Sonntag, 20. November 2011

Dunkel war's...

... der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
als ein Auto blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Wohl jeder kennt den Anfang des Lügengedichtes "Verkehrte Welt", das später von schlittschuhlaufenden Hasen und einer Kuh im Schwalbennest berichtet. Ich weiß nicht, ob ihr jemals über den Wahrheitsgehalt dieser Zeilen nachgedacht habt - wahrscheinlich braucht man eine Kombination aus Langeweile und Zeit, um dies zu tun... Gut, dass ich gerade über beides verfüge!

So lustig und abstrus das Gedicht auch sein mag: diese erste Stophe klingt für mich seit neuestem eher philosophisch als spöttisch. Schnell-langsam um die Ecke zu fahren bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn man das mit einem Auto auf Glatteis tut. Auch Schnee auf grüner Flur ist etwas, das ich jedes Jahr mindestens einmal erlebe. Und als vor genau einer Woche Vollmond war und ich um die Mittagszeit Sterne zählte, da bekam auch die erste Zeile eine ganz neue Bedeutung. Der Mond kann sogar hell am dunklen Tag scheinen - so sureal ist die "verkehrte Welt" gar nicht!

Der Blick aus meinem Fenster an einem selten schönen und hellen Abend!

Der Einstieg in die Polarnacht ist eine wahrlich interessante Erfahrung! Nachdem der Polartag so ewig lange dauerte und es partout nicht dunkel genug fürs Polarlicht werden wollte, ging nun alles Schlag auf Schlag. Innerhalb eines Monats verwandelte sich der lange Tag in eine ewige Nacht: es war, als habe jemand von jetzt auf gleich den Lichtschalter umgelegt.
Dies geht an niemandem spurlos vorüber: hier kämpft gerade jeder mit physischen wie psychischen Problemen. Schlafstörungen sind an der Tagesordnung; es ist beinahe ungewöhnlich, wenn Leute keine tiefen Ringe unter den Augen haben oder problemlos um 8 Uhr morgens aus dem Bett kommen. Der plötzliche Entzug von Licht nimmt einem jeglichen Tagesrhythmus: um die Mittagszeit könnte man vor Müdigkeit einschlafen und nachts wälzt man sich dann putzmunter im Bett umher. Dann um 9 Uhr zur Vorlesung anzutanzen scheint geradezu Folter zu sein!

Genauso heftig wie der verlorene Biorhythmus ist allerdings auch der psychische Effekt der Polarnacht. Die Dunkelheit engt einen ein: selbst ich, welche ich die Nacht liebe, fühle mich eingesperrt in der Stadt, dem engen Tal und den hohen Bergen. Der Drang, neue Gegenden zu erkunden, ist wie weggeblasen. Überhaupt sind "Lust" und "Energie" Worte, die momentan selten fallen. Alles konzentriert sich jetzt auf den Alltag sowie das Soziale, sprich: auf Tätigkeiten, die in hellen Häusern stattfinden. Schwimmbad, Turnhalle und Fitnesscenter erleben einen Ansturm, die Chöre sind am Dauerproben, es werden Sprachkurse, Kochkurse, Strickkurse und sogar ein Eisbärhypnosekurs angeboten. Zu letzterem erschien eine große Menge neugieriger Menschen aber kein Lehrer - der Witzbold, der diesen Lehrgang ausgeschrieben hatte, wollte sich nicht zeigen...

Gesellschaftsspiele erfreuen sich bei Skandinaviern jederzeit größter Beliebtheit: auch und besonders wenn es sonst nichts anderes zu tun gibt. Norweger kennen unglaublich viele verschiedene Kartenspiele: ihr Wissen und Enthusiasmus bei allem, was kleine Spielkarten angeht, ist wirklich erstaunlich!

Mittag des 18. November 2011: stockfinster wird es noch nicht, aber "hell" kann man das auch nicht mehr nennen. Dies ist die Aussicht von Longyearbyens Küste hinauf ins Longyeardal, Richtung Süden...

