Samstag, 7. Januar 2012

Islandchaos

Nun, da ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich schon wieder auf dem Weg nach Svalbard. Einerseits habe ich auf Island neue Energie tanken können und blicke positiv auf die vor mir liegende, äußerst spannende Zeit, andererseits sehne ich mich zurück nach Bewegungsfreiheit und Sonnenlicht. In Longyearbyen hat sich in den vergangenen Wochen ja nichts verändert: hohe Berge, unsichtbare Eisbären und fehlende Infrastruktur engen immer noch ein, die Sonne befindet sich immer noch weit unter dem Horizont, und der Unterricht beginnt auch bald wieder. Auch wenn es ein abenteuerliches Studium ist, so stellt sich doch so etwas wie langweiliger Alltag ein - um diesen komme auch ich nicht herum!

Nun und in den nächsten Blogeinträgen will ich auf die vergangenen drei Wochen zurückblicken. Der hinter mir liegende Islandaufenthalt zählt völlig ohne Zweifel zu den chaotischsten Dingen, die ich je erlebt habe. Besonders und vor allem, weil Island mal wieder eines bewiesen hat: dass man hier patout nichts planen kann. Spontaneität und Chaos gehören eben so sehr zu der kleinen Insel, wie Regelmäßigkeit und Planung zu Deutschland. Das weiß ich ja mittlerweile, und deshalb hatte ich auch nicht viel geplant. Ich habe Hin- und Rückflüge gebucht, mich bei meiner guten Freundin Arianne in Reykjavík für den ersten Tag angemeldet, und vom FÍ die Bestätigung erhalten, dass ich irgendwann über die Feiertage in irgendeiner Hütte würde arbeiten können. Vorzugsweise Landmannalaugar. So der Stand der Dinge, bevor ich nach Island kam.


Die erste Woche wollte ich reisend an der Südküste verbringen, hatte mir dafür extra ein schneefestes Zelt organisiert und mir von Arianne einen Campingkocher ausgeliehen. Am Tag nach meiner Ankunft führte ich ein kurzes Gespräch mit meinen Chef: der 22ste Dezember wurde als Anreisetag für Landmannalaugar festgelegt. Die Wettervorhersage war noch zwei Tage lang gut: dann sollte ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet die Insel erreichen. Also eilte ich noch an diesem ersten Abend in Island per Anhalter Richtung Osten, kam bis nach Skógar, übernachtete dort bei -8°C im Zelt und fand früh am nächsten Morgen ein nettes britisches Paar, das gen Osten wollte und mich willig bis nach Dyrholaey fuhr. Dort schleifte ich meinen Rucksack ein paar hundert Meter über den 20cm tiefen Schnee (tragen darf ich schwere Lasten ob meines mittlerweile chronisch schmerzenden Rückens ja weiterhin nicht), baute mein Zelt sehr notdürftig auf und eilte mich, die Umgebung im restlichen Licht des Tages zu erkunden und potentielle Motive für den kommenden Morgen auszukundschaften.


Als die Sonne untergegangen war machte ich mich daran, das Tunnelzelt sturmsicher im Schnee zu verankern: das dauerte eine geschlagene Stunde. Danach stand für mich fest, dass ich hier mindestens zwei Nächte bleiben würde - und lebte ich die kommenden zwei Tage und Nächte nur fürs Fotografieren und das Genießen der verschneiten Küstenlandschaft. Einige Fotoresultate habe ich ja schon im vorhergegangenen Blogeintrag gezeigt.


Nach zwei kalten Nächten in der winterlich-einsamen Idylle des Türlochfelsens begann es zu schneien und baute ich in Windeseile mein Zelt ab. Ich musste hier weg bevor der angekündigte Schneesturm die Straße zuschneite: ich zog mein Gepäck ja auf Rollen übers Eis, und das wäre bei Schneefall nicht möglich gewesen. Aber wie immer hatte ich Glück: von den zwei Autos, die mir an diesem Morgen begegneten, hielt das erste schon auf dem Hinweg nach Dyrhólaey an und bot mir an, mich auf dem Rückweg mitzunehmen. Eine Stunde später war ich in der Jugendherberge in Vík und freute mich dort vor allem auf eines: auf eine warme Dusche!


