Sonntag, 11. Februar 2018

Die Drachen der Antarktis

Grytviken liegt in der kleinen Bucht King Edward Cove, welche sich wiederum in einem Seitenarm von Cumberland Bay befindet, dem größten Fjord der Insel. Umringt und geschützt von hohen Bergen ist dieser Ort der beste Hafen für Schiffe, denn hier ist die See am ruhigsten, das Wetter am besten und die Winde oft am wenigsten stark. Was super für uns Menschen ist, muss nicht unbedingt ideal sein für die vielen Tiere, die einen direkten Zugang zum offenen Meer vorziehen und sich lieber an der Außenseite der Insel aufhalten. Die großen Tierkolonien befinden sich deshalb außerhalb meiner direkten Reichweite: mir bleibt 'nur' der im Vergleich zum Rest Südgeorgiens spärlich bevölkerte Strand im Inneren von King Edward Cove. An Tierleben gibt es hier die Harems von See-Elefanten und Antarktischen Seebären (Pelzrobben), vereinzelte, sich meist in der Mauser befindende Pinguine (Königspinguine und Eselspinguine) sowie einzelne Paare / Individuen unterschiedlichster Vögel: Antarktische Küstenseeschwalbe, Dominikanermöwe, Spitzschwanzente, Riesenpieper, Skua und Rußalbatross wären da zu nennen. Eine Vogelart aber hat vom ersten Tag an mein besonderes Interesse geweckt: der Riesensturmvogel, auf Englisch 'Giant Petrel'. Wir hier auf der Insel nennen ihn aber schlichtweg GP ('Dschii-pii') oder 'Geep' (Dschiip, wie 'Jeep').


Riesensturmvögel sind entfernt mit den Albatrossen verwandt: es sind Röhrennasen, deren eigentümlicher Schnabel so aussieht, als sei er aus mehreren Hornstücken zusammengepuzzelt. Obendrauf sitzen die Nasenlöcher als eine Doppelröhre auf, die dazu dient, das Salz aus dem beim Trinken aufgenommenen Meerwasser auszuscheiden. Diese Entsalzungsanlage (die alle Röhrennasen haben, also auch die Albatrosse) ermöglicht es ihnen, ihr Leben komplett auf See zu verbringen, also wirklich gänzlich unabhängig von Süßwasser. An Land kommen sie daher eigentlich nur, um zu brüten - ansonsten trifft man sie auf dem offenen Meer an, dem stürmischen Südpolarmeer, wo sie steif aber elegant mit sehr wenig Flügelschlägen über den Wellen segeln.


Wie auch die Albatrosse und Eissturmvögel, so können Riesensturmvögel ziemlich alt werden: wie alt genau, wissen wir nicht, aber 50 Jahre schaffen sie locker.

Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei den Riesensturmvögeln um ziemlich große Tiere. Eissturmvögel, ihre europäischen Verwandten, wirken wie Zwerge im Angesicht dieser größten aller Sturmvögel: sie weisen eine Körperlänge von teils über 90 cm auf und eine Flügelspannweite von über zwei Metern. Allein der Schnabel kann 12 cm lang sein und ihre mit Schwimmhäuten bestückten Füße haben locker die Größe einer menschlichen Hand. Ihr Federkleid ist meist braun bis gräulich gescheckt, aber es gibt auch seltene weiße Exemplare, die wir hier 'Spirit Petrels' nennen, Geistersturmvögel.


Der politischen Korrektheit halber sollte erwähnt werden, dass es zwei Arten von Riesensturmvögeln gibt, die Nördlichen und Südlichen Riesensturmvögel. Wir Deutschen machen es komplizierter als es sein muss, denn als Riesensturmvogel bezeichnet die Fachwelt den südlichen GP, und der nördliche heißt offiziell 'Hallsturmvogel'. Wenn ich von Riesensturmvögeln spreche, dann meine ich beide, denn sie sind sich extrem ähnlich und kommen hier in Südgeorgien auch beide vor. Äußerlich unterscheiden sich die beiden Arten nur auf den zweiten Blick. Am verlässlichsten erkennen kann man sie an der Farbe ihrer Schnabelspitze: die ist nämlich dunkler / rötlich (bei den nördlichen) bzw. heller / grünlich (bei den südlichen). Meine Eselsbrücke ist eine Ampel: rot für den Norden (oben), grün für den Süden (unten) ...

Links: nördlicher GP mit roter Schnabelspitze und (oft) hellen Augen
Rechts: südlicher GP mit grünlicher Schnabelspitze und (oft) dunklen Augen






 
Auf hoher See ernähren sie sich die GPs von allem, was auf bzw. dicht unter der Wasseroberfläche treibt: Krill, Tintenfisch, Abfälle der Fischerei und sonstiges Totes. Wenn aber im Sommer die Robben ihre Jungen bekommen, macht es für sie viel mehr Sinn, die Strände zu patrouillieren. Dabei sind sie nicht nur reine Aasfresser, sondern ziemlich skrupellose Jäger, die ganz gezielt einzelne Tiere anvisieren und töten.