... und dies der Aublick von derselben Stelle in Richtung Norden. Der Himmel ist dunkel genug, um im Norden viele Sterne ausmachen zu können, und die Berge erleuchtet vom Restlicht der weit entfernten Sonne sowie dem rötlichen Licht der großzügigen Stadtbeleuchtung. Und das Weiße im Vordergrund ist gefrierende Brandung. Temperaturen von im Durchschnitt -10°C lassen das Meer langsam aber sicher abkühlen. Nicht mehr lange, und es werden Eisschollen auf dem Fjord treiben!

Ein kleiner Rückblick: Noch vor zwei Wochen war es mittags immerhin noch so hell, dass die ebenfalls unter dem Horizont stehende Sonne ein paar Wolken anstrahlen konnte. Gefühlsmäßig scheint dies aber viel, viel länger zurückzuliegen als nur 14 Tage...

Der Mast ist übrigens ein gut erhaltenes Stück "cultural heritage" (freie Übersetzung von mir: "Kulturschrott") - ein Überbleibsel der Seilbahn, die bis vor drei Jahrzehnten noch Kohle von den Mienen zum Hafen tansportierte. Heute haben sie hier nichts besseres zu tun, als die Dinger von unten anzuleuchten und die ohnehin nicht geringe Lichtverschmutzung der Stadt dadurch noch zu verstärken... Der Mensch tut hier oben wirklich alles, um bloß nicht das Gefühl zu haben, mit der Natur zusammen zu leben!

Aber manchmal, so etwa einmal im Monat, setzt sich Mutter Natur dann doch gegen den Lichtsmog der Stadt durch und schenkt all jenen, die noch aus dem Fenster schauen oder zu Fuß unterwegs sind, ein Feuerwerk sondergleichen. Wenn man dann noch ganz viel Glück hat, dann heißt man Kerstin und ist genau zu dem Zeitpunkt mit der Kamera draußen, als die Aurora am hellsten erstrahlt!


An den allermeisten Abenden aber lässt sich hier kein Polarlicht blicken. Das hängt einerseits damit zusammen, dass letzten Monat generell wenig Nordlichter zu sehen waren, andererseits sind wir wohl tatsächlich zu weit nördlich für garantierte Sichtungen. Es ist ironisch: ich bin so weit im Norden unseres Planeten wie noch nie zuvor, habe aber dennoch in etwa so große Aurorasichtungschancen wie in Nordengland. Der Nordlichtgürtel ist sehr schmal und liegt normalerweise genau über Island und Nordnorwegen - nicht aber über Svalbard!
Tja, nun weiß ich das auch, man lernt halt immer dazu...

Doch zum Glück braucht man ja nicht nur Polarlichter, um sich nachts draußen aufzuhalten. Man kann ja auch Sport und Spiel als Anreiz nehmen und beispielsweise einen "Kite" steigen lassen, einen großen Drachen in Gleitschirmform, und damit lustige Muster an den Nachthimmel malen.

Entfernt man sich dann noch weiter von der Stadt, dann wird es dank der Abwesenheit der Aurora auch möglich, Aufnahmen vom Sternenhimmel zu machen, genauer gesagt von der Mitte unserer Galaxie, der wir den Namen Milchstraße gegeben haben. Die klare, kalte Luft und die Abwesenheit der menschlichen Zivilisation lässt einen so viele Sterne entdecken, dass man von Dunkelheit gar nicht mehr reden kann - ein atemberaubend schöner Anblick!

Sonntag, 30. Oktober 2011

Beginn der Polarnacht

In den vergangenen Wochen haben sich die Lichtverhältnisse hier im Adventfjord rasant geändert. Wurden Ende August die Bergspitzen noch um Mitternacht in rotes Licht getaucht, so erlebten wir genau 60 Tage später den Moment, an dem dies selbst zur Mittagszeit nicht mehr geschah. Am 17. Oktober machte ich das folgende Foto: nicht wissend, dass es das letzte Mal sein sollte, dass Sonnenlicht die Berge der unmittelbaren Umgebung berührte.



