Donnerstag, 7. Februar 2013

Südgeorgien

Während meiner ersten Antarktisreise kam ich so gut wie nicht zum Fotografieren: zu erschlagend war der mir neue Job, zu angefüllt die Tage, zu begeistert war ich von der Natur und da vor allem vom Tierleben. So ähnlich sich Arktis und Antarktis sind, so grundverschieden sind sie auch.

Die beiden Pole teilen sich wolkenverschleierte Gletscher, von Wetter und Eis bearbeitete Steilklippen, Eisberge und monotone Schlechtwetterlagen. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Antarktis ist ein Kontinent mit bis bis zu 5000m hohen Bergen, die Arktis dagegen ist ein Meer, das von Kontinenten umgeben ist. Niederschläge sind in der Antarktis eine Seltenheit: es gibt kaum Flüsse, die Sedimente ins Meer tragen, weswegen das Meer hier unglaublich blau und klar ist, nicht so milchig braun, wie in der Nähe der arktischen Landmassen. 
  
Beide Meere sind sehr produktiv, der Hauptunterschied der Tierwelt aber beruht auf den Raubtieren: in der Arktis lebt der Feind an Land bzw. auf dem Eis (Eisbär, Polarfuchs und Wolf), wogegen er in der Antarktis im Meer lebt (Orca und Seeleopard). Dementsprechend verhalten sich die bejagten Tiere: in der Arktis sind sie an Land scheu, in der Antarktis fürchten sie an Land nichts zu niemanden und konnten es sich sogar erlauben, das Fliegen zu verlernen.
   
Ein Gentoo, zu deutsch "Eselspinguin" mit zwei wenige Tage alten Küken


Bevor ich die Antarktis etwas näher kennenlernen konnte, wurde ich mit einem weiteren Wunderland bekannt gemacht: mit Südgeorgien. Diese Insel liegt so abseits im Meer, dass man eigentlich immer einen Stop auf den Falklandinseln macht, die von Südamerika gesehen fast auf dem Weg liegen


Wir erlebten die Falklandinseln in Traumwetter: und ich, die ich mich noch nie mit diesem Fleckchen Erde beschäftigt hatte, war überrascht, wie lieblich alles war. Sanfte Hügel, Klima und Wetter wie in Großbritannien, Steilküsten wie auf Hornstrandir, ein Flair von der Nordinsel Neuseelands (mit all den Tussockgräsern oder alternativ stark beweideten Hügelwiesen) - und einer Tierwelt, die ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte. Zum ersten Mal im Leben sah ich Albatrosse, genauer gesagt Schwarzbrauenalbatrosse, die inmitten der heimischen Tussockgräser brüteten.



Zwischen diesen riesigen Vögeln, deren Körper die Umfänge einer Mastgans erreichen, stapften kleine Raufbolde umher: Felsenpinguine, robuste und freche Kerlchen, die sich von nichts und niemandem etwas sagen ließen. Und die, im Sonnenschein vor strahlend blauem Himmel, sehr fotogen waren mit ihren gelben Federn und tiefroten Augen.


Auf dem Weg zurück zu den Zodiaks erblickte ich einen Magellangans-Erpel: ein fast schneeweißes, wunderschönes Tier, das im hohen Gras Samen vertilgte. Ein toller Anblick, bei dem ich meine Kamera wieder aus dem Rucksack holen musste...


Weiter ging die Reise: zwei Tage lang über das stürmische Südmeer. Nach 1000km kamen wir dann in Südgeorgien an und hatten, wie schon auf den Falklandinseln, ungeheures Wetterglück: drei Tage lang nacheinander konnten wir alle Landungen durchführen! Das ist insofern etwas Besonderes als dass die Insel im offenen, rauhen Südpolarmeer liegt und einem hohe Wellen und starke Winde oft einen Strich durch die Rechnung machen. Wir aber mussten nur auf einen einzigen Landgang verzichten und konnten an sechs verschiedenen Orten die Fauna des von Tussockgräsern bewachsenen Gletschergebirges bewundern. 

Ich sah den Vogel mit der weltweit größten Flügelspannweite: den Wanderalbatross, der einem Höckerschwan von der Körpergröße her in nichts nachsteht und dazu mal eben dreieinhalb Meter Flügelspannweite besitzt


Wo wir auch anlandeten wurden wir von grimmigen Antarktischen Seebären empfangen: diese Pelzrobben sind extrem streitlustig und nicht bereit, ihre überbevölkerten Strände mit anderen zu teilen - völlig egal, wie groß die Eindringlinge auch sein mögen!


Die Tiere wurden ob ihres Pelzes fast ausgerottet: auch hier haben Menschen das natürliche Gleichgewicht völlig durcheinander gebracht. Wale, See-Elefanten und selbst Pinguine wurden ihres Fettes wegen gejagt, aus dem Tran gewonnen wurde und welches das Öl der Vorkriegszeit war. 

Ein See-Elefant, ca. 9 Jahre alt und noch im Wachstum begriffen. 
Diese Tiere können 5m lang und 3.7 Tonnen schwer werden!


Nachdem alle bejagten Tiere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befriedet wurden, pendelte sich ein neues Gleichgewicht ein: momentan gibt es in Südgeorgien über vier Millionen Seebären, mehr, als jemals zuvor. Die Strände sind voll von ihnen: ob sich der Bestand wieder nach unten korrigieren wird oder so hoch bleibt, wird sich zeigen!


