Samstag, 25. Juni 2016

TEDxDundee

Der vergangene Mai war ein ziemlich aufregender Monat für mich: ich wurde nämlich als Sprecher auf eine TEDx Konferenz eingeladen.

TED steht für Technologie, Entertainment und Design und ist eine alljährliche Innovations-Konferenz in den USA, welche das Ziel hat, Kurzvorträge der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Die Ausrichtung der Innovationskonferenz hat sich über die Jahre erweitert und umfasst mittlerweile auch Themen wie Business, globale Themen, Kultur, Kunst und Wissenschaft. Politik und Religion werden absichtlich ausgeschlossen. Das Motto lautet „ideas worth spreading“  - „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“. Jeder Vortragende hat dabei maximal 18 Minuten Zeit, seine Idee persönlich und ansprechend zu präsentieren.

TEDx-Konferenzen sind weltweit unabhängig organisierte TED-Konferenzen, die den gleichen Regeln folgen. Auf eine solche Konferenz wurde ich am 21. Mai eingeladen: und zwar nach Dundee an der schottischen Ostküste. Als Thema hatte ich mir den Klimawandel in der Arktis ausgesucht, sowie meine Erfahrungen mit der Situation der Eisbären.
Zuvor hatte ich mir drei Wochen lang Zeit gegeben, die Rede vorzubereiten, denn ich war ziemlich aufgeregt... Ich habe zwar durch die Inseln des Nordens schon auf vielen Bühnen gestanden, aber dies war dennoch eine große Herausforderung. Erstens fand das ganze auf Englisch statt, was an sich kein Problem war, ich beherrsche diese Sprache gut genug - aber es ist halt eben doch nicht meine Muttersprache. Was mich aber viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass ich das Ganze frei halten sollte - also ohne Stichpunkte, ohne Spickzettel oder sonstige Hilfen. Da werden 18 Minuten zu einer ganz schön lang erscheinenden Stolperstrecke! Und als wäre das noch nicht genug, waren da mehrere Kameras, welche mein Geschwafel aufzeichneten. Das Wissen und neue Ideen allen verfügbar zu machen ist einer der Kerngedanken dieser Veranstaltungen, weswegen hinterher alle Vorträge auf Youtube gestellt werden.

(c) TEDxDundee


Und so war ich dann eine von 8 Vortragenden, die an diesem Tag auf der vierstündigen Konferenz gesprochen haben. Es war ein kleines Event, organisiert von sehr motivierten Studenten, die mir die Ehre gaben, als erste zu sprechen. Ich war total glücklich damit, denn so konnte ich die folgenden Stunden über entspannen!
(c) Lauren Currie
Technisch lief nicht alles perfekt; man sieht im Video nicht, dass wir Sprecher alle Probleme mit dem Weiterschalten der Folien hatten. Dies brachte mich mehrmals aus dem Takt - aber irgendwie ging es weiter, und ehe ich mich's versah, war ich am Ende angekommen.

(c) TEDxDundee
Drei Wochen vergingen, in denen die Videos geschnitten und zur Mutterorganisation in den USA geschickt wurden, welche jedes Video "absegnet" und freischaltet. Das ist nun geschehen, aber leider mit einem falschen Buchstaben in meinem Nachnamen...
Wie dem auch sei: ich bin jetzt wohl vollends ein Kind der Moderne geworden. Jetzt gibt's mich auch in Bewegtform als Video, für immer und ewig im nichts-vergessenen Internet anzutreffen...
Aber in dem Falle will ich dies ja: es würde mich freuen, wenn sich so viele Leute wie möglich mit den Themen beschäftigen würden, die ich anspreche. Wie erwartet, so halten sich die Klickzahlen in Grenzen, zu viele Dinge gibt es im Internet, zu groß ist die Reizüberflutung. Aber ich habe es zumindest versucht, und bin ehrlich gesagt sogar ein bisschen stolz, alles gut überstanden zu haben. Ich habe es versucht: mehr als mein Bestes kann ich nicht geben! :-)

So, und hier nun endlich das besagt Video!

Dienstag, 17. Mai 2016

Per Ski nach Þeistareykir

Seit 2013 versuche ich, jedes Jahr eine mehrtägige Skitour in Island zu unternehmen. Dieses Jahr war mir aber nicht klar, ob mir das gelingen würde, denn ich bin ja erst ziemlich spät hier angekommen. Und ob im April noch genügend Schnee für ein solches Unterfangen liegt, hängt vom vorhergehenden Winter ab - das ist wirklich jedes Jahr total unterschiedlich.

Dieses Jahr war die Schneelage im Nordosten Islands auch im Frühjahr noch so gut, dass ich eine Gegend besuchen konnte, die ich schon länger im Visier hatte: die Ecke bei Dettifoss und Þeistareykir nördlich des Mývatn. Die Landschaft ist hier extrem abwechslungsreich und fotografisch sehr interessant, zudem ziemlich leicht zu erreichen und dennoch ab vom Schuss. Also perfekt für eine kleine Tour, die nur darauf ausgerichtet war, mal ein paar Tage lang die Seele baumeln zu lassen...



Und so ging es am 10. April dann endlich los. Olaf, der auf dem Weg zurück zur Fähre in Seyðisfjörður war, setzte mich und meinen Pulka am Dettifoss ab - bei herrlichem Sonnenschein und hervorragender Wettervorhersage für die Region. Ich konnte es gar nicht erwarten, endlich loszustarten!



Ein festes Ziel hatte ich keines, ebensowenig wie einen festgenagelten Plan. Ich wollte die Gegend erkunden, dabei definitiv Gjástykki und Þeistareykir besuchen, und als Endpunkt entweder Húsavík oder Mývatn anpeilen. Die Entfernungen waren dabei sehr überschaulich: die gesamte Tour (egal welches Ziel) lag bei um die 60 Kilometer. Auf Ski ist das in drei Tagen gut zu schaffen - ich aber hatte Proviant für 7 Tage dabei. Also alles easy! Zudem ist man hier oben relativ nahe an der Zivilisation: es gibt überall Telefondeckung, und ich wäre jederzeit in der Lage gewesen, innerhalb eines (sehr langen) Tagesmarsches zu einer Straße oder gar Siedlung zu gelangen.

Aber erst einmal wollte ich meine Ruhe haben: keine Touristen, auch keine Isländer, einfach nur mal alleine sein und die Stille und Natur genießen. Rekorde können gerne andere aufstellen: ich wollte einfach nur den Moment leben und den normalen Alltag gänzlich hinter mir lassen.




