Montag, 28. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 3

Ein paar Stunden waren wir nun schon auf der Bäreninsel, und das Wetter hielt sich. Es war dicht bewölkt, aber trocken - und das war auch gut so, denn dank unserer Fotografen machten wir kaum Strecke. Einmal im Foto-Modus, bekam man sie kaum vom Fleck: Ich fand's klasse, denn so konnte auch ich das ein oder andere Bild machen. Da ich hier nicht als Fotograf angeheuert war, sondern als Eisbärenwache und Guide, hatte ich viel Gepäck und Gewehr auf den Schultern, sowie (mit Ulvar zusammen) die Verantwortung für's Wohlergehen der Gruppe. Meine Kamera ganz Zuhause zu lassen kam nicht in Frage, aber ich konnte nur eine extrem abgespeckte Ausrüstung einpacken: eine Kamera mit einem Objektiv, das war's. Aber das reichte für schnelle Dokufotografie, wenn es der Moment erlaubte, und solcherlei Momente gab es zum Glück öfters.







Wir waren mittlerweile zum östlichsten Ausläufer der südlichen Vogelklippen vorgedrungen: Oben der Blick nach Nordosten, in unsere Ankerbucht Sørhamna hinein.

Während unseres 14-stündigen Landaufenthaltes kamen wir nicht weit: wir wanderten nur etwa fünf Kilometer an den 200 Meter hohen Klippen entlang und genossen das Erlebnis. Die Bäreninsel liegt auf 74° nördlicher Breite, was bedeutet, dass die Sonne im Sommer nicht untergeht und wir trotz Bewölkung bis etwa 22:30 Uhr noch gutes Fotolicht hatten - nun ja, gut genug für Dokumentarfotografie zumindest.



Während Christian und Will sich am Boden herumrollten (meine Güte - mir war gar nicht klar wie bescheuert ich selber aussehen muss wenn ich fotografiere!), 360° Kameras an langen Selfie-Sticks über die Klippen hielten und die Drohne fliegen ließen, kümmerten Ulvar und ich uns ums leibliche Wohl des Landteams. Wir richteten ein provisorisches Lager ein, schmolzen Wasser aus den Restschneefeldern, kochten es auf und riefen zum sehr verspäteten Mittagessen, später dann zu mehreren Kaffee- bzw. Schokopausen, und einem Abendessen (Astronautennahrung: Heißwasser drauf und fertig...).



Nachdem weit und breit immer noch kein Eisbär in Sicht war, und es noch zwei Nichtfotografen gab die in der Vertikalen blieben, gab es auch für mich kein Halten mehr: ich erlaubte es mir, ebenfalls in den Foto-Wahn-Modus zu verfallen. Die Südküste der Bäreninsel von oben ist so viel spektakulärer, als ich es mir vorgestellt hatte! Ich dachte immer, der Blick von unten sei am Interessantesten, doch ich wurde hier eines Besseren belehrt. Diese Küste ist der Hammer!







Zum ersten Mal im Leben kam ich auf Sichtweite an Trottellummen heran, was für mich etwas Besonderes war. Auf Spitzbergen hatte ich bisher nur Kontakt zu ihren arktischen Verwandten gehabt, den Dickschnabellummen. Diese sind sehr selten im Süden zu finden, die Bäreninsel ist mit ihre südlichste Brutpopulation. Bei den Trottellummen verhält es sich umgekehrt: sie haben den Süden für sich beansprucht, brüten von Portugal bis hoch zur Bäreninsel. Die nah miteinander verwandten Vögel unterscheiden sich durch eine leicht andere Gefiederzeichnung und Markierungen am Kopf. Dickschnabellummen, die arktische Art welche auf Spitzbergen vorkommt, haben zwischen der oberen und unteren Schnabelhälfte einen weißen Strich, der den ohnehin schon breiteren Schnabel noch dicker erscheinen lässt.



Trottellummen haben diesen Strich nicht, sondern sind entweder komplett schwarz am Kopf, oder tragen eine Brille: einen Ring um's Auge, dem ein weißer "Henkel" in Richtung Nacken entspringt.
Ob eine Trottellumme eine Brille hat, oder nicht, hat nichts mit dem Geschlecht oder einer besonderen Unterart zu tun: dieses Merkmal ist einfach nur eine Farbvariante innerhalb derselben Population. Spannenderweise gibt es dabei ein Nord-Süd-Gefälle: Bei Trottellummen in Portugal gibt es so gut wie keine Brillenträger, wogegen hier auf der Bäreninsel bis zu 50% der Vögel bebrillt sind.



Ab dem Abend nahm die Bewölkung langsam aber sicher zu und hüllten sich die Gipfel in graues Nass. Dadurch wurde es um kurz vor Mitternacht zu dunkel, um noch gute Fotos zu machen, Mitternachtssonne hin oder her. Und da die Fotografen ihre Wunschbilder im Kasten hatten, machten wir tatsächlich noch eine kleine Wanderung, um noch einen anderen Aspekt der Insel zu sehen: die wüstenhafte Berglandschaft nördlich der Vogelfelsen.



Um zwei Uhr Nachts traten wir den Rückweg an und erreichten die Nordklippen von Sørhamna, in der die 'Arctic Breeze' wieder geankert hatte. Da es weiterhin keinen sicheren Weg hinab zum Strand gab, hatten wir auf dem ersten Kilometer eine Tasche hierhin geschleppt, die mit Kletterausrüstung gefüllt war: 60 Meter Seil, Klettergurte, Helme, Anker und Brimborium. Ulvar befestigte den Anker und ich seilte mich als Erste die gut 20 Meter hohe Klippe herab, bevor ich auf einem steilen aber ab dort gut begehbarem Schotterfeld zum Stehen kam. Hier wartete ich auf die anderen und half ihnen beim Ausklinken. Als die anderen, einer nach dem anderen, zum Schiff gebracht wurden wurden, kam zum Schluss auch Ulvar runter. Zusammen schafften wir es dann auch, das doppelt durchgezogene Seil aus dem Anker zu ziehen, sodass nur dieser oben blieb: Mission abseiling completed!


Die dreieinhalb Tage Rückfahrt habe ich aus dem Kalender gestrichen. Wir flohen vor einem Sturm in Richtung Russland, und segelten unter Motor so lange Richtung Südosten, dass ich schon dachte, bald in Murmansk anzukommen. Die Barentssee machte ihrem Ruf mal wieder alle Ehre. Meine guten Seekrankheitspillen waren aus, und ich fand alles ziemlich scheisse und verbrachte so viel Zeit in der Horizontalen, dass ich vor lauter Rückenschmerzen letztlich kaum mehr liegen konnte. Eh, diese Seefahrt immer. Warum ist der Mensch bloß je auf die blöde Idee gekommen, Schiffe zu nutzen...?



Und dann waren wir endlich wieder in Tromsø angekommen, zusammen mit der 'Arctic Sunrise'. Unser Rendezvous war kein Zufall: Will und Christian mussten das Schiff wechseln und direkt wieder losstarten. Die Reise auf der 'Arctic Sunrise' würde sie diesmal wieder fast bis zur Bäreninsel bringen, bis zu einer Ölplattform, der nördlichsten dort oben, um zu protestieren. Das Schiff blieb aber noch zwei Tage im Hafen, zwei herrliche Tage, bei denen Ulvar und auf dem Schiff bei allem aushalfen, bei dem wir helfen konnten  - und einfach nur eine gute Zeit hatten. Wie schon im Jahr 2009, so durfte ich feststellen, dass auf den Greenpeace-Schiffen enorm imponierende Persönlichkeiten zu finden sind: tolle Charaktere, voller Drang, die Welt zum Besseren zu verändern. Dazu gehörte auch Lucy Lawless, eine neuseeländische Schauspielerin, die in den Neunzigern als "Xena - die Kriegerprinzessin" berühmt wurde - und schon mehrmals mit Greenpeace gegen die Ölindustrie gekämpft hat.