An dieser Stelle eine kleine aber ernst gemeinte Warnung: dieser Blogbeitrag ist ab sofort gespickt mit nichtvegetarischen Bildern und wenig angenehmen Beschreibungen. Ich will diese Tiere keinesfalls als 'böse' oder abstoßend darstellen, ganz im Gegenteil, aber: es sind Jäger und sie ernähren sich von uns sympathischen Lebewesen. Genau wie bei Löwen, so gibt es diese blutige, raubtierhafte Seite an ihnen - die ich euch, absichtlich, zeigen bzw. nicht vorenthalten will!





Es gibt in der Antarktis keine Landraubtiere und auch keine Greifvögel. Damit fehlt die 'Gesundheitspolizei', also jene Instanz, welche die Schwachen und Kranken aussortiert und die Kolonien von Kadavern befreit. Genau diese Aufgabe haben hier die Skuas (Raubmöwen) und eben jene Riesensturmvögel übernommen. Was für manche Menschen brutal erscheinen mag, ist der Lauf des Lebens hier in Südgeorgien beziehungsweise ganz generell in der Natur. Außerdem haben die Riesensturmvögel ihrerseits auch Jungtiere, die im Laufe eines Sommers von Wachtelgröße auf Schwanengröße herangefüttert werden wollen. Es sind ziemlich lustige Wesen, diese Riesenküken: hühner- bis truthahngroße Wattebälle mit einem überdimensionalen Schnabel.


Laut Internet sind es 'nur' die größten, stärksten Männchen, welche aktiv Tiere töten: die jüngeren und kleineren GPs sind immer auf der Suche nach Aas. Wenn ich mich irgendwo hinlege, um etwa Tiere aus deren Augenhöhe heraus zu fotografieren, dann dauert es nicht lange, bis ein Riesensturmvogel zu Besuch kommt. Wenig elegant watschelt er dann herbei und lässt sich im Umkreis von zwei Metern nieder, um mich mehrere Minuten lang zu beobachten: es könnte ja sein, dass ich schon tot bin, schließlich habe ich mich ganze zwei Minuten nicht mehr bewegt...


Die mit Abstand meisten GPs sind Aasfresser bzw. suchen sich auf dem Ozean ihre Nahrung. Einige Individuen aber, vermutlich die erfahrenen, alten Tiere, können ziemlich skrupellose Jäger sein. Ihre Jagdstrategie ist dreist und einfach: sie gehen zu ihrer potentiellen Nahrungsquelle und versuchen, ihr die Augen auszuhacken, was vermutlich zum ziemlich sofortigen Tod führt ('vermutlich', weil ich's noch nie beobachtet habe).


Wenn die Taktik des "Ich hacke dir mal eben schnell die Augen aus" nicht klappt, sie aber jemanden gefunden haben, der sich nicht genügend wehrt, dann versuchen es die Vögel manchmal mit reiner Kraft. Sie verbeißen sich in Federkleid oder Fell fest und reißen so lange, bis sie Zugang zu Fett und Fleisch haben. Kurzum: sie hacken Löcher in andere Tiere hinein und beginnen mit dem Ausweiden, wenn es noch lebt.

Ein GP mit einem knapp 10 Tage alten Seebärenjungen,
das sich zu weit aus dem Schutz des Harems fortbewegt hat

Der Kampf zwischen Jäger und Gejagten kann Stunden dauern: dem beizuwohnen, ist harter Tobak... Ist ihr Gegenspieler dann endlich tot, sind die Riesensturmvögel erstaunlich effizient darin, den Kadaver zu leeren und einmal komplett umzukrempeln. Dass Tiere ohne Krallen bzw. Hände mit 'nur' einem Schnabel so etwas zu Stande bringen können, ist absolut erstaunlich!

Dieser Kadaver war verlassen, als ich ihn fand und mich mindestens eine halbe Stunde lang neben ihn kauerte, bis zuerst zwei Skuas vorbeischauten - und dann dieser relative junge, südliche Riesensturmvogel. Nachdem er mich kurz beobachtet hatte, begann er mit dem Fressen und ließ sich davon weder unterbrechen noch abbringen, als ich, irgendwann, langsam rückwärts von dannen robbte... Was für ein Erlebnis!
  
Auf diese Art und Weise sind sie in der Lage, See-Elefantenbabys und selbst erwachsene Königspinguine zu töten, also Tiere, die mindestens doppelt so groß und um ein Vielfaches schwerer sind, als sie selbst - und das ohne Krallen, sondern lediglich mit einem spitzen, kräftigen Schnabel und einer Menge Dreistigkeit und Kraft ausgestattet. Hartnäckig und ausdauernd sind sie auch: haben sie einmal mit dem Angriff begonnen, dann sind sie davon kaum mehr abzubringen. Nie zuvor ist mir ein Vogel begegnet, der so echsenhaft vom Charakter ist, so unglaublig 'anders' und urig. Die GPs sind für mich der klare Beweis, dass Vögel von Dinosauriern abstammen!


Am faszinierensten aber ist es, Riesensturmvögel an einem Kadaver zu beobachten. Gibt es nämlich irgendwo ein totes Tier, dann wissen relativ bald alle GPs der Umgebung davon, und dann beginnt der Streit ums Fressen. Jetzt zeigen sie, wie komplett anders vom Verhalten sie sind als alle mir bekannten Vögel. Um sich gegenseitig einzuschüchtern, breiten sie die Flügel aus und spreizen die Federn an Hals und Rücken: sie wollen so groß wirken, wie möglich.