Die erste Nacht zeltete ich auf einem Hügel namens Grjóthals, von dem aus ich mir schöne Ausblicke und Bergpanoramen zu Sonnenuntergang und Sonnenaufgang erhoffte. Ich sollte nicht enttäuscht werden: nachts herrschte zwar Hochnebel (der am Zelt gefror...), abends und morgens aber eröffnete sich mir ein wahres Winterwunderland. Dass man nur ein paar Kilometer von der Ringstraße entfernt schon so ein Gefühl von Einsamkeit verspüren kann, ist einfach nur wunderbar!






Am nächsten Tag erkundete ich das Lavafeld des nördlichen Gjástykki. Ursprünglich hatte ich geplant, hier eine Nacht zu verbringen, aber da das Wetter so fantastisch und ich in Wanderlaune war, beschloss ich, nach Þeistareykir weiterzuziehen. Nach knapp 20 Kilometern kam ich dann auf dem Bóndhólsskarð an, einem niedrigen Pass, der direkt oberhalb des Tales liegt. Dort oben wollte ich zwei Nächte zelten, um von dort aus Wanderungen hinunter ins Tal zu unternehmen.







Þeistareykir ist eines der größten Hochtemperaturgebiete Islands - und wird leider seit neuestem "erschlossen". Sprich: es wird gerade zerstört. Obwohl ich das wusste, war ich geschockt, wie weit die Bauarbeiten in dem zuvor unberührten Tal schon fortgeschritten waren. Eine Teerstraße führt nun von Húsavík hierher und spaltet sich in ein Netz von Wegen auf, die zu den unterschiedlichen Bohrlöchern führen. Ein Kraftwerk ist im Bau, und etwa einen Kilometer davon entfernt befindet sich eine Containersiedlung, in der die Arbeiter leben. 

Kräne, Bagger und schweres Gefährt waren überall unterwegs, schufen neue Wege, planierten die zuvor unberührte Natur und legten dicke Leitungen im Zickzack zu den weit verstreut liegenden Bohrlöchern. Meiner Meinung nach hat man hier in keiner Weise darauf geachtet, irgendwo auch nur das Gefühl von Wildnis zu erhalten: ziemlich überall sind Bohrlöcher, Röhren und neue Wege entstanden. Und wozu das Ganze? Damit in Húsavik ein neues Industriegebiet mit Strom versorgt werden kann. 

Dort nämlich wird gerade die weltweit modernste Produktionsanlage für Siliziummetall errichtet: von einer deutschen Firma namens PCC aus Düsseldorf. Die brüsten sich damit, dass nur erneuerbare Energien verwendet werden. Ja toll - und dafür wurden dann auch die letzten unberührten Hochtemperaturgebiete Islands zerstört, die weltweit einzigartig sind. Komisch, diese Tatsache findet man nirgends auf deren Homepage. Warum nur...?

Dieses neue Großindustrieprojekt wird auch Islands Ausstoß von Treibhausgasen weiter erhöhen, denn für die Produktion von Siliziummetall muss Quarzit aus Polen eingeschifft werden, sowie Kohle (aus Russland, glaube ich) und Holzspäne, die dann bei der Metallproduktion verbrannt werden - und folglich als Treibhausgase in der Atmosphäre enden. Aber darüber spricht natürlich niemand: denn es ist ja alles immer nur ganz toll umweltfreundlich...



Im Tal von Þeistareykir wird die Lobeshymne auf die Geothermie natürlich auch gesungen. Wie überall in den zerstörten Gebieten, so hat Landsvirkjun auch hier schon große Schilder aufgestellt, welche die Nutzung der Erdwärme preisen und auflisten, was das Energieunternehmen nicht schon Tolles für die Gegend geleistet hat. Beispielsweise wurden einige Wanderwege markiert (wow - welch eine unglaubliche Wohltat und Investition!) und eine seltenst hässliche Scheune in direkter Nachbarschaft zur netten kleinen Wanderhütte gebaut. Solch eine Farce...
 
Meinen Frust habe ich heruntergeschluckt, so gut es ging - ich wusste ja, wie es um die Gegend bestellt war. Ich wollte halt endlich einmal dort gewesen sein und es mit eigenen Augen sehen - auch, um herauszufinden, was noch übrig geblieben ist von der ehemaligen Schönheit.
Für mich als Fotografen war schnell klar: es ist eine riesige Herausforderung geworden, Bilder zu machen, welche nicht irgendeine Art von Infrastruktur erkennen lassen. Wenn man weiß, dass diese Gegend bis vor zwei Jahren noch komplett unberührt war, nur ein Jeeptrack hierher führte und eine kleine, nette Wanderhütte hier stand, dann kann es einem schon das Wasser in die Augen treiben. 
Ich habe daher versucht, die veränderten Umstände als Herausforderung anzusehen, um trotz allem besondere Fotos entstehen zu lassen. Dank eines tollen, farbenfrohen Sonnenuntergangs ist mir das dann auch ansatzweise gelungen...

In der Nacht vom 12. auf den 13. April sollte ich für die teils sehr frustrierenden Erlebnisse des Besuchs bei Þeistareykir doppelt und dreifach entschädigt werden. Ich war bis nach Sonnenuntergang unten bei den Solfataren geblieben und stieg in der Abenddämmerung auf den 150 Meter höheren Pass auf, an dem mein Zelt stand. Als der Nordhorizont noch gelb-rot glühte, man alles (auch alle Farben) noch wunderbar sehen konnte und maximal die fünf hellsten Sterne am Firmament sichtbar waren - da tauchten plötzlich sich bewegende Schlieren am Himmel auf. 
Ich stutzte.
Waren das etwa Nordlichter?
Eineinhalb Stunden bevor ich sie eigentlich erwartete?
Ich traute meinen Augen nicht und suchte den Himmel noch einmal ab. Und tatsächlich: es waren die frühsten Nordlichter, die ich je gesehen hatte: stark leuchtend und schnell wandernd hoben sie sich erst sehr schwach, dann aber immer stärker vom hellblauen Himmel ab.
Was für eine Überraschung!