Es folgten sechs Tage mit Bewölkung und Schneefall. Am 24. Oktober schoss ich zur Mittagszeit das folgende, eher unspektakuläre Bild: die Berge rund um Longyearbyen blieben ohne Farbe, die Bergspitzen am Horizont fingen jedoch zum allerletzten Mal das Sonnenlicht ein. Am Tag danach begann offiziell die Polarnacht - und seitdem wird es täglich rasant dunkler. Beleuchtete Berge und direktes Sonnenlicht werden wir erst wieder ab dem 16. Februar zu Gesicht bekommen!


Die letzten Sonnenstrahlen, und selbst diese nur weit entfernt auf irgendwelchen
Bergspitzen am Horizont - das war irgendwie schon ein klammer Augenblick
.

Bei Bewölkung hat man spätestens seit dem Tag das Gefühl, dass es kaum mehr hell wird. Heute beispielsweise schneit es, bei relativ milden -2°C. Gefühlsmäßig gab es da nur eine Dämmerung, bevor es wieder Nacht wurde. Ziemlich deprimierend, muss ich zugeben...

Schenkt uns das Wetter aber einmal ein paar wolkenfreie oder nur leicht bewölkte Tage, dann sind die momentanen Lichtverhältnisse ein Traum!



Die Farbe Blau ist allgegenwärtig und teilweise unglaublich intensiv, und mit etwas Glück kann man am Süden einen Hauch von Pink erahnen. Die Temperaturen schwanken extrem zwischen geringen Plusgraden und -15° Celsius, der stetige Wind verteilt den feinen Pulverschnee ziemlich unregelmäßig über der Landschaft. Und die Straßenbeleuchtung Longyearbyens brennt nun 24 Stunden am Tag!



Das Studium ist jetzt recht theoretisch geworden, draußen sind wir nur noch in unserer Freizeit. Die einzige Ausnahme stellte ein erneutes, praktisches Schießtraining vergangene Woche dar, bei der wir unter anderem sehr realistische Übungen durchführten und ausprobierten, wie wir uns bei einer Eisbärenattacke auf ein Zeltlager verhalten. Eine sehr interessante und lehrreiche Lektion, die uns alle recht nachdenklich gestimmt hat. Ich würde mir wünschen, niemals in eine Situation zu kommen, bei der ich auf irgendetwas Lebendiges schießen muss. Schon gar nicht auf das größte Landraubtier der Welt!



Wenn Wetter und Stundenplan es zulassen, bin ich weiterhin so oft wie möglich draußen, um die Gegend zu erforschen. Momentan gefrieren etwa die Gletscherflüsse und geben am Gletscherrand den Weg in meist sehr niedrige Eis- und Geröllhöhlen frei. Fünf davon habe ich nun schon erforscht, was mir eine komplett durchgescheuerte Jacke, eine Vielzahl blauer Flecke sowie viel Spaß beschert hat! Die längste Höhle war etwa 200 Meter lang und minimal 30 Zentimeter hoch.


Ich bin froh, dass mein Begleiter seine kleine Kamera dabei hatte: meine große DSLR konnte
ich beim besten Willen nicht mitnehmen, dafür ist sie einfach zu sperrig und zu wertvoll!