 

Die ganz dominanten Tiere werfen ihren Kopf von links nach rechts, während sie einen krächzenden Ruf ausstoßen, der wie eine Mischung aus Pferdewiehern und Katzengejammer klingt und perfekt zu ihnen passt: ja, so könnten Dinosaurier klingen! Zu guter Letzt klappen die Streithähne dann noch ihren Schwanz nach oben und stolzieren herum, wie entfernte Verwandte des Auerhahns - es ist absurd-faszinierend!


Wenn das ganze Geprolle und Gehabe nicht hilft und der Konkurrent immer noch ans Fressen heran will, dann wird gekämpft. Die beiden Streithähne laufen aufeinander zu und verbeißen sich ineinander, während sie wild wiehernd und hoch aufgerichtet zeigen, wer der Stärkere ist. Spätestens bei dem Anblick besteht absolut kein Zweifel mehr: Velociraptoren haben überlebt! Sie sind nur kleiner geworden, haben ein Federkleid bekommen und ihre Krallen durch Schwimmhäute eingetauscht.


Ein kleiner Einwurf komplett am Thema vorbei, aber zu interessant um es nicht zu erwähnen: Velociraptoren, diese bekannten Raubsaurier mit den scharfen Krallen, welche in den 'Jurassic Park'-Filmen als 2 Meter große, 80 kg schwere Killer dargestellt werden, waren in Wirklichkeit nur so groß und schwer, wie ein Truthahn! Damit waren sie aber immer noch um einiges höher und schwerer als die Riesensturmvögel... :-)


Viel zu selten geschieht es, dass man Zeuge einer solchen 'Geepparty' wird, wie wir so ein Fressgelage nennen. Nur dann agieren die Vögel miteinander, nur dann zeigen sie dieses faszinierende Spektrum an Verhaltensweisen. Normalerweise sind es nämlich scheue, zurückhaltende Einzelgänger, die irgendwo am Strand sitzen und schlafen bzw. die Umgebung beobachten - still und unscheinbar, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich hoffe, dass ich in den verbleibenden (nur noch 6!) Wochen noch ein oder zweimal die Chance bekomme, sie in Aktion zu sehen: denn sie haben mich komplett in ihren Bann gezogen, diese gefiederten Echsen - diese Drachen der Antarktis!


Sonntag, 21. Januar 2018

Hochsaison im Museum Grytviken

Das Museum in Grytviken gehört offiziell der Regierung Südgeorgiens, betrieben wird es aber vom South Georgia Heritage Trust (SGHT), jener kleinen schottischen NGO, für die ich gerade arbeite. Dieser „Font für das Erbe Südgeorgiens“ kümmert sich als einzige Organisation überhaupt um Natur- und Kulturschutzprojekte auf der Insel. Das Museum ist wirklich erstaunlich gut und groß für einen so abgeschieden Ort: die meisten Gäste staunen über das, was der SGHT hier aufgebaut hat.


Die Themen des Museums sind antarktische Expeditionen und Entdecker, die Natur- und Kulturgeschichte Südgeorgiens, aber vor allem der Walfang: Grytviken ist eines der größten der fünf Walfang-Dörfer hier auf der Insel, in dem bis in die 1960er Jahre bis zu 450 Menschen lebten.
Das mag überraschend sein für alle, die Grytviken heute das erste Mal besuchen und die wenigen Gebäude zählen, die dort stehen: zwei Arbeitshallen, eine Arbeiter-Wohn-Barakke, die erstaunlich große norwegische Kirche und ein paar kleinere Gebäude in direkter Umgebung der Villa des Managers, in der sich nun das Museum befindet. Dass sich hier einmal ein komplettes Dorf mit Kino, Krankenhaus und Schweinestall befand, erkennt man nur bei genauerem Hinsehen, denn die meisten Gebäude sind inzwischen komplett zerfallen und abgerissen worden.

Grytviken - Quelle: Wikipedia
By BluesyPete [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Grund für diesen Kahlschlag war, dass die Gebäude damals alle mit Asbest gebaut worden waren, was bedeutet, dass ihr Besuch heute gefährlich für die menschliche Gesundheit ist. Die anderen ehemaligen Siedlungen auf Südgeorgien sind tabu für Besucher: es gibt dort eine Sperrzone von 200 Metern. Grytviken aber beschloss man, für Besucher zugänglich zu machen, weshalb die am besten erhaltensten Häuser saniert wurden - alle anderen wurden abgerissen. Die Maschinerie der Walfang-Industrie, die einmal von Hauswänden umgeben war, rostet heute im Freien vor sich hin: große Tanks und riesige Öfen, Motoren, Winden und Sägen, Dampfkocher und bizarre Rohre formen ein faszinierend-künstlerisches Labyrinth aus Rost und Verfall, das so irgendwie gar nicht hineinpasst in dieses Bild dieses heutigen Tierparadieses.