Alle Pläne fürs Abendessen waren dahin: ich fotografierte in den folgenden Stunden, als gäbe es kein Morgen mehr. Diese Nordlichter waren die hellsten, die ich je gesehen hatte: fast ununterbrochen jagten sie über den Himmel, wie fröhliche Geisterkinder, die dort oben Fangen spielten. Erst nach Mitternacht wurden sie etwas schwächer und erlaubten mir, mich (hundemüde und hungrig wie ein Wolf) in mein Zelt zurückzuziehen. Was für ein unglaublicher Abend war das denn jetzt gewesen?!




Der nächste Tag stellte mich vor eine Entscheidung. Ursprünglich hatte ich angedacht, eventuell nach Húsavík zu wandern. Durch ein Gespräch mit zwei Schneemobilfahrern (Bauarbeiter aus Þeistareykir, von denen einer aus Húsavik kam) wusste ich auch, dass dort noch genügend Schnee lag. Jetzt hatte ich aber gesehen, dass die neue Teerstraße ziemlich genau dort verlief, wo ich auch langgegangen wäre - und neben einer Straße zu laufen, erscheint mir überhaupt nicht attraktiv. Außerdem sah ich genau dort auch noch eine Hochspannungsleitung, die mir jegliche Bilder in diese Richtung kaputt gemacht hätte: nein, nach Húsavík zog mich nicht mehr sonderlich viel. Statt dessen reizte mich eine 90-Grad Wende nach Süden: denn dort lag Leirhnjúkur, ein junges Lavafeld, das sehr fotogen war. Also nichts wie los in Richtung Mývatn!

  

Und so zog ich am vierten Tag bei strahlendem Sonnenschein und beinahe sommerliche Temperaturen los, gen Süden. Im T-Shirt ski zu fahren, ist für mich definitiv etwas Besonderes! Es wurde so dermaßen warm, dass der Schnee schmolz und mich kaum mehr vorankommen ließ. Meine Ski fanden keinen Halt mehr in der matschigen Schneesuppe, und die Felle halfen auch nur so lange, bis sie durchnässt waren und der Schnee an ihnen hängen blieb. Jetzt verstand ich, warum die Isländer Ski mit Schuppen besitzen: die hätten mir jetzt eher geholfen.
Meine Ski nämlich (die ich entweder wachse oder Felle benutze) sind für trockenen, kalten Schnee ideal, wie eben auf Svalbard, wofür ich sie mir ja kaufte. In Plustemperaturen war ich bisher noch nicht unterwegs gewesen - das war ein wirklich lehrreicher Nachmittag, muss ich sagen! :-)



Zur weiteren Frustvermeidung suchte ich mir nach nicht einmal 13 Kilometern einen netten Zeltplatz irgendwo im Nirgendwo - und schlief gut in der folgenden Nacht. Es gab da zwar auch Nordlichter, aber nicht mehr so intensive, und außerdem zogen Wolken auf.
                 

Der nächste Morgen empfing mich mit Whiteout-ähnlichen, sehr tiefliegenden Wolken, die sich aber bald hoben und mir für den Rest des Tages herrlich silbrige Lichtstimmungen bescherten. Auch das liebe ich am Winter: diese farblosen Anblicke voll feiner Helligkeitsabstufungen. Manchmal scheint es, als sei die gesamte Landschaft versilbert - es ist magisch!
                      
Das Wetter war auf dieser Tour unglaublich gut - ehrlich gesagt konnte ich das gar nicht glauben...  Tagsüber herrschten Temperaturen von 0-10°C, im windstillen Sonnenschein sicherlich manchmal noch mehr. Nachts wurde es glaube ich kaum kälter als -12°C - es war sooo angenehm! Zudem sah ich die Sonne täglich zumindest für ein paar Stunden: es gab kein schlechtes Wetter, keinen starken Wind, keinen Sturm und so gut wie keinen Niederschlag. Und das sieben Tage am Stück - in Island grenzt das an ein Wunder!

Dem ständig angenehmen Wetter ist es dann auch zu verdanken, dass ich meine Tour in geradezu lächerlich kleine Etappen stückelte. Ich ging nach Lust und Laune, blieb je zweimal am gleichen Ort und baute an den anderen Tagen das Zelt spät ab und früh wieder auf - um dann meistens am Abend bis weit in die Nacht mit der Kamera loszuziehen. Auch am fünften Tag der Tour zog ich den Pulka nur am Vormittag, denn nach nur wenigen Kilometern war ich schon an meinem letzten Hauptziel angekommen: Leirhnjúkur.


Leirhnjúkur ist eine Reihe von Kratern, die den berühmten Kröflueldar entstammen, den Krafla-Feuern. Hier gab es Mitte bis Ende der Siebzieger Jahre mehrere Ausbrüche. Die Lava direkt bei Leirhnjúkur ist noch so warm, dass es überall dampft: es ist ein toller Ort, richtig unwirklich und urzeitlich.
                  
Hier blieb ich zwei Nächte, in der Hoffnung auf einen farbigen Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang. Beides blieb mir leider verwehrt - aber der Aufenthalt dort war trotzdem wunderbar!



Am siebten Tag machte ich mich dann auf den Weg zurück in die Zivilisation. Es kündigte sich ein Wetterwechsel an, das Essen wurde knapp und ich hatte eigentlich alles gesehen, was ich mir so vorgenommen hatte. Zumal ich nun endlich den letzten Tag hinter mich bringen wollte: dieser nämlich hatte mir von Anfang an Sorgen bereitet. Ich hatte mich bisher auf 400-500 Meter Höhe befunden und verlor an jenem letzten Tag 150 Höhenmeter. Die Schneelage unten am Mývatn ist oft nicht gut - und so spät im Jahr war sie kritisch, das wusste ich. Von daher fürchtete ich, dass mir mehrere Kilometer vor dem Ziel der Schnee ausgehen würde - ganz besonders, weil es in den vergangenen Tagen so verflixt warm gewesen war.


Der Ausblick zur Mittagszeit bestätigte meine Befürchtungen. Noch war alles gut zu handhaben, ich lief halt immer im Zickzack um die Lavabrocken herum: aber etwa drei Kilometer vor der Ortschaft wurde Schnee dann wirklich zur Mangelware. Ich war heilfroh, dass ich direkt am Berg Hliðarfjall frische Skispuren fand, wahrscheinlich vom Vortag. Denen folgte ich, was mir einiges an Sucherei ersparte. Aber ganz zum Schluss blieb mir dann keine andere Wahl mehr: ich musste den Schlitten über schneeloses Gelände ziehen. Zum Glück fand ich einen "Kanal" aus Heideland: die Kufen meines Schlittens über scharfe Lavasteine und Sand zu ziehen, hätte ich wohl nicht über's Herz gebracht. Mein armer Pulka! Ich brauche echt bald mal Räder für das Ding...

