen kleineren Gletschern aus benachbarten Tälern gespeist wurde.


Was mir diesen Tag aber besonders in Erinnerung bleiben sollte waren Haloerscheinungen: zwei Nebensonnen, ein Zirkumzenitalbogen, ein oberer Berührungsbogen und eine Lichtsäule verzierten den Himmel - es war wunderbar! Wieder einmal erstaunte es mich wie wenig andere Menschen den Himmel beobachten: meine Gruppe bemerkte die Halos erst, als ich sie darauf hinwies, und keiner von ihnen wusste, dass es Lichteffekte sind die (je nach Art) in unterschiedlich geformten Eiskristallen in unterschiedlichen Höhenlagen entstehen.
Nachdem ich meine Mitwanderer aufgeklärt hatte (und damit unterschiedlich viel bzw. wenig Enthusiasmus hervorrief) genossen wir alle schweigend den Moment als eine andere Gruppe uns in einiger Entfernung genau unterhalb der Sonne passierte.

Hier sieht man folgende Halos: zwei starke Nebensonnen, eine Lichtsäule (die vertikale "Verlängerung" der Sonne) sowie die Andeutung eines Horizontalkreises (der horizontale Lichtstreifen, der Sonne und Nebensonnen schneidet).


Unsere Campingplätze wurden von Nacht zu Nacht besser: das lag einerseits an der Landschaft, die immer spektakulärer wurde, andererseits am Wetter, das schlichtweg unglaublich war, und nicht zuletzt auch daran, dass wir beim Aufbau immer schneller und besser wurden. Die Toiletten wurden von Abend zu Abend besser, wind- und blickdichter, und auch alle anderen Routinearbeiten wie Zeltaufbau und Camporganisation wurden immer besser.


Schließlich wussten wir genau, wo und in welchem Abstand unsere Zelt stehen mussten, damit wir die beiden Eisbären-Stolperfallen-Systeme gut aufbauen konnten. Allerdings vertraute keiner von uns dem Stolperdraht: alle zwei Nächte musste jeder von uns raus, um mit geschulterter Waffe eineinhalb Stunden lang Wache zu stehen und die Umgebung nach Eisbären abzusuchen. Nachts wurde es Ende März übrigens nicht mehr richtig dunkel: die hellsten Sterne konnte man noch gut sehen, allen voran Venus und Jupiter, die sich (von der Erde aus gesehen) in Mondnähe aufhielten. Dennoch blieb der Horizont hell: es war wirklich beeindruckend mit welcher Geschwindigkeit die Polarnacht in den Polartag umschlug!


Der folgende Tag, Wandertag Nummer fünf, stellte für viele meiner Komilitonen den Höhepunkt der Reise dar, aus dem einfachen Grund weil es genau das war: wir überquerten den Jøkulpasset, einen 800m hohen Bergpass. Da hochzukommen war eine Menge Arbeit, wurde aber belohnt von der fantastischen Aussicht, die wir während unserer sehr verlängerten Mittagspause genießen durften!


Am Abend, als wir unser Zeltlager einmal mehr (und wieder besser!) aufgeschlagen hatten bereiteten wir uns auf unsere kälteste Nacht vor. Das Wetter war schlichtweg fantastisch: keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen, und dementsprechend kalt wurde es. Das folgende Bild mag es nicht vermuten lassen: als wir bei Sonnenuntergang alle in unseren Zelten und warmen Schlafsäcken verschwanden, waren es bereits -22°C, Tendenz fallend.


In der Nacht erreichte das Thermometer die -30°C, und es war auch die erste Nacht, in der ich mittendrin fröstelnd aufwachte und ein paar Minuten damit verbrachte, die Wärmekragen meiner zwei Schlafsäcke richtig zu schließen. Danach schlief ich dann gut und warm weiter bis wir dann, wie immer, um 7 Uhr geweckt wurden.

Das gute Wetter hielt an - nur ein paar Wölkchen waren am Himmel, dafür aber wehte ein eiskalter, kräftiger Wind den Gletscher hinunter. Praktischerweise mussten wir in dieselbe Richtung: also schob uns der Wind den Eisfluss hinab, immer in Richtung Tempelfjorden, dessen innerste Kilometer zugefroren waren. Wer genau hinschaut, der kann die Eisgrenze im Fjord erkennen und ein Segelschiff: es ist das holländische Boot Noorderlicht, welches jeden Winter als schwimmendes Hotel im Eis genutzt wird.