Da der Kreuzfahrttourismus weltweit wächst, kommen auch mehr und mehr Menschen nach Südgeorgien. Das ist gut für die Regierung des kleinen britischen Überseeterritoriums, die pro Kopf eine nicht unerhebliche Pauschale veranschlägt, und auch für den SGHT, der deswegen mehr Kunden im Shop und mehr potentielle Geldgeber für zukünftige Naturschutz-, Archäologie- und Sanierungsprojekte gewinnt. Für die Natur ist es (vom CO2-Ausstoß der Schiffe mal abgesehen) vermutlich derzeit kein großes Problem, denn die Schiffe haben sich so gut wie alle der Organisation IAATO angeschlossen, welche den Tourismus von sich aus stark reguliert. So dürfen an fast allen Landestellen in der (Sub-)Antarktis nur 100 Besucher gleichzeitig an Land, weshalb selbst große Schiffe maximal 199 Gäste an Bord haben. Diese werden in Gruppen eingeteilt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten an Land gelassen: Gruppen A und B für die ersten zwei Stunden des Landgangs, und dann wird getauscht mit den Gruppen C und D. So wird sichergestellt, dass jeweils maximal 100 Gäste an Land sind.

Das größte Schiff der Saison: die "Seabourne Quest" mit 450 Passagieren

Bisher funktioniert das hervorragend, und es sind keine negativen Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere oder die Vegetation zu beobachten. Ich vermute also, dass durch diese strikten Regeln dem Wachstum des Tourismus hier enge Grenzen gesetzt sind, die vermutlich in nicht allzu weiter Ferne erreicht werden. Denn hier in Südgeorgien haben wir alle Hände voll zu tun: wir sind jetzt, in der Hochsaison, kurzzeitig zu siebt im Museum. Für 1-3 Monate bekam unser Kernteam Unterstützung von Pat (Sarahs Mann, der den Rest der Saison für andere Projekte unterwegs ist), Theo (ein junger Maler der hier eine Art Praktikum macht und in den kommenden Monaten ausschließlich Gemälde von hier anfertigen will) sowie Dani, welche sich um die Spenden für den SGHT gekümmert hat.

Mitarbeiter-Rekord in der besucherstärksten Saison 2017/18.
V.l.n.r.: Pat, Sarah, Dani, eine Statue von Sir Ernest Shackleton, Charlotte, Vickie, Theo und ich.

Alle drei werden uns nächste Woche verlassen: dann ist das "Kernteam" vom Anfang wieder auf sich alleine gestellt. Unsere Direktorin Sarah und die Museumskuratorin Charlotte kümmern sich um die Gäste und geben draußen Führungen zum Thema Walfang und Shackleton, wogegen Vickie und ich für den Shop verantwortlich sind und Hilfe von den anderen bekommen, wenn sie nicht anderweitig beschäftigt sind. Sowohl Sarah, Vickie als auch ich gehen außerdem an Bord der Schiffe und halten "Fundraising talks" - also einen Kurzvortrag darüber, was unsere Organisation so tut und warum man uns unbedingt unterstützen sollte (ein eigener Blog darüber ist in Planung).

Die Invasion der (meist) Rotjacken beginnt immer am Friedhof bei Shackletons Grab.
Von da aus geht's dann im Gänsemarsch zum Museum...

Weihnachten war die bisher stressigste Woche: neun Tage lang kam jeden Tag mindestens ein Schiff und gab es unglaublich viel zu tun. Die Kirche wurde geschmückt, wir haben Weihnachtsbaumanhänger für den Shop hergestellt (wir machen hier Dinge aus Kunstharz, wie Magneten oder kleine Skulpturen...), und dann die vielen Weihnachtsfeiern: eine der Station KEP, eine von uns, und dann hatte jedes Schiff auch eine, meist in der Kirche...


Weihnachtsstimmung kam bei all dem Trubel nie wirklich auf, was aber auch dem Sommerwetter zu verdanken war. Gut, Hochsommer ist hier wie ein lauer Winter im Rheinland (mit Temperaturen von meist 5-10°C), aber die Tage sind lang, es ist grün und die Tiere sind in solchen Massen vorhanden, wie es nur im Sommer der Fall ist. Dazu kommt die "typische" Weihnachtstradition der Südhalbkugel: man trifft sich hier am ersten Weihnachtsfeiertag draußen zu einem Grillfest. Und das ist etwas, das ich so partout gar nicht mit diesem Fest verbinde!


Die Bevölkerung Südgeorgiens befindet sich nun, im Hochsommer, auf ihrem Höchststand: allein hier in King Edward Cove sind wir teilweise bis zu 35 Personen, dazu kommen nochmal 9 auf Bird Island. Es sind jetzt Wissenschaftler für ihre Sommerprojekte da und ein großes Team vom SGHT, dass sich um die letzte Phase des Rattenprojektes kümmert - also 'ne Menge Leute und dementsprechend viel Trubel. Einsam und langweilig ist's hier definitiv nicht, ganz egal wie entlegen diese Insel auch sein mag! :-)


Samstag, 23. Dezember 2017

Frohe Weihnachten!

Hallo zusammen,
ein kurzer Blogbeitrag diesmal, weil ich mal wieder viel zu wenig Zeit habe: auch, weil hier Hochsaison ist und ein Schiff nach dem anderen unseren kleinen, ruhigen Ort in einen Rummelplatz verwandelt und wir fünf vom Museum wirklich alle Hände zu tun haben. Von Ruhe und Besinnlichkeit ist hier im hektischen Südsommer nichts zu spüren! Aber da ich von lauter britischen Weihnachts-Fans umgeben bin, gibt es kein Entrinnen: Plastik-Weihnachtsbäume, Lametta-Girlanden und Christbaumkugeln hängen in vielen Räumen, und abends dudelt Weihnachtsmusik. AAAAAAH...