Das nachfolgende kleine Video zeigt sowohl Lucy, als auch einige der Sequenzen, die Christian während unserer Reise gefilmt hat.



Die Rückreise von Nordnorwegen nach Deutschland geschah zwar wieder ohne Flugzeug, aber in einer schier unglaublichen Geschwindigkeit: ich reiste mit dem Nachtzug durch Schweden und hatte dabei nur eine Übernachtung in Dänemark. Zugfahren ist ja sooooo super - es ist mir völlig wurscht, dass man ab und zu einmal Verspätung hat, es ist schlichtweg eine herrliche Fortbewegungsmethode, super angenehm und abwechslungsreich. Ich habe außerdem festgestellt, dass es ein super Gesprächs-Starter ist, ein Greenpeace-T-Shirt anzuhaben: da setzen sich dann gleich die Leute neben einen, die auch nett sind! :-)

Soweit so gut: ich melde mich bald wieder, versprochen - denn die kommenden Monate werden Spannend werden!

Also: bis dann!

Mittwoch, 23. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 2

Nach 70 Stunden auf See waren wir endlich bei Bjørnøya angekommen
Quelle: Wikimedia Commons
und ankerten im Schutz des einzigen guten, natürlichen Hafens der Südküste: in einer Bucht namens Sørhamna, dem 'Südhafen'.

Bjørnøya ist im Nordwesten flach, im Südosten aber bergig: dort befinden sich sowohl die höchsten Erhebungen (bis 535 Meter) als auch die großen Vogelkolonien. Offizielle Zahlen habe ich keine gefunden, aber hier brüten hunderttausende von Lummen, Dreizehenmöwen und Eissturmvögeln, manche Quellen sprechen von bis zu 1.5 Millionen allein in den südlichen Klippen der Insel. Die sind allerdings so hoch und steil, dass man nur ein paar wenige, dünne Strände darunter betreten kann; einen Aufstieg gibt es hier aber nicht. Dies wissend, verbrachten wir den ersten Abend bewusst auf dem Wasser, damit die beiden Fotografen Bilder unterhalb der Klippen machen konnten.



Die Nacht war insofern turbulent, als dass wir gerammt wurden: von dem einzigen anderen Boot, das sich zusammen mit uns vor den vorhergesagten starken Winden in die Bucht zurückgezogen hatte. In dem kleinen Segelboot (etwa ein Drittel kleiner als wir) hielt nachts niemand Wache, und so bekamen
es die fünf Norweger nicht mit, dass ihr Anker nicht mehr hielt und sie in uns hineintrieben. Das Ganze lief wohl so schnell ab, dass unsere Nachtwache kaum Zeit zum Reagieren hatte und es deswegen ganz ordentlich knallte. Ungünstig - aber scheinbar ohne bleibenden Schaden.



Der nächste Tag brachte, wie vorhergesagt, stürmischen Wind aus Ost. Die Wolken hingen tief und umwaberten die Wipfel der höchsten Berge; später regnete es. Es waren meist keine guten Bedingungen für die Fotografie, geschweige denn, die Insel zu betreten. Dafür hätten wir Sørhamna verlassen müssen, und es gab weit und breit keine andere Bucht, die der 'Arctic Breeze' Schutz und Ankerstelle geboten hätte. So blieben wir also einfach da. Ulvar und ich setzten zum Strand über und versuchten, vielleicht ja doch einen Weg nach oben zu finden - aber vergeblich. Der Fels ist zu steil, um ihn hinaufzulaufen, und gleichzeitig zu locker, um zu klettern. Daraufhin versuchten wir, die Klippen mit dem für diese Aktion viel zu kleinen Dingi (Schlauchboot) zu umrunden, mit dem Resultat, dass wir dank zu hohen Seegangs fast untergingen. Plitschnass kehrten wir zurück an Bord und sammelten die Fotografen auf, um sie zumindest unten am Strand abzusetzen, damit sie ein paar erste Bilder machen konnten. Und während sie das taten, kümmerten Max und ich uns darum, Frischwasser an Bord zu bringen, denn das ging langsam aber sicher zur Neige.

Ein Eiderentenweibchen auf seinem Nest.
Es verlässt sich komplett auf seine Tarnung und wird erst dann flüchten, wenn man fast drauftritt.


Ein Lummen-Ei
         
Der nächste Morgen brachte ruhigeres Wetter und die Möglichkeit, unseren sicheren Hafen zu verlassen. Wir ließen uns von der 'Arctic Breeze' in der Kvalrossbukta absetzen, der nächsten größeren Bucht nördlich von Sørhamna, von wo aus wir die Klippen quasi von hinten erklimmen konnten. Während ich auf die anderen wartete und wir eine Menge Gepäck mit an Land brachten, erkundete ich die Küste. Es war mal wieder ein ernüchternder erster Eindruck, denn unser Müll, der ist schon lange vor uns da. Es scheint leider heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, noch irgendwo einen komplett naturbelassenen Strand zu finden: selbst nicht auf so entlegenen Insel wie der Bäreninsel.



Zu fünft standen wir dann endlich an Land, schwer bepackt und voller Vorfreude auf die vor uns liegende Nacht. Ein Sturm war vorhergesagt, der uns zu einer verfrühten Abreise zwang: spätestens am kommenden Mittag wollte unser Kapitän wieder die Segel setzen. Von daher hieß es, von den verbliebenen 24 Stunden jede Minute auszunutzen. Und so zögerten wir nicht lange und wanderten Richtung Südwesten, zuerst einmal hinüber nach Sørhamna, unserem Ankerplatz. Das Schiff war schon wieder auf dem Weg dorthin, als ich das folgende Panoramafoto machte.



Obwohl Ulvar eine Mordswanderung über die halbe Insel geplant hatte, kamen wir nicht weit. Alle 10 Meter offenbarte sich ein anderes Motiv, und die beiden Fotografen hatten eine ganze Liste abzuarbeiten von gewünschten Aufnahmen und Blickwinkeln. Christian hatte beispielsweise eine Drohne dabei (meine Begeisterung darüber hielt sich SEHR in Grenzen) und sollte außerdem mit der Filmkamera Interviews mit der deutschen Campaignerin Steffi führen.



Auch ich erledigte brav meine Pflichten: ich suchte Eisbären, von denen ich wie erwartet keine fand. Bjørnøya wurde bei ihrer Entdeckung zwar nach einem schwimmenden Eisbären benannt, aber seitdem es in Zeiten des Klimawandels in dieser Umgebung so gut wie kein Meereis mehr gibt, bleiben auch die Bären aus. Da es theoretisch zwar sein kann, dass es irgendwann mal einen Bären hierhin verschlägt, und die Insel offiziell zu Spitzbergen gehört und hier die gleichen Regeln gelten, muss man 'Mittel zur Abwehr von Eisbären' mit dabei haben: weswegen ich angeheuert wurde. Ein echt toller Job, Eisbärenwache auf einer Reise zu sein, wo die Begegnung mit einem Eisbären einem Sechser im Lotto gleichkommt! :-)

Obwohl ich wusste, dass diese Gegend ein stark befischtes Gebiet ist, so war ich überrascht, dass sage und schreibe sieben große Schiffe im Lee der Insel ankerten. Das umliegende Meer ist extrem produktiv: der Fischreichtum lockt nicht nur die Tiere, sondern auch uns Menschen hierher mit ihren großen Fabrikschiffen.