Zum Glück hatte ich den Schneemangel erwartet und die einzig richtige Route gewählt. Durch das kleine Tal Krossdalur kam ich mitten in die Ortschaft Reykjahlíð hinein. Am Ortsrand türmten sich noch die Überreste alter Schneewehen, auf denen ich den Pulka fast bis zur Bushaltestelle ziehen konnte. Glück gehabt!

Und toll war auch, dass ich dann noch den letzten Bus erwischte, bevor ein Schneesturm das gesamte öffentliche Verkehrnetz der Region lahmlegte und mich für zwei Tage in Akureyri festsetzte... Aber das ist eine andere Geschichte! ;-)

Ja, und so schnell waren sie herum, 7 Tage im sonnigen Nordisland. Es war eine herrliche Tour, geprägt von einem erholsamen Mix aus Einsamkeit, Sport, Entspannung und Fotografie. Besonders diese absolut außergewöhnliche Nordlichtnacht bei Þeistareykir wird mir lange in Erinnerung bleiben!



Ich will hier zum Schluss einen Refrain der Wise Guys zitieren, den ich (leicht umgeändert) in jener Nacht bis zum Umwinken gesummt und gesungen habe - weil es so super gut passte!


Das ist der Hammer!
Völlig ohne Worte.
'Ne Nacht von jener Sorte,
die man kaum erfassen kann.

Das ist der Hammer.
Das ist für die Ewigkeit.
Sorgen, Ängste, Katzenjammer
sind weit weg. Unendlich weit.
Das ist der Hammer!


 :-)







Sonntag, 1. Mai 2016

Die Suche nach dem alten Island

Hallo zusammen,
ich danke euch für die netten Rückmeldungen und Kommentare, die ich auf den zurückliegenden Blogeintrag bekommen habe!

Nachdem der Schock über die teilweise sehr offensichtlichen und negativen Auswirkungen des Massentourismus in Island bei mir zumindest etwas abgeklungen war, habe ich mehr Energie denn je darauf verwendet, "mein" Island zu suchen. Denn eines ist ganz klar: Hinz und Kunz kommen zwar nun zu jeder Jahreszeit in viel zu großer Anzahl auf diese kleine Insel, aber es gibt definitiv noch Orte, die einsam sind und es auch bleiben werden. Das zeigt doch schon alleine die Tatsache, dass ich erst jetzt diese unangenehmen Erfahrungen machen musste, und nicht schon früher. Ich verbringe mehrere Wochen im Jahr auf Island - und habe erst jetzt, im Frühjahr 2016, den Massentourismus als solchen wahrgenommen. Das stimmt mich positiv, allem Frust zum Trotz. Und ich bin mir sicher, dass ich auch in Zukunft Orte und Menschen finden werde, an denen und durch die ich das alte Island neu entdecken kann.






Neben bekannten Highlights haben Olaf und ich auf dieser 10tägigen Reise auch unbekannte Gegenden bereist, die mir gezeigt haben, dass da noch einiges "zu machen" ist, auch, was gute Fotografie angeht.
So fand ich beispielsweise einen Wasserfall ohne Namen, dessen Position ich mir gut gemerkt habe. Dorthin lohnt es sich auf jeden Fall, zurückzukehren: im Sommer oder Herbst, wenn der Schnee geschmolzen ist und warmes Sonnenlicht das Kliff erleuchtet... :-)


Auch ein technisches Spielzeug hat für interessante Bildeffekte gesorgt: Olaf besitzt einen Graufilter, der Langzeitbelichtungen am Tag ermöglicht. Ich ziehe weiterhin die Dämmerung der Tageslichtfotografie vor, aber dennoch mag ich dieses um die Mittagszeit enstandene Bild der Küste bei Arnarstapi auf Snæfellsnes sehr. Ist mal was anderes!



Die zurückliegende Fotoreise hat mir wieder einmal bewusst gemacht, wie gut ich den Norden mittlerweile kenne - und wie wertvoll meine (Natur-)Kenntnisse sind - beispielsweise über meine geliebten Polarlichter.

Ich behaupte einmal, dass fast alle Touristen, die im Winterhalbjahr nach Island kommen, Polarlichter sehen wollen. Die wenigsten haben allerdings Ahnung von diesem Phänomen und verlassen sich meistens auf eine der mittlerweile vielen Polarlichtvorhersagen im Internet. Die sind in etwa so zuverlässig, wie die isländische Wettervorhersage: es sieht toll aus und gibt scheinbar genaue Vorhersagen - liegt aber oft ziemlich falsch. Ich habe schon häufig schmunzeln müssen, wenn ich Touristen zuhörte, die sich lautstark darüber beschwerten, dass die Vorhersage die Lichter letzter Nacht nicht angekündigt habe, oder aber sie stundenlang draußen verbrachten, ohne etwas gesehen zu haben...

Malarifsviti auf Snæfellsnes


           
Nordlichter sind zum Glück herrlich unberechenbar, aller modernen Technik zum Trotz - genau das macht auch weiterhin den Reiz für mich aus! Im Laufe der Jahre habe ich allerdings gelernt, mir (über eine Reihe von Internetseiten und Satellitendaten) ein sehr gutes Bild darüber zu machen, wie wahrscheinlich eine gute Nordlichtsichtung und (genauso wichtig!) ein sternklarer Himmel an bestimmten Orten ist. Davon profitierten Olaf und ich auf dieser Reise sehr: wir kamen immer mit etwas Pufferzeit am Fotomotiv an, konnten uns in Ruhe umsehen und waren bereit, als die Nordlichter "loslegten".

Andere Fotografen kamen meistens erst, nachdem die tollsten Nordlichter schon verblasst waren und wir uns auf den Weg Richtung Unterkunft begaben. So geschehen beim Goðafoss in Nordisland, wo wir bei totaler Bewölkung erschienen und das von mir erwartete Wolkenloch abwarteten. Es trat tatsächlich alles so ein, wie erhofft: die Wolken verzogen sich, und die Nordlichter tanzten wild über den Himmel.
Was für ein tolles Erlebnis! :-D




Ich habe ja im letzten Blogeintrag erzählt, dass wir ziemlich schockiert waren, als wir 17 Autos und Kleinbusse zählten, die mitten in der Nacht am Kirkjufell parkten und ständig umherfuhren - alle waren dort, um den berühmten ehemaligen Nunatak mit Nordlichtern zu fotografieren. Wir flohen vor diesem Rummel, aber kehrten in der darauffolgenden Nacht zurück. Diesmal standen dort nur zwei Autos: also konnte Olaf doch endlich seine Wunschfotos von dem schönen Berg machen. Ich interessierte mich diesmal mehr für den Wasserfall und bin froh, dass mir trotz der Neumondnacht (und der deshalb so gut wie nicht vorhandenen Beleuchtung des Wasserfalls) gute Bilder gelangen.