So jedenfalls stehen die antarktischen Seebären unter extremem Konkurrenzdruck: wohl auch ein Grund für ihre Aggressivität. Selbst die winzigen Jungtiere sind schon frech ohne Ende: allerdings auch ziemlich niedlich! Dieses blonde Seebärchen hier kann weniger Farbpigmente ausbilden, als die anderen: Leuzismus nennt sich das und ist im Tierreich ganz und gebe. Weiße Katzen, weiße Tiger, weiße Kaninchen, gefleckte Tiere - erinnert ihr euch an meinen weißen Buckelwal aus der Arktis? Selbes Phänomen, bloß eine andere Spezies!


Ein total verrückter Vogel, den ich sehr ins Herz geschlossen habe, ist der Weißgesicht-Scheidenschnabel, im Englischen "Snowy Sheathbill" genannt. Ich weiß nicht, mit wem diese weißen Clowns verwandt sind, aber sie sind eine wirklich lustige Mischung aus Huhn und Taube und ernähren sich nur von dem, was andere hinterlassen. Sie sind neugierig und haben eigentlich immer nur eines im Sinn: etwas Fressbares zu finden.


Eine meiner Aufgaben an Bord der MS Expedition ist es, Zodiac zu fahren: also Gäste vom Schiff an Land zu bringen und wieder zurück. Fast alle Guides können die 50 PS starken Boote steuern, daher wechseln wir uns von Landung zu Landung ab: mal sind wir an Land, mal fahren wir Bötchen, mal beides – je nachdem wie es grade passt. Bei unserer letzten Landung in Südgeorgien  stand ich am Motor des Zodiacs „Alberta“ und fuhr die Gäste zurück zum Schiff.


Das ist immer mit längeren Warteperioden verbunden, in denen ich dann immer den Motor ausschalte und die Szenerie vom Meer aus beobachte. Kaum, dass ich eine Minute saß, kam ein Scheidenschnabel angeflogen – und wo einer ist, da kommen immer welche nach. Ruckzuck hatte ich 12 Scheidenschnäbel an Bord, die munter auf dem Boot umherstapften und jeden Zentimeter nach Essbarem absuchten. Sie fanden zwar nichts, aber ich hatte meinen Spaß mit den kecken Kerlchen, die nach einiger Zeit sogar mich untersuchten und auf meinem Kopf und Rücken landeten. Es war ein wirklich witziges Erlebnis!


So, die Zeit drängt, ich muss zusehen, dass ich diesen Blog beendet bekomme bevor wir wieder in See stechen. Ich versuche, mich bald mal wieder zu melden!

Liebe Grüße aus Ushuaia,
Kerstin

Samstag, 5. Januar 2013

Auf in den Süden

Montag, 31. Dezember 2012, 21 Uhr. Seit Stunden schon hörte und sah man immer mal wieder Feuerwerkskörper in den Himmel aufsteigen, weniger und weniger Menschen waren in den Städten und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und dann meist in Feierlaune. Im ICE zum Frankfurter Flughafen saßen ungewöhnlich wenige Reisende, und auch der Frankfurter Flughafen war so menschenleer, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Es gab keine Schlangen, ich kam problemlos durch die Kontrollen – irgendwie war alles etwas surreal. Und als ich schließlich die Maschine erblickte, die mich nach Buenos Aires bringen sollte, wurde mir allein durch die schiere Größe der Boeing 747-400 klar, dass ich nicht in gewohnte Gefilde reisen würde.