Auf Meereshöhe angekommen kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seitlich von uns ragten die Gletscherabbrüche des Tuna- und Von Postbreen empor: gigantische Eismassen, die an diesem sonnigen Tag in erstaunlichen Grüntönen leuchteten. Und wieder einmal war ich dankbar, dass sich unsere Klasse in Gruppen aufgeteilt hatte und jede Gruppe unterschiedliche Wege ging. Ohne Menschen im Bild ließen sich die Größe der Landschaft kaum vermitteln!


Der Tag war lang, und die Wanderung auf dem Meereis zum Ausgang des Fjordes zog sich dann doch länger, als wir es vermutet hatten. Robben lagen weit über das Eis verstreut an Löchern im Eis, die sie sich durch rege Benutzung offen hielten, verschwanden jedoch im Wasser sobald wir uns näherten. Im Tal waren wir weitestgehend vom kalten Wind geschützt, der sich durch Schneeverwehungen an den umliegenden Klippen und Bergen jedoch gut erahnen ließ.


Auch ich bekam die Extreme der Arktis zu spüren: am Ende des Tages hatte ich mir einen Sonnenbrand eingehandelt und mir gleichzeitig meine erste Erfrierung geholt! Auf meiner Wange unterhalb meiner Brille war ein weißer Fleck in der Größe eines 10-cent Stücks sicht- und fühlbar: meine Haut war gefroren! Es war nicht schmerzhaft, ganz im Gegenteil ich fühlte gar nichts, doch der Gedanke war seltsam, dass meine Haut tatsächlich gefrieren konnte! Schnell zog ich mir einen Handschuh aus und nutzte die Wärme meiner Hand, um besagte Stelle wieder aufzutauen. Zurück blieb ein roter Fleck, der im Laufe der kommenden Woche gänzlich verschwand.
Zu schade, dass mir nie der Gedanke daran kam, ein Foto zu machen - so müsst ihr euch selber vorstellen, wie ich ausgesehen habe, und euch an dieser Stelle mit einem gestellten Foto in Expeditions-Heldenmanier begnügen! ;-)


Wieder ein Zeltlager später änderte sich die Stimmung in der Gruppe etwas. Wir waren in vertrauten Gegenden angekommen, konnten Berge erkennen, die wir kannten, und hatten zum ersten Mal auf der Reise in unmittelbarer Nähe zu einer Hütte und der Noorderlicht, dem "Boat in the Ice", übernachtet. Der Ort, an dem wir abgeholt werden sollten, befand sich auf der anderen Seite des Bergrückens: obwohl die Rückkehr noch zwei Tage entfernt war, schien sie nah. Und keinem von uns gefiel das!

Für diesen vorletzten Tag hatten wir aber noch eine Herausforderung zu bewältigen: einen steilen Aufstieg auf einen 300m hohen Berg. Offenes Meerwasser machte die "einfache" Wanderung über Seeeis unmöglich, also mussten wir einen Umweg über Land in Kauf nehmen. Und der führte ein wirklich sehr steiles Tal bei Kap Schoulz empor.


Besonders der allerletzte Hang, an dem im obrigen Foto drei meiner Mitkommilitonen wie Ameisen kleben, hatte es in sich. Unsere Pulkas waren zwar mittlerweile relativ leicht, zogen uns aber dennoch ordentlich in die Gegenrichtung. Mein Rücken fand das gar nicht gut, und so pfiff ich dann auch dankend auf meinen Stolz und nahm Hilfe an, als sie mir angeboten wurde. Die Erstankömmlinge (die "Ameisen") hatten mithilfe von Schneeankern und 60 Meter Seil einen Seilzug gebaut und zogen meinen Pulka mit vereinten Kräften nach oben. Damit war das Eis gebrochen und nahmen noch weitere diese wirklich sehr nette Hilfe in Anspruch. Der größte Teil der Gruppe aber ließ es sich nicht nehmen, den Kampf gegen die Gravitation selber in Angriff zu nehmen und, teilweise mit vereinten Kräften, am Gipfel anzukommen.