Nun, in dem Zuge: frohe Weihnachten! Auf dass wir bald wieder mehrere Monate Ruhe davon haben!
:-)

Nein, im Ernst: ich wünsche euch ein paar ruhige Feiertage, und dass ihr gut ins neue Jahr hineinrutscht!

Liebe Grüße von diesem absolut besonderen Fleckchen Erde,
Eure Kerstin



Donnerstag, 7. Dezember 2017

Frühling bei den See-Elefanten

Seitdem ich das erste Mal von der Existenz Südgeorgiens gehört habe, plagte mich die Frage, was es mit diesem seltsamen Namen auf sich haben mag. Weder hat diese Insel irgendwelche Verbindungen zu Georgien bei Russland, noch zum amerikanischen Bundesstaat Georgia. Was also steckt hinter diesem Namen?

Im Jahr 1675 geriet der britische Kaufmann Antoine de la Roché nach der Umrundung Südamerikas in einen Sturm: sein Segelschiff wurde so weit nach Süden abgetrieben, dass ein gebirgiges Land mit tiefen Buchten in Sichtweite kam. Antoine und seine Mannschaft gingen dort zwar nicht an Land, fanden aber ein 14 Tage lang Schutz vor den Winden, bevor sie sich wieder auf den Weg nach Norden machten. Das Fleckchen unkartiertes Irgendwas wurde daraufhin als "Roché Island" in den Karten eingetragen - und lange Zeit nicht mehr besucht. 1756 wurde die Insel von einem spanischen Schiff gesichtet und "San Pedro" oder "Pepys Island" genannt. Wiederum 20 Jahre später, im Jahr 1775, segelte der britische Kapitän und Entdecker James Cook ganz gezielt in die Region. Angelockt von den vorherigen Entdeckungen hoffte er, hier den vermuteten antarktischen Kontinent zu finden. Im Angesicht der teilweise fast 3000m hohen Berge muss er geglaubt haben, dass seine Suche von Erfolg gekrönt war: bis er das Südkapp umrundete und begriff, dass es sich hierbei um eine Insel und nicht den erhofften Kontinent handelte. Seine Enttäuschung hielt er in einem sich bis heute haltenden Ortsnamen fest: die Südspitze der Insel heißt "Cape Disappointment".

Das Segelschiff "Bark Europa" besuchte uns Ende November.
Was für ein herrliches Schiff!
  
Cook betrat als erster Mensch die Insel, kartografierte die von ihm bereiste Küstenlinie - und beanspruchte das neue Land kurzerhand für Großbritannien. In dem Zuge benannte er sie dann auch neu: "Isle of Georgia" taufte er sie, zu Ehren des amtierenden britischen Königs, George III. Und das erklärt dann auch den heutigen Namen, "South Georgia", Südgeorgien.


Diese 160 Kilometer lange Insel ist das einzige Stückchen Land in einem riesigen Ozean, der genau an dieser Stelle auch noch sehr reich an Nährstoffen und Tierleben ist: die Gewässer gehören zu den besten Fischgründen der Welt. Genau deswegen ist die Insel von enormer Bedeutung für die Seevögel und Robben des Südatlantik bzw. Südpolarmeeres. Selbst die spezialisiertesten Seevögel brauchen Land, um brüten zu können, und gleiches gilt für Robben, deren Jungen im offenen Meer schlichtweg ertrinken würden. Zwei Robbenarten teilen sich die Insel: da sind einmal die See-Elefanten, und dann die Pelzrobben, genauergesagt die Antarktischen Seebären. Obwohl beide Robben in enormer Anzahl vorkommen, vertragen sie sich: auch und vor allem deshalb, weil sich ihre Paarungszeiten unterschiedlich über den Sommer verteilen. Die See-Elefanten sind als erstes dran: von September bis November belegen die Weibchen die Strände, an denen sie ihre Jungen gebären. Dabei pflastern sie das Ufer regelrecht zu: dicht an dicht liegen sie nebeneinander, Weibchen neben Jungtier, neben Weibchen, neben Jungtier.


Es gibt Tiere, die wir Menschen sofort als hübsch empfinden: See-Elefanten gehören definitiv nicht in diese Kategorie von Lebewesen. Ein Guide-Kollege hat sie mal treffend als "blubber-slugs" bezeichnet, als speckige (oder rotzende) Nacktschnecken. Nicht nur, dass sie die meiste Zeit des Tages unbeweglich im Sand liegen, nein: sie haben meistens triefende Rotznasen und bekacken sich ständig selbst. Die gelbe Farbe ist nicht etwa ihre Fellfarbe (die ist nämlich grau bis beige-braun), sondern stammt von ihren Exkrementen. Es ist eine echte Herausforderung, Bilder von ihnen zu machen, bei denen sie nicht extrem unvorteilhaft aussehen.