Wenn man das so sieht, all diese großen Schiffe, die Wale, die unzähligen Vögel - da begreift man erst, was hier in Gefahr ist. Der Golfstrom fließt mit etwa einem Knoten Geschwindigkeit die norwegische Küste entlang und endet schließlich an der Westküste Spitzbergens. Sollte es bei einer der mittlerweile vielen Ölplatformen nördlich von Norwegen zu einem Ölunfall kommen, wird dieses Öl direkt nach Norden gebracht werden und Tonnenweise Fisch töten - und zig Tausende von Vögeln dazu. Einerseits brüten sie hier in den Klippen, gut geschützt vor allen Räubern, andererseits ziehen sie in großen Schwärmen schwimmend an den Ölplattformen vorbei. Eine Ölpest würde diese stark belebten Gegenden innerhalb weniger Tage erreichen. Nicht auszudenken, was das für die Vogelpopulation hier bedeuten würde!









Donnerstag, 17. August 2017

Mit Greenpeace zur Bäreninsel - Teil 1

Der Sommer 2017 stellt für mich etwas Besonderes dar, auch und vor allem, weil ich viel Zeit in Deutschland verbracht habe - das erklärt dann vielleicht auch den Mangel an Blogbeiträgen. Ich habe seit Juni nicht mehr auf Expeditionsschiffen gearbeitet und mich statt dessen auf die Suche nach anderen Tätigkeiten gemacht. Nichts gegen meine tollen Jobs, die ich auch in Zukunft weiterführen möchte, aber sie sind auch ziemlich anstrengend. Das letzte, was ich möchte, ist, die Wertschätzung und Faszination an der nordischen Natur zu verlieren, weil ich entweder ein Burnout erleide oder das Besondere zur Routine wird. Zudem würde ich mich gerne mehr für Natur und Klima einsetzen, als bisher: Also habe ich seit dem Frühjahr das Internet nach Neuem durchforstet, Kontakte geknüpft und Bewerbungen geschrieben. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!



Da ich diese Saison nicht auf Schiffen anheuerte, konnte ich auf spontane Angebote reagieren. Als nämlich Greenpeace anfragte, ob ich nicht Lust und Zeit habe, eine Reise zur Bäreninsel zu begleiten, musste ich nicht lange überlegen. So machte ich mich Anfang Juli wieder einmal auf den Weg nach Norden, natürlich wieder ohne zu fliegen. Innerhalb von vier Tagen reiste ich von Lohmar nach Tromsø in Nordnorwegen: und zwar über Schweden und Finnland. Das klingt verrückt (ist es auch),
war aber super! :-)




Der Grund für die ungewöhnliche Reiseroute (Deutschland - Dänemark - Stockholm - Turku - Helsinki - Tromsø) war, dass die diesjährigen arktischen Greenpeace-Aktionen von Greenpeace Nordic geplant werden, einem Zusammenschluss der Greenpeace-Büros Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Sowohl Norwegen, Schweden als auch Finnland wollten Material nach Tromsø transportieren, weshalb ein Norweger namens Ulvar mit einem schwedischen Lieferwagen von Stockholm nach Helsinki fuhr - und von dort aus mit vollem Kleinbus weiter, längs durch Finnland, bis nach Tromsø in Nordnorwegen. Ich nutzte die Aktion aus und sprang mit auf: und hab in der Zeit echt 'ne Menge Wald gesehen. Wie man im Sommer Urlaub in Finnland machen kann, ist mir schon ein bisschen rätselhaft: flach wie ein Pfannkuchen scheint das Land zu sein, und außer Bäumen und Straßenschildern hab' ich herzlich wenig gesehen auf der langen Reise. Quasi als Entschädigung gab's eine fette Reifenpanne (wir hatten einen Ersatzrad an Bord - yeay!), und ich sah, nach stundenlangem Suchen, für jeweils 5 Sekunden ein Rentier und zwei Elche irgendwo im Gestrüpp. War ich froh, als wir über die flachen Berge nach Norwegen querten und dann endlich wieder Landschaft zu Gesicht bekamen!



In Tromsø angekommen, war es Ulvars und meine Aufgabe, unser Schiff startklar zu machen. Eigentlich sollte die Reise auf der 'Arctic Sunrise' durchgeführt werden, dem eisgängigsten aller Greenpeace-Schiffe. Dieses war seit dem Winter im Trockendock, um generalüberholt zu werden. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Schiff rechtzeitig aus einer größeren Reperatur- oder Erneuerungspause fertig wurde, und hier war es nicht anders: statt zur Bäreninsel zu fahren, machte die 'Arctic Sunrise' ihre ersten Seetauglichkeits-Testfahrten in Holland.
Dumm gelaufen!

Die 'Arctic Sunrise' vor ihrem Umbau, in Spitzbergen, wo ich sie seit 2012 jeden Sommer gesehen habe.






  
Um unsere Aktion doch noch durchführen zu können, musste ein anderes Schiff her: aus Kosten- und Verfügbarkeitsgründen viel kleiner als die 'Arctic Sunrise'. Als ich unser Ersatz-Schiff dann sah, wusste ich nicht, ob ich weinen oder lachen sollte: die 'Arctic Breeze' (vom Typ 'Bavaria 51', falls das jemandem etwas sagt...) war eine Nussschale! 15,60 Meter lang, 4,60 Meter breit, mit 10 Betten und drei (!!!) Klos, dafür aber kaum Lagerraum. Das schien ja eine interessante Reise zu werden!


Was genau hatten wir vor? Wie im vorherigen Blogbeitrag beschrieben, will Norwegen so weit nördlich wie nie zuvor nach Öl und Gas bohren. Greenpeace protestiert dagegen und zieht sogar gegen den norwegischen Staat vor Gericht: unter anderem deshalb, weil Norwegen seine Klimaziele innerhalb des Pariser Klimaschutzabkommens nicht einhalten können wird, wenn es neue Ölquellen erschließt. Der Stand der Dinge ist simpel: sollten wir alle momentan genutzten Ölquellen aufbrauchen, ist das 1.5° Ziel schon jetzt nicht realistisch. Im Anblick der sich immer schneller zuschärfenden Klimakrise nun auch noch neue Öl- und Gasfelder zu erschließen, ist ethisch absolut verwerflich, besonders und gerade wenn Norwegen sich stolz als Vorreiter in Sachen Klimaschutz tituliert.