Viel weiter kamen wir an diesem Tag nicht. Nur einen knappen Kilometer nach dem unvergesslichen Hang fanden wir eine große Schneewehe, und unser Studienleiter Sigmund beschloss spontan, dass wir dort übernachten sollten: allerdings nicht im Zelt, sondern in Schneehöhlen. Gesagt, getan: also gruppierten sich die Studenten neu und fingen an, unterschiedlichste Höhlen zu bauen. Cathrine und ich hatten Lust, etwas für uns ganz neues auszuprobieren: eine Schneekuppel. Wir stellten unsere beiden Pulkas nebeneinander und begannen, Massen von Schnee darauf zu schaufeln. Im Endeffekt standen wir vor einem Berg aus Schnee, dessen Wände gut 1,5 Meter und dessen Dach über einen halben Meter dick war. Und während alle anderen noch schaufelten, hackten und sägten gingen wir einfach von dannen und aßen zu Abend. Nach einer Stunde kamen wir wieder und begannen, einen Eingang zu buddeln. Keiner von uns hatte damit gerechnet, aber: die Mischung aus Pulverschnee und harten Schneebrocken hatte sich in der vergangenen Stunde so verfestigt, dass wir die Pulkas aus dem schmalen Eingang ziehen konnten ohne dass der Schneeberg zusammenbrach. Wir hatten uns ein Igloo geschaufelt! Nun buddelten wir dieses nach unten hin aus und machten es uns darin bequem - und schliefen anschließend wunderbar! Es ist jedes Mal wieder erstaunlich, wie warm Schneehöhlen im Vergleich zu Zelten sind: darin ist es immer um die 0°C warm, ganz egal wie kalt es draußen auch sein mag!

Der nächste Tag war schlecht organisiert. Unser Rücktransport war viel zu früh angesetzt, der Aufbruch gehetzt und verplant: bei wiederum wunderschönem Wetter hatten wir keine Zeit, den letzten Tag noch zu genießen. Alles drehte sich nur darum, rechtzeitig bei Fredheim anzukommen: was unsere Gruppe als letzte genau mit der Ankunft der Kettenfahrzeuge tat. Schade - ein wenig mehr Zeit hätte das Erlebnis der Reise sehr verbessern können! Aber so freue ich mich über das gute Wetter und die schönen Motive, die sich uns an diesem Tag trotz allem offenbarten!


Drei Stunden nach der Aufnahme dieses Bildes befand ich mich dann auch schon wieder in Longyearbyen, wo ich dann doch noch über so viel Disziplin verfügte, meinen Pulka direkt auszuräumen und alles zum Trocknen aufzuhängen, bevor ich mir die erste Dusche seit 8 Tagen gönnte und mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so richtig warm fühlte! Zivilisation hat schon auch gute Seiten, das kann ich nicht verleugnen!

Ja, und damit ist es geschafft: die längste und anspruchsvollste Wanderung unseres Studiums liegt (leider) nun hinter mir. Mein Rücken hat unglaublich gut mitgemacht: dass ich mit meiner ledierten, chronisch schmerzenden Bandscheibe einen über 40kg schweren Schlitten 100km lang über bis zu 800m hohe Bergpässe ziehen konnte, und das alles auch noch auf Skiern, das hätte ich mir bis dahin nie träumen lassen! Wahnsinn! :-)

Zum Schluss dann noch ein Gruppenbild: dies sind die ANG-Studenten des Jahrgangs 2011/12, inklusive Djenoun (dem Hund) und Anne-Marthe, die sich partout gegen gestellte Fotos wehrt. Fair enough! Insgesamt sind wir 13 Männer und vier Frauen, davon zehn Norweger, zwei Deutsche, ein Schwede, ein Däne, ein Isländer, ein Brite und ein Franzose - nun ja, zwei, denn Djenoun versteht ausschließlich Französisch. Voilà!


Mittwoch, 4. April 2012

Wettbewerbe 2012

Im Bereich Naturfotografie gibt es mittlerweile eine wachsende Zahl von Fotowettbewerben. Einige davon haben sich internationalen Namen gemacht: die Qualität der Bilder ist teilweise wirklich atemberaubend! Seit ich im Jahr 2004 an meinen ersten Wettbewerb teilnahm und da für mich völlig überraschend den Kategoriesieg erreichte, versuche ich mein Glück im Schnitt alle zwei Jahre. Da an diesen Wettbewerben etwa 10.000-16.000 Bilder konkurrieren und zum Schluss nur 10 pro Kategorie prämiert werden, gleicht das ganze einem Lotteriespiel: zudem ist das ganze ja immer extrem abhängig vom Geschmack der jeweiligen Jury.