Wider Erwarten (und entgegen meiner Hoffnungen) wollten erstaunlich viele Leute über Silvester nach Argentinien fliegen: die doppelstöckige Boeing war zu gut zwei Dritteln belegt. So musste ich mir leider eine Reihe mit einem älteren Mann teilen, der sich, genau wie ich, eigentlich auf den Sitzen hinlegen wollte. Ich ließ ihm den Vortritt, denn erstens war ich partout nicht müde und wollte außerdem das Silvesterfeuerwerk aus der Luft sehen. Das Wetter war super: über der Schweiz und Südfrankreich konnte ich immer mal wieder einzelne Lichtblitze sehen, gezündet von all jenen, die nicht bis Mitternacht warten konnten. Leider leider befanden wir uns zum Jahreswechsel irgendwo südlich von LaPalma über dem Mittelmeer, und als wir später Algerien überquerten, schien niemand (mehr?) Silvester zu feiern.
Zu Sonnenaufgang hatten wir den Äquator schon überflogen; unser Stern tauchte die unter uns dahingleitenden Landschaft aus Cumulus congestus Wolken in wärmste Farben.
Irgendwann, wir flogen schon seit längerem die brasilianische Küste hinab, sah ich aus der Ferne eine riesige Stadt: die Karte auf den Bildschirmen im Flugzeug wies sie als Rio de Janeiro aus. Ich hatte noch nie Luftfotos von Rio gesehen, wusste bloß, dass die berühmte Jesus-Statue in relativer Nähe zum Meer auf einem Zuckerhutberg steht. Es war schwer, aus dieser Höhe das Relief zu erkennen, aber mithilfe meiner Kamera entdeckte ich ihn doch tatsächlich: den "Cristo Redentor" auf dem 700m hohen Berg "Corcovado". Cool – jetzt kann ich behaupten, ihn mit eigenen Augen gesehen zu haben, und das ohne dass ich mich je in diese Stadt begeben musste! Praktisch! :-)
Nach 13½ Flugstunden und sehr wenig Schlaf fand ich mich plötzlich im sommerlichen Buenos Aires wieder und kam mir völlig fehl am Platze vor. Wie absolut verrückt es doch ist, im Winter auf der einen Seite der Erde in ein Flugzeug zu steigen und nach einem kurzen Nickerchen im Sommer der Südhemisphäre zu stehen. Irgendwie fühlt sich das nicht richtig an...
Ich hatte ein paar Stunden Aufenthalt, verzichtete aber dankend auf eine Besichtigung des Riesenmolochs: mir war viel zu warm! Ich hatte mich für die Antarktis eingekleidet, nicht für Flip-Flop Wetter und angeln am braunen Meer, das kein Meer sondern der breiteste Fluss war, den ich je gesehen hatte... Statt dessen schlug ich mich zum Inlandsflughafen durch, wo ich einige Stunden später in meinen Anschlussflug nach Ushuaia stieg. Zu meiner Überraschung wurde ich in der ersten Klasse einquartiert – ich weiß ja nicht, wie ich zu der Ehre kam, aber ich genoss die viele Beinfreiheit und bekam obendrein noch ein belegtes Brötchen zum Mittagessen!
Beim Start bestätigte sich mein Eindruck von der Landung: Buenos Aires ist ein Moloch. Häuser, wohin das Auge nur schaut, von Horizont bis Horizont – warum sich Menschen so etwas antun wird  mir wohl nie begreiflich sein!
Das Wetter war den ganzen Flug über fantastisch: ich konnte mir einen ziemlich guten Eindruck von der Landschaft der südamerikanischen Küste machen. Und dieser Eindruck war sehr ernüchternd: ich sah ausnahmslos Städte, Acker und Weideland. Kaum ein Baum stand in der grünen Landschaft unter mir; winzige Wald- und Feuchtgebiete gab es allerhöchstens in direkter Nachbarschaft zu kleineren, quadratischen Städten. Im Gegensatz zu diesen endlosen Nutzgebieten erschien mir Mitteleuropa wie ein bewaldetes Paradies!
Je weiter wir nach Süden flogen, desto bergiger und unwegsamer wurde die Landschaft unter uns: endlich gab es größere, zusammenhängende Waldgebiete, durchzogen von gelegentlichen menschlichen Großbauten wie Straßen, Gruben oder Staudämmen. Dann setzten wir zum Landeanflug an.
In Ushuaia angekommen, schlief ich erstmal die ganze Nacht hindurch und machte mich am nächsten Morgen daran, die bewaldeten Berghänge hinter dem Ort zu erkunden. Die Stadt hat durch den Kreuzfahrttourismus einen solchen Boom erlebt, dass bezahlbarer Wohnraum knapp geworden ist und die Menschen einfach begonnen haben, illegal in den Wäldern zu wohnen. 
Ohne Müllabfuhr und Kanalisation entstehen um die selbstgezimmerten Häuser dann Müllhalden, um die sich später keiner mehr kümmern will. Im Gegenteil: vieles machte den Eindruck, dass diese Müllhalden von Einheimischen noch vergrößert wurden, vielleicht um sich die Müllabgabegebühr zu sparen. Es waren herbe Anblicke, die sich mir da boten, und ein trauriger erster Eindruck des mir so neuen Kontinentes.
Ich versuchte, die bewohnten und vermüllten Waldbereiche so schnell wie möglich zu verlassen: dann, endlich, konnte ich so richtig eintauchen in diesen feuchten, subtropischen Südbuchenwald und seine gelegentlichen Lichtungen. Ich konnte einige unbekannte Vogelarten beobachten, die ich immer nur grob einzuordnen wusste: regenpfeiferartige, drosselartige, ein Ibis, und viele kleine, oft sehr lautstarke Singvögel die mich an Zaunkönige und Pitpits erinnerten. 
Auch die Pflanzenwelt war mir oft gänzlich unbekannt: flechtenbehangene Südbuchen, orchideen-, stiefmütterchen- und erdbeerenartige Blumen, Binsen und gelegentliche Farne wuchsen zwischen wunderschön beblümten Sträuchern. Besonders auffällig war die hohe Anzahl von parasitären Pflanzen und Pilzen; der auffälligste Vertreter hing wie eine Ansammlung orange-gefleckter Marzipankugeln an den Stämmen und Ästen der Bäume. 
Cyttaria darwini, parasitischer Schlauchpilz, auch Golfkugelpilz genannt, auf Südbuche/Scheinbuche
Als ich am späten Nachmittag nass, dreckig und glücklich nach Ushuaia zurückkehrte, sah ich eine alte Bekannte im Hafen liegen: „Fram“, das Expeditionsschiff von Hurtigruten, lag am Kai vertäut. Ich versuchte sofort, in den Hafenbereich zu gelangen, da ein ANG-Student meines Jahrgangs auf dem Schiff arbeitete. Leider ließen mich die Hafenarbeiter nicht hinein – schade, das wäre eine lustige Begegnung gewesen. Statt dessen aber traf ich meinen Chef Morten von PolarQuest und zwei weitere Guides, die ich in der Arktis kennengelernt hatte – das Gelächter war groß, als wir uns gegenseitig erkannten. Die Welt der Expeditionskreuzfahrt-Guides ist offensichtlich ziemlich klein!
Abends lief die MS Expedition im Hafen ein, das Schiff, auf dem ich bis März arbeiten werde. Die Hälfte der Saison war nun vorbei: fünf im bestehenden Team wurden durch einen neuen Expeditionsleiter, den Camping-Master, den Zodiak-Master, einen General Naturalist und mich als neuen Expeditionsleiter-Assistenten ersetzt. Um 15 Uhr kamen die neuen Gäste an Bord, um 17 Uhr stachen wir in See: für die kommenden zweieinhalb Monate würde ich nun unterwegs sein. Man, was war ich auf die Antarktis gespannt!

