Mittwoch, 11. Januar 2012

Der Weg ist das Ziel

Weihnachten verbrachte ich in Vík. Südisland befand sich weiterhin im Griff von Schneestürmen, da war es völlig sinnlos, die Anreise nach Landmannalaugar auch nur zu versuchen. Ich quartierte mich statt dessen in der Jugendherberge im Schlechtwetterloch Islands ein und verbrachte vier wunderschöne Tage am sturmgepeitschen, schwarzen Sandstrand des kleinen Ortes.



Dieser bisher kilometerlange Strand wird seit letztem Sommer leider von einem 300 Meter langen Deich verschandelt. Die Stadtbewohner versuchen irgendwie die Erosion des Meeres zu stoppen, die langsam aber sicher das Land abträgt. Und genauso, schleichend, verändert sich Island Monat für Monat, wird immer weniger wild, immer menschengemachter: ein Deich hier, eine ausgebaute Straße da, ein Toilettenhaus oder ein neuer Campingplatz hier, neue Zäune, Absperrungen und Schilder dort. Was Touristen in ihren ersten Islandreisen gar nicht wahrnehmen können sehe ich mittlerweile mit aller Deutlichkeit: mein Island, das Land, in das ich mich nach dem Abitur Hals über Kopf verliebt habe, existiert eigentlich schon gar nicht mehr. Auch in diesem Naturparadies ist die Natur auf dem Rückzug, und zwar in einem erschreckenden Tempo. Und das zeigen meine Landschaftsfotos ja nie, denn diese deprimierende Tatsache muss ich nicht auch noch fotografieren. Das täte noch mehr weh als ohnehin schon.



Ich hätte mir eine erquickendere Weihnachtsbotschaft gewünscht, aber gut, die Realität ist nun einmal in den seltensten Fällen rosa und ganz gewiss nicht naturfreundlich. Dennoch versuchte ich, mir schöne Tage in Vík zu machen und mich, wie immer, mit diesen neuen Negativbotschaften zu arrangieren. Ein Deich am Strand und jede Menge Touristen, die mir einfach mal so durch Motive rannten, an denen ich schon seit fünf Stunden wartete: man ist selbst im isländischen Winter nicht mehr alleine mit der Natur. Auch hier muss man teilen - auch mit ignoranten Normaltouristen, die keinerlei Rücksicht auf geduldige Fotografen nehmen. Warum auch, die sitzen ja nur regungslos am Strand herum, harren selbst im schlimmsten Wetter unverständlicherweise draußen aus und machen dabei noch nicht mal Fotos von sich selber...



Am 26. Dezember reihte ich mich dann ein in die Liege der Naturzerstörer. Ich wurde von Broddi mit seinem Superjeep abgeholt, der sich allerdings mal eben um 12 Stunden verspätete, weshalb wir die Anreise daraufhin noch einen Tag nach hinten verschoben. Früh am nächsten Morgen starteten wir dann endlich zur langersehnten Fahrt nach Landmannalaugar!



Es war ein Wintertag aus dem Bilderbuche: die Dämmerung tauchte alles in wunderbare Farben. Hekla (die kuppelförmige Erhebung im obigen Bild) zeigte sich wie alle Berge Islands momentan im gänzlich weißen Kleid und täuschte auch mich darüber hinweg, dass sie eigentlich schon seit zwei Jahren unmittelbar vor dem Ausbruch steht.

So schön die Landschaft auch war, durch die wir fuhren, die Ernüchterung kam umgehends: diese Reise würde kein Spaß werden. Unter etwa 30cm feinstem Pulverschnee lag eine Schicht gefrorenen Schnees, die den schweren Jeep mal hielt, und mal nachgab. Darunter befand ich eine weitere Schicht grobkörnigen Schnees, der die Reifen durchdrehen ließ - es war zum Verzweifeln. Zehn Meter Fahren, einbrechen, zurückfahren, Schwung holen, etwas weiter kommen, einbrechen, wieder zurückfahren. Und alle 100 Meter steckten wir dann gänzlich fest und hieß es: raus zum Schneeschaufeln!


Kurzum: es war Superjeepfahren, wie es beschissener nicht sein kann. Ich bin einfach nicht der Typ, der Spaß daran hat, mir mit tonnenschweren Benzinschleudern neue Wege zu bahnen: es hat für mich rein gar nichts nichts mit Naturerfahrung zu tun, eher mit Naturkaputtfahrung. Allerdings stand ich mit der Meinung in der Szene der Superjeepbenutzer gänzlich alleine da: Bilder wie das folgende werden so manchen autobegeisternen Menschen zum sehnsüchtigen Seufzen anregen. Wieso sonst wollen soviele Touristen umbeding eine Superjeeptour unternehmen? Was ist der Reiz der ganzen Sache, außer von A nach B zu gelangen? Ich glaube ich werde diesen "Sport" wohl nie verstehen...



Nachdem wir uns den ersten Berg hinauf- und wieder hinabgequält hatten bekamen wir Verstärkung. Fünf weitere Superjeeps mit Reifengrößen zwischen 38 und 44 Zoll folgten unserer Fährte und spielten sinnlos im Schnee. Die Fahrer: dickbäuchige, biertrinkende Männer zwischen vierzig und fünfzig Jahren alt, jeweils zu zweit in Autos, die jedes für sich vier bis acht Passagiere befördern konnten. Kurzum: es waren Superjeepfahrer aus dem Bilderbuch.
Von nun an wechselten wir uns ab mit dem Bahnen der Spur und fuhren alle wie auf einer Perlenschnur aufgereiht nacheinander.