Gemäß nach dem Motto: "Wo der Kopf durchpasst, da kommt auch der Körper durch!" robbten mein Klassenkamerad Sam und ich zwischen zwei Eisschichten hindurch: wir sollten für einen Geologen mehrere dort angebrachte Sensoren vor dem Winter retten. Ich hätte es nie gedacht, aber: ich fühlte mich zu keiner Zeit unwohl, auch nicht, als der Tunnel einmal so eng wurde, dass ich nur mit gedrehtem Kopf und kräftigem Ziehen und Drücken weiterkam. Höhlenforschung ist genialst spannend! :-)

Als es irgendwann tief im Gletscherinneren so warm wurde, dass der Bach komplett eisfrei war und wir nur mit dicker Schaumstoffpolsterung weitergekommen wären, machten wir uns auf den Rückweg. Immerhin zwei von vier Sensoren hatten wir finden und aus dem Eis lösen können: wir banden die Plastikröhren an unseren ANG-Hund Jenun, der sie brav zum Ausgang zog und uns damit einige Arbeit ersparte. Ihr Herrchen Sam machte mit seiner kleinen Digiknipse ein Bild, das ziemlich gut zeigt, wie eng es dort war - und dies war nicht einmal die niedrigste Stelle.


Die Person mit den gelben Flecken auf den Schuhsohlen bin übrigens ich...

Einen Tag später besuchte ich eine Höhle ganz anderer Art. Inmitten einer Gletschermoräne gelegen, war sie von Steinen gesäumt und machte den Eindruck einer "richtigen" und stabilen Felsenhöhle. Nach einem kurzen Kriechmanöver öffnete sie sich in einen großen Raum, an dessen Wänden sich die Feuchtigkeit in Form von wunderschönen, riesigen Eiskristallen niedergeschlagen hatte. Es war ein Ausflug in eine eisige Zauberwelt - seht selbst!



Die Höhlen waren das mit Abstand interessanteste Ausflugziel des vergangenen Monats. Aber auch Wanderungen und Bergbesteigungen habe ich unternommen - gezwungenermaßen, denn bald bleibt dazu kein Licht mehr. Man kann hier in der direkten Umgebung zwar zu Fuß nicht viel unternehmen, was ich ziemlich frustrierend finde, aber zum Glück ändern Wetter und Temperaturen die Landschaft so regelmäßig, das selbst die zehnte Besteigung des Gletschers Larsbreen immer wieder interessant ist! Ein paar Eindrücke von den Lichtverhältnissen und Panoramen, die ich vor zwei Tagen auf der Wanderung zum Gipfel des 850 Meter hohen Berges "Trollsteinen" erleben und fotografieren durfte.



Die Lichtstimmungen sind zur Mittagszeit trotz fehlenden Sonnenaufgangs faszinierend!
Im Norden sorgt der Schatten der Erde für intensiv grau-blaue Farbstimmungen ...


... wohingehen sich im Süden ein Hauch von Rosa erahnen lässt!
Wunderschön - ganz ohne Sonnenaufgang!


Die Kontraste der vom feinen Pulverschnee bedeckten Welt erinnerten mich
an ein komplexes abstraktes Gemälde!

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Herbstwanderung

Ende September stand eine fünftägige Rucksackwanderung auf dem Studienplan. Einerseits war dies schon seit langem ein Grund zur Vorfreude, andererseits aber hatte ich ziemlich Sorgen um meinen Rücken und wusste eigentlich bis zum letzten Tag nicht, ob ich das Risiko dieser erhöhten Belastung eingehen sollte und konnte. Da ich diese einmalige Reise allerdings wirklich nicht verpassen wollte und sie zudem obligatorisch war, bat ich die gesamte Klasse um Hilfe und verteilte meinen Rucksackinhalt an alle, die etwas nehmen wollten. Während sich meine Mitschüler begeistert mit jeweils oft über 30 Kilogramm beluden, hatte ich im Endeffekt mitsamt meiner abgespeckten Kameraausrüstung gerade einmal 15 Kilo auf dem Buckel. Das war schon fast zu viel Gewicht für meine blöde kaputte Bandscheibe, die mir umgehend wieder ordentliche Rückenschmerzen verursachte. Auf der anderen Seite war ein so leichter Rucksack natürlich Luxus pur und konnte ich trotz ausstrahlender Schmerzen gut mit den Anderen mitzuhalten und die über 60 Kilometer lange Wanderung beenden!