Meine liebsten Fotos der Reise aber enstanden bei den Lóndrangar, diesen einzigartigen Vulkanschloten an der Südküste von Snæfellsnes. Für mich zählen sie zu den fotogensten Felsen, die Island überhaupt zu bieten hat - und die (interessanterweise) fotografisch noch nicht so bekannt sind.

Seit Jahren schon träume ich davon, diese Felsenburg einmal mit Nordlichtern zu fotografieren. Im Frühjahr 2013 hatte ich ja einmal eine knappe Woche dort verbracht, immer in der Hoffnung auf einen klaren Nachthimmel. Den gab es zwar nicht, aber dafür gelangen mir fantastische Bilder an einem wunderbaren Sonnenaufgang, der gleichzeitig ein Monduntergang war.




Das Problem mit den Lóndrangar und Nordlichtern ist, dass man sich nicht südlich der Felsen aufhalten kann, sondern nur nördlich davon. Da Nordlichter meistens im Norden sind, hat man sie also im Rücken, wenn man die Lóndrangar fotografiert. Nur bei starken Sonnenstürmen lassen sie sich auch im Süden blicken - das passiert momentan leider nicht so oft.

In jener Nacht aber, in welcher der Kirkjufell von Fotografen nur so heimgesucht wurde, tanzten die Nordlichter wirklich überall am Himmel: das war DER Moment, auf den ich jahrelang gewartet hatte! Als wir Südsnæfellsnes erreichten, herrschte allerdings ziemlich dichte Bewölkung. Trotzdem startete ich zur halbstündigen Wanderung hinüber zu den Lóndrangar (Olaf im Schlepptau, versteht sich) - zu lange hatte ich hiervon geträumt! Und tatsächlich: die Wolken rissen auf und gaben den Blick frei auf helle, wenn auch fast farblose Nordlichter am Südhorizont. Ich konnte mein Glück kaum fassen!


Diese Bilder waren für mich das Highlight der gesamten Reise und entschädigten mich doppelt und dreifach für den Frust, den ich andernorts erlebte. Island ist (und bleibt!) für mich ein Land der Naturwunder und spektakulären Fotomotive. Und solange es noch Ecken und Momente gibt, an denen ich die Schönheit der Natur genießen kann und darf, so lange werde ich auch nach Island zurückkehren - das steht für mich felsenfest!

Mittwoch, 27. April 2016

Massentourismus in Island

Es ist ja mittlerweile beinahe Tradition, dass ich das Frühjahr in Island verbringe. Dieses Jahr trat ich den Weg auf meine Lieblingsinsel mit der Autofähre an: mit der Norröna ging es von Dänemark los gen Norden. Die Überfahrt war herrlich entspannend, auch, weil Neptun gnädig mit uns war. Es herrschte zwar starker Wind, aber der Kapitän der großen Fähre wählte eine hervorragende Route in relativer Nähe zu Schottland, die uns nicht zu sehr durchschüttelte.

Im Schutze der britischen Inseln fuhren wir mitten durch ein Öl- und Gasfördergebiet. Ölplattformen kannte ich bis dato nur als kleine Punkte im Meer - sie einmal aus relativer Nähe zu sehen, fand ich gleichermaßen spannend wie bedrückend. Es sind die hässlichsten menschlichen Bauwerke, die ich je gesehen habe - fernab der Zivilisation ist hier alles nur auf Funktionalität ausgerichtet. Niemand spricht über die Verschmutzung, die von diesen Dingern ausgeht und die man auch so gut wie nie sieht - das Meer schluckt ja alles, still und leise.
Wie man dort freiwillig arbeiten kann, ist mir auch deshalb ein Rätsel. Gute Bezahlung hin oder her: NICHTS dazu bringen, auf diesen Kolossen zu leben! Schon allein, wie die Rettungsboote dort hängen, so weit über dem Wasserspiegel: was für ein Aufschlag das wohl sein muss, wenn das Boot im freien Fall ins Meer knallt... Nee danke, nicht mit mir!

 
                   
Auf dem oberen Bild sieht man die Alba Northern Plattform, die von einem Gischt-Regenbogen so schön in Szene gesetzt wurde, wie es bei einem so hässlichen Teil nur möglich ist. Diese Bohrinsel liegt 210 Kilometer nordöstlich von Aberdeen in einer Wassertiefe von 138 Metern. Seit 1994 werden hier sowohl Öl als auch Gas gefördert, ersteres wird von Schiffen abgeholt, letzteres über eine Pipeline zur Nachbarplattform Britannia geleitet. Betreiber sind: Chevron North Sea, Statoil U.K., Mitsui E&P U.K., Centrica Resources, Enquest Production, Enquest Energy und Endeavour Energy U.K.

Das folgende Foto zeigt man die Plattform Britannia 16/26, welche in Sichtnähe zu Alba Northern liegt und von Chevron U.K und Conoco U.K. betrieben wird. Seit 1998 fördert sie Gas, das durch eine unterseeische Pipeline nach St. Fergus in Schottland transportiert wird. Das Britannia Gasreservoir ist das größte Großbritanniens, und deswegen stehen hier auch eine Menge Bohrinseln - gesehen habe ich acht, fotografiert fünf. Jedes von diesen Bauwerken sieht anders aus - da scheint es keinen Standard zu geben.


Und dann waren wir, nach drei Tagen Reise, in Island angekommen. Wir, das waren Olaf und ich, denn Olaf will einen neuen Islandvortrag fotografieren und hatte einen Platz im Auto frei. Und diese zwölf Tage, in denen wir zusammen die Insel umrundeten, zeigten mir ein Island, das ich so noch nicht kannte: ein Island in den Zeiten des Massentourismus.