Quelle: www.facebook.com/arctic.rising



Wenn ihr Greenpeace unterstützen wollt, dann habt ihr noch bis November Zeit, euch an der Unterschriftenaktion zu beteiligen, welche die Klage gegen Norwegens arktische Ölaktivitäten begleiten wird:
www.savethearctic.org/de/peoplevsarcticoil/


Neben den 'üblichen' Protestaktionen will Greenpeace auch Bildmaterial haben von den Lebensräumen, die von den Aktivitäten dort oben bedroht sind. Also wurde unsere Fahrt ins Leben gerufen: eine Dreier-Crew von anderen Greenpeace-Schiffen (Kapitän Daniel, Steuerfrau Emma und Matrose Max), eine Mitarbeiterin von Greenpeace Deutschland (Steffi), der Expeditionsleiter Ulvar vom norwegischen Greenpeace-Büro, zwei Fotografen bzw. Filmer (Will und Christian) - und ich als Eisbärenwache und Guide. Acht Leute in einer Nussschale, die nicht genug Diesel an Bord hatte, um die Fahrt komplett mit Motor zu bestreiten, in der wilden Barentssee, unter absurdem Zeitdruck, bei fürs Segeln schlechter Wettervorhersage. Da konnte doch gar nichts schiefgehen!




Die 'Arctic Breeze' war für acht Leute völlig okay: winzig und schlecht konzipiert, aber gemütlich. Die beiden Fotografen / Filmer hatten so dermaßen viel Gepäck dabei, dass wir eine Kabine komplett zum Lagerraum umfunktionieren mussten und ihr Fotozeugs trotzdem überall herumlag. Die Stimmung an Bord war gut, alle waren erfahrene Sardinen, die schon oft mit lauter vorher Unbekannten auf kleinstem Raum zusammengepfercht gewesen waren: hilfsbereit, unkompliziert und auf den Erfolg der Mission erpicht.



Wir segelten das Boot in drei Schichten, ich war zusammen mit der ersten Offizierin Emma für die 4-8 bzw. 16-20 Uhr Wache verantwortlich - zumindest wenn ich nicht zu seekrank war. Wir hatten zwar einigermaßen Wetterglück (die Barentssee kann eine Waschmaschine sein...), aber so ein kleiner Kahn schaukelt einfach ohne Ende. Zudem gingen meine besten Seekrankheitstabletten während der Reise zur Neige und half die andere Marke nicht wirklich - nun ja. Was heuere ich auch immer wieder auf Schiffen an, wissend, dass ich schnell seekrank werde? Selbst schuld, liebe Kerstin, selbst schuld... Aber solange ich immer mal wieder nicht seekrank bin, lässt sich das ganz gut ertragen.




Der Zufall führte uns nach etwa der Hälte der Strecke direkt an einer Ölplattform vorbei. Ich selber weiß gar nicht, wie viele von den Teilen momentan dort oben unterwegs sind. Einige sind fest installiert, andere sind beweglich (also ständig woanders), und andere Installationen der norwegischen Öl- und Gasfelder sind komplett unter Wasser, man sieht also gar nichts. Diese hier ist die 'Leiv Eiriksson', eine selbstfahrende, halbtauchende Ölbohrplattform, die zu den größten ihrer Art gehört. Das Deck hat die Maße 78 × 66 Meter, die beiden Schwimmkörper in Katamaranbauform (unsichtbar unter Wasser) sind je 105 Meter lang, 16 Meter breit und 12 Meter hoch. Der Antrieb der Plattform erfolgt durch sechs computergesteuerte Ruderpropeller, welche um 360 Grad schwenkbar sind und die Bohrinsel auf 6 Knoten Geschwindigkeit bringen können - echt ein ziemliches Wunderwerk der Technik, das muss selbst ich als akuter Gegner von Ölförderung zugeben.



Die Mannschaftsstärke der 'Leiv Eiriksson' beträgt regulär 120 Personen. Bei Bohrarbeiten in Wassertiefen bis 400 Meter wird sie mit acht Spezialankern auf dem Meeresboden verankert. Bei größeren Tiefen wird sie von ihren Antrieben direkt über einem Bohrloch in Stellung gebracht und kann diese Position genau halten. Diese Bohrinsel wird von verschiedenen Mineralölunternehmen angemietet, in deren Auftrag sie in bestimmten Gebieten nach Öl bohrt. 2011 war sie im schwarzen Meer aktiv, 2012 bei den Falklandinseln, und jetzt eben hier oben in der Barentssee.




Nach drei vollen Tagen auf See kam dann endlich die Bäreninsel in Sicht: ein großer Fels mitten im entlegenen Nordmeer. Knapp 20 Kilometer lang und 13 Kilometer breit liegt Bjørnøya irgendwo im Nirgendwo: 235 Kilometer südlich von Spitzbergen und 397 Kilometer nordnordwestlich vom norwegischen Festland.

Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Pinpin

Offiziell gilt Bjørnøya als südlichste Insel von Svalbard, aber für mich ist sie einzigartig anders. Es gibt hier keine Gletscher, keine großen Säuger und weder Bäume noch Sträucher, keine Häfen, keine Siedlung (nur eine norwegische, meteorologische Station) und folglich auch keinen Flughafen: kaum jemanden verschlägt es hierher. Selbst die Expeditions-Kreuzfahrtschiffe stoppen, wenn überhaupt, nur für eine Landung, um dann mit Vollgas gen Spitzbergen weiter zu fahren. Auch wenn die Bäreninsel zugegebenermaßen nicht so spannend ist, wie Svalbard, so ist sie dennoch interessant - und freute ich mich sehr über die Gelegenheit, Greenpeace hierher begleiten zu dürfen. Uns erwartete sogar ein im wahrsten Sinne des Wortes 'gigantisches' Willkommenskommitee: als sich die Klippen langsam als dunkle Scheerenschnitte aus dem Nebel lösten, tauchten zwei Buckelwale und ein Zwergwal mehrmals in unmittelbarer Nähe zu uns auf. Wow, was für ein Empfang!




Montag, 3. Juli 2017

Norwegen - von Klimaschutz und Ölförderung

Norwegen und Island sind zwei grundsätzlich verschiedene Länder, und doch haben sie mindestens eines gemein: ihre Bewohner schaffen andauernd Paradoxe. Wie widersprüchlich die Isländer denken und handeln habe ich ja schon öfters berichtet. Und nun, da ich mehr und mehr Zeit in Norwegen verbringe (Spitzbergen gehört ja zu Norwegen), desto mehr sehe ich, dass die Mentalität von Norwegern und Isländern sich in vieler Hinsicht ziemlich ähnelt. Mit Wille und Ausdauer kann man hier Vieles erreichen, und das hat zur Auswirkung, dass auch komplett konträre Dinge parallel ablaufen - jahrelang, jahrzehntelang, ohne dass sich etwas ändert. Auf einige dieser Paradoxe will ich hier eingehen. Die blau hinterlegten Textzeilen führen dabei zu Quellen bzw. weiterführenden Informationen. Bilder gibt's diesmal, in Ermangelung passender Motive, leider keine.

Norwegen ist ein Ölstaat und super reich, und wenn Norweger ein Großprojekt angehen, dann meist mit modernsten Methoden und Erkenntnissen. Dennoch hinkt das Land in einigen Dingen hinterher, gerade und besonders was Umweltschutz und umweltfreundliches Denken angeht. Ein Beispiel sind Wölfe. Während Deutschland in den letzten Jahrzehnten die Rückkehr der Wölfe willkommen geheißen hat und sich deren Population stetig erhöhen darf, sind in Norwegen dieses Jahr 42 Wölfe zum Abschuss freigeben: aus einer Gesamtpopulation von ca. 100 Tieren heraus (von denen aber „nur“ 52 Wölfe komplett in Norwegen leben, die anderen sind echte Grenzgänger).
          