Dennoch macht es mir immer wieder Spaß, meinen Fundus an Bildern zu durchsichten, die besten oder geeignesten drei bis fünf Fotos herauszusuchen und dann einzusenden. Der Spaß kostet 0-20€, die Gewinne sind meist äußerst bescheiden: lohnende Sach- und Geldpreise gibt es nur für die Sieger der Kategorien. Es geht bei diesen Wettbewerben ehrlich hauptsächlich darum, Anerkennung zu gewinnen (ist das nicht bei jeglicher Art von Wettkampf so?) und seinen Namen und sein Bild in einer Ausstellung und im Internet wiederzufinden...

Dieses Frühjahr hielt ich es nach zweijähriger Wettbewerbsabstinenz mal wieder für fällig, mich mit den anderen Fotografen der Szene zu messen, und reichte Bilder bei vier Wettbewerben ein, in den Kategorien "Landschaft" und "Tour-Bilder". Es geschah, was ich mir insgeheim zwar erwünscht aber nie wirklich in Betracht gezogen habe: in jedem der Wettbewerbe wurde eines meiner Bilder gekürt und landeten auf den Plätzen 2-7!

Klar, dass ich mich wirklich riesig über die Anerkennung gefreut habe! :-)


Memorial Maria Luisa 2011, Spanien
16.837 Fotos von 1590 Fotografen aus 54 Ländern

"Highly Commended" in der Kategorie "Man and Mountain"




"Highly commended" in der Kategorie "Nordisches Tour-Foto"



Glanzlichter 2012, Deutschland
16.334 Bilder aus 32 Ländern

"Highlight" in der Kategorie "Berge der Welt"



Asferico 2012, Italien

Zweiter Platz der Landschaftskategorie

Samstag, 17. März 2012

Geschichten aus dem hohen Norden

Den meisten von euch wird schon aufgefallen sein, dass ich seit Wochen hauptsächlich ein Gesprächsthema kenne: Licht. Dies mag in der Tat die größte Auswirkung der Polarnacht sein: Licht ist mir unglaublich wichtig und fällt mir dieser Tage einfach am meisten auf.
Rentiere vor der Haustür? Normal.
Frauen, die Kinderwägen schieben und dabei ein Großkalibergewehr geschultert haben? Normal!
Ein Sonnenstreif auf einem Berghang? Sensation!
;-)
Selbst jetzt, da es rapide heller wird und die Nächte schon sehr kurz geworden sind, lechzt alles in mir nach Licht jeglicher Art und tanke ich Sonnenschein, wann immer ich es kann.


Dieser Winter, da sind sich alle einig, ist der wärmste in der menschlich erlebten Geschichte Spitzbergens. Der Januar war 11°C wärmer als normal, und auch jetzt liegen die Temperaturen bei +2 bis -15°C. Und das im eigentlich kältesten Monat des Jahres, in dem die -30°C-Marke normalerweise mehrmals unterboten wird!

Die Wärme lässt diesen Winter völlig anders verlaufen als sonst. Das Meer ist 3-4°C wärmer als normal und denkt nicht ans Zufrieren, was vor allem die Schneemobiltouren einschränkt. Weil die Fjorde offen bleiben verdunstet mehr Wasser, gibt es mehr Wolken und mehr Niederschläge: blauer Himmel ist eine Rarität! Die kleine Siedlung Ny Ålesund hat in den ersten Wochen des Jahres fast 200% seines Jahresniederschlages erhalten: innerhalb eines Tages fiel die 432,6 prozentige Menge des normalen Monatsniederschlages. Auch in Longyearbyen kam fast schon der gesamten Jahresniederschlag vom Himmel runter: leider aber als Regen, nicht als Schnee.
Das hat unter anderem zur Auswirkung dass hier alles mit Eis überzogen ist: problematisch besonders für die vielen Rentiere. Diese kleinen, knuffigen Viecher mit ihrer kurzen Schnauze und Stummelbeinen verbringen ihre Tage nur mit Fressen: da hier selbst im Sommer kaum etwas wächst ist es mir ein Rätsel, wie sie es schaffen, hier zu überleben.