Dienstag, 25. Dezember 2012

Weihnachtsgrüße


Mit diesem Bild vom ersten See-Eis an der Küste bei Longyearbyen, aufgenommen im vergangenen Winter auf Svalbard / Spitzbergen, möchte ich allen ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen! Frohe Festtage!

Vielen Dank, dass ihr immer mal wieder auf diesem Blog vorbeischaut und Interesse am Verbleib meiner Wenigkeit habt! Auch wenn ich keine Ahnung habe, wer hier eigentlich mitliest: es freut mich, wenn ich meine Erlebnisse vielleicht auch auf diesem Wege mit jenen teilen kann, die diesbezüglich nicht so privilegiert sind, wie ich es momentan bin. Natur, vor allem wilde Natur, ist einfach nur unglaublich und in jeder Hinsicht schützenswert: sie verdient in unserem modernen Leben einen viel größeren Stellenwert, als es aktuell der Fall ist. Und deswegen blogge ich und teile ich einen Teil meines Lebens mit der Öffentlichkeit: ich möchte euch für die Schönheit der Natur begeistern und euch Dinge hinterfragen lassen. Wenn mir dies bei nur einem von euch gelingt, ist mein Ziel schon erreicht! :-)

Wenn es in den letzten Wochen auch nur wenig zu berichten gab: ab Januar werde ich vermutlich wieder regelmäßiger von mir hören lassen! Ich erhielt ein Angebot, das zu verlockend war, um es abzulehnen: auch wenn ich dabei über meinen Schatten springen und um die halbe Welt fliegen muss. Von Silvester bis Mitte März werde ich auf einem Expeditions-Kreuzfahrtschiff in der Antarktis arbeiten - ich freue mich ungemein und bin unglaublich aufgeregt!
Also: ab Mitte Januar werde ich an dieser Stelle wieder von mir hören lassen: diesmal dann vom südlichen Kältepol der Welt!
:-)

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Tagebuch eines Hüttenwartes - Teil 1

Sehnsucht nach Wildnis...


Fast drei Monate Aufenthalt in Deutschland haben mir eines mal wieder ganz klar gemacht: für ein Stadtleben bin ich absolut nicht geschaffen! Wie ich es hier jemals 19 Jahre am Stück ausgehalten habe, ist mir ein Rätsel, und wie der Rest von Deutschland das ein Leben lang tut, scheint mir ein noch viel größeres Mysterium zu sein. Diese dreckigen Städte, die grellen Lichter von Werbung, Fernseher und Verkehr, der unglaubliche Lärm und der ständige Zigaretten- oder Parfümgestank der Zivilisierten zermürben mich. Und dann erst die Gesprächsthemen der Menschen auf der Straße und, viel schlimmer, dieser sensationslustige, konsumorientierte und menschenverachtende Ton der Medien. Was manche Menschen hier zu beschäftigen scheint, das wirkt auf mich nur absurd und grenzt ans Lächerliche.

Ich vermute, dass man sich ein kleines Domizil aufbauen muss, um hier bei Verstand zu bleiben; dass man sich mit Familie und Eigenheim einen Ruhepol schaffen muss, der einem Halt gibt. Nachdem ich nun schon jahrelang weitestgehend außerhalb von Städten lebe, nehme ich alles wirklich ganz anders wahr, habe gänzlich andere Prioritäten, als es früher der Fall war. Und bin ich viel schneller überfordert und viel weniger bereit, meine Sinne einer solch gewalttätigen Reizüberflutung auszusetzen. Außerdem kränkele ich, seit ich hier bin: diesem Ansturm von Menschen, Viren und Bakterien bin ich mittlerweile auch nicht mehr gewachsen. Gut, dass ich bald wieder ins "richtige" Leben hinauskomme: Ende Dezember geht es wieder auf in die Kälte!
Bis dahin versuche ich, das beste aus meinem Deutschlandaufenthalt zu machen und all die positiven Dinge zu genießen, mit denen dieses menschengeformte Land zum Glück auch aufwarten kann. Freunde, tiefgründige Gespräche, alternative Lebensformen, fortschrittliches Umweltdenken, Weihnachtsmärkte und Wälder - das sind ein paar der Dinge, die ich an diesem sich mir entfremdenden Heimatland sehr schätze!

Zudem stürze ich mich weiterhin in neue Herausforderungen. So stand ich am 09. Dezember im Lindenmuseum in Stuttgart zum ersten Mal als Referent auf einer Bühne! Vor 122 Gästen sprach ich bei der Premiere meines "Seminar Naturfotografie - Wege zum besseren Bild" zwei Stunden lang über meine Erfahrungen mit der Kamera. Wider Erwarten hat mir dies viel Spaß gemacht und mir gezeigt, dass meine Zukunftspläne realistisch sind. Dem Vortrag "Inseln des Nordens" steht nun definitiv nichts mehr im Weg! Die Premiere ist für den 05. Januar 2014 angesetzt: bis dahin liegt aber noch viel Arbeit vor Olaf Krüger und mir... Wer will, der kann sich hier einen ersten Überblick über die Show verschaffen; meine Homepage wird diesbezüglich auch in Kürze auf den neuesten Stand gebracht werden!