Wettermäßig hatten wir wieder einmal ungeheures Glück! Fünf Tage lang wanderten wir in der direkten Umgebung Longyearbyens und erlebten an den ersten beiden Tagen Nebel und ein wenig Nieselregen. Dann aber fiel das Thermometer unter -10°C, legte sich Raureif über das Land und klarte sich der Himmel. Es war fantastisch! Statt es groß mit Worten zu beschreiben will ich hier Bilder für sich sprechen lassen: dies sind also die Eindrücke von einer Mehrtageswanderung im herbstlichen Svalbard!

Die Software meines Blog-Anbieters hält nun übrigens eine Neuerung parat: wenn ihr auf ein Foto klickt, kommt ihr in einen Dia-Show-Modus und könnt dort die Bilder nacheinander durchblättern. Unter dem angezeigten Foto führt euch der Link "Original ansehen" zur größten Version des jeweiligen Fotos! Viel Spaß beim Schauen!


Tag Eins: Wanderung Richtung Süden über den Gletscher Longyearbreen
Unser Start- und Endpunkt, die Stadt Longyearbyen, liegt im Tal unten am Fjord.



Diesmal war ein kurzbeiniger schwedischer Hütehund mit von der Partie,
der seinem Herrchen beim Tragen helfen musste...







Am Abend des zweiten Tages riss die Wolkendecke auf...


... und konnten wir in den darauffolgenden zwei Nächten teils wunderbar filigrane
und farbige Nordlichter erleben! Allerdings war ich mal wieder die einzige,
die verrückt genug war, mir auch außerhalb meiner Eisbärenwache die Nacht
um die Ohren zu schlagen und auf die Aurora borealis zu warten...



Sonntag, 9. Oktober 2011

Herbst in der Arktis

Und wieder ist ein Monat wie im Fluge vergangen.
Nun bin ich schon seit bald neun Wochen auf Svalbard! Wohin verschwindet sie nur immer, die liebe Zeit...?



Der Herbst hier oben war ... überraschend. Die Monate September und Oktober sind eigentlich meine liebste Jahreszeit - allerdings habe ich bisher jeden Herbst meines Lebens in einer Umgebung verbracht, in der es Pflanzen gibt, die sich verfärben und ihre Blätter abwerfen. Nicht so hier. Das wenige, was in der Arktis gedeiht, denkt nicht an Farbänderung und behält seine Blätter außerdem als Windschutz fürs kommende Jahr. Soviel dazu. ALLERDINGS ist jetzt endlich die Zeit gekommen, an dem die Sonne wieder untergeht und es dementsprechend warme Farben gibt - welche dann doch für bunte Herbstimpressionen sorgen!



Solches Traumwetter ist aber leider relativ selten. Bewölkung, Wind und ganz leichter Niederschlag sind an der Tagesordnung - teilweise ist das ungemütlich-kalte Grau-in-Grau ziemlich frustrierend. Wir alle spüren schon die Auswirkungen der sich rasant nähernden Polarnacht: stete Müdigkeit und Gereiztheit sind an der Tagesordnung. Zum Glück lässt die Uni wenig Raum für die anklopfende Winterdepression: dafür gibt es ständig viel zu viel zu tun! So absolvierten wir beispielsweise drei weitere Tage am Schießstand, und nachdem ich ein ziemlich selbstbewusster Großkalibergewehrschütze geworden bin weiß ich nun: mehr als 30 Schuss am Tag enden garantiert in einer von blauen Flecken verzierten Schulter!