So ging es Stunde um Stunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von unter zwei Stundenkilometern voran, denn die Schneeverhältnisse änderten sich nicht. Bevor ich den Koller bekam und mein Rücken unerträglich wurde, wanderte ich einfach neben den Autos her und drehte den Männern eine lange Nase, wenn ich sie überholte. Von denen dachte nur einer daran, mal einen Schritt aus den Wagen zu machen: zehn Meter stapfte er durch den Schnee, dann hatte er genug. Verständlich, denn bei dem Körpergewicht sank er so tief ein wie die Autos - das wäre vermutlich auch mir etwas zu mühsam gewesen!



Um 20 Uhr hatten wir die Hälfte der Strecke geschafft, als unser bester Spurbahner einen Motorschaden erlitt. Damit wurde uns die ohnehin anstehende Entscheidung aus den Händen genommen: wir gaben auf uns drehten um.
18 Kilometer in 10 Stunden, weitere 13 Kilometer standen noch an - das war einfach nur sinnlos!

Broddi und ich übernachteten wieder in Hrauneyjar, und als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauten, schneite es wieder. Feinster Pulverschnee, und keine Wetteränderung in Sicht. Nach einer weiteren Stunde aus Telefonaten und dem Beurteilen von Wetterprognosen war klar: Landmannalaugar war abgeschrieben. Die Gruppen, die über Sylvester kommen wollten, hatten abgesagt, und von überall kamen nun Superjeepfahrer zurück, da die Verhältnisse im ganzen Hochland gleich waren: selbst die heißgeliebten und hochgepriesenen Superduperwunderjeeps der Isländer kamen mit den momentanen Schneeverhältnissen einfach nicht zurecht. Auch wenn ich ein bisschen enttäuscht war, so war ich dennoch guter Laune: ich liebe es, wenn die Natur uns Menschen in ihre Schanken weist! Und Landmannalaugar läuft mir ja nicht weg!

Zum Abschluss will ich dann noch ein paar Bilder zeigen, die ich zu Weihnachten in Vík machte und diesen eigentlich totfotografierten Strand mal in ganz anderem Licht zeigen.



Es macht einfach immer wieder Spaß, bekannte Dinge neu zu entdecken, in anderem Wetter, anderen Blickwinkeln und vor allem mit viel Zeit. Zeit, um sich auch auf Details einzulassen, um die Augen mal andere Dinge sehen zu lassen, als das Offensichtliche. Seien es simple Eiszapfen unmittelbar an der zerklüfteten Steilküste, oder von Raben geschaffene Kunstwerke am verschneiten Lavastrand, als sie zwischen den Schneeschauern am Strand nach Nahrung suchten.



Samstag, 7. Januar 2012

Islandchaos

Nun, da ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich schon wieder auf dem Weg nach Svalbard. Einerseits habe ich auf Island neue Energie tanken können und blicke positiv auf die vor mir liegende, äußerst spannende Zeit, andererseits sehne ich mich zurück nach Bewegungsfreiheit und Sonnenlicht. In Longyearbyen hat sich in den vergangenen Wochen ja nichts verändert: hohe Berge, unsichtbare Eisbären und fehlende Infrastruktur engen immer noch ein, die Sonne befindet sich immer noch weit unter dem Horizont, und der Unterricht beginnt auch bald wieder. Auch wenn es ein abenteuerliches Studium ist, so stellt sich doch so etwas wie langweiliger Alltag ein - um diesen komme auch ich nicht herum!

Nun und in den nächsten Blogeinträgen will ich auf die vergangenen drei Wochen zurückblicken. Der hinter mir liegende Islandaufenthalt zählt völlig ohne Zweifel zu den chaotischsten Dingen, die ich je erlebt habe. Besonders und vor allem, weil Island mal wieder eines bewiesen hat: dass man hier patout nichts planen kann. Spontaneität und Chaos gehören eben so sehr zu der kleinen Insel, wie Regelmäßigkeit und Planung zu Deutschland. Das weiß ich ja mittlerweile, und deshalb hatte ich auch nicht viel geplant. Ich habe Hin- und Rückflüge gebucht, mich bei meiner guten Freundin Arianne in Reykjavík für den ersten Tag angemeldet, und vom FÍ die Bestätigung erhalten, dass ich irgendwann über die Feiertage in irgendeiner Hütte würde arbeiten können. Vorzugsweise Landmannalaugar. So der Stand der Dinge, bevor ich nach Island kam.


Die erste Woche wollte ich reisend an der Südküste verbringen, hatte mir dafür extra ein schneefestes Zelt organisiert und mir von Arianne einen Campingkocher ausgeliehen. Am Tag nach meiner Ankunft führte ich ein kurzes Gespräch mit meinen Chef: der 22ste Dezember wurde als Anreisetag für Landmannalaugar festgelegt. Die Wettervorhersage war noch zwei Tage lang gut: dann sollte ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet die Insel erreichen. Also eilte ich noch an diesem ersten Abend in Island per Anhalter Richtung Osten, kam bis nach Skógar, übernachtete dort bei -8°C im Zelt und fand früh am nächsten Morgen ein nettes britisches Paar, das gen Osten wollte und mich willig bis nach Dyrholaey fuhr. Dort schleifte ich meinen Rucksack ein paar hundert Meter über den 20cm tiefen Schnee (tragen darf ich schwere Lasten ob meines mittlerweile chronisch schmerzenden Rückens ja weiterhin nicht), baute mein Zelt sehr notdürftig auf und eilte mich, die Umgebung im restlichen Licht des Tages zu erkunden und potentielle Motive für den kommenden Morgen auszukundschaften.


Als die Sonne untergegangen war machte ich mich daran, das Tunnelzelt sturmsicher im Schnee zu verankern: das dauerte eine geschlagene Stunde. Danach stand für mich fest, dass ich hier mindestens zwei Nächte bleiben würde - und lebte ich die kommenden zwei Tage und Nächte nur fürs Fotografieren und das Genießen der verschneiten Küstenlandschaft. Einige Fotoresultate habe ich ja schon im vorhergegangenen Blogeintrag gezeigt.