Da ich jetzt schon den dritten Tag infolge von einer richtig fiesen Erkältung außer gefecht gesetzt wurde, hatte ich Zeit, ein Projekt anzugehen, das schon seit Langem auf meiner Warteliste stand: die Aufarbeitung meiner Hüttenwartberichte der vergangenen Jahre. Sie stießen damals auf große Resonanz, weshalb ich beschloss, sie mit alten und neuen Fotos zu bebildern und interessierten Leseratten zur Verfügung zu stellen. Hier ist Teil Eins meines "Tagebuch eines Hüttenwartes" mit Berichten aus der Þórsmörk!
Ich will an der Stelle ausdrücklich betonen, dass diese Berichte nicht ohne Ironie und teilweise dem Humor der Verzweiflung geschrieben wurden. Wer also Lust hat, (noch einmal) einen Blick hinter die Kulissen einer isländischen Berghütte zu werfen, den kann ich nur einladen, sich das folgende PDF anzuschauen.
Tagebuch eines Hüttenwartes - Langidalur, Þórsmörk

In diesem Sinne wünsche ich euch eine möglichst stressfreie Adventszeit. Um Weihnachten herum melde ich mich wieder!

Samstag, 20. Oktober 2012

Eine Woche Scoresbysund

Mein Sommerjob bei PolarQuest und Polar Kreuzfahrten war fünfwöchig ausgelegt, jedoch bekam ich das Angebot, die kanadische "MS Expedition" für zwei weitere Fahrten als Guide zu begleiten. Und als ich das Schiff Anfang September verlassen wollte, meinen Rucksack schon gepackt und meine Kabine soweit geräumt hatte - da kam die Anfrage aus dem kanadischen Büro, ob ich noch zwei weitere Wochen an Bord bleiben und per Schiff nach Island reisen könne.

Was für eine Frage! Auch wenn dies den Komplettausfall meines Islandurlaubs bedeutete: natürlich ließ ich mir die Chance nicht entgehen, von Svalbard über Grönland nach Island zu fahren! Und anstatt Freunde und Bekannte auf Island zu treffen und dort "richtiger" Landschaftsfotografie nachgehen zu können, fuhr ich auf der "Expedition" die Westküste Spitzbergens herab. Nach knapp zwei Tagen schaukeliger Überfahrt gen Südwesten erreichten wir dann die Ostküste der weltgrößten Insel.

Von Grönland hatte ich bisher keine wirkliche Vorstellung gehabt. Obwohl es von Island aus so nahe liegt, stand für mich nie zur Diskussion, dorthin zu fliegen. Zu klimaschädigend, zu teuer, zu wenig notwendig: schließlich warten in Island noch genügend Wunder darauf, entdeckt und erlebt zu werden! Plötzlich so unerwartet dort zu sein erschlug mich beinahe. Unberührt, wild und einfach nur beeindruckend mächtig ragten die schroffen, riesigen Berge der ostgrönländischen Küste vor uns aus dem Meer. 

Da die Eisverhältnisse das Schiff weiter nach Süden gezwungen hatten, als geplant gewesen war, entschied unser Expeditionsleiter, nicht hunderte von Kilometern entlang der scheinbar endlos langen grönländischen Küste zu segeln, sondern "nur" das Fjordsystem Scoresbysund / Kangertittivaq zu erkunden. "Nur" ist dabei allerdings wirklich in Anführungszeichen zu setzen, da es sich dabei mal eben um das größte und längste Fjordsystem der Erde handelt.

Auch um mir selber die Größenverhältnisse zu verdeutlichen, habe ich eine Karte gebastelt, die einerseits unsere Reiseroute beschreibt, andererseits Grönland, Island und einen Teil von Spitzbergen maßstabsgetreu abbildet. Außerdem habe ich, auch im richtigen Maßstab, die Umrisse Deutschlands aufs Eis gepinselt, um zu verstehen, wie groß dort alles ist. 
(Und ja: auch, um mir zu verdeutlichen, wie wahnsinnig diese Urlaube eigentlich sind. Was da für Kilometer zurückgelegt werden - und das nicht mit einem kleinen Auto, sondern mit einem Schiff, das, als es mal ne Autofähre war, 220 Autos und 1200 Passagiere fassen konnte.)

All der Wahnsinn konnte aber nicht verhindern, dass Grönland mich sprachlos machte: vor allem die Größe der treibenden Eisberge überstieg alles, was ich je für möglich hielt. Ich dachte immer, richtig große Eisberge würde es nur in der Antarktis geben, schon alleine deshalb, weil Gletscher auf der Nordhalbkugel ja meistens direkt an der Küste kalben und es dort oft so flach ist, dass die Eismassen immer nur "abbröckeln" können. Das mag in Island stimmen und in Svalbard auch: in Ostgrönland aber sind die Berge unter Wasser genauso steil, wie darüber. Scoresbysund ist bis zu 1450m tief - also fast so tief, wie die höchsten Berge der Umgebung hoch sind.

Mehr als einmal zog ich den Vergleich zu Jökulsárlón, der berühmten Gletscherlagune in Island - bloß dass Jökulsárlón in direkter Gegenüberstellung lächerlich klein erscheinen würde.
Das Inlandeis, dieser gewaltige, kilometerdicke Panzer aus Eis, fällt im Scoresbysund an einigen Stellen in dicken Gletscherzungen in die Fjorde hinab. Dutzende von Metern schieben sich die steilen Gletscher täglich voran und brechen in Abertausende von Eisbergen. Gesehen haben wir das nicht, weil wir gar nicht nah genug an die Gletscher herankamen: die Masse an Eisbergen machte ein Weiterkommen ab einem bestimmten Punkt unmöglich. So wichtig war das aber auch nicht: wir erkundeten das Fjordsystem an verschiedensten Stellen, gingen zweimal täglich an Land und machten mit lauffreudigen Gästen auch die eine oder andere lange Wanderung.