See-Elefanten haben im Vergleich zu anderen Robben riesigen Augen, welche einen Hinweis auf ihren Lebensraum geben: sie jagen und fressen Tiefseefisch und tauchen dafür über 2000 Meter tief. Der namensgebende Rüssel, den die ausgewachsenen Männchen haben, wird zur Ernährung aber nicht gebraucht. Er scheint Resonanzkörper für die lauten Rufe der Männchen zu sein, die ihren Territorialanspruch deutlich in die Welt hinausrülpsen. Und vermutlich ist dieser Rüssel vor allem ein Statussymbol: je größer er ist, desto toller fühlt sich der Mann. Dieses Phänomen ist uns Menschen ja nicht ganz unbekannt...


Generell muss ich sagen: Es sind verdammt seltsame Viecher, diese größten Robben der Welt! Die Weibchen allein sind mit ihren drei Metern Länge und 800kg Gewicht ein imposanter Anblick, wirken aber wie Zwerge im Angesicht der gigantischen Männchen. Fünf Meter lang und viereinhalb Tonnen schwer ist ein ausgewachsener, 15 Jahre alter See-Elefantenbulle. Sie liegen normalerweise wie dicke, fette Würste im Sand - es sei denn, sie sehen einen Konkurrenten, der ihnen ihre Weibchen streitig machen will. Dann können sich diese scheinbar unbeweglichen Kolosse auf Menschengröße aufrichten!
  

Während die Weibchen scheinbar relativ gefahrlos und stressfrei leben, haben es die Männchen verdammt schwer. Um sich paaren zu können, müssen sie einen Harem aus Weibchen gegenüber allen anderen Männchen verteidigen, und das schaffen nur die größten und ältesten Bullen. Sie sind ständig auf der Hut: sobald sie ein anderes Männchen sehen, ist's aus mit lustig.
Absolut.
Dann ziehen sie eine Grimasse, die wir Menschen sofort mit rasender Wut in Verbindung bringen - und verfallen in eine Art Berserker-Modus.


Mit erstaunlichem Tempo robben diese Kolosse dann in direktem Wege zum Widersacher - über alles und jeden hinweg, der ihnen im Wege steht, und das sind meist Weibchen und ihre Jungtiere. Okay, vielleicht leben diese doch nicht so stressfrei wie behauptet - aber immerhin prügeln sie sich nicht ständig, wie die Männchen.


Kämpfende See-Elefanten richten sich mannshoch gegenüber auf und lassen ihr weit geöffnetes Maul mit Schwung auf den anderen heruntersausen. Keine Ahnung, wie viele Tonnen an Gewicht dann in Bewegung sind. Es ist absolut beeindruckend, einen solchen Kampf mitzuerleben!


Die etwa 5 cm langen Eckzähne reißen teils schlimme Wunden: die gesamte Kopf-, Nacken- und Halspartie der Bullen ist ein Schlachtfeld aus Narben. Ich habe einen großen, toten Bullen gesehen, der wahrscheinlich verblutet ist, und andere mit horrenden Wunden beobachtet. Die Sterblichkeitsrate der Bullen muss groß sein: nur so ist zu erklären, warum man (im Vergleich zu den Weibchen) relativ wenig erwachsene Bullen sieht. Und diese oft aussehen, wie gerade erst dem Metzger entronnen...


Wie so oft im Tierreich kämpfen die Männchen um das Recht, sich fortzupflanzen: der stärkste Bulle zeugt die meisten Nachkommen. Wochenlang bewachen sie einen Harem aus Weibchen, die an Land kommen, um dort ihre Jungen zu gebären. Im Gegensatz zu den Männchen, die ständig irgendwelche Widersacher verscheuchen oder sich prügeln, versuchen die Weibchen, so viel wie möglich zu schlafen, während sie ihre Jungen säugen. Sie sind allerdings ziemlich streitlustig und regen sich liebend gerne über diese oder jene Nachbarin auf, die ständig zu nerven scheinen. See-Elefantenweibchen haben zwar nicht den lustigen Rüssel der Männchen, aber rülpsend rufen und dabei lustig aussehen, das können sie auch prima.


Die neugeborenen Robbenbabys nehmen innerhalb von drei Wochen schlappe 140 Kilogramm an Gewicht zu: die Milch der Weibchen besteht zum Großteil aus Fett. Etwa zweieinhalb Wochen nach der Geburt werden die Weibchen wieder empfängnisbereit und paaren sich dann mit dem Männchen, das in diesen Tagen den Harem sein eigen nennt. Und etwas über drei Wochen nach der Geburt der Jungtiere treten die Weiber die Flucht an und schwimmen aufs offene Meer hinaus, um sich wieder fett zu fressen. Ihr dann (laut Textbuch) 180 kg schweres Junges lassen sie dabei an Land zurück.



Die kleinen Robben sind ab ihrer vierten Lebenswoche komplett auf sich alleine gestellt - und verbringen die kommenden 3 Monate mit Spiel und Schlaf. Sie sind (wie fast alle jungen Tiere) herrlich naiv und neugierig - und kennen so gut wie keine Scheu, besonders und vor allem nicht gegenüber kleinen, robbenförmigen Dingen, wie etwa am Boden herumkriechende Fotografen...


Auf Englisch nennen wir diese herrenlosen Babyrobben "weaner", was trotz gleicher Aussprache (und visueller Ähnlichkeit) nichts mit den Wiener Würstchen zu tun hat, sondern von "to wean" abstammt, also dem (von der Mutter bzw. der Muttermilch) "entwöhnt sein".