Der WWF kam nach Longyearbyen und bot einen Kurs in Ölentfernung an, bei dem ich drei Tage lang lernte, wie man Strandabschnitte nach einer Ölpest säubert. Eines steht fest: es ist eine dreckige, extrem langwierige und ziemlich deprimierende Arbeit. Wir brauchten zu viert eineinhalb Stunden, um fünf Liter Öl aus einem Planschbecken zu entfernen. Kaum vorzustellen, wieviel Arbeit es ist, nach einer Ölpest Zehntausende von Tonnen Öl einzudämmen! Doch gerade und besonders in einem Land wie Norwegen ist es nur eine Frage der Zeit, bis dies wieder der Fall sein wird. Nur eine Woche nach dem Kurs kam schon eine Anfrage vom WWF an die momentan 300 "ausgebildeten" Freiwilligen in Norwegen, ob jemand bereit wäre, bei den Aufräumarbeiten nach einer kleinen Ölpest in Schweden mitzuhelfen. Ich bin diesmal nicht mit von der Partie - aber wer weiß, meine Zeit wird schon noch kommen!


Mit sogenannten Ölsperren wird das auf dem Wasser schwimmende Öl "abgeschabt"
und konzentriert, sodass es dann abgepumpt werden kann. Wir übten das Ganze von Land aus
mit einem Sack Sägespäne, und hatten auch damit wieder genug zu tun...


Nur ein paar Tage später erhielten wir einen Crashkurs im Zusammenbauen und Fahren von Zodiak-Gummibooten. Auch hier hatten wir wieder viel Spaß, vor allem, weil es meine Gruppe schaffte, am ersten Tag ein Zodiak beim Aufblasen zum Platzen zu bringen (der Druckmesser war kaputt), und ein anderes am zweiten Tag zu versenken (Der Boden fiel während der Fahrt einfach raus). Wir ANG-Studenten haben seitdem keinen ganz so guten Ruf in der UNIS-Werkstatt mehr... ;-)


Die "Arctic Sunrise" von Greenpeace war auf Forschungsreise in Svalbard - das hat schöne Erinnerungen an meine Zeit auf der alten Rainbow Warrior geweckt!



Das oft trübe Herbstwetter sorgte jedenfalls dafür, dass ich an jedem freien und definitiv jedem sonnigen Tag die Umgebung unsicher machte. Mitte September etwa wanderte ich mit Freunden zu einer zehn Kilometer entfernten Hütte, wo ich zwei schöne Tage fernab der langweiligen Stadt verbrachte.



Es war eine Belastungsprobe für meinen Rücken, die mir gezeigt hat, was ich kann und was ich noch nicht wieder tun sollte: alles über zwölf Kilo für mehr als drei Stunden bekommt meiner Bandscheibe nicht gut. Aber dass ich überhaupt wieder solche Touren machen kann, habe ich meinem neuen Rucksack zu verdanken, den ich mir aus Neuseeland habe zukommen lassen.
"Aarn Packs" produzieren sogenannte "Bodypacks", welche einen ganz neuen Rucksacktyp darstellen. Das ungewöhnliche daran ist, dass ein Drittel des Gewichtes in zwei Taschen vor der Brust transportiert wird. Das macht das An- und Abschnallen etwas umständlich, aber es erfüllt seinen Zweck: ich kann komplett gerade laufen und habe nicht alles Gewicht auf meiner kaputten Bandscheibe liegen, wie es bei einem normalen Rucksack unweigerlich der Fall ist. Zudem kann ich fast 99% des Gewichtes auf den Hüftgurt verlagern und habe keinerlei Druck auf den Schultern - auch das ideal für Leute mit Rückenproblemen. Dass mich ob der seltsamen Taschen vor der Brust jeder anschaut, als sei ich ein Marsmensch, stört mich nicht weiter - das ist ja schließich nichts Neues... ;-)



Ziemlich genau seit der letzten Septemberwoche wird es endlich dunkel genug, um Nordlichter zu sehen. Sobald das Wetter es zulässt (und das ist im Schnitt einmal die Woche) bin ich draußen, um das Spiel der Aurora zu bestaunen. Die Saison hat extrem gut begonnen: die Sonne ist wirklich sehr aktiv und sorgt für alle möglichen Farben und Strukturen am blauen Nachthimmel. Ich bin mittlerweile so dermaßen Nordlicht-verrückt, dass ich mir einen Winter ohne Aurora beim besten Willen nicht mehr vorstellen kann!