Nach zwei kalten Nächten in der winterlich-einsamen Idylle des Türlochfelsens begann es zu schneien und baute ich in Windeseile mein Zelt ab. Ich musste hier weg bevor der angekündigte Schneesturm die Straße zuschneite: ich zog mein Gepäck ja auf Rollen übers Eis, und das wäre bei Schneefall nicht möglich gewesen. Aber wie immer hatte ich Glück: von den zwei Autos, die mir an diesem Morgen begegneten, hielt das erste schon auf dem Hinweg nach Dyrhólaey an und bot mir an, mich auf dem Rückweg mitzunehmen. Eine Stunde später war ich in der Jugendherberge in Vík und freute mich dort vor allem auf eines: auf eine warme Dusche!


Leider machte ich den Fehler, unmittelbar nach meiner Ankunft mein Handy einzuschalten - das sofort klingelte. Mein Chef Palli war dran und fragte, ob ich am nächsten Morgen eine Busrundfahrt begleiten könne. Eine Gruppe Norweger suchte einen norwegischsprechenden Guide, der ihnen etwas über die Kultur Westislands erzählen konnte.

Och neeee - verflixt und zugenäht! Ich hatte echt keine Lust! Erstens hatte ich mich schon auf vier weitere Fototage bei Vík und Jökulsárlón gefreut, zweitens war ich nicht in der Stimmung zu arbeiten, drittens befand ich mein Norwegisch als nicht gut genug, und viertens hatte ich nicht die geringste Ahnung über Kultur in Westisland. Aber Palli war so eindringlich, dass ich zusagte: er war mir schon so oft entgegengekommen, und jetzt war ich an der Reihe. Also habe ich mich ohne die ersehnte Dusche wieder aus der Jugendherberge ausgecheckt, bin im letzten Licht des Tages nach Reykjavík getrampt, wo ich spontan wieder bei Arianne unterkam und die letzten Stunden des Tages damit verbrachte, westisländische Geschichte und Kunst zu büffeln. Allerdings erst nachdem ich mit Ariannes Familie noch eine Eiskunstlaufdarstellung besucht hatte, bei der die älteste Tochter der Familie mitwirkte und ich die Bilder fürs Familienalbum machte.





Am nächsten Morgen brachte ein äußerst dankbarer Palli mich zum Hotel, wo ich meine Gruppe aus 13 tanzenden Rentnern von den Lofoten kennenlernte. Palli blieb ein paar Minuten dabei, offensichtlich neugierig auf meine Norwegischkenntnisse, die (wie ich erstaunt feststellte) weitaus besser als seine waren. Was folgte, war im Endeffekt ganz lustig: ich sagte unserem Fahrer wo es hingehen sollte, und stotterte auf Norwegisch all das Wissen von mir, was ich mir in der Nacht zuvor angelesen hatte. In Borgarnes schleppte ich die Gruppe in ein Museum, wo alle eine Stunde lang einer interessanten Tonband-Führung auf Norwegisch folgten. Auf dem Rückweg von Reykholt erlebten wir später einige bange Minuten, weil vor uns zwei Autos und ein Bus von heftigsten Windböen von der Straße geweht wurde. Der angekündigte Sturm war da.

Nach einem langen Tag entließ ich eine zufriedene und müde Rentnergruppe in ihr Hotel. Nun hatte ich noch zwei Tage zu überbrücken, bevor es auf nach Landmannalaugar ging. Da die Wettervorhersage schlecht war, reiste ich lokal und fotografierte in Reykjavík und Hveragerði Weihnachtsbeleuchtung. Nachdem ich jetzt schon über längst verstorbene Wikinger gepredigt, im norwegischen Kreise über die Gründe der Finanzkrise spekuliert und pirouettendrehende Isländerinnen fotografiert hatte, war mir alles egal - ich befand mich ganz offensichtlich in einem akuten Anfall von Kulturwahn...


Während ich am Tag der Wintersonnwende meine Einkäufe für meinen zweiwöchigen Landmannalaugaraufenthalt tätigte, sah ich in einem Laden einen Stapel einfachster Plastikschlitten stehen und hatte eine Idee: ich würde mir für meinen Fotorucksack einen Mini-Pulka basteln! Dann bräuchte ich wirklich gar nichts mehr tragen und konnte meine mittlerweile extrem schmerzende Wirbelsäule entlasten. Gesagt, getan - ein paar Stunden später zog ich meine Einkäufe auf einem blauen Kinderschlitten über den Schnee und freute mich an dieser rückenschonenden umweltfreundlichen Transportvariante, die ich von nun an täglich einsetzen sollte - dem Schnee sei dank!

Fortsetzung folgt bald...

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Weihnachten in Island

Island empfing mich mit strahlendem Winterwetter. Seit fast drei Wochen herrscht hier tiefster Winter: Schnee im ganzen Land, Temperaturen von teilweise unter -10°C und traumhafte Lichtverhältnisse. Davon bekommt man aber, wie immer, in der Großstadt Reykjavík gar nichts zu sehen: dort empfängt einen stattdessen eine Überdosis Kitschweihnachten. Schon im Flugzeug fing die Berieselung mit Weihnachtsmusik an: auf Isländisch wohlbemerkt, die Isländer sind ja viel zu kreativ und selber zu stimmgewaltig und singfreudig, als dass sie die Weihnachtszeit von ausländischer Musik dominieren lassen würden...

Ganz nach amerikanischer Art lieben die Isländer den Weihnachts-Lichterkitsch. Alles, was weihnachtlich ist, muss leuchten - einfach nur Stoffweihnachtsmänner auf Strickleitern vom Dach hängen zu haben wäre "voll out" ohne die dazugehörige Beleuchtung. Ich bin vermutlich momentan der einzige Mensch auf Island, der die Tage hier als lang bezeichnet: vier Stunden Sonnenschein plus jeweils zwei Stunden Dämmerung sind in meinen Augen wahnsinnig hell und lang, zumindest verglichen mit 24 Stunden ewiger Nacht. Aber die Isländer sind da definitiv anderer Meinung und versuchen Licht ins Dunkel zu bringen. Darauf haben sie sich vor allem mit Lichterketten spezialisiert. Aus Nichts machen sie etwas: aus Drahtgestellen werden Weihnachtsbäume und aus klapprigen Fahrrädern werden Lichtbringer. So etwas habe ich bisher aber auch wirklich nur in Island gesehen!