Die kleinen Speckschwarten gehen immer öfters ins Wasser und rotten sich mit anderen Gleichaltrigen zusammen, um vor allem zu schlafen und dabei extrem lustige, schnaubend-pupsende Laute von sich zu geben. Jede fünfte bis achte Schulklasse hätte seine helle Freude an der Geräuschkulisse einer See-Elefantenkolonie. Da ich euch diese erheiternden Variationen von nicht tischmanierlichen Lauten nicht vorenthalten will, habe ich eine Tonaufnahme vorbereitet und daraus auf die Schnelle ein superschlechtes Video kreiert. Mal gucken, ob das mit dem Hochladen und Abspielen klappt!?


Zu meinem großen Erstaunen scheinen die Jungtiere noch zu wachsen, nachdem sie von ihren Müttern am Strand zurückgelassen wurden. Ich habe absolut keine Ahnung, wie das gehen soll, aber sie werden noch ein bisschen größer, obwohl sie nichts mehr zu sich nehmen. Wenn noch jemand einen Nobelpreis gewinnen will, dann kann ich empfehlen, doch mal das Genom oder was auch immer zu entschlüsseln, das es den See-Elefanten ermöglicht, ohne Nahrung und allein durch Schlaf Fett in Muskeln umzuwandeln. Diese Fähigkeit hätte ich auch gerne!



Und nun wünsche ich euch noch einen schönen Tag und eine frohe Weihnachtszeit.
Bis zum nächsten Blogbeitrag!
:-)

Montag, 13. November 2017

Der erste Monat in Grytviken

Genau einen Monat bin ich nun in Südgeorgien - irre, wie die Zeit verfliegt!
Die ersten Tage lassen sich am besten beschreiben mit: „Einweisungs- bzw. Vorlesungsmarathon“ sowie „biosecurity“, also Bio-Sicherheit - keine Ahnung, ob es dafür ein offizielles deutsches Wort gibt. Biosecurity beschreibt den Vorgang, dass alles, was wir auf die Insel bringen, ausgepackt und kontrolliert werden muss. Das betrifft unser persönliches Gepäck genauso wie Essen, Ausrüstungsgegenstände und beispielsweise alle Waren, welche wir im Shop verkaufen. Ziel dieser Aktion ist es, sicherzustellen, dass wir nichts Lebendiges nach Südgeorgien mitbringen: keine Kakerlaken oder Kleidermotten in unseren Taschen, keine Mäuse, Ratten, Spinnen oder Ohrenpitscher in den Kartons, keine Pflanzensamen in den Klettverschlüssen unserer Jacken und Rucksäcke, keine Erde von irgendwoanders, in der sich die Eier von Insekten verstecken könnten.

V.r.n.l.: Meine Chefin Sarah, Kuratorin Charlotte und ich im 'biosecurity room'
 
Grund für diese Wahnsinnsarbeit ist die isolierte Lage Südgeorgiens und die Tatsache, dass nur wir Menschen solche neuen Lebewesen mitbringen. So wurden in der Vergangenheit schon mehrere Pflanzen eingeschleppt (darunter Löwenzahn und Hahnenfuß...), verschiedene Käfer und Spinnenarten, der gute alte Regenwurm, Mäuse und Ratten - um nur ein paar derer zu nennen, die sich hier erfolgreich angesiedelt haben. Von daher ist man hier sehr streng mit der Gepäckkontrolle - gerade und besonders bei Personen, die gerade auf den Falklandinseln waren (ähnliches Klima) oder gar aus den nördlichen Polregionen kommen (noch viel ähnlicheres Klima). Bei zwei Containerladungen Waren für unseren Shop könnt ihr euch sicher vorstellen, dass es lange dauert, jeden einzelnen Gegenstand auszupacken und anzugucken. Und außer einer toten Fruchtfliege haben wir nichts gefunden. Aber man kann uns nicht nachsagen, Bio-Sicherheit nicht ernst zu nehmen!

Meine Kollegin Vickie inmitten von Kartons bzw. Pinguinen

In den darauffolgenden zwei Wochen bestand unsere Hauptaufgabe darin, eine Bestandsaufnahme für den Shop zu machen. Ein intensiver Tag mit Inventur dessen, was noch da war, und gut 14 Tage Auspacken der neuen Waren, einsortieren ins Lager, und langsames Bestücken des Shops. Ihr müsst euch das so vorstellen: im Museum befindet sich auch ein kleiner Shop, schätzungsweise 10x7 Meter groß, in dem wir über 100 verschiedene Artikel verkaufen. Darunter befinden sich 12 verschiedene Arten von T-Shirts, Fleece-Jacken, Socken, Postkarten, Poster, Gläser und Tassen, Whisky, Handschuhe und Mützen, Stifte, Notizbücher, richtige Bücher, Schmuck - und alle nur erdenklichen Arten von Pinguinen. Pinguine als Stofftiere, Schlüsselanhänger, Magneten, als Holz-Statuen, auf Kerzen und bereits erwähnten T-Shirts, Mützen, Tassen usw. usf...