Aufgrund des Futtermangels sind die ohnehin wenig scheuen Tiere sehr tolerant gegenüber Menschen geworden und suchen nach Fressbarem wo immer sie auch etwas finden: und wenn es mitten in der Stadt und unmittelbar vor Haustüren ist. Zwischen vereisten Steinen knappern sie alles ab was irgendwie pflanzlich ist - und lassen sich von Fotografen wie mir nicht stören.
Ich ließ mir diese Gelegenheit nicht entgehen und näherte mich diesem Rentier langsam und offensichtlich. Als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, kauerte ich mich an die Hauswand und blieb dort ruhig liegen. Das Ren (das wie viele seiner Artgenossen sein Geweih im November/Dezember abgestoßen hat) äste munter auf mich zu, bis es auf dem spiegelglatten Hang nach hinten abrutschte und dann (beleidigt?) vondannen schlurfte.


Ich war, wie die beiden Skiwanderer im vorletzten Bild, auf dem Weg hinauf in die Berge. Mein Ziel: den Berg 850m hohen Trollsteinen mit meinen Backcountryski erklimmen und auch die Abfahrt überleben OHNE dafür die Bretter unter meinen Füßen abzuschnallen. Für Norweger ist das ein Kinderspiel: die werden scheinbar allesamt mit Ski unter den Füßen geboren und flitzen auch die steilsten Berge mit Langlaufski im lustigen Telemark-Stil herab. Mir Rheinländer schlottern dann nur die Knie: mit Langlaufski einen 800m hohen Berg runterfahren gehört nicht wirklich zu meinen normalen Freizeitbeschäftigungen.

Erstmal hieß es aber: oben auf dem Trollsteinen ankommen. Das war leichter gesagt als getan, denn dort wehte ein mehr als laues Lüftchen. Wind ist auf Svalbard allgegenwärtig; je höher man sich befindet desto heftiger werden die Windböen, die den Pulverschnee mit sich reißen und die Temperaturen gefühlsmäßig um 20°C abkühlen lassen. Draußen unterwegs zu sein ist dann ein richtiges Erlebnis!

Nach der erfolgreichen Besteigung des Berges ging es runter: schööööön langsam im Zickzack, ich habe da vermutlich alle Langsamkeitsrekorde gebrochen, die jemals aufgestellt wurden. Ich hatte wie gesagt nur ein Ziel: überhaupt unten anzukommen, und das wenn möglichst ohne mir Knochen oder Ski zu brechen. Und tatsächlich: es funktionierte! Sogar mit Brettern unter den Füßen! :-)

Wir waren genau rechtzeitig wieder im Tal angekommen: der Wind nahm beständig zu und zudem begann es nun auch noch zu schneien. Die Kombination aus Sturm und Pulverschnee ist meistens eher unangenehm - aber sehr fotogen! Darf ich vorstellen: ganz normales Svalbardwetter!

Aber auch dies ist normales Svalbardwetter: wechselhaft-sonnig, wie am 15. März, als ich im Namen meines Studiums zum ersten Mal auf einem Schneemobil saß und das genausowenig mochte, wie ich es vermutet habe. Gut, dass mir zumindest ein paar gute Bilder gelangen - die Kamera auf dem Schneemobil zu handhaben war das Bescheuertste was mir hätte einfallen können. Doch das Risiko hat sich gelohnt: ich wäre zwar beinahe runtergefallen, ebenso meine Handschuhe und der Objektivdeckel, ABER ich habe dieses Foto im Kasten. Dennoch, liebe Kinder und Mitfotografen: diese Aktion ist nicht zur Nachahmung empfohlen!

Am achten März war es dann auch in Longyearbyen soweit: die Sonne kam wieder so hoch über die Berge dass sie die Häuser der Stadt erreichte. Nun ja, zumindest theoretisch. Praktisch hat sich seit 2005 am Sonnentag, dem 8. März, keine Sonne blicken lassen. Die Einwohner Longyearbyens, insbesondere die Kinder, hielt die übliche Bewölkung aber nicht davon ab, das Ende der viermonatigen Polarnacht zu feiern: bemalt mit Sonnen auf den Wangen und Sonnenkragen um den Hals sangen sie Sonnenlieder, trugen Sonnenbrillen - und hatten teilweise eine Menge Spaß!



Nach all der Kultur, die ich in dieser Sonnenwoche fotografiert hatte, war ich froh, als es doch tatsächlich wieder ein paar sternenklare Nächte geben sollte, in denen die Nordlichtvorhersage auch noch gut war. Also griff ich mir meine Kamera und ging zum Meer, um dort Nordlichter zu fotografieren: wunderschöne, stark-grüne Schlieren über den von der Stadt rötlich erhellten Bergen.