Die Krönung der isländischen Lichtsucht sind aber ohne Frage die Friedhöfe. Während es in fast allen anderen Ländern der Welt verboten ist, mit Strom auf Friedhöfen zu hantieren, verwandeln sich diese in Island zur Weihnachtszeit immer in eine Stolperfalle aus Verlängerungsschnüren. Denn es ist ja logisch: was den lebenden Isländern gefällt, das soll auch den Verstorbenen nicht verwehrt bleiben! Wenn es schon im Grabe so finster ist, dann soll es zumindest über der Erde hell sein: im Sommer wie im Winter!


Mich interessierte aber zugegebenermaßen weniger der mir bestens bekannte isländische Weihnachtswahnsinn als viel mehr der Aufenthalt in der Natur: ohne Eisbärenauffressgefahr und mit Sonnenschein. Und so fuhr ich mit dem ersten Bus Richtung Osten und verbrachte drei Tage im Zelt bei Dyrhólaey, einer versandeten Felseninsel ganz im Süden von Island. Dort wollte ich vor allem eines: die Sonne wiedersehen und meine Ruhe haben. Und beides bekam ich en masse: Island schenkte mir zwei wunderschön-kalte sonnige Tage, die ich am rauschenden Nordatlantik verbrachte.



Worte können wie immer schwerlich beschreiben, was ich erlebte, und auch meine Fotos geben nur eine Ahnung davon, wie wunderschön die Lichtstimmungen der kurzen, farbenfrohen Mittwintertage waren. Von daher will ich jetzt einfach nur die Bilder sprechen lassen: dies sind also ein paar Eindrücke vom winterlichen Dyrhólaey.


An dieser Stelle möchte ich euch zur Wintersonnwende gratulieren: ab sofort werden die Tage wieder länger! Auch ein frohes Weihnachtsfest will ich euch wünschen, so fern ihr es denn feiert. Ich weiß noch nicht genau, was ich machen werde; morgen wird es sich herausstellen, ob ich schon vor Weihnachten nach Landmannalaugar reisen kann, oder ob ich doch erst nach den Feiertagen meinen Ferienjob als Hüttenwart antreten kann. Wir werden sehen!

Wie dem auch sei: schöne Feiertage wünsche ich euch, und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Hier noch der Link zum vergrößerbaren Weihnachtsgruß:
http://farm8.staticflickr.com/7007/6553666221_ddb7433547_b.jpg

Montag, 12. Dezember 2011

Lichtereignisse

In den vergangenen Tagen gab es zwei große Ereignisse, von denen ich berichten will, bevor ich mich für drei Wochen abmelde. Ich entfliehe der Dunkelheit und Langeweile nach Island, wo ich über die Feiertage als Hüttenwart arbeiten werde! Aber dazu mehr gegen Ende dieses Eintrags!

Hier in Longyearbyen gibt es nur eine einzige Stromquelle: und das ist das Kohlekraftwerk. Fällt es aus dann ist die gesamte Stadt unmittelbar betroffen. Und genau das geschieht hier im Schnitt etwa im Monat. Für mich ist das immer ein Spektakel sondergleichen: ich liebe es, wenn das gesamte Leben stillzustehen scheint, bloß weil der Strom fehlt! Unsere Zivilisation ist so dermaßen abhängig von Elektrizität dass wir gar nicht mehr wissen wie es auch ohne geht! In Deutschland ist man durch das Stromnetz ja immer an viele Kraftwerke angeschlossen und steht so gut wie nie ohne das kostbare Gut da, das meiner Meinung nach als viel zu selbstverständlich angesehen wird. Und daher jauchze und jubele ich immer, wenn plötzlich der Strom weg ist - und verlasse wenn möglich das Haus, um durch die stromlose Stadt zu gehen.

Mittendrin und hinterher: das obige Bild zeit den stadtweiten Stromausfall, als der Ersatzgenerator lief und zumindest die Gebäude des Zentrums wieder mit Licht versorgte. Bild Nummer Zwei zeigt Longyearbyen in seinem normalen Winterkleid: beachtet vor allem den Wiederschein des roten Lichtes auf den Bergen und die veränderte Himmelsfarbe!

Nach ein paar Minuten der Dunkelheit beginnt das immer wieder lustige An-und-Aus-Spiel der Techniker. Der Strom geht in einem Stadteil an - und wieder aus. Dann gehen die Straßenlampen an - und wieder aus, dann brennt in Nybyen das Licht UND funktionieren die Straßenlampen, und dann ist wieder alles schwarz. Es macht immer wieder Spaß das Spektakel zu verfolgen, besonders jetzt im dunklen Winter.

Vorgestern dauerte der Stromausfall so lange, dass ich mit meiner Kamera aktiv werden konnte. Nach einer halben Stunde hatte das Zentrum wieder Strom, da der große Ersatz-Dieselgenerator angeschmissen wurde, der lieferte aber nicht genug Energie für die gesamte Stadt. Bis der Fehler im Kohlekraftwerk behoben war verging eine weitere halbe Stunde: in der ich es genoß, die umliegende Landschaft ohne Lichtverschmutzung sehen zu können. Der Vollmond warf sein helles Licht auf die Berge, die eben nicht grell orange angestrahlt wurden, und der Himmel über der Stadt war blau, nicht lila. Plötzlich sah ich sogar Nordlichter - vielleicht sind diese ja doch häufiger, als ich es immer dachte!