Oder ein anderes Beispiel: Ökostrom und die Förderung von Elektroautos. Der Anteil von Elektroautos oder Hybriden beträgt bei den in Norwegen verkauften Neuwagen sage und schreibe 29% !   
Das Land sucht Wege, seine Klimaziele zu erreichen, und argumentiert, dass Elektroautos eine super Idee seien, weil ja 98% des dort erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. So weit, so gut. Wenn man sich das Thema aber genauer anschaut, dann stößt man auf ein Paradoxum.
Ja, 98% der in Norwegen produzierten 145 TWh sind Ökostrom (
96% Wasserkraft, 2% Windkraft ). Dieser ist aber viel zu wertvoll, um in Norwegen verbraucht zu werden, denn er lässt sich viel rentabler ins Ausland verkaufen. Die Nachfrage nach Ökostrom ist höher denn je, weil jeder zumindest auf dem Papier irgendwie so aussehen will, als nähme er den Klimaschutz ernst. Und weil Norwegen so viel seines Stromes verkauft, muss das Land große Mengen Strom ankaufen: 75% des norwegischen Stromverbrauchs (130 TWh) werden auf dem Papier anderen Ländern angerechnet und stammen aus Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken. Der Ankauf von "dreckigem" Fremdstrom dürfte in Zukunft noch wachsen, besonders und gerade wenn im Jahr 2030 nur noch Teslas in Norwegen unterwegs sein sollten.

Noch mehr Paradoxen gefällig? 17% der norwegischen Landfläche stehen irgendwie unter (Natur-)Schutz. Das ist toll - aber auch hier gibt es eine große Schattenseite. Sobald Industrie Interessen an den entsprechenden Gebieten hat, sind die Chancen groß, dass diese die Erlaubnis dazu erhält: also etwa, dass in Meeresschutzgebieten nach Öl gebohrt wird. Absurd? Scheinbar nicht für diejenigen, die in Norwegen das Sagen haben. Zum Glück gibt es jene, die sich für diese Gebiete einsetzen, und so wird beispielsweise um die malerischen Lofoten schon seit Jahrzehnten gerungen. Alle paar Jahre, meist mit der Wahl einer neuen Regierung, geht es wieder los mit der Frage, wo denn nun als nächstes nach Öl gebohrt werden kann. Denn dies
ist das Fundament von Norwegens Wohlstand, und wird es auch in Zukunft bleiben. Dazu hat sich Vidar Helgesen geäußert, der norwegische Minister für Energie und Klima: „Norwegen hat die saubersten Kohlenwasserstoffe der Welt. Und solange die Welt Öl und Gas braucht, werden wir dies zur Verfügung stellen.“

Durch das Öl besitzt Norwegen die Gelder, sich als Vorreiter im Klimaschutz zu engagieren. Da wären großzügige Beteiligungen am Schutz von Regenwäldern, weltführende Forschung im Bereich von
CO2 - Speicherung, und dem Einsatz von modernsten Techniken und Erkenntnissen in Industrie und Forschung. Das Land hat hohe Ziele, will bis 2030 komplett klimaneutral sein - aber nebenbei halt noch munter weiter nach Öl bohren. In Sachen Klimawandel tut man, was man kann, während man das aus dem Boden holt, was den Klimawandel immer weiter vorantreibt. Und der eigene 
CO2 - Fußabdruck wird vorerst auch nicht gesenkt, denn: „Wir glauben nicht, dass 
CO2 - Neutralität der wichtigste Faktor im Kampf gegen den Klimawandel ist. Wir können Emissionsrechte in Entwicklungsländern kaufen. Wir brauchen nicht unseren Ausstoß hier in Norwegen zu verringern.“ (Lars Haltbrekken, Vorsitzender von Friends of the Earth Norway)

Und genau diese Einstellung hat Norwegen bewogen, jetzt so viele Gebiete für Ölbohrungen freizugeben, wie noch nie zuvor. Momentan läuft die Bewerbungsfrist für Ölfirmen, sich um 93 „Blöcke“ in der Barentssee zu bewerben: die Suche nach Öl und Gas soll so weit nördlich stattfinden, wie noch nie zuvor, nämlich bis hinauf zum 74. Breitengrad. Es geht um das Gebiet nördlich des Nordkapps: hier eine Karte, in der die Ölfördergebiete eingezeichnet sind. Der grüne Klecks links auf der obersten Linie ist übrigens Bjørnøya, die Bäreninsel.




In diesem riesigen Gebiet werden große Mengen Öl vermutet, und Nordnorwegen will Arbeitsplätze schaffen, super bezahlt, logisch, es handelt sich ja um das berühmte schwarze Gold. Gleichzeitig aber befindet man sich hier in der Arktis, so weit nördlich und damit so nah am Packeis, wie nie zuvor.

Durch den Klimawandel und vor allen den Golfstrom ist die Gegend zwar immer eisfrei, aber trotzdem: sollte es hier zu einem Ölunfall kommen, wäre das eine absolute Katastrophe für ein ohnehin fragiles Ökosystem. Erinnert ihr euch an die Ölpest der Exxon Valdez in Alaska? Hunderttausende Fische, Seevögel und andere Tiere starben als direkte Folge des Unglücks. Langfristig vergiften sich die dort lebenden Tiere schleichend über die Nahrungsaufnahme, da die Ölreste auch 28 Jahre später immer noch nicht abgebaut sind. 

Sich einen solchen Ölunfall in der europäischen Arktis vorzustellen, ist für mich der Horror schlechthin. Diese neuen Ölförderungsgebiete sind sehr nah an der Bäreninsel, auf der Zigtausende von Vögeln brüten, und die Gewässer sind voller Wale und Fisch. Der Golfstrom zieht von dort aus nach Spitzbergen und hoch zum Packeis - ich mag mir gar nicht vorstellen, was das für weitreichende Folgen hätte! Die wilde See und das raue Wetter würden es schwierig bis unmöglich machen, den Ölteppich abzufangen und abzupumpen. Die Temperaturen sind viel niedriger als etwa im Golf von Mexiko (ich sage nur "Deepwater Horizon"), was bedeutet, dass alle
biologischen Prozesse langsamer voranschreiten und beispielsweise der Abbau von Öl durch Bakterien weniger effektiv wäre und sich viel länger hinziehen würde.

Und auch wenn das jetzt alles erst noch in der Planung ist, so schlägt es schon große Wellen: prompt hat auch Russland angekündigt, bald in ähnlichen Gegenden unterwegs zu sein. Selbst Svalbard ist nun im Gespräch, also wirklich mitten im Packeisgebiet.     
       

Genau deswegen bin ich nun auf dem Weg zur Bäreninsel: mal wieder ohne ein Flugzeug zu nutzen, langsam werde ich darin Spezialist! :-) Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Bus nach Stockholm und rechne damit, im Laufe der nächsten Woche nach Troms
ø zu gelangen, um dann auf ein Segelschiff umzusteigen. Was ich dann erlebe und machen werde - ich habe noch keine Ahnung, freue mich aber schon, euch dies im nächsten Blogeintrag mitteilen zu können! :-)

Donnerstag, 18. Mai 2017

Svalbard im Mai

Ein kurzer Blogeintrag diesmal, einfach weil ein Lebenszeichen mal wieder dringend notwendig ist. Bei mir ist an sich alles gut, ich bin momentan wieder unterwegs in der hohen Arktis. Nach einer spannenden, Flugzeug-vermeidenden Reise nach Bodø in Nordnorwegen ging es bei heftigem Seegang hinauf zur Bäreninsel - kein Spaß, besonders nicht für jene gestraften Menschen, die trotz Jahren auf Schiffen immer noch seekrank werden (Beispiel: ich).
Aber zum Glück sind die nicht-seekranken Momente doch immer weit in der Überzahl!
 
