Dienstag, 11. Oktober 2016

Svalbard: Alkefjellet

Einer der für mich faszinierensten Orte auf Spitzbergen ist Alkefjellet, der "Alken-Berg". Diese senkrecht ins Meer fallende Felswand befindet sich mittig in der Hinlopenstraße, also der Meerenge zwischen den beiden größten Inseln des Archipels, Spitsbergen und Nordaustlandet.


Alkefjellet ist eine Klippe aus Doleritgestein, also sehr hartem Fels vulkanischem Ursprungs, der voller Kanten und Stufen ist und über 100 Meter hoch direkt aus dem Meer aufragt. Es ist ein perfekter Vogelfelsen: schätzungsweise 60.000 Paare Dickschnabellummen brüten hier, ebenso wie Tausende von Dreizehenmöwen.


Wann immer es möglich ist, besuchen Expeditionsschiffe diesen Ort: denn es ist ein Erlebnis, das sich kaum in Worte fassen lässt. Eine solche Menge von Vögeln kann man sich gar nicht vorstellen! Wenn 120.000 Elterntiere versuchen, auf engstem Raum ihr jeweils einziges Ei auszubrüten und das Junge großzuziehen, dann ist immer etwas los! Wohin man nur schaut, sieht man Vögel: in der Luft, am Felsen, im Wasser.


Es stinkt zum Himmel, der Geruch von Guano prägt sich einem hier auf ewig ein, und die Wahrscheinlichkeit ist ohnehin ziemlich groß, dass man von oben bombardiert wird und diesen einmaligen Geruch mit in die Kabine nimmt... Nicht umsonst ist der eigentlich graue Fels vom Kot der Vögel rosa-orange gefärbt!

Auch die Geräuschkulisse ist nicht von dieser Welt: selbst der Schiffslärm geht unter in diesem ohrenbetäubenden, wunderschönen Konzert krächzend-murrender Vogelstimmen. Unzählige Vögel fliegen gleichzeitig zu und von der Klippe, ihr Flügelschlag vermischt sich mit dem Rufkonzert zu einem brummenden Hintergrundgeräusch, welches an einen Bienenschwarm erinnert. 




Im Wasser vor der Klippe schwimmen Tausende weiterer Dickschnabellummen, oft Jungvögel oder solche, deren Brut nicht geklappt hat. In der ersten Hälfte des Sommers, wenn noch Eisschollen und / oder kleine Eisberge in der Hinlopenstraße treiben, sitzen die bis zu 48 Zentimeter großen Vögel gerne in Gruppen auf den treibenden Inseln - und erinnern einen ziemlich an Pinguine!


Lummen und Pinguine sind sich zwar in keiner Weise verwandt, ähneln sich aber so stark, weil sie eine vergleichbare Nische erobert haben, also ungefähr den gleichen Lebensraum für sich beanspruchen. Beide leben sie im kalten Wasser und tauchen nach Krebstieren und kleinen Fischen.



Im Gegensatz zu den Pinguinen haben die Alkenvögel aber Fressfeinde an Land und können sie deshalb aufs Fliegen nicht verzichten: weshalb sie sich mit Ach und Krach noch in der Luft halten können. Sie sind aber mittlerweile bessere Taucher als Flieger: und das merkt man besonders beim Start und der Landung. Erstmal rennen sie Ewigkeiten über's Wasser, bevor ihnen der Abflug gelingt, und dann landen sie mit einem Bauchplatscher im Wasser, der weder zu übersehen noch zu überhören ist...





Im Brutfelsen ist jeder noch so kleine Vorsprung und jede Nische von den Lummen in Beschlag genommen worden: dicht an dicht hocken sie unmittelbar am Abgrund. Das Ei legen sie einfach auf den Stein, denn Lummen bauen keine Nester.