Als das Licht dann zurückkam, hatte ich eine ganze Serie fotografiert: beginnend im totalen Stromausfall und endend ein paar Minuten nach Rückkehr zur Normalität, als die orangefarbenen Straßenlampen wieder mit voller Kraft strahlten.


Am 10. Dezember kam es zu einem weiteren Lichtereignis, das ich schon seit Wochen mit Spannung erwartet habe: eine totale Mondfinsternis. Svalbard war der südlichste Außenposten in Europa, von dem aus die Totalität sichtbar war, denn die konzentrierte sich auf die Pazifikstaaten inklusive USA und Australien. Ich hatte keine allzu großen Hoffnungen auf den Tag gesetzt, weil sich das Wetter als zu unstet erwiesen hatte: der Himmel ist seit Wochen fast durchgehend bewölkt. Doch das gute Wetter hielt nach dem Stromausfall noch einen Tag an: und so kam ich in den Genuß meiner ersten komplett erlebten Mondfinsternis. In einem Zeitraum von sechs Stunden durchwanderte der Mond den Schatten der Erde. Dies ist nur bei Vollmond möglich, weil nur dann die Sonne genau hinter Erde steht und diese ihren Schatten auf den Mond werfen kann.


Zuerst konnte man dem Mond dabei zusehen, wie er an einem Ende angeknabbert wurde: das Ganze schritt mit erstaunlicher Geschwindikeit voran. Und als der Vollmond zum Halbmond geworden war, da begann man die im Schatten liegende Seite zu sehen. Diese leuchtete erst bräunlich, dann kupferfarben und gegen Ende dunkelrot!

An diesem Tag begriff ich zum ersten Mal, wie groß der Erdtrabant eigentlich ist! Unser Mond hat zwar 1/81 der Erdmasse, aber dafür den Viertel des Erdumfangs. Das ist verdammt groß! Seine Außmaße wurden für mich sichtbar, als er den Erdschatten durchwanderte, in den er etwa zweimal nebeneinander hineinpasste. Bei all der Entfernung ist der Schatten der Erde dann doch "nur" so klein gewesen - erstaunlich!

Noch ist die Totalität nicht erreicht, doch die im Schatten liegende Seite wirkt schon rot!

Jetzt könnte man ja meinen, dass da, wo Schatten ist, kein Licht sein sollte und der Mond eigentlich so wenig sichtbar sein sollte, wie der Neumond. Das stimmt aber nicht, weil sich eben doch eine Menge Licht in der Atmosphäre zwischen uns befindet. Diese streut das Restlicht: blaue Wellenlängen werden dabei mehr gestreut, als rote. Außerdem befand sich der Mond nicht komplett auf der Nachtseite der Erde und wurde teilweise von den Gegenden der Welt angeleuchtet, an denen gerade keine Nacht mehr herrschte.

Der rote Mond über den von Longyearbyen erhellten Bergen der anderen Fjordseite

Insgesamt sechs Stunden dauerte die Finsternis, wobei die totale Phase, also der komplett rote Mond genau 60 Minuten in Apspruch nahm. Auch die gesamte Veränderung von gleißend heller Vollmondnacht zum pechschwarzen Himmel war sehr seltsam, denn normalerweise dauert dieser Prozess ja einen halben Monat, nicht zwei Stunden. Es war ein sehr ungewohnter Anblick, einen braun-rot gefärbten Mond am dunklen Himmel stehen zu sehen! Es ließen sich sogar extrem schwache Nordlichter blicken - ein schaurig-schönes Naturschauspiel!

Eine Montage, um die verschiedenen Stadien direkt vergleichen zu können:
Der Mond vorher - im Übergang - und während der Totalität

Und damit will ich mich dann auch fürs Erste von euch verabschieden! Ich habe mich relativ spontan dazu entschlossen, der Langeweile und Arbeitslosigkeit der sechswöchigen Weihnachtsferien zu entfliehen und die Feiertage in Island zu verbringen. Diese letzten Zeilen tippe ich schon in Oslo: nach einem vierstündig verspäteten Flug ans norwegische Festland bestaune ich gerade die Helligkeit eines ungemütlichen Regentages. In drei Stunden geht mein Weiterflug nach Island, wo ich mich auf mindestens eine Woche Zelturlaub bei hoffentlich unter Null Grad freue! Anschließend plane ich, für weitere zwei Wochen Landmannalaugar zu arbeiten, bevor ich die zweitägige Rückreise nach Spitzbergen wieder antreten werde. Einen Weihnachtsgruß werde ich mit Sicherheit noch versenden! :-)

Viele liebe Grüße,
Eure Kerstin

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Zwischen Himmel und Erde

Der November, so heißt es, ist auf Spitzbergen der schwierigste Monat des ganzen Jahres: die Sonne ist fort, die Kälte kommt, das Wetter ist schlecht und die Stimmung im Keller. Der einzige Lichtblick sind die langen Weihnachtsferien, die für viele schon Anfang Dezember beginnen. Weihnachtsferien, das bedeutet für viele der knapp 2000 Einwohner die Flucht gen Süden, hinein ins Licht und hin zu netten Menschen, die man nicht tagtäglich sieht. Fast alle der insgesamt über 200 Langzeitstudenten an Unis hatten Ende November ihre letzten Pflichtvorlesungen - und eilen sich nun nach den Prüfungen die Insel zu verlassen. Tourismus gibt es um diese Jahreszeit kaum, folglich sind alle Guides woanders, und auch fast alle anderen Jobs vergeben wochenlange Weihnachtsferien. So kommt es dass sich auch viele Familien aufs norwegische Festland begeben, um die Weihnachtszeit bei ihren Verwandten zu verbringen.