Mich hat diese Reise geschockt, das muss ich ehrlich sagen. Die Natur Islands ist wie eh und je: wild, unberechenbar und schön, aber wir waren dort nicht mehr alleine. Zeitgleich mit uns entdeckten gut 115.000 andere Leute die Insel - und das in der totalen Nebensaison. Ostern war vorbei, und trotzdem hatten wir vielerorts Mühe, überhaupt spontan Unterkünfte zu finden, die dann teilweise völlig überteuert waren. Südisland war am schlimmsten, da war man an den Sehenswürdigkeiten nicht einmal mehr nachts alleine. Es gibt Fotos, die kann man nicht mehr machen: weil ständig jemand im Bild ist, alles von Fußspuren zertrampelt oder der Ort durch Absperrungen und Gehwege verschandelt worden ist.

Ein ruhiger Moment am Seljalandsfoss: keine Reisebusse, keine Großgruppen und "nur" 100 andere Besucher...


               
Dass die Orte des Golden Circle, Jökulsárlón und die Wasserfälle direkt an der Ringstraße fotografisches Sperrgebiet geworden sind, war mir schon klar - aber der Wahnsinn hat sich längst auf viele andere Sehenswürdigkeiten ausgeweitet. Beim Kirkjufell (Grundarfjörður, Snæfellsnes) wollten Olaf und ich Nordlichter fotografieren. Als wir dort zu Beginn der Nacht ankamen (also als es schon komplett dunkel war), standen dort sage und schreibe 17 Autos und Kleinbusse - ich dachte echt ich bin im falschen Film. Gut, es war Wochenende UND es war starke Nordlichtvorhersage - aber so viele Fotografen, die ganz gezielt für die Nordlichter zu diesem Berg fuhren hätte keiner von uns erwartet. Wir haben nicht einmal angehalten, sind sofort weitergefahren und haben uns andere Motive gesucht. Mit solchen Massen von meist egoistischen Leuten, die alle das "beste Bild" haben wollen und außerdem nachts ständig ihre Kopflampen anhaben, kann man nicht arbeiten. Da ziehe ich lieber die Einsamkeit an einem weniger bekannten und möglicherweise weniger spektakulären Motiv vor. Das allerdings zu finden, wird in Zukunft die größte Herausforderung sein...

Nordlichtfotografie am Goðafoss: auch hier mal wieder andere Fotografen.
Man ist sich ständig gegenseitig im Bild. Spaß macht das nicht mehr...
              
Bei den Touristen war auffällig, das sehr viele Asiaten unterwegs waren - auch das ist neu hier auf Island. Bisher traf man eher "westliche" Touris an, Amerikaner, Briten, Skandinavier, Franzosen und Deutsche, aber die Asiaten holen nun offensichtlich auf - mit der Folge, dass man regelmäßig angesprochen wird, ob man nicht ein Foto von ihnen machen könne. Mir scheint, dass der Durchschnittsasiate von jedem Motiv mindestens ein Selfie und ein von einem Fremden gemachtes Portrait vor Landschaft braucht, um glücklich zu sein...






Was mir auch ziemlich gegen den Strich ging, waren Drohnen bzw. unbemannte Luftfahrzeuge, Octocopter oder wie die Dinger heißen. Gesteuert wurden sie von jungen Männern westlichen Aussehens, welche die Naturschönheiten überhaupt nicht angesehen haben. Warum kommen sie überhaupt nach Island, wenn sie dann doch nur über ihrem Bildschirm hängen, wie über einem Computerspiel? Und was andere denken mochten, die von den surrenden, flitzenden Fluggeräten vielleicht in ihrem Naturerlebnis gestört wurden, schien sie nicht im Geringsten zu interessieren: es war Egoismus pur. So konnte ich Island wirklich nicht mehr genießen - es war ein Trauerspiel, gerade und besonders an den einzigartigen und bekannten Orten.

Helden des Drohnenflugs: konzentriert auf Fluggerät oder Bildschirm

Ich rede in unserem Vortrag "Inseln des Nordens" zwar vom Tourismusboom in Island - aber es vor Ort zu erleben ist dann doch etwas anderes. Ganz besonders, wenn man das "alte" Island noch gut in Erinnerung hat... Als ich im Jahr 2001 das erste Mal nach Island kam, verzeichnete die Insel knapp 300.000 Touristen pro Jahr. 2015 waren es knapp 1.3 Millionen. Und für das Jahr 2016 werden 1.7 Millionen Touristen erwartet - 400.000 mehr als letztes Jahr. Es ist völlig verrückt und tragisch, denn es verändert alles. Ich bin noch nie so oft abgezockt worden, wie auf dieser Reise - was einige Isländer da in ihrer Geldgier geboten haben, geht auf keine Kuhhaut. Überall schießen Hotels aus dem Boden, Zäune, Absperrungen, Plattformen, Gehsteige - und Verbotsschilder. Man merkt, wie genervt manche Isländer sind: ich habe noch nie zuvor Schilder gesehen, die beispielsweise sagen: "Privatweg - Befahren verboten!". Das ist jetzt gang und gäbe: Schilder wie "Privat" oder "No Trespassing" sind ein häufiger Anblick geworden. Am Heftigsten war ein Anwesen beim Kirkjufell: dort wurde in einem Schilderwald dann sofort einmal mit Gefängnis gedroht.
Wow.
Ist das das neue Island...?

Gänzlich vom Glauben abgefallen sind Olaf und ich dann am Mývatn. Da wurde ein neuer Hollywood-Actionfilm gedreht, Fast and the Furious 8 - keine Ahnung was genau das ist, solch natur- und frauenverachtenden Autofilme gucke ich nicht.
Dass in Island Blockbuster gedreht werden, ist nichts Neues und überraschte mich nicht. Unglaublich war für mich allerdings die Tatsache, dass sie diesen Film im Natur- und Wasserschutzgebiet direkt auf dem Mývatn gedreht haben. Der Uferbereich bei Skutustaðir wurde eine Fläche von mindestens einem Fußballfeld in einen schlammigen Parkplatz verwandelt.

Der Uferbereich des Hauptschauplatzes der Dreharbeiten von Fast and the Furious 8


                   
Auf dem See waren Räumfahrzeuge unterwegs, die eine Rennstrecke auf dem Eis präparierten, es gab künstliche Eisberge, Explosionen, ein Bagger ging unter und ein Auto glaube ich auch. Ich wiederhole noch einmal: dies ist ein NATURSCHUTZGEBIET. Hier lebten bis vor kurzem die weltweit einzigartigen Kugelalgen Aegagropila linnaei, die bei der letzten Bestandszählung verschwunden waren. Bei solchen Aktionen direkt in ihrem Lebensraum bezweifle ich, dass die Population sich jemals wieder erholen wird - aber das ist den Leuten dort wohl völlig egal, Hauptsache, es springt Geld und etwas Ruhm auf sie ab.
Es war/ist zum Heulen!