Ihre Eier sind birnenförmig, sodass sie nicht einfach davonrollen können, und die Elterntiere sind außerdem ganz arg darauf bedacht, das Ei und später das Küken immer schön gegen die Felswand zu drücken. Es heißt, dass das etwas Übung bedarf und die jungen Vögel dies auf die harte Art lernen müssen: die 3-7 jährigen Dickschnabellummen haben scheinbar selten Bruterfolg, weil sie einfach zu viele Fehler machen und Ei und Küken verlieren.

Die Küken sind die Miniaturversion der erwachsenen Vögel, welche sich gleichberechtigt um die Aufzucht des Nachwuchses kümmern. Einer bleibt immer beim Ei bzw. Küken, während der andere Partner Nahrung herbeiholt, oder schlichtweg zusammen mit dem Partner auf das Kleine aufpasst.

Obwohl die Dickschnabellummen in solch extremen Steilklippen brüten, sind ihre Fressfeinde nicht weit. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass an und unter jedem Vogelfelsen mindestens ein Paar Polarfüchse lebt, die sich einerseits von toten und kranken Tieren ernähren, andererseits aber auch ganz aktiv die Vogelnester plündern. Mich hat allerdings erstaunt, wie vorsichtig und scheu die kleinen Räuber sind: sie fürchten die Schnäbel der wehrhaften Lummen und lassen sich von selbstbewusst-aggressiven Vögeln schnell von ihren Jagdplänen abbringen. Ihre Strategie ist es, sich die Eier und Küken von jenen Vögeln zu schnappen, die sich verscheuchen lassen: das klappt gerade und besonders bei den jungen Lummen und Dreizehenmöwen, die teilweise dort brüten, wo der Fuchs ohne weitere Probleme hinkommt.


Die Gefahr kommt für die Lummen aber nicht nur von Land, sondern auch aus der Luft. Da es auf Svalbard keine Greifvögel gibt, haben mehrere Möwen die Stellung der Raubvögel übernommen. Die Eismöwe, eine der ganz großen Möwen, ist wohl der Hauptfeind der Dickschnabellummen hier am Alkefjellet. Mehrere Dutzend Brutpaare ziehen ihre Jungen unmittelbar unterhalb des Vogelfelsens auf: praktisch, denn so müssen sie nur ein paar Meter fliegen, um Nahrung zu beschaffen.

Zwei fast flügge Jungtiere und ein Elterntier der Eismöwe. Wie so oft, sehen Möwen im Jugendkleid ganz anders aus, als ihre Eltern: bei den Eismöwen sind die Jungtiere braun gesprenkelt und werden erst im zweiten Lebensjahr weiß mit hellgrauem Rücken.
             
Genau wie der Polarfuchs, so versuchen auch die Eismöwen, die Dickschnabellummen durch schnelle Annäherung (z.B. niedriges Überfliegen) zu erschrecken und vom Nest zu verscheuchen. Immer wieder verursachen sie eine Massenpanik, in der Hoffnung, dass ein Ei herunterfällt oder ein Küken sichtbar wird.

Eine weitere Jagdstrategie ist es, andere Vögel in der Luft zu attackieren und zum Absturz zu bringen. Schlägt der aus dem Gleichgewicht gebrachte Altvogel auf dem Land oder auch auf dem Wasser auf, stürzt sich die Möwe darauf und versucht, ihn zu erwürgen. Es ist kein netter Anblick, aber harte Realität im Überlebenskampf der hohen Arktis: fressen und gefressen werden ist auch hier das allgegenwärtige Motto der Natur.