Die Bäreninsel, ein großer, vulkanischer Felsen mitten im kalten Nordmeer, präsentierte sich sturmumtost und schneebedeckt. Eine Landung kam nicht in Frage, dafür eine kurze Zodiac-Cruise bei -12°C und starkem Wind. Spannend - aber alle waren froh, sich danach wieder ins warme Schiff zurückziehen zu können.


Spitzbergen präsentiert sich momentan im Winterkleid: eine Menge Wind, eine Menge Schnee, Temperaturen von -1°C bis -8°C - und einer Menge Packeis. Es ist verrückt, denn der Winter war viel zu warm, und fast scheint es, als würde er jetzt schnell doch noch eintreffen wollen, bevor der Sommer überhand nimmt.


Alles ist weiß: alter Schnee, frischer Schnee, und auch die meisten Polarfüchse sind noch fluffig-weiß im Winterkleid :)




Die Strände sind auch noch dick von vereistem Schnee bedeckt, weshalb die Walrosse noch überall auf Eis liegen - oder schwimmen, wie dieses neugierige Männchen, das im Magdalenefjord die Zodiacs besuchte.


Spitzbergen selbst ist momentan noch von Packeis umgeben, nur die obere Westküste ist mit dem Boot erreichbar. Selbst der Hornsund, der südlichste Fjord auf der Westküste, war dicht gepackt mit Eis, das mit der Meeresströmung von Osten aus hinübergetragen wurde.

          
Man kann dennoch einiges unternehmen, ist aber (wie immer) vom Zufall abhängig. Das Eis ist wahnsinnig dicht dieses Jahr und es sind so gut wie keine Tiere zu finden: extrem wenig Robben, und noch weniger Eisbären. Aber dafür ein für mich ziemlich besonderes Tier: eine Klappmütze!



Diese Robbenart kommt nur sehr selten nach Spitzbergen, weswegen es eine echte Überraschung war. Dieses hübsche Männchen hat regelrecht posiert für uns und einmal sogar seine Nase aufgeblasen: eine Drohgebärde, wir waren ihm in dem Moment wohl zu nah und zu groß. Echt verrückt, was die Natur sich so alles einfallen lässt... :)


Montag, 2. Januar 2017

Silvester in Reykjavik

Ich bin mit der Aufarbeitung meines herbstlichen Islandaufenthaltes noch nicht fertig, dennoch muss ich kurz einen aktuellen Beitrag einschieben: und zwar über den Feuerwerks-Wahnsinn in Reykjavík.

Da ja generell immer alles anders kommt, als man/ich es so denkt, bin ich momentan in Islands Hauptstadt und versuche, meine plötzlich wieder-aufgeflammten Rückenprobleme auszukurieren - so weit das bei Bandscheibenproblemen halt geht. Spannende Ski-Touren kann ich deswegen zwar leider momentan nicht unternehmen, dafür aber blicke ich auf eine wirklich sehr schöne Zeit mit meiner Familie hier in Reykjavík zurück.

Silvester allerdings war ich als Haus-Sitter alleine mit mir anvertrauten Vierbeinern und eierlegendem Federvieh. Wer Haustiere hat, der weiß, was für ein absoluter Horror unsere blöde Silvester-Knallerei für fast alle nichtmenschlichen Wesen ist. Hier in Island ist das nicht anders, hier spricht nur niemand drüber. Es war aber interessant, zu beobachten, dass die Wildvögel genau drei Tage vor Silvester aus Reykjavík verschwanden. Es gibt ja generell immer mehr Graugänse und Singschwäne, die den ganzen Winter in Island bleiben, genau wie auch immer mehr Singvögel wie Drosseln und Stare - Klimaerwärmung und mehr Bäume sei Dank. Und diese Tiere waren drei Tage vor Silvester einfach weg. Keine Gänse mehr grasend auf den Grünflächen. Keine Schwäne mehr auf dem Tjörnin. Und bei jedem Feuerwerk stob ein Schwarm kleinerer Vögel auf und flog hektisch umher. Arme Viecher...


Am 28. Dezember, drei Tage vor dem Jahreswechsel, begann in Island der Verkauf von Feuerwerkskörpern: und damit unweigerlich auch das Zünden von Feuerwerken. Diese kauft man vor allem bei der Bergrettung, die sich aus irgendeinem mir völlig ominösem Grund diese Nische ausgesucht hat. Mit Erfolg: der Erlös aus den Verkäufen dieser drei Tage bildet die Haupteinnahmequelle der Bergrettung. Wohl auch deswegen hat das Zünden von Feuerwerk in Island definitiv keinen schlechten Ruf - schließlich unterstützt man mit dem Einkauf doch einen guten Zweck.

Bild: Víkurfréttir, www.vf.is




 
In Deutschland ist das nicht angemeldete Nutzen von Feuerwerken ganz stark limitiert:
nur am 31. Dezember und 1. Januar ist dies gesetztlich erlaubt. Ganz anders in Island: hier streckt sich die Zeitspanne der erlaubten Feuerwerke vom 28. Dezember bis zum 6. Januar. Das sind 10 volle Tage! Und das muss ausgenutzt werden: in dem Moment, in dem der Verkauf des Feuerwerks beginnt (an besagtem 28. Dezember), startet auch die Knallerei - auch schon tagsüber, wenn man doch eigentlich kaum etwas sieht. Dabei rede ich hier nicht von Kindern, die gelegentlich Böller auf Straßen zünden, sondern von teuren Batterien, die mal eben 30 bis 100 Schuss in die Luft pusten und 30-400€ pro Stück kosten. Aber die Reykvíkingar sind völlig Feuerwerks-verrückt und steigern ihre Aktivität kontinuierlich bis zum 31. Dezember: dem Tag des großen Feierns.

Feuerwerk neben der Seltjarnarneskirkja




   
Der letzte Tag des Jahres ist ziemlich durchgetaktet. Der Abend beginnt mit der Áramótabrenna, dem Silvesterfeuer. Allein im Großstadtgebiet wurden 17 Scheiterhaufen errichtet, zu denen die Allgemeinheit ihr Holz bringen konnte, vor allem Paletten, Gartenmüll und Weihnachtsbäume.

Ich bin um 20:30 Uhr zu einem der größeren Feuer gegangen: bei Ægisíða in der Nähe des Inlandsflughafens. Von überall strömten die Menschen herbei: es war ein Familienfest, mit einer Menge aufgeregter Kinder, fackeltragender Erwachsener und mit Böllern bewaffneter Jugendlicher. Und dann zündete die Feuerwehr den riesigen Holzhaufen an: begleitet von klatschendem Jubel der vielen Schaulustigen.


Auffallend war die große Anzahl von Ausländern, die bei all diesen Aktivitäten anwesend waren - und die gefühlsmäßig zahlenreicher waren, als Isländer. Ich habe viel Französisch gehört, ein bisschen Deutsch, eine Menge Englisch (die mit Abstand meisten Touris waren Briten und Amis) und ziemlich viel Asiatisch (Chinesen stellen das Gros der Asiaten, gefolgt von Japanern). Gut, jetzt liegt dieses Feuer in der Nähe der Hochschule, das heißt dieser Teil Reykjavíks ist ohnehin internationaler, als andere. Dennoch: die Menge an Nicht-Isländisch, die ich an dem Abend hörte, traf mich unerwartet.