Auf diesem Schiff wurden die 133 Gästen von 12 Guides begleitet, wobei allerdings davon nur acht davon Waffenträger waren - auch Grönland ist Eisbärenland. Diese acht Waffenträger (darunter auch ich) mussten sich so auf die verschiedenen Gruppen verteilen, dass immer mindestens zwei bis drei Waffen in einer Gruppe waren - also gab es pro Landgang maximal vier Gruppen. Meistens unterteilte es sich in eine kleine Strandgruppe (damit auch die Faulen, die Hüftprothesenanwärter und Herzinfarktkanditaten Land betreten konnten), eine meist sehr große Gruppe, die eine mittelschwere Wanderung machte, und die "Bergziegengruppe", die unser Expeditionsleiter gerne mal 10km weit über 600m hohe Pässe schickte. 
Damit jeder von uns Guides mindestens einmal die beliebte Bergziegengruppe begleiten konnte, wechselten wir uns ab. Ich hatte das Glück, auf einer der beiden sprichwörtlichen Höhepunkte der Reise dabei zu sein. Denn erst auf dem schon angesprochenen 600m hohen Pass wurde mir wirklich bewusst, wie groß die Eisberge sind, die da in den Fjorden treiben. Teilweise schienen dort ganze Gletscher im Wasser zu treiben, inklusive der Gletscherspalten. Ruft euch bitte auch in Erinnerung, dass nur ein bis drei Zehntel einens Eisberges ÜBER Wasser sind - der Rest versteckt sich im nassen Blau!  
Also: verlängert mal den Eisberg im anschließenden Bild imaginär nach unten. Was für ein Koloss das sein muss! Und dabei war dies nicht mal einer der ganz großen...

Schon als ich den Rest der Gruppe den Berg hinunter trieb (Zeitdruck, Zeitdruck, immer dieser Zeitdruck...) und ich die ersten Wanderer vor den Eisbergen sah, fragte ich mich, wie groß wohl die 104m lange "Expedition" sein würde. Das Schiff hatte uns an einer anderen Bucht ausgesetzt und musste uns erst noch abholen kommen. Als sie dann erschien, staunten wir alle. Wie winzig das Schiff wirkte, als wir es aus der Ferne im direkten Größenvergleich sahen!

Ihr könnt an den Bildern auch erkennen, dass wir unglaubliches Wetterglück hatten. An Bord waren einige eingefleischte Grönlandreisende, die behaupteten, dass dieses Wetter völlig normal sei - nun, für mich war es das definitiv nicht! Wenn man in Ländern wie Island und Spitzbergen lebt, dann ist ein einzelner Tag ohne Wolken schon etwas total besonderes. Wir erlebten wolkenlosen Sonnenschein an fünf aufeinanderfolgenden Tagen - für mich ein Ereignis absoluten Seltenheitswertes!

Als wären Eisberge, Wetter und das ganze Grönlanderlebnis nicht genug, herrschte genau jetzt Anfang/Mitte September der "Indian Summer". Der Herbst färbte die Beeren und Sträucher bunt, und der erste Schnee des Frühherbstes verpasste den Bergen einen weißen Schleier. 
Wenn ich nicht am Erklären, Zodiakfahren oder Eisbärenwacheschieben war, wenn ich nicht in Gespräche mit aufdringlichen, netten oder ignoranten Touristen verstrickt war oder gelangweilt auf das abendliche Dreigängemenü mit Anwesenheitspflicht wartete - nun, dann verbrachte ich meine wenige Freizeit mit Staunen. Mit kurzen aber extrem intensiven Augenblicken des Wunders, des Lernens, der Stille und der Begeisterung. 

Ich sah zum ersten Mal im Leben wilde Moschusochsen und Schneehasen, wurde Zeuge, wie Eisberge in der Größe von Einkaufszenten sich im Wasser einfach umdrehten und krachend auseinanderbrachen. Ich animierte skeptische Gäste dazu, Rausche- und Krähenbeeren zu probieren,  machte den frühesten Frisch-Schnee-Engel meines Lebens (am 13.September - wer kann's unterbieten?) und sah die ersten Nordlichter der Saison! Deshalb weckte ich, mehrmals an aufeinanderfolgenden Nächten, alle Gäste mitten in der Nacht auf. Lautsprecherdurchsagen zu Unzeiten machen Spaß! ;-)


So, und jetzt habe ich fürs Erste genug geschrieben. Die anschließenden Bilder will ich einfach nur als solche wirken lassen. Es war eine erstaunliche Reise, und ich bin bis oben hin angefüllt mit Eindrücken, Erlebnissen und Emotionen, die erst noch verarbeitet werden müssen. Ich melde mich bald wieder. Bis dann!