Eine Eismöwe erwürgt eine ausgewachsenen Dreizehenmöwe














                
Der Sommer in der hohen Arktis ist kurz, und die Dickschnabellummen haben nicht viel Zeit, um ihre Jungen großzuziehen. Die Eier werden gelegt, sobald der Felsen schneefrei ist, was meistens erst Ende Mai bis Anfang Juni geschieht. Das Eis muss dann ungefähr 32 Tage bebrütet werden: das Junge schlüpft also erst im Juli! Die Eltern füttern es dann drei Wochen lang: und dann hören sie einfach damit auf, zum Missfallen des Kükens. Das ist nämlich noch lange nicht flügge, wird aber nun von den Eltern ins Wasser gelockt. Wenn das Kleine hungrig genug ist, wagt es den Sprung ins Ungewisse. Es folgt ein Sturz, der manchmal senkrecht nach unten führt, manchmal aber zu einem schönen Gleitflug ausarten kann. Die Flügel der Küken sind zwar noch zu klein zum Fliegen, aber Gleiten, das bekommen sie oft hin!





Die allererste Landung ist der Moment, der für die Küken am kritischsten ist. Manchmal schlagen noch an Land auf. Dann titschen sie wie ein Gummiball ein, zwei Meter in die Höhe, purzeln über Stein und Vegetation - und rennen dann oft unbeschadet in Richtung Meer, unglaublich aber wahr!
Leider haben sich alle Raubtiere der Region nun am Vogelfelsen versammelt: der Tisch ist gedeckt, das wollen sie sich nicht entgehen lassen. Und so stürzen sich Raubmöwen und Füchse auf die Kleinen, die kaum wissen, wie ihnen geschieht.

Viele Küken landen jetzt in den Mägen von glücklichen Füchsen, Eismöwen und Skuas - aber vielen anderen gelingt eben auch der Spung ins Meer. Die nächste Herausforderung ist es, ständig vor angreifenden Eismöwen abzutauchen und gleichzeitig einen Elternvogel wiederzufinden. Für uns Menschen scheint das ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, aber Altvogel und Küken kennen die jeweilige Stimme so gut, dass sie sich durch gegenseitiges Rufen bald wiederfinden. Oft ist es der Vater, der sich nun um das Kleine kümmert, denn er kommt genau jetzt in die Mauser und wird flugunfähig - genau wie das Küken, dem die Flugfedern ja erst noch wachsen müssen.

In den kommenden Monaten paddeln die beiden bis nach Südgrönland. Sie verbringen den Winter auf dem Meer, wo das Küken sowohl Jagen als auch Fliegen lernt. Erst, wenn dem Vater die Flugfedern wieder nachgewachsen sind, wird er das Kleine verlassen. Das wiederum wird zwei bis drei Jahre später wieder zur Kolonie zurückkehren, um sich ab seinem vierten Lebensjahr an der ersten Brut zu versuchen.

Auf den ersten Blick bekommt man nicht mit, dass die Population der Dickschnabellummen jedes Jahr um etwa fünf Prozent zurückgeht: warum, weiß man nicht so genau, es ist vermutlich eine Kombination aus Überfischung der Ozeane, Klimawandel und der Tatsache, dass viele Vögel in Fischernetzen ertrinken, wenn sie sich während ihrer Tauchgänge darin verheddern.

Dieses Bild (vom letzten Blogeintrag) zeigt die Überreste einer in einem Fischernetz ertrunkenen Dickschnabellumme.
                 
Die Durchschnittsgröße einer Dickschnabellummenkolonie ist in den letzten zehn Jahren um ein Drittel zurückgegangen, zumindest auf Bjørnøya und West-Spitsbergen. Und dort dort lebt der Großteil der weltweiten Dickschnabellummen. Die Zahlen sind alarmierend: aber noch gibt es, zum Glück, viele Lummen, die Jahr für Jahr wieder versuchen, ein Ei und Jungtier ins Erwachsenenalter durchzubringen.

Alkefjellet ist nur einer von vielen Vogelfelsen auf Svalbard, und gehört dabei nicht einmal zu den größten: sehr wohl aber zu den spektakulärsten. Ich werde nicht müde, diesen Ort zu besuchen: die Menge von Vögeln und die schiere Wucht von Eindrücken hinterlässt mich immer wieder sprachlos. Für mich gehört dieser Ort ganz eindeutig zu den großen Naturwundern der Welt!


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