Das letzte gemeinschaftliche Ereignis in großer Runde war der Weihnachtsumzug am ersten Advent. Nach einem Fackelzug durchs Dorf, an dem mehrere Hundert Erwachsene und Kinder teilnahmen, versammelten sich alle um den einzigen (und dann auch noch nur temporären) Baum auf Svalbard: den Weihnachtsbaum, der extra aus Norwegen hergeschifft wurde. Gemäß norwegischer Tradition trugen viele Kinder lange rote Zipfelmützen, bildeten mehrere Kreise um den Baum und umrundeten ihn singend.

Begleitet wurden die Festlichkeiten vom örtlichen Blasorchester, das aufgrund der niedrigen Temperaturen (-20°C) allerdings nur im Eingang des Einkaufscenters blieb. Die von Lautsprechern verbreitete Weihnachtsmusik lockte so manch neugieriges Kind an: es gibt hier mehr als dreihundert Minderjährige, eine große Schule die bis zum Abitur führt und sage und schreibe drei Kindergärten!


Nun aber ist es wie gesagt sehr still geworden, und täglich verlassen mehr Menschen die Insel. Die Stimmung ist wieder gut, die Verbliebenen freuen sich wieder auf die kommenden Wochen und sind vielen Dingen gegenüber offener eingestellt. So bekamen wir über das Studium dann auch die Möglichkeit, zwei typisch svalbard'sche Institutionen zu besuchen!

Wer hier in Longyearbyen nicht in der üblichen städtischen Infrastruktur arbeitet, der hat nur drei weitere Möglichkeiten: entweder er verdient sein Geld mit Tourismus, mit Kohleabbau oder in der Wissenschaft. Neben dem Universitäts- und Forschungszentrum UNIS, das 200 Leute beschäftigt, gibt es hier noch eine weitere große Institution: "Svalbard Satellite Station", hier besser bekannt als SvalSat.

SvalSat ist die weltweit größte Satelliten-Empfangsstation ihrer Art. Auf dem Plateau des Platåfjellet (Na? Was bedeutet der Name wohl?) stehen 31 hochmoderne Antennen, kleine bis riesengroße, die meisten von ihnen in großen weißen Kugeln versteckt. Aus der Ferne schaut das Gelände aus, als lägen hier riesige Golfbälle verstreut...


Die weißen Kuppeln sind nichts anderes als dünne Schutzwände, die Sturm und vor allem Schnee von den Antennen abhalten sollen. Was ich hier als "Antenne" bezeichne, sind im Grunde genommen die großen Brüder unserer heimischen Satellitenschüsseln: bloß dass sie statt einem Meter mal eben sechs Meter und mehr im Durchmesser messen. Diese Ungetüme sind voll beweglich und werden von Computern in alle nur denkbaren und undenkbaren Positionen gedreht - ein beeindruckender Anblick!


Aber warum stehen diese riesigen, energiefressenden Dinger unbedingt auf Svalbard? Der Grund sind die sogenannten "polar orbiting satellites": eine große Anzahl von Satelliten, welche sich in einer Pol-zu-Pol-Umlaufbahn um die Erde befinden. 14 mal täglich kommen sie am Nord- und am Südpol vorbei, aber dabei nur zweimal über Deutschland, denn beim nächsten Umlauf passieren sie beispielsweise Kasachstan, dann China, dann Japan, dann den Pazifik... Bei jedem Umlauf sammeln die Satelliten Daten, die von irgendwem genutzt werden wollen. Um diese Daten abzurufen, bedarf es Bodenstationen wie SvalSat. Auch eine so große Antenne wie die oben gezeigte braucht Sichtkontakt, um mit einem Satelliten zu kommunizieren: verschwindet dieser hinter dem Horizont oder hohen Bergen, dann war's das. Während eine Bodenstation in Deutschland nur 2-8 mal täglich in der Lage ist, einen Satelliten anzufunken, schafft SvalSat das aufgrund seiner Nähe zum Nordpol garantierte 14 Mal am Tag.



Wie ein riesiger Pilz steht die Antenne in ihrer Kuppel; ihr äußeres Ende ist dabei immer nur wenige Zentimeter von der Wand entfernt. Der Kopf ist in alle Richtungen beweglich, um die Radiosignale direkt an den jeweiligen Satelliten richten zu können. Sie muss sich auch während des Sendens und Empfangens in gleicher Geschwindigkeit mit dem Satelliten bewegen - weshalb sie sich um alle Achsen in teilweise sehr schnellem Tempo drehen kann!

Diese Ansammlung von Antennen verlang ein ganzes Haus voll mit riesigen Hochleistungscomputern. Das Fotografieren war dort strengstens verboten aus Angst vor Industriespionage. Es war eine große Halle mit Reihen aus grauen und weißen zwei Meter hohen Kästen, die alle summten und brummten und eine Mordshitze produzierten. Zwei Techniker wuselten rund um die Uhr um diese blinkenden Kästen, schraubten und tippten und hielten alles am Laufen. Insgesamt 25 Mann Personal beschäftigt SvalSat auf Svalbard, diese kümmern sich um die Technik und werten teilweise auch einige Daten aus. Der größte Teil der gewonnenen Informationen wird allerdings über ein eigens verlegtes Unterseekabel nach Tromsø geleitet, das es übrigens auch mir ermöglicht, mit euch zu kommunizieren: denn ohne dieses Kabel gäbe es hier keine Internetverbindung!

In Tromsø beschäftigen sich dann noch einmal 300 Menschen mit dem Auswerten der Daten und dem Weiterleiten an die Auftraggeber: das gibt eine Ahnung davon, wieviel Information diese Antennen herunterladen.
Übrigens: SvalSat gehört zur Kongsberg-Gruppe, einer privaten norwegischen Firma welche rein nicht-militärische Aufträge Satellitenfirmen erledigt. Das sind meteorologische Institute welche Wetterdaten haben wollen, das sind Ölfirmen und NGOs, welche Ölflecken um ihre Bohrinseln aufdecken wollen, das sind NASA und ESA, die mit ihren Raumfahrzeugen kommunizieren wollen, und und und. Die Liste der Kunden und Nutzungen ist lang, aber eines wurde wurde ausdrücklich betont: mit dem Militär bestände keinerlei Zusammenarbeit.
Nun denn. Jetzt wissen wir das auch!