Samstag, 8. September 2012

Ein Sommer auf See


Schneller als gedacht ist schon wieder September und zieht der Herbst ins Land. Hinter mir liegt ein Sommer auf See und verbrachte ich zweieinhalb Monate auf insgesamt drei schaukelnden Schiffen, die Svalbard/Spitzbergen umrundeten. Kann mal einer die Zeit verlangsamen, bitte...?
Es begann damit, dass ich für die Firma Polar Quest (Polar Kreuzfahrten) als Praktikant auf dem Schiff „Ocean Nova“ anheuerte. Das kleine, blau-weiße Expeditionskreuzfahrtschiff beherbergt bei voller Belegung 75 Gäste, normalerweise aber so um die 65, die von einem 7-köpfigen Guideteam und einer Schiffsbesatzung von etwa 40 rund um die Uhr betreut werden. Expeditionskreuzfahrtschiffe sind wesentlich kleiner und meist auch weniger luxuriös als große Luxusliner, die ich gerne als "schwimmende Städte" bezeichne. Die kleineren Expeditionskreuzfahrtschiffe sind schwimmende Hotels mit Vollpension: drei- bis viermal täglich gibt es Essen, die je nach Preisklasse unterschiedlich großen Zimmer haben Toilette und Dusche und werden täglich gereinigt. Es gibt eine Bar, eine Bibliothek, einen großen Aufenthaltsraum mit Glasfassade, und ein kleines Fitnessstudio mit Tretmühle, Fahrrad und Hanteln. Das alles scheint so der Standard für sogenannte Expeditionskreuzfahrtschiffe zu sein.
Nach zwei jeweils 7-tägigen Reisen auf der Ocean Nova (eine Umrundung Spitzbergens und eine Umrundung von Austlandet mit Rückkehr entlang der Nordwestküste) hatte ich zwei Tage Aufenthalt in Longyearbyen, bevor ich das Schiff wechselte und für die gleichen Firmen nun zwei 10tägige Reisen auf der „Quest“ unternahm (zwei Umrundungen Spitzbergens mit Reise zur Packeisgrenze). Die Quest ist eine kleine Badewanne mit Platz für 47 Passagiere, die dort in Ölsardinenmanier gestapelt werden. Alles ist klein und eng auf dem Schiff – weswegen man als Gruppe sehr zusammenwächst und in der Abwicklung der Landgänge alles schnell und reibungslos vonstatten geht.
Das Klientel, das diese Reisen bucht, sind meist unternehmungslustige, ältere und gebildete Menschen, die vor allem eines sehen möchten: Tierleben. Die „big five“ von Svalbard sind: Eisbär, Walross, Wal (egal welcher), Polarfuchs und Bartrobbe. Und all diese Begegnungen kann man, zumindest grob, einigermaßen planen: genau dies macht der Expeditionsleiter. Er/sie weiß genau, wo sich Walross-Schlafplätze befinden, wo das letzte Mal Buckelwale gesichtet wurden oder aber wo ungefähr sich Eisbären finden lassen. Die Treibeisgrenze wird von allen Schiffen total gerne angefahren, so sie denn in der Nähe von Spitzbergen ist: einerseits ist es ein irrsinniges Erlebnis, das See-Eis des vergangenen Winters auf dem blauen Wasser schwimmen zu sehen, und andererseits ist dies das bevorzugte Habitat des Eisbären. Und diese kommen, wenn es neugierige Tiere sind, auf den Eisschollen teilweise extrem nahe an das Schiff heran um uns auszukundschaften – dies sind die besten Eisbärenbegegnungen überhaupt!
Die letzten noch zugefrorenen Buchten und Fjorde sind ebenfalls Eisbärensammelstellen: die auf Robbenjagd spezialisierten Bären lauern auf dem Eis jenen Tieren auf, die sich auf dem Eis ausruhen wollen. Alle paar Jahre wird außerdem ein Walkadaver irgendwo an Land gespült: wenn das der Fall ist können sich dort Dutzende von Bären versammeln und relativ gefahrlos aus sehr großer Nähe von Booten aus betrachtet werden. Ein solches Spektakel gab es dieses Jahr aber nicht zu bestaunen!
Wie ich im Laufe der vergangenen Monate nun ja schon mehrmals geschrieben habe, war der vergangene Winter zu warm und hat sich deshalb nicht viel See-Eis gebildet. Das war für die Kreuzfahrtschiffe einerseits gut, weil man dieses Jahr wirklich alle Ziele erreichen konnte und nicht von Eisbarrieren gestoppt wurde. Für die hiesige Tierwelt war das aber eine mehr oder weniger große Katastrophe. Es geht hier nicht nur um Eisbären, die immer weiter gen Norden wandern müssen, oder um Sattelrobben, denen die Jungen ertrinken weil das Eis unter ihnen schmilzt bevor sie schwimmen können. Das wahre Problem beginnt bei den ganz kleinen Lebewesen: bei Algen. Diese wachsen nämlich unter dem Meereis, nutzen das Eis also als Halt im sonst so unruhigen Wasser – schließlich fungiert das Eis ja auch als Wellenbrecher und besteht zudem aus konzentiertem Süßwasser und konzentrierten Mineralien. Der lange Polarsommer bringt Sonnenlicht im Übermaß: die Produktivität dieser winzigen Algen ist enorm. Von den Algen leben Einzeller und Plankton, von dem Plankton leben Fische und Quallen, leben Wale, Robben und Eisbären – kurzum: die ganze Arktis basiert auf Algenwachstum. Und das ist wie gesagt unmittelbar an Meereis geknüpft, das den Sommer überdauert.
Bildet sich im Winter weniger Eis oder schmilzt es zu früh ab, dann verkleinert sich die Fläche unter der die Algen wachsen können. In unserem Fall reden wir mal eben von der Fläche Europas! Dann gibt es weniger Nahrung für alle Beteiligten, und in Folge weniger Krill, weniger Fische, Robben, Wale und Eisbären.