Screenshots von den Dreharbeiten von Fast and the Furious










               
Täglich sind Olaf und ich während dieser Reise mit solchen unglaublichen Absurditäten konfrontiert worden. Die Reaktionen der Isländer, die ich auf diese Themen ansprach, waren sehr gemischt, aber generell eher unbekümmert. Es kommt Geld ins Land - das scheint die Hauptsache zu sein. Widerstand hört man kaum, auch wenn er da ist, im Kleinen. Mein Island aber, mein zauberhaftes, einsames Island, ist entlang der Ringstraße verschwunden, und ich muss mich damit abfinden, es zu Teilen an den Massentourismus verloren zu haben. Es ist eine Entwicklung, die lange abzusehen war, weil die Isländer viel an ihrem Image gearbeitet haben und es auch weiterhin in großspurigen Marketing-Kampagnen weltweit anpreisen. Und jetzt werden sie überrollt von Menschenmassen, die sich teilweise nicht zu benehmen wissen und (ganz gemäß der Werbung "Tolles Land der unbegrenzten Möglichkeiten") völlig weltfremd und gänzlich egoistisch durch die Natur schlafwandeln. Die Isländer selbst sind auf einen solchen Ansturm teilweise ziemlich idiotischer Zeitgenossen nicht einmal annähernd vorbereitet. Auch und besonders der Staat scheint nicht in der Lage, die Entwicklung im Tourismus auch nur irgendwie zu lenken. Es gibt keine Regeln in diesem Land der Cowboy-Mentalität, jeder kann machen was er will solange der Rubel rollt, und der rollt, und rollt, und rollt. Solange, bis es zum Eklat kommt. Mal gucken, wann es soweit ist - lange kann es nicht mehr dauern!

Denn wie heißt es in Goethes Zauberlehrling so schön?
Die ich rief, die Geister, Werd' ich nun nicht los.

Samstag, 6. Februar 2016

Herbst in Island

Es hat sich in den letzten Jahren so eingebürgert, dass ich die Zeit zwischen meinen polaren Sommerjobs (Nordsommer in der Arktis und Südsommer in der Antarktis) in Island verbringe. Auch im vergangenen Herbst kehrte ich nach einer ereignisreichen Saison auf Svalbard für ein paar Wochen nach Island zurück - und musste (ganz isländisch) erst einmal alle geplanten Aktionen vertagen. Grund war der Trubel um mein Eisbärenbild, der mich mal eben zu drei Wochen Computerarbeit „verdonnerte“. Pressearbeit ist viel zeitintensiver, als man sich das vorstellt... Und da ich kurze Zeit später schon in die Antarktis reiste, komme ich erst jetzt dazu, über meinen sehr nassen Herbsturlaub zu berichten.

'Geirfugl' von Olöf Nordal - die Statue eines Riesenalken im Skerjafjörður, Reykjavík,
unter sogenannten Mamatus-Wolken, die oft zusammen mit Cumulonimbuswolken auftreten (Gewitterwolken)

                
Als ich endlich wieder Zeit zum Reisen hatte, war es Anfang Oktober. Zwar war die Herbstfärbung wunderbar, allerdings regnete es fast ohne Unterlass: so einen nassen Herbst habe ich in Island selten erlebt. Blauer Himmel war Mangelware, und ich war teilweise regelrecht euphorisch, wenn mal "nur" dichte Bewölkung herrschte, es also NICHT regnete, und ich zumindest die wunderbare Laubfärbung der Birken fotografieren konnte!



Seit Jahren will ich im Herbst eine mehrtägige Wanderung im isländischen Hochland unternehmen, und seit Jahren komme ich nicht dazu. Einer der Hauptgründe ist, dass ich unüberbrückte Flüsse furten muss, welche durch die ständigen Regenfälle ziemlich gefährlich sein können: besonders, wenn man (wie ich) immer nur zu Fuß und dann auch noch alleine unterwegs ist. Und außerdem kann ich mir auch einfach Schöneres vorstellen, als im Regen zu fotografieren: das ist ja in Ordnung, solange man einen Ort besitzt, an dem man seine Kleidung, Schuhe und Kameraausrüstung immer mal wieder halbwegs trocken bekommt. Aber zelten bei Dauerregen? Och nö - da gibt es dann doch genügend Alternativen. Und ich bin mir sicher, dass ich meine Tour irgendwann durchführen können werde!                                                                     

Also plante ich mal wieder um und ergriff die Chance, im Oktober nach Landmannalaugar zu reisen. Es lag dort wohl noch kein Neuschnee - das klang superspannend! Und da eine Gruppe des isländischen Wandervereins auf Wochenend-Tour dorthin unterwegs war und noch einen Platz im (hochgelegten) Minibus frei hatte, sprang ich spontan auf: so etwas lasse ich mir doch nicht entgehen! Der Freitag war wettertechnisch in Ordnung; Samstag aber sollte es den ganzen Tag über regnen. Also wanderte ich einfach in der Nacht los und genoss die herrlich-mystische Stimmung dieser vom Vollmond erleuchteten Vulkanlandschaft.


Die Wettervorhersage behielt Recht: tiefhängende Wolken und stürmischer Regen prägten den gesamten Samstag. Was ein Segen, in der warmen Hütte übernachten zu können und zu wissen, dass man alles im Laufe von wenigen Stunden wieder trocknen können würde! Also packte ich die Kamera in zwei Plastiktüten und zog trotzdem los: wissend, dass die Bilder viel weniger nass aussehen würden, als es sich anfühlte. Irgendwie ist es verdammt schwer, Regen so zu fotografieren, dass es auch nach Regen aussieht!


Den Rest des Tages verbrachte ich entweder in der trockenen, warmen und touristenfreien Hütte, oder aber auch im nassen, warmen und touristenfreien Bach, welcher die Gegend (neben der bunten Landschaft) berühmt gemacht hat. Die Nacht über schlief ich kaum, denn ich hoffte auf Wetterbesserung. Und tatsächlich: um 2:30 Uhr nachts riss der Himmel auf. Und so startete ich nur eine halbe Stunde später zu einer Wanderung. Den Berg Háalda wollte ich erklimmen (auf den angrenzenden Bildern oben links, der Kamelrückenberg), denn auf diesem höchsten Gipfel der Umgebung war ich noch nie gewesen. Fotografiert habe ich bis zum Morgengrauen übrigens nicht: das angrenzende Bild ist vom Vortrag...