Dienstag, 4. Oktober 2011

"Highlights Island"

Liebe Welt, es ist soweit: mein erstes Buch ist im Handel erschienen! "Highlights Island", vom Bruckmann Verlag, ist ein Projekt, in das ich viel Zeit, Wissen und Schweiß investiert habe - allerdings auch viel Kritik! In 50 Geschichten und Kapiteln habe ich versucht, viele Facetten Islands abzudecken und viele Geschmäcker zufrieden zu stellen: ob mir das gelungen ist, müsst ihr selber entscheiden! Ich allerdings bin stolz wie Oskar und ziemlich gespannt, wie der Band ankommen wird!



Mein guter Freund Olaf Krüger ist der Fotograf, ich der Autor, wobei allerdings 30% der Bilder von mir stammen. Auch wenn mich das Umschlag-Design überhaupt nicht begeistert (ROSA! AAAARGH!) so bin ich doch sehr zufrieden mit dem Buch: der Verlag hat sich sehr auf meine / unsere Wünsche eingelassen und mir als Autor erstaunliche Freiheiten gewährt!

Das Besondere an diesem Band ist, dass er sehr kritisch geworden ist. Es handelt sich um eine Mischung aus Reiseführer und Bildband: ein Buch zum Schmökern für all jene, die Interesse an Island haben. Entgegen der ersten Erwartungen, welche die Farbe des Einbandes wecken könnte, will ich dieses Land nicht rosa beweihräuchern und habe Themen wie Walfang, fehlendes Umweltbewusstsein der Isländer, Großindustrie, die Schattenseiten der eneuerbaren Energien, Klimawandel, Offroad-Fahren, das Sterben der Papageitaucher und die negativen Auswirkungen des Massentourismus erwähnt und teilweise ausführlich beschrieben.

Highlights Island - Shop des Bruckmann Verlags

Der obrige Link führt zur Internetseite des Bruckmann Verlags. Unter dem Bild des Buchcovers führt ein weiterer Link zur Online-Vorschau des Buches: hier könnt ihr euch Hineinlesen in eine begrenzte Anzahl frei wählbarer Buchseiten.

Ans Herz legen kann ich euch folgende Kapitel:

(40) Winternacht in Grundarfjörður, Seite 124 (Nordlichter)
(10) Eyjafjallajökull, Seite 46 (Vulkanausbruch)
(50) Das Gebirgsmassiv Kverkfjöll, Seite 158 (Offroad-Fahren)
(2) Þingvellir, Seite 24 (Wikinger und Kontinentaldrift)
(8) Die Westmännerinseln, Seite 40 (Das Sterben der Papageitaucher)
(46) Die Laki-Krater, Seite 142 (Der schlimmste Vulkanausbruch der modernen Islandgeschichte)
(30) Kraftvoller Skálfandafljót, Seite 100 (Pläne der Großindustrie)
(47) Naturschutzgebiet Fjallabak, Seite 146 (Massentourismus)

Auf bald!
Eure Kerstin

Samstag, 3. September 2011

Tolle Tage im Billefjord

Auch am dritten Tag hielt sich das gute Wetter und zogen wir früh auf den Gletscher hinauf. Wir waren alle voller Tatendrang und wollten eigentlich nur eines: weg vom "langweiligen" glatten Eis und hinein in die Gegenden, die von Gletscherspalten durchzogen waren.