Zu der verrücktesten Interaktion des Abends kam es, als ich das obere Bild fotografierte. Während ich mit dem Tele-Objektiv das Feuer in Szene setzte, etwa 50 Meter vom Fußweg entfernt alleine am dunklen Meeresufer stehend, kam eine Gruppe Asiaten gezielt zu mir gestapft und fragte mich, ob ich Nordlichter fotografieren würde. 

Hä?

Nach meiner Antwort, dass dies nicht der richtige Ort für Nordlichtfotografie sei, weil man sie aufgrund der Licht- und Luftverschmutzung nur sehr schlecht sehen können würde, kam von der ganzen Gruppe ein erstaunt-entrüstetes "Ooooh?" - und dann trollten sie sich und eilten dem Feuer entgegen.

Diesbezüglich will ich euch die neuesten Daten zum Jahr 2016 nicht vorenthalten. Die folgenden beiden Grafiken zeigen die von Islands Flughafen Keflavík abreisenden Ausländer: keine Isländer und auch keine Durchgangsflüge, sondern echte "Touristen". Und es zeigt sich, dass die Prognosen übertroffen wurden: in den vergangenen 12 Monaten sind 39% mehr Touristen nach Island gekommen, als im Jahr zuvor. Island wurde also im Jahr 2016 von 1.756.000 Menschen besucht und bereist - und das sind nur die vorläufigen Zahlen vom Flughafen Keflavík.

Grafik: Tótla I. Sæmundsdóttir, Quelle: www.visir.is
                      
Zusammen mit den ganzen Kurzzeit-Besuchern der großen Kreuzfahrtschiffe sowie den Passagieren der Autofähre Norröna müssten 2016 über 1.8 Millionen Menschen nach Island gekommen sein: das wären dann 500.000 mehr, als 2015. Die Kurve scheint gerade expotentiell zu werden: wir hatten im Jahr 2016 doppelt so viele Touristen in Island, wie im Jahr 2014. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen! Wo das hinführen soll, und wie Island das realistisch verkraften soll, ist mir ein absolutes Rätsel.

Sieht man sich den Zuwachs über die Monate verteilt an (im Vergleich zu denselben Monaten im Jahr 2015), erkennt man etwas ziemlich Interessantes: der größte Zuwachs im Tourismus findet im Island momentan im Winter statt. Es kommen zwar weiterhin die meisten Touristen im Sommer, aber prozentual gesehen wächst der Tourismus in den dunklen Monaten am meisten. Damit haben es die Isländer geschafft, die Touristenströme in die Nebensaison umzulenken - spannend!
          
Grafik: Tótla I. Sæmundsdóttir, Quelle: www.visir.is

Von Oktober bis Dezember 2016 wurde ein Zuwachs von 60% verzeichnet. Die Touristen kommen in den Monaten vor allem aus Asien, Großbritannien und den USA - also genau das, was ich hier gerade in Reykjavík erlebte. Grund dafür sind vermutlich die Nordlichter: obwohl Island um diese Jahreszeit meiner Meinung nach das wohl schlechteste Land für Nordlichtbeobachtungen ist (mieses Wetter und chronische Bewölkung sind an der Tagesordnung, gerade im November und Dezember), haben es clevere Isländer geschafft, unwissenden Touristen genau diese Zeit als beste Reisezeit für Nordlicht-Urlaub zu verkaufen. Das erklärt dann vielleicht auch, warum eine Gruppe Asiaten zu Silvester durch's lichtverschmutzte Reykjavík läuft - in der Hoffnung, Aurora zu sehen. 

Oh mannomann. 
Was soll man da noch sagen...?
 
Zurück zum Neujahrsfeuer an der Ægisíða. Als die Flammen hoch in den Himmel stiegen, steigerte sich auch die Feuerwerksaktivität noch einmal. Um 21 Uhr ballerte Reykjavík in etwa so, wie Deutschland zu Mitternacht. Einzelne Raketen, Böller, Leuchtfeuer der Seefahrt und die obligatorischen Feuerwerks-Batterien wurden gezündet - ziemlich spektakuläre, teure Feuerwerke erleuchteten den Nachthimmel und sorgten für Smog-Bildung. Dabei waren es noch 3 Stunden bis Mitternacht!


Ab 22 Uhr wurde es etwas ruhiger, weil dann "Áramótaskaupið" im Fernsehen lief, die Neujahrskomödie. Hier werden Jahr für Jahr alle Großereignisse des Jahres durch den Kakao gezogen, wobei die Einschaltquoten immer die höchsten der isländischen Fernsehgeschichte sind: kaum einer lässt sich das entgehen.

Ich schon.

Und so war ich bei meiner Wanderung durch's nächtliche Reykjavík dann tatsächlich in der Lage, ein Bild zu machen, bei dem kein Feuerwerk zu sehen ist: nämlich von der katholischen Landakotskirkja an der Westseite des leicht zugefrorenen Tjörnin.




Es ist Jahre her, dass ich Silvester in einer Stadt verbracht habe, und ich war diesmal auch nur hier, weil ich auf Haus und Tiere meiner Freundin aufpasste. Ich bin gegen Feuerwerke: sie sehen zwar schön aus, aber die Nebenwirkungen sind zu negativ, um sie ethisch vertreten zu können. Von der Panik einmal abgesehen, die wir unserer Tierwelt in diesen Tagen willentlich und egoistisch aufzwingen, so sehe ich Feuerwerke als eine enorme Verschwendung von Geld und Ressourcen an. Und schon mal etwas von Luftverschmutzung und Feinstaubbelastung gehört, die am Neujahrtag alle Rekorde sprengt? Und dann ist da die Frage nach dem CO2-Fußabdruck dieser Knallerei, die sich niemand zu stellen scheint. 2016 war das wärmste Jahr der menschlichen Aufzeichnungen - hallo, Menschheit, wann wachst du auf? Ich habe auf die Schnelle keine verlässlichen Zahlen finden können, aber: bei der Produktion, dem Transport und letztlich beim Zünden von Feuerwerk wird definitiv CO2 freigesetzt, das wir problemlos einsparen könnten. Wie gut täte es dem Klima, damit aufzuhören! Wie gut täte es der Menschheit, wenn das Geld der Feuerwerkskörper alternativ in soziale Projekte gesteckt werden würde!
 
Aber ich war in Island, in Reykjavik, und damit inmitten einer der Feuerwerkshochburgen Europas, in der sich niemand solcherlei Fragen zu stellen scheint. Und da ich nun hier war, wollte ich Fotos machen. Was lag näher, als zu versuchen, das Wahrzeichen Reykjavíks in den Mittelpunkt zu stellen: die Hallgrímskirkja. Ich hatte auf den Fotos vergangener Jahre schon gesehen, dass es auf dem Platz dort oben voll werden würde - aber wie voll, das habe ich mir im Traum nicht ausmalen können. 

Fríkirkjan, mit Hallgrímskirkja im Hintergrund
                 
Ab 22 Uhr strömten die Massen auf den Platz um die Kirche: vor allem Ausländer. Whoa, was war denn hier los - war das hier irgendwie ein Insidertipp? Aus Hunderten wurden Tausend, aus Tausend wurden Zehntausend: diese Masse übertraf meine Erwartungen um ein Vielfaches. Hätte ich gewusst dass hier so ein Ansturm herrschen würde, ich wäre nicht gekommen. Der Priester der Kirche verbrachte den Jahreswechsel im Kirchturm, und laut seiner Aussage waren dort unten auf dem Vorplatz 10-20.000 Menschen versammelt. Das glaube ich gerne, denn so fühlte sich das auch an!