Leider machte ich den Fehler, unmittelbar nach meiner Ankunft mein Handy einzuschalten - das sofort klingelte. Mein Chef Palli war dran und fragte, ob ich am nächsten Morgen eine Busrundfahrt begleiten könne. Eine Gruppe Norweger suchte einen norwegischsprechenden Guide, der ihnen etwas über die Kultur Westislands erzählen konnte.

Och neeee - verflixt und zugenäht! Ich hatte echt keine Lust! Erstens hatte ich mich schon auf vier weitere Fototage bei Vík und Jökulsárlón gefreut, zweitens war ich nicht in der Stimmung zu arbeiten, drittens befand ich mein Norwegisch als nicht gut genug, und viertens hatte ich nicht die geringste Ahnung über Kultur in Westisland. Aber Palli war so eindringlich, dass ich zusagte: er war mir schon so oft entgegengekommen, und jetzt war ich an der Reihe. Also habe ich mich ohne die ersehnte Dusche wieder aus der Jugendherberge ausgecheckt, bin im letzten Licht des Tages nach Reykjavík getrampt, wo ich spontan wieder bei Arianne unterkam und die letzten Stunden des Tages damit verbrachte, westisländische Geschichte und Kunst zu büffeln. Allerdings erst nachdem ich mit Ariannes Familie noch eine Eiskunstlaufdarstellung besucht hatte, bei der die älteste Tochter der Familie mitwirkte und ich die Bilder fürs Familienalbum machte.





Am nächsten Morgen brachte ein äußerst dankbarer Palli mich zum Hotel, wo ich meine Gruppe aus 13 tanzenden Rentnern von den Lofoten kennenlernte. Palli blieb ein paar Minuten dabei, offensichtlich neugierig auf meine Norwegischkenntnisse, die (wie ich erstaunt feststellte) weitaus besser als seine waren. Was folgte, war im Endeffekt ganz lustig: ich sagte unserem Fahrer wo es hingehen sollte, und stotterte auf Norwegisch all das Wissen von mir, was ich mir in der Nacht zuvor angelesen hatte. In Borgarnes schleppte ich die Gruppe in ein Museum, wo alle eine Stunde lang einer interessanten Tonband-Führung auf Norwegisch folgten. Auf dem Rückweg von Reykholt erlebten wir später einige bange Minuten, weil vor uns zwei Autos und ein Bus von heftigsten Windböen von der Straße geweht wurde. Der angekündigte Sturm war da.

Nach einem langen Tag entließ ich eine zufriedene und müde Rentnergruppe in ihr Hotel. Nun hatte ich noch zwei Tage zu überbrücken, bevor es auf nach Landmannalaugar ging. Da die Wettervorhersage schlecht war, reiste ich lokal und fotografierte in Reykjavík und Hveragerði Weihnachtsbeleuchtung. Nachdem ich jetzt schon über längst verstorbene Wikinger gepredigt, im norwegischen Kreise über die Gründe der Finanzkrise spekuliert und pirouettendrehende Isländerinnen fotografiert hatte, war mir alles egal - ich befand mich ganz offensichtlich in einem akuten Anfall von Kulturwahn...


Während ich am Tag der Wintersonnwende meine Einkäufe für meinen zweiwöchigen Landmannalaugaraufenthalt tätigte, sah ich in einem Laden einen Stapel einfachster Plastikschlitten stehen und hatte eine Idee: ich würde mir für meinen Fotorucksack einen Mini-Pulka basteln! Dann bräuchte ich wirklich gar nichts mehr tragen und konnte meine mittlerweile extrem schmerzende Wirbelsäule entlasten. Gesagt, getan - ein paar Stunden später zog ich meine Einkäufe auf einem blauen Kinderschlitten über den Schnee und freute mich an dieser rückenschonenden umweltfreundlichen Transportvariante, die ich von nun an täglich einsetzen sollte - dem Schnee sei dank!

Fortsetzung folgt bald...

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