Wir haben diesen Sommer genügend große Tiere gesehen, aber wir mussten sie teilweise sehr lange suchen. Diese Tiere waren aber zum Glück entweder normalgewichtig oder eher sehr gut im Futter: nur zwei mal sah ich wirklich dünne Tiere, eines davon war ein Weibchen mit einem Jungen.
Neben Eisbärensichtungen, von denen wir pro Reise 2-20 verzeichnen konnten, sahen wir auch Seevögel wie etwa die Dickschnabellumme zuhauf, ebenso wie Walrosse und Buckelwale. Alle meine Kollegen, die schon mehrere Jahre Svalbard bereisten, sagten, dass dies der Sommer der Buckelwale gewesen sei: wir hatten mehrere wirklich hautnahe Begegnungen mit ihnen, und zweimal hatten wir das riesige Glück, ihnen in Zodiaks nahekommen zu dürfen. Das für mich unglaublichste Ergebnis war, als wir um Mitternacht im warmen Licht der tiefstehenden Sonne bei ganz ruhigem Wetter zwei Buckelwale beim Fressen beobachten durften. Buckelwale sind Bartenwale, das heißt dass sie sich von kleinen Meerestieren ernähren, von Krill oder kleinen Fischen. Damit sie davon möglichst viel auf einmal Schlucken können tauchen die Wale meist in Gruppen von 2-3 Tieren unter den Schwarm und atmen Luft aus während sie im Kreis unterhalb des Schwarmes schwimmen. So bilden sie ein Netz aus Luftblasen, dass den Krillschwarm noch mehr zusammentreibt. Während sie diese Spirale aus Luftblasen bilden schwimmen sie an die Wasseroberfläche, und sind sie dort angekommen befindet sich der gesamte Schwarm extrem komprimiert innerhalb weniger Kubikmeter Wasser: dann heißt es für die 15 Meter lange Wale nur noch: Maul auf und auftauchen!
Praktischerweise können wir diese Luftblasen sehr gut sehen und wissen daher bis zu eine Minute vorher wo ungefähr der/die Wal/e auftauchen werden. An jenem Abend Mitte August war ich einer von sechs Zodiakfahrern, die im großen Halbkreis um den Ort herumstanden, an dem die Wale zuvor aufgetaucht waren. Ich sah dann wieder Blasen aufsteigen, drehte mein Boot in die richtige Richtung und schaltete den Motor komplett aus: allerdings ohne mit eingeplant zu haben, dass das Boot ja noch leicht durchs Wasser glitt. Auch durch die leichte Dünung driftete ich etwa 15 Meter weiter, als ich es geplant hatte, und befand mit plötzlich unmittelbar über dem großen Kreis aus Blubberblasen. Ich vertraute den Walen jedoch einerseits genug (sie würden uns auch ohne den knatternden Motor definitiv bemerken!) und es war andererseits auch zu gefährlich, den Motor wieder anzuschalten und wegzufahren: die großen Tiere würden jeden Augenblick auftauchen und ich wollte sie nicht verletzen. Also sagte ich meinen Gästen, dass sie die Ruhe bewahren sollten und dass gleich unmittelbar neben dem Boot ein oder zwei lastwagengroße Wesen erscheinen würden. Und Tatsache: zehn Meter von uns entfernt bliesen die beiden Wale und zeigten uns ihren Buckel.
Dabei aber blieb es nicht: unmittelbar neben dem Zodiak tauchten sie nacheinander wieder auf – der zweite Wal näher als der erste, zum Anfassen nah. Beim Atemholen blieb es nicht: sie begannen ihren nächsten Tauchgang und hoben ihre Fluken etwa zwei Meter neben unserem Boot aus dem Wasser, ohne Spritzen, sanft und leise, und etwa ziemlich genau so groß, wie unser Zodiak-Gummiboot mit uns 11 Menschen an Bord lang war! Ein Teil meiner Gäste jauchzte vor Freude, wir anderen waren sprachlos – und auch ich wusste gar nicht, wohin mit meinen Gedanken, als ich den Motor wieder anwarf und uns schnell in einen größeren Abstand zu den riesigen Meeressäugern brachte. Ihnen so nahe zu kommen war nicht beabsichtig gewesen: generell sollten wir einen Mindestabstand von 25-30m einhalten, um weder die Wale noch uns zu gefährden. Dennoch war es eines der Erlebnisse diesen Sommers, die sich mir am meisten eingeprägt haben – fantastisch!
Das waren nur ein paar Bilder und Ereignisse des vergangenen Sommers – ich werde mich bald wieder melden, mit neuen/alten Eindrücken der vergangenen Wochen. Bei mir wird es noch zwei Wochen lang garantiert nicht langweilig werden: genauso spontan, wie ich den Job auf der m/s Expedition bekam (das Schiff, auf dem ich die vergangenen zwei Wochen arbeitete), erhielt ich nun das Angebot, nicht mit dem Flugzeug sondern besagtem Kreuzfahrtschiffchen nach Island zu reisen. Die Fahrt führt uns aber nicht direkt auf meine geliebte Insel, sondern wird die Ostküste Grönlands erkunden. Auch hier bin ich angeheuert um als Guide, Zodiakfahrer und Eisbärenwache Touristen und Natur zu beschützen: da ich noch nie in Grönland war (und auch nicht glaubte, dass ich so bald dorthin gelangen würde) freue ich mich natürlich total! Wer hätte gedacht dass ich mit meiner Seekrankheit dann doch so gut klarkommen würde, dass ich diese Art der Schiffsreisen gut überstehen würde?

Das nächste Mal werde ich mich also in frühestens drei Wochen melden – dann vermutlich aus Deutschland. Dort werde ich die kommenden drei Monate wieder zur Landratte mutieren – und von den vielen Erlebnissen zehren, die ich diesen Sommer erfahren durfte.
Auf bald!