Gruve 7 und die naheliegenden Radar-Antennen, die zum UNIS-Projekt "SPEAR" gehören

Mindestens ebenso lehrreich wie die Visite bei SvalSat war der Besuch von
Gruve 7. "Grube 7" ist die letzte aktive Kohlemine hier im Tal, die nur noch im kleinen Stil betrieben wird, gerade genug, um Longyearbyen mit Kohle für das Kohlekraftwerk zu versorgen. 80.000 Tonnen Kohle werden hier pro Jahr gefördert, davon verbrennt Longyearbyen 30.000 Tonnen und wird der Rest nach Europa verschifft, wo die Kohle in der Metallindustrie verbraucht wird.


Kohleabbau war schon immer der Hauptwirtschaftszweig auf Spitzbergen, alle Herren Länder haben es früher oder später einmal versucht: Holländer, Franzosen, Deutsche, Schweden suchten hier im 20. Jahrhundert das schwarze Gold. Heute gibt es nur noch zwei aktive rentable Minen: die norwegische in Svea und die russische in Barentsburg. In Svea sind 300 Leute beschäftigt: die leben dort aber wirklich nur während der zweiwöchigen Schicht und reisen dann entweder für zwei Wochen nach Longyearbyen oder zurück ans Festland. In Gruve 7 allerdings arbeiten momentan nur 23 Menschen, und davon sind nur eine Handvoll Bergarbeiter - mehr werden nicht benötigt.

Bent beispielsweise hat schon 23 Jahre als Bergmann auf Spitzbergen gearbeitet. Als wir ihn trafen, bediente er gerade eine Maschine namens Continous Miner. Dies ist ein flacher Bohrer mit Fließband: vorne graben sich stählerne und in alle Richtungen bewegliche Klauen in die Kohle und brechen diese aus dem Berg. Diese wird von einem Förderband nach hinten geschoben und gesammelt.

Dezimeter um Dezimeter fräste sich dieer Metallmaulwurf in den Berg, immer gesteuert von Bent über eine laptopgroße, drahtlose Fernbedienung. Kohlestaub lag in der Luft: ich fühlte mich urplötzlich nach Island zurückversetzt! Statt Vulkanasche war es diesmal Kohlestaub, der überall seinen Weg hinein fand: in die Augen, zwischen die Zähne und leider auch in meine Kamera, die jetzt eine Vollreinigung braucht. Aber der Gefahr war ich mir ja völlig bewusst!

Bent hatt ein Messgerät am Anzug stecken, das ihn über die Methanwerte sowie den Kohlenstaubanteil der Luft informierte. Sämtliche Maschinen im Berg sind elektisch betrieben: der von ihnen aufgewirbelte Kohlestaub ist hochentzündlich, der Einsatz von Verbrennungsmotoren wäre hochgefährlich. Selbst ich mit meiner Kamera stellte eine Gefahr da und musste erst Bent messen lassen, bevor er mir das OK zum fotografieren gab.


Alle 5 Minuten kamen Jan oder Sven-Tore in sehr lustigen, niedrigen Transportmaschinen angefahren. Sie steuerten ihr Fahrzeug im Liegen und nahmen all die Kohle entgegen, die Bent und sein Continuous Miner in den vorhergegangenen Minuten geschürft hatten. Das Kohleflöz war an dieser Stelle relativ dick: Bent konnte problemlos stehen. Die Maschinen können und müssen allerdings auch in nur ein Meter breite Gänge einfahren: deshalb waren sie so niedrig gebaut und müssen die Fahrer liegen.

Kohlrabenschwarz waren wir, als wir nach zwei Stunden das Bergwerk wieder verließen, staunend, beeindruckt und fröhlich. Nicht viele Menschen bekommen Eintritt in Gruve 7 und die Möglichkeit zu diesem wirklich höchst interessant Besuch unter Tage. Wir empfanden es alle als großes Privileg, den Arbeitern einer aktiven Kohlemine über die Schulter zu schauen - denn in gewisser Weise ist es ein aussterbendes Handwerk!


Sonntag, 20. November 2011

Dunkel war's...

... der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
als ein Auto blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Wohl jeder kennt den Anfang des Lügengedichtes "Verkehrte Welt", das später von schlittschuhlaufenden Hasen und einer Kuh im Schwalbennest berichtet. Ich weiß nicht, ob ihr jemals über den Wahrheitsgehalt dieser Zeilen nachgedacht habt - wahrscheinlich braucht man eine Kombination aus Langeweile und Zeit, um dies zu tun... Gut, dass ich gerade über beides verfüge!

So lustig und abstrus das Gedicht auch sein mag: diese erste Stophe klingt für mich seit neuestem eher philosophisch als spöttisch. Schnell-langsam um die Ecke zu fahren bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn man das mit einem Auto auf Glatteis tut. Auch Schnee auf grüner Flur ist etwas, das ich jedes Jahr mindestens einmal erlebe. Und als vor genau einer Woche Vollmond war und ich um die Mittagszeit Sterne zählte, da bekam auch die erste Zeile eine ganz neue Bedeutung. Der Mond kann sogar hell am dunklen Tag scheinen - so sureal ist die "verkehrte Welt" gar nicht!

Der Blick aus meinem Fenster an einem selten schönen und hellen Abend!