Vorher aber hieß es, die Grundzüge der Gletscherspaltenrettung zu üben: dabei insbesondere das Errichten von Flaschenzügen. Meine Gruppe war nicht nur äußerst hilfsbereit und nahm mir einen Großteil meines Gepäcks ab, um meinen Rücken zu entlasten, es waren auch alle schnell von Begriff und lernten schnell. So zogen wir ziemlich bald hinauf ins "Blaue Eis", um dort erst das Erlernte in die Tat umzusetzen, und dann das Durchqueren von schwierigem Terrain zu üben.




Diesen Rhythmus behielten wir in den folgenden fünf Tagen weitestgehend bei. Praktisch orientierte Theorie und Praxis wechselten sich ab, und am Ende des siebten Tages auf dem Gletscher wussten wir alle im Schlaf, wie man verschiedene Flaschenzugsysteme baut, Seilschaften sichert, sich abseilt und Spalten aus eigener Kraft hinaufklettert oder abgestürzte Personen von dort abholt. Um geeignete Übungsorte zu finden, wanderten wir immer wieder in unbekanntes Terrain hinein, nutzten dabei unterschiedliche Steigeisentechniken und moderates Eisklettern - alles Dinge, die ich mir nur eine Woche zuvor nicht mal im Traum zugetraut hätte.



Wir setzten in der Seilschaft Eisschrauben, um Hindernisse zu überwinden, passierten Gletscherspalten über wenig vertrauenserweckende Altschneebrücken (Aaaaaargh! Warum müssen Jungs immer das absolute Risiko suchen?) und sahen eine Menge "blaues Eis”. Kurzum: es waren sehr kurzweilige und dank des durchgehend guten Wetters fantastische Tage auf dem Nordenskiöldbreen!




Die Abende gehörten entweder weiterer Theorie ums Lagerfeuer, oder aber (und das war meistens der Fall) nur uns, dem Abendessen und ein wenig Freizeit. Ich war definitiv am wenigsten sozial von allen: ich kann bei aller Liebe nicht still am Lagerfeuer sitzen und irgendwelchen (wiederholbaren) Lebensgeschichten zuhören, wenn um mich herum die Berge in tollstes Licht getaucht werden - dafür bin ich einfach zu sehr Fotograf!




Am 24. August ging hier oben auf 78°Nord die Mittsommernacht zuende: die Sonne ging tatsächlich für ein paar Minuten komplett unter. Ich kann das bestätigen, denn genau zu dem Zeitpunkt hatte ich Eisbärenwacht. Seitdem ist es rapide dunkler geworden: momentan wird jeder Tag im Schnitt 45 Minuten kürzer. Das ist eine schier absurdes Tempo!



Während meiner Eisbächenwachtschichten erspähte ich (wie alle anderen) immer eine Menge Eisbären, die sich allerdings allesamt als Altschneefelder oder Eisschollen entpuppten. Ein echter Eisbär ließ sich in den gesamten neun Tagen ebenso wenig blicken, wie Walrösser oder Wale - nun, man kann nicht alles auf einmal haben! Dafür kalbte der Gletscher rund um die Uhr mit irrsinnigem Krach, und füllte den Fjord mit kleinen Eisschollen.




Der vorletzte Abend im Billefjord blieb mir ganz besonders in Erinnerung. Der Wind drehte und nahm zu, der Wetterumschwung hatte sich schon durch eine herannahende Wolkenfront angekündigt. Genau zu Sonnenuntergang brach die untergehende Sonne noch einmal durch - genau gleichzeitig mit dem Einsetzen von ganz sachtem Nieselregen. Die Berge auf der anderen Seite explodierten regelrecht in Farben - und ich blieb bis zur Eisbärenwache einfach wach. Bei dem Anblick konnte ich mich trotz aller Müdigkeit kein Auge zutun! Und so verabschiedete sich der Billefjord von seiner fotogensten Seite - und machte mich mehr als neugierig auf das, was da in den kommenden Monaten noch an Erlebnissen auf mich zukommen wird!