Bild: Sigurður Árni Þórðarson, Quelle: www.visir.is
            
Die Feuerwerke wurden immer mehr, die Leute auch, man konnte sich nur extrem langsam fortbewegen, wurde ständig angerempelt, viele waren schon besoffen, mit Flaschen in der Hand. Autos drängten sich über die immer enger werdenden Straßen oder steckten schließlich in der Menge fest. Und Polizei oder irgendwelche Ordnungshüter waren nicht zu sehen.
Kurzum:
es war ein Albtraum.

Und dann begann ein Krieg: an mehreren Stellen wurden Feuerwerke gezündet, mitten in der Menge. Nicht nur einzelne Raketen, sondern ganze Serien verursachten Funkenregen. Ich war nicht mehr Zuschauer, sondern Teil des Feuerwerkes: es explodierte überall, auch am Boden. Ich habe mich selten so bedroht gefühlt, wie ab 23:45 Uhr, als alles in Flammen aufzugehen schien. Selbst bei der Eruption des Eyjafjallajökull fühlte ich mich besser aufgehoben, als hier in dieser menschengemachten Hölle, in der alle Spaß zu haben schienen, außer mir. 

Verdammt noch einmal, waren die denn alle wahnsinnig? Wie kann man mitten in dieser Menge Raketen und Batterien abfeuern - und dann auch noch johlen, wenn die Raketen zu flach oder gar unten in den Menschen explodieren...?

Jetzt hieß es: durchhalten und hoffen, dass niemand verletzt werden würde. Und beten, dass keine Panik ausbrechen würde. 

Oh man, ich weiß schon, warum ich eine schneebedeckte Einsamkeit und Nordlichter diesem Wahnsinn hier vorziehe!
 
Mitternacht war immer noch Minuten entfernt, aber der Smog wurde immer heftiger, und jeder Knaller tat in den Ohren weh. Fünf Minuten vor Jahreswechsel machte ich das letzte Foto - ich wollte hier weg, das war doch alles nur noch krank!

Und dann, als ich gerade beschlossen hatte, mich irgendwie in Deckung zurückzuziehen, kam ein Feuerwerkskörper genau über mir runter. Rechts und links rieselten Dinge zu Boden, und dann begann mein rechtes Auge zu brennen, plötzlich, scharf und heftig. Ich wartete, hoffte, dass der Schmerz so schnell vergehen würde, wie er gekommen war - aber den Gefallen tat er mir nicht. Im Gegenteil: mein Auge brannte immer mehr, ich konnte es kaum noch offen halten und nur noch verschwommen sehen. Und natürlich hatte ich genau heute kein Wasser dabei, um mein Auge auszuspülen. 

Verdammte Kälberkacke!

Es dauerte Ewigkeiten, bis ich mich in den Schutz einer überdachten Haustür drängeln konnte, wo ich klingelte, aber ohne dass mir jemand öffnete. Um mich herum begannen die Leute, sich "Happy New Year" zuzurufen - es war Mitternacht. Und ich stolperte
einäugig weiter, hin zum nächsten Haus, wo wieder niemand öffnete. Ringsumher nur Leute mit Alkoholflaschen in den Händen, niemand hatte Wasser bei sich. 

Also so einen beschissenen Jahreswechsel hatte ich ja noch nie erlebt!

In Ermangelung von Alternativen bin ich dann schnellen Schrittes hinunter zum Busbahnhof BSI gelaufen, wo ich von einer öffentlichen Toilette wusste. Und so konnte ich dann nach knapp 20 Minuten endlich mein Auge ausspülen - und einen ersten Schadensbericht aufnehmen. Das rechte Auge war geschwollen, mit knallroter unterer Bindehaut. Ich konnte keinen Fremdkörper entdecken, wusste aber, dass eine verätzte Hornhaut unbehandelt zu Erblindung führen kann. Also zögerte ich nicht weiter und rief die isländische "Ärztewacht" an. Da bekommt man rund um die Uhr einen Arzt ans Telefon. Und der (bzw. die) bestätigte mir, dass ich lieber mal jemanden ins Auge blicken lassen sollte - Vorsicht sei besser als Nachsicht. 

Nun, da waren wir zwei einer Meinung. Nur: wie sollte ich zur Notaufnahme ins Krankenhaus gelangen, ohne Auto und auch noch genau zum Jahreswechsel? 15 Minuten lang hing ich in der Warteschleife der Taxizentrale - da war partout kein Durchkommen. Also kam Plan B zum Einsatz: ich marschierte so schnell es ging zum Haus meiner Freundin. Die hatte ein Fahrrad, und mit dem waren es 20 Minuten zum Krankenhaus.

Gesagt, getan: so radelte ich auf Nagelreifen über Eis und Schnee zum einzigen Krankenhaus mit offener Notaufnahme, während überall immer noch Feuerwerke in den Himmel stiegen. Das Ganze war zu absurd, um wahr zu sein. Und deswegen fast schon wieder cool - wenn nur die Sorge um mein Auge nicht gewesen wäre. Einerseits schien es übertrieben, wegen einer nicht-lebensbedrohlichen Lappalie ins Krankenhaus zu fahren - andererseits mochte ich meine Augen recht gern, und fand den Gedanken ziemlich blöd, eventuell eines zu verlieren.

Der freundliche Arzt, der sich nach einer Stunde Wartezeit meiner annahm, sah sich kurz mein Auge an und gab Entwarnung. Eine starke Reizung der Bindehaut, aber die Hornhaut sei nicht angegriffen. Die Schwellung, sagte er, sollte in den nächsten Tagen zurückgehen.
Na Halleluja. Jetzt konnte das neue Jahr beginnen!

Ja, und so war ich dann um 4 Uhr morgens wieder im Haus, wo ich einen völlig verstörten Hund zitternd unter meiner Bettdecke vorfand - weil das Feuerwerk immer noch in vollem Gange war. Vorne auf der Straße zündeten gerade zwei Teenager eine Batterie mit etwa 20 Schuss. Die Explosionen gingen durch Mark und Bein - kein Wunder, dass der arme Hund nicht aus meinem Bett zu bugsieren war.
 
Und so sind meine Haupterinnerungen vom Silvesterfeuerwerk in Reykjavik leider durchweg negativer Natur: zu laut, zu viel Verschmutzung, zu viele Menschen, und definitiv zu viel Trubel um ein brennendes Auge. Ich weiß sowas von sicher, dass ich NIE WIEDER zum Jahreswechsel zur Hallgrímskirkja gehen werde, und auch allen nur abraten kann, das jemals zu tun. So ein Horror, so dermaßen gefährlich, in diesem Gedränge aus betrunkenen Menschen im Feuerwerksregen zu stehen. Bei aller Liebe zu guten Fotos und abenteuerlichen Geschichten: das werde ich mir nie wieder antun, denn das ist auch das schönste Silvesterfoto nicht Wert.

In dem Sinne, und mit zwei funktionierenden Augen wünsche ich: 

Ein frohes Neues - und euch ein möglichst sicheres, besonnenes und gesundes Jahr 2017!
 

:-)