Als ich mich besagtem Gipfel genähert hatte, begann er, sich in dichte Wolken zu hüllen. Folglich schlug ich eine andere Richtung ein und wanderte über den Bergrücken Suðurnámur zurück zur Hütte. Die Wolken holten mich zeitweise ein, hoben sich dann aber wieder - und gewährten mir die Sicht auf einen absolut spektakulären Sonnenaufgang!


Weil es so kurz zuvor noch geregnet hatte, war die gesamte Umgebung nass. Die Kombination aus feuchtem Gestein und warmem Morgenlicht sorgte für einen wahren Farbenrausch. Nasser Stein ist viel farbiger, als trockenes Gestein, die Tatsache kennen wir ja von Kieseln, die wir an Flußufern und Stränden finden, und die dann Zuhause (da trocken) einfach nicht mehr toll aussehen. Dies ist ein Grund, weshalb man genau nach Regenschauern spektakuläre Landschaftsbilder machen kann: die Farben sind dann so stark, wie sonst selten. Im Falle der bunten Rhyolitberge Landmannalaugars sah das aus, als hätte jemand reinste Farben über die Berge gekippt. Was für ein Anblick!


Das Wochenende ging viel zu schnell vorbei, und bald war ich zurück in Reykjavík, wo ich mich der Vorbereitung meiner Antarktissaison widmete. Und als der Regen einfach nicht auffhören wollte, startete ich wieder los: diesmal in die Þórsmörk. Dies ist wahrscheinlich der Ort in Island, den ich in den letzten Jahren am häufigsten besucht habe. Grund daran ist einerseits die Nähe zu Reykjavik und die gute Erreichbarkeit durch Linienbusse auch außerhalb der Hochsaison, und andererseits natürlich die vielseitige Landschaft in diesem von Gletschern umgebenen Tal. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war die Farbenpracht, die mich empfing: solch einen spektakulären „Indian summer“ hatte ich in Island noch nicht erlebt!


Genau wie Landmannalaugar, so war auch die Þórsmörk aufgrund des chronischen Regenwetters menschenleer. Ich übernachtete in der Hütte des FÍ, in der ich selber ja schon mehrmals als Hüttenwart gearbeitet hatte, und unternahm in den folgenden Tagen viele verschiedene Wanderungen. Ständig wechselte die Lichtstimmung, ständig rangen Regen und Sonne miteinander. Selten hat Wandern im Regen so Spaß gemacht!


Meistens kehrte ich nach Sonnenuntergang zur Hütte zurück, dankbar, dass ich mich und meine Fotoausrüstung über Nacht trocknen können würde. Eines Nachmittags aber wanderte ich zum Myrdalsjökull hinüber, in den Regen hinein, und durfte abends spektakuläre Lichtstimmungen erleben. Wenn man bloß nicht so nass werden würde... Denn vom fotografischen Gesichtspunkt aus lohnt sich wirklich immer wieder, diesen ständigen Streit zwischen Wolken und Sonne zu erleben!


Die erste Hälfte der Nacht verbrachte ich unter einem Felsvorsprung, denn leider trat die angekündigte Wetterbesserung nicht ein. Ich hatte auf einen (zumindest einigermaßen) sternklaren Himmel spekuliert, an dem ich Nordlichter fotografieren wollte, erlebte stattdessen aber böigen Nieselregen. Glücklicherweise klarte es in der Morgendämmerung auf und folgte ein Tag voller Sonne, Wärme und ausgedehnter Wanderungen.


Den Sonnenuntergang hielt ich nicht mehr durch, denn ich brauchte Schlaf, weshalb ich am späten Nachmittag zur Hütte zurückkehrte. In der fortgeschrittenen Abenddämmerung aber klingelte der Wecker wieder und stieg ich zum Valahnúkur auf. Dort oben erfüllte sich mir endlich der Wunsch, nach langer Abstinenz mal wieder Nordlichter beobachten zu können. Sie erschienen wie bestellt, aktiv und intensiv, und tanzten still über das Firmament. Es war magisch - und beinahe zu schön (und kitschig!) um wahr zu sein...

Der kommende Tag war verregnet, was mich aber nicht weiter störte, denn ich musste eh Schlaf nachholen und genoß es, in der Hütte zu bleiben und Tagebuch zu schreiben. Wach und mit völlig verdrehtem Tagesrhythmus stieg ich nach Sonnenuntergang dann wieder zum Gipfel des Valahnúkur auf - im leichten Nieselregen eines komplett bewölkten Abends. Es klingt vielleicht bescheuert, aber mich reizte der Gedanke, Nordlichter über Regenwolken ablichten zu können: alles, was ich brauchte, war ein Wolkenloch. Und das zeigte sich erstaunlich bald: ich hockte maximal eine Stunde gut vermummt unterhalb des Gipfels und wartete. Zwei Jacken hielten mich trocken und warm, und meine Kamera selbst war ebenfalls doppelt gegen die Nässe eingepackt. Das Problem war leider, dass es trotz eines großen Wolkenloches über mir immer noch regnete - aber noch hatte ich einige trockene Taschentücher, um die Linse immer wieder zu putzen. Und so flitzte ich in den kommenden 15 Minuten auf dem Gipfel umher, suchte Standpunkte und fotografierte mit den Regentropfen um die Wette. Die Nordlichter, die sich zeigten, waren nicht stark, aber herrlich mystisch über der von Wolken vermummten Landschaft. Die Stunden dort oben hatten sich total gelohnt!


Dass ich in den einzigen beiden (zumindest teilweise) klaren Nächten auch tolle Nordlichter sehen durfte, war nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Ich weiß nicht, wie oft ich schon vergeblich auf der Erscheinen dieses faszinierenden Lichtphänomens gewartet habe, oder wie oft sie niemals dort auftauchten, wo ich sie haben wollte. Manchmal aber kommt alles zusammen. Es sind wahre Glücksgefühle, die einen erfüllen, wenn man nicht nur vor Ort die Natur erleben darf, sondern dann auch noch Fotos mitbringt, die genau dieses Erlebnis dokumentieren.
Danke, Island! :-)