Der Einstieg in die Polarnacht ist eine wahrlich interessante Erfahrung! Nachdem der Polartag so ewig lange dauerte und es partout nicht dunkel genug fürs Polarlicht werden wollte, ging nun alles Schlag auf Schlag. Innerhalb eines Monats verwandelte sich der lange Tag in eine ewige Nacht: es war, als habe jemand von jetzt auf gleich den Lichtschalter umgelegt.
Dies geht an niemandem spurlos vorüber: hier kämpft gerade jeder mit physischen wie psychischen Problemen. Schlafstörungen sind an der Tagesordnung; es ist beinahe ungewöhnlich, wenn Leute keine tiefen Ringe unter den Augen haben oder problemlos um 8 Uhr morgens aus dem Bett kommen. Der plötzliche Entzug von Licht nimmt einem jeglichen Tagesrhythmus: um die Mittagszeit könnte man vor Müdigkeit einschlafen und nachts wälzt man sich dann putzmunter im Bett umher. Dann um 9 Uhr zur Vorlesung anzutanzen scheint geradezu Folter zu sein!

Genauso heftig wie der verlorene Biorhythmus ist allerdings auch der psychische Effekt der Polarnacht. Die Dunkelheit engt einen ein: selbst ich, welche ich die Nacht liebe, fühle mich eingesperrt in der Stadt, dem engen Tal und den hohen Bergen. Der Drang, neue Gegenden zu erkunden, ist wie weggeblasen. Überhaupt sind "Lust" und "Energie" Worte, die momentan selten fallen. Alles konzentriert sich jetzt auf den Alltag sowie das Soziale, sprich: auf Tätigkeiten, die in hellen Häusern stattfinden. Schwimmbad, Turnhalle und Fitnesscenter erleben einen Ansturm, die Chöre sind am Dauerproben, es werden Sprachkurse, Kochkurse, Strickkurse und sogar ein Eisbärhypnosekurs angeboten. Zu letzterem erschien eine große Menge neugieriger Menschen aber kein Lehrer - der Witzbold, der diesen Lehrgang ausgeschrieben hatte, wollte sich nicht zeigen...

Gesellschaftsspiele erfreuen sich bei Skandinaviern jederzeit größter Beliebtheit: auch und besonders wenn es sonst nichts anderes zu tun gibt. Norweger kennen unglaublich viele verschiedene Kartenspiele: ihr Wissen und Enthusiasmus bei allem, was kleine Spielkarten angeht, ist wirklich erstaunlich!

Mittag des 18. November 2011: stockfinster wird es noch nicht, aber "hell" kann man das auch nicht mehr nennen. Dies ist die Aussicht von Longyearbyens Küste hinauf ins Longyeardal, Richtung Süden...

... und dies der Aublick von derselben Stelle in Richtung Norden. Der Himmel ist dunkel genug, um im Norden viele Sterne ausmachen zu können, und die Berge erleuchtet vom Restlicht der weit entfernten Sonne sowie dem rötlichen Licht der großzügigen Stadtbeleuchtung. Und das Weiße im Vordergrund ist gefrierende Brandung. Temperaturen von im Durchschnitt -10°C lassen das Meer langsam aber sicher abkühlen. Nicht mehr lange, und es werden Eisschollen auf dem Fjord treiben!

Ein kleiner Rückblick: Noch vor zwei Wochen war es mittags immerhin noch so hell, dass die ebenfalls unter dem Horizont stehende Sonne ein paar Wolken anstrahlen konnte. Gefühlsmäßig scheint dies aber viel, viel länger zurückzuliegen als nur 14 Tage...

Der Mast ist übrigens ein gut erhaltenes Stück "cultural heritage" (freie Übersetzung von mir: "Kulturschrott") - ein Überbleibsel der Seilbahn, die bis vor drei Jahrzehnten noch Kohle von den Mienen zum Hafen tansportierte. Heute haben sie hier nichts besseres zu tun, als die Dinger von unten anzuleuchten und die ohnehin nicht geringe Lichtverschmutzung der Stadt dadurch noch zu verstärken... Der Mensch tut hier oben wirklich alles, um bloß nicht das Gefühl zu haben, mit der Natur zusammen zu leben!

Aber manchmal, so etwa einmal im Monat, setzt sich Mutter Natur dann doch gegen den Lichtsmog der Stadt durch und schenkt all jenen, die noch aus dem Fenster schauen oder zu Fuß unterwegs sind, ein Feuerwerk sondergleichen. Wenn man dann noch ganz viel Glück hat, dann heißt man Kerstin und ist genau zu dem Zeitpunkt mit der Kamera draußen, als die Aurora am hellsten erstrahlt!


An den allermeisten Abenden aber lässt sich hier kein Polarlicht blicken. Das hängt einerseits damit zusammen, dass letzten Monat generell wenig Nordlichter zu sehen waren, andererseits sind wir wohl tatsächlich zu weit nördlich für garantierte Sichtungen. Es ist ironisch: ich bin so weit im Norden unseres Planeten wie noch nie zuvor, habe aber dennoch in etwa so große Aurorasichtungschancen wie in Nordengland. Der Nordlichtgürtel ist sehr schmal und liegt normalerweise genau über Island und Nordnorwegen - nicht aber über Svalbard!
Tja, nun weiß ich das auch, man lernt halt immer dazu...

Doch zum Glück braucht man ja nicht nur Polarlichter, um sich nachts draußen aufzuhalten. Man kann ja auch Sport und Spiel als Anreiz nehmen und beispielsweise einen "Kite" steigen lassen, einen großen Drachen in Gleitschirmform, und damit lustige Muster an den Nachthimmel malen.

Entfernt man sich dann noch weiter von der Stadt, dann wird es dank der Abwesenheit der Aurora auch möglich, Aufnahmen vom Sternenhimmel zu machen, genauer gesagt von der Mitte unserer Galaxie, der wir den Namen Milchstraße gegeben haben. Die klare, kalte Luft und die Abwesenheit der menschlichen Zivilisation lässt einen so viele Sterne entdecken, dass man von Dunkelheit gar nicht mehr reden kann - ein atemberaubend schöner Anblick!