Auf dem Weg zurück stapfte ich durch eine Schneewehe die unmittelbar am Fjordufer entstanden und vom Meereswasser angefeuchtet war. Nichtsahnend sah ich hinunter auf meine Füße - und staunte nicht schlecht als ich den Schnee blau leuchten sah!

Das Meer hatte mikroskopisch kleine Einzeller, sogenannte Dinoflagellaten, in den Schnee gespült, die leuchteten, wenn sie stärker als normal bewegt wurden. Es war völlig verrückt! Begeistert verstand ich, was ich da sah, und ging nach diesem ersten Beweisfoto auf Erkundungswanderung. Und tatsächlich: bei genauerem Hinsehen sah ich das blaue Leuchten auch in der Brandung des Meeres. Wann immer ein Verbund von Meeresleuchttierchen von den Wellen durchgeschüttelt wurde, glühten sie für einen kurzen Augenblick blau auf. Nicht in der Intensität und Menge, wie es meine Fußtritte im Schnee bewirkten, jedoch deutlich sichtbar.

Für mich waren die kleinen Einzeller (Zooplankton, auch "Meeresleuchttierchen" genannt, oder auf Englisch "Sea Sparkle") die wahren Nordlichter des Abends - dieses kleine Lichtspektakel hatte mich gänzlich überrascht! Glühwürmchen im Schnee und in der See - Natur wird niemals langweilig, immer wieder gibt es neue Wunder zu entdecken! Interessante weiterführende Informationen zu den Meeresleuchttierchen gibt es übrigens hier!

In den Tagen darauf wollte ich eigentlich wieder am Fjord auf Dinoflagellatenjagd gehen. Die gute Wettervorhersage und vielversprechende Nordlichtprognosen ließen mich dann doch wieder nach oben schauen: es sind schließlich die letzten Wochen, in denen die Nacht dunkel genug ist um auch schwächere Nordlichter sehen zu können. Und tatsächlich: wieder einmal durfte ich ein ganz wunderbares Schauspiel beobachten und fotografieren: vor und nach Mondaufgang. Aurora ist einfach immer und immer wieder faszinierend schön!


Relativ mittig und scheinbar genau an der Grenze zwischen grünem und violettem Nordlicht kann man eine Wolke aus Sternen erkennen. Die wissenschaftliche Bezeichnung dieses Sternenhaufens ist "Messier 44", aber zum Glück hat es auch einen schönen Namen: Praesepe, die "Krippe" im Sternbild Krebs. Der Himmel ist voller Geschichten, vor allem aus der griechichen Mythologie: Praesepe etwa dient den beiden Sternbildern Asellus borealis und Asellus Australis (nördlicher und südlicher Esel) als himmlische Futterkrippe. Schon lustig, was man mit so angehauchtem Vorwissen nachts alles am Himmel zu sehen beginnt! ;-)

Die naturwissenschaftlichen Fakten interessieren mich aber mindestens genauso. Praesepe ist ein Sternenhaufen innerhalb unserer Galaxie: eine Ansammlung von etwa 1000 Sonnen, deren Alter auf "nur" 600 Millionen Jahre geschätzt wird. In sehr klaren Nächten kann man diese helle Wolke deutlich mit dem bloßen Auge sehen: diese Aufnahme verstärkt den Eindruck aber aufgrund der langen Belichtungszeit. Die Farben rot und blau habe ich wie immer auch nur als farbloses Nordlicht sehen können; die Kamera zeichnete knalliges lila und quietschgrün auf. Ich habe das Foto extrem entfärbt: dies erscheint mir als fairer Kompromiss aus meiner Erinnerung und dem Wunsch nach einem schönen Foto...

Ich war auf dem Weg nach Hause und hatte die Kamera schon im Rucksack verstaut, als ich von einem sehr starken Nordlichschub direkt am Zenith überrascht wurde. Vor der Kulisse der von den Straßenlaternen orange erleuchteten Berghängen geisterten starke grüne Beamer über den Nachthimmel. Die Aurora war so intensiv dass sie sogar den Einwohnern auffiel, welche den Moment mit lauten "Oh!" und "Ah!"-Rufen den Moment genossen.
Auch für mich war das, einmal wieder, ein unvergesslicher Augenblick!
Danke Svalbard, danke Natur!