Hand auf's Herz: wir verkaufen ganz schön viel Schrott, und das zu ziemlich überteuerten Preisen. Aber das Zeug verkauft sich wie warme Semmeln, und der Erlös kommt komplett dem SGHT (South Georgia Heritage Trust) zugute - jener kleinen NGO, für die ich arbeite (na ja, sagen wir's mal so: ich bekomme ein Taschengeld für meinen Einsatz...). Der SGHT (www.sght.org sowie www.museum.gs) kümmert sich als einzige Institution ihrer Art um den Erhalt des Natur- und Kulturerbes Südgeorgiens. Mit jedem verkauften Pinguin-Stehrümmchen werden also die Naturschutzprojekte hier unterstützt, von denen ich später bestimmt mal berichten werde. Und in dem Fall bin selbst ich gut darin, diesen unnützen Kitsch überzeugend an meist wohlhabende Touristen zu verkaufen... ;-)


Und so habe ich im vergangenen Monat Dinge gelernt, um die ich mich mein Leben lang nie gekümmert habe. Ich kann jetzt T-Shirts so falten, dass es nicht mehr so aussieht, als habe ich sie einfach in die Ecke geschmissen. Ich glaube, ich kann endlich am Ärmel erkennen, ob ich ein Unisex-T-Shirt vor mir habe oder eins mit Frauen-Schnitt (und bin immer noch der Meinung, dass letzteres Hauptverantwortlich ist für unterkühlte Nieren und Erkältungen...). Ich weiß, welche Münzen und Scheine des britischen Sterling-Pfundes gültig bzw. ungültig sind (die spinnen, die Briten!) und habe herausgefunden, dass Asiaten ihre Dollarscheine liebend gerne mit ihren Initialien bestempeln (Warum nur? Warum???). Euro-Scheine sehen dagegen alle total neu aus: ob die europäischen Banken alte Scheine schneller aus dem Umlauf nehmen, als die Amerikaner oder Briten? Ihr seht: solche Gedanken macht sich eine Kerstin, die stundenlang in einem Shop arbeitet. :-)

Wenn keine Kreuzfahrtschiffe da sind, die uns so lange auf Trab halten, bis sie wieder abgereist sind, sind unsere Arbeitstage ziemlich geregelt: normalerweise von morgens neun bis nachmittags fünf Uhr. Da die Sonne momentan um 4:15 Uhr aufgeht und um 20 Uhr untergeht, habe ich vor und nach der Arbeit noch Zeit, um zu fotografieren - und besonders an unseren freien Tagen. Sarahs erklärtes Ziel ist es, uns pro Woche zwei Freitage freizuschaufeln - bisher klappte das relativ gut, aber auch nur, weil die Saison der Kreuzfahrtschiffe gerade erst beginnt - und wir als Museums-Team ziemlich effizient arbeiten.
  
V.l.n.r: Charlotte, ich, Pat, Sarah, Vickie
  
Lange Rede, kurzer Sinn: ich war trotz vieler Arbeit oft draußen zum Fotografieren. Das Wetter war sehr abwechslungsreich aber generell viel besser, als gedacht: heute ist der erste richtige Regentag, und weil er auf einen freien Tag fällt, habe ich deswegen das erste Mal die Chance, ein neuen Blogbeitrag zu verfassen - denn ohne Regen wäre ich jetzt entweder daußen zum Fotografieren, oder würde nach einer durchwachten Nacht tagsüber den Schlaf nachholen. Nichts gegen euch, aber habe ich die Wahl zwischen einem Ausflug in die Natur oder Computerarbeit, dann wird Natur immer den Zuschuss bekommen! :)

King Edward Cove: links Grytviken, rechts am Buchtausgang die BAS-Station KEP

Das Museum wird zwar vom SGHT betrieben, kann aber nur in Kooperation mit dem BAS (dem British Antarctic Survey) am Laufen gehalten werden. So holen wir unsere Essensvorräte aus den Lagerräumen des BAS auf KEP (King Edward Point - die britische Forschungsstation in einem Kilometer Entfernung). Zudem leben wir nach ihren Sicherheits-Regeln. Die besagen beispielsweise, dass man sich nur innerhalb der Ein-Personen-Reisegrenze frei bewegen kann. Praktisch bedeutet das: nur ein genau definiertes (und  für mich relativ kleines) Gebiet darf alleine bereist werden - will man woanders hin, muss man mindestens zu zweit sein und ein Funkgerät und Erste-Hilfe-Tasche dabei haben.


Leider gibt es hier keinen anderen ambitionierten Fotografen der bereit wäre, ohne große Vorankündigung eine Nacht durchzumachen, oder nach nur drei Stunden Schlaf zu einer Nachtwanderung aufzubrechen, um rechtzeitig vor Sonnenaufgang an einem fotogenen Ort zu sein. Also habe ich im vergangenen Monat die Einpersonengrenze ziemlich genau kennengelernt. Es ist zwar verdammt doof, nur wegen irgendwelcher Bürokratenregeln NICHT zur Eselspinguinkolonie gehen zu können, und auch nicht zu mehreren direkt außerhalb des Gebietes liegenden Tümpeln, aber: verglichen mit allen anderen antarktischen Stationen habe ich verdammt viele Fotomotive in direkter Reichweite. Innerhalb meines Freigang-Gebietes befinden sich immerhin ein 314 Meter hoher Berg, vier Seen/Tümpel, zwei Bäche, sechs See-Elefantenkolonien und eine kleine Gruppe sich mausernder Königspinguine. Und Bilder davon werde ich euch im nächsten Blogpost zeigen!