Samstag, 10. April 2010

Finnmarksløpet - Teil 3

Auf dem Weg zum nächsten Checkpunkt Neiden gab es ziemlich genau um Mitternacht auf den 15.März ziemliche Aufregung. Dieses Jahr wurden den zehn Favoriten des 1000km-Rennens GPS-Geräte mitgegeben, über welche man die der Teilnehmer live im Internet verfolgen konnte. Und Arnes Gerät verriet, dass er einen falschen Abzweig genommen hatte und vom Weg abgekommen war.
Marianne, die unmittelbar von der Rennleitung kontaktiert worden war, setzte sich unverbindlich mit Arne in Verbindung, welcher behauptete, richtig zu sein: er könne sowohl die Markierungen der Rennstrecke sehen als auch die Spur des vor ihm fahrenden Gespannes. Da Arne kein Rookie ist, sondern im Gegenteil das Rennen zum 19. Mal bestritt, vertrauten wir seinem Urteil und gaben das an die Verantwortlichen weiter. Dennoch herrschte eine weitere halbe Stunde Ungewissheit: dann zeigte das GPS wohl wieder an, dass Arne richtig fuhr. Und wir waren alle wieder hellwach und fluchten auf die Technik...

In Neiden angekommen, konnten wir 4 Stunden schlafen bevor Arne um 5:40 Uhr als vierter in den Checkpoint fuhr. Die Temperatur war auf -30°C gefallen und das Warten eine eisige Angelegenheit.
Die Hunde hatten nun schon 390km hinter sich gebracht und sich eine lange Pause verdient: Arne blieb 16 Stunden und schlief selber endlich mal wieder. Ich selber konnte auch noch einmal vier Stunden lang schlafen, nachdem ich mich drei Stunden lang mit dem Wachsen von zwei Paar Kufen herumgeplagt hatte.

Marianne bei -30°C

Mit den Pausen ist das beim Finnmarksløpet so eine Sache. Es gibt zwei Pflichtpausen. Eine von 16 Stunden Länge, die man irgendwann im Laufe des Rennens nehmen muss. Und dann noch eine 8-stündige Pause vor der letzten und längsten Etappe. Es ist völlig klar, dass andere Pausen notwendig sind, aber die kann sich jeder Musher selber einteilen.
Um 22:02 Uhr am Montag Abend fuhr Arne mit 12 Hunden weiter: zwei hatte er aus dem Rennen genommen, da sie humpelten.

Die folgende Etappe nach Kirkenes war mit 125km die zweitlängste des Rennens, für die Arne etwa 9 Stunden einplante. Daher gönnten wir uns noch einmal einen kurzen, dreistündigen Schlaf in der gemieteten Hütte, bevor wir weiterfuhren und vor Ort unserer eigentlichen Hauptbeschäftigung nachgingen: Zeit totschlagen und auf Arnes Ankunft warten. Der Checkpunkt lag mitten in der Stadt an einem Hotel gelegen, weshalb wir uns im Warmen aufhalten konnten, was sehr angenehm war. Außerdem gab es dort eine warme Halle, in der ich Kufen wachsen konnte - das geht nämlich um so vieles einfacher, wenn es nicht friert!


Arne hielt sich nur vier Stunden lang in Kirkenes auf, bevor er weiter fuhr: wieder zurück Richtung Heimat. Er hatte den östlichsten Punkt des Rennens erreicht und war genau an die Grenzen von Russland und Finnland herangefahren - und das Wetter war weiterhin unglaublich gut. Tagsüber nur Sonnenschein, nachts tanzten Polarlichter am sternenklaren Himmel. Was für ein unglaubliches Glück wir hatten!

Mittelstarkes Nordlicht am Checkpoint "Sirma".
Arne und seine Hunde (das zweite Gespann) wurden von einem Baustrahler angeleuchtet
und bildeten einen mal ganz anderen Vordergrund für ein Nordlichtbild!

Der nächste Stop war wieder Neiden. Als Arne nach fast 7 Stunden Fahrt dort ankam, waren alle geschafft - Hunde wie Menschen. Gleich drei Hunde musste er aus dem Rennen nehmen und fuhr dann nur noch mit neun Hunden weiter - im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die teilweise noch über 12 Hunde verfügten und fast alle kleiner und leichter waren, als Arne. Ob der seinen momentan 8. Platz verteidigen können würde, war ungewiss.

Nicht wenige Hunde fuhren im Schlitten in den nächsten Checkpoint ein,
wo sie dann aus dem Rennen genommen wurden
.

An der nächsten Station Varangerbotn kam Arne sehr spät als elfter herein und sagte offen und ehrlich, dass es jetzt nicht mehr um eine gute Platzierung ginge, sondern nur noch darum, in Alta anzukommen. Die Hunde waren müde und konnten einfach nicht mit dem Tempo mithalten, das die starke Konkurrenz Arne vorgab. Dazu kam die Gefahr, dass die Hunde "parkten" - so nennt man es in der Mushersprache, wenn ein gesamtes Gespann sich weigert, weiterzugehen. Hunde sind Tiere, die einen eigenen Willen besitzen und die wissen, wann es genug ist: wenn sie zu müde sind und zu geschafft, dann kann man sie allerhöchstens noch durch Motivation zum Weitergehen bewegen, keinesfalls aber mit Gewalt. Allein deshalb schon müssen Musher Hundemenschen sein: um zu erkennen, wie weit sie ihre Hunde antreiben können, ohne sie psychisch auszubrennen. Und da Arne seit über 20 Jahren mit Schlittenhunden arbeitet, wusste er, dass sein diesjähriges Gespann das Tempo nicht mithalten konnte, und er beschloss, sie ab sofort zu schonen bzw. nicht zu stark anzutreiben. Nach vier Stunden Pause ging er mit nunmehr 8 Hunden die noch vor ihm liegenden 350km an.

Dies passierte Arne nicht: dass die Hunde keine Lust mehr hatten, weiterzurennen,
und von ihrem Musher zum Laufen gelockt werden mussten.
Dieser Teilnehmer hier mühte sich über eine halbe Stunde damit ab,
die Tiere zum Weitergehen zu bewegen - für beide Seiten keine schöne Angelegenheit.

Bei den nächsten Stationen ließ Arne die Hunde immer genau so lange ruhen wie er konnte, um seinen elften Platz zu verteidigen, ließ sich Zeit, schwatzte mit Gott und der Welt und hatte erstaunlich gute Laune für jemanden, der seit Tagen kaum geschlafen und eigentlich vorgehabt hatte, das Rennen zu gewinnen. Um das verdammte Wachsen der Kufen kam ich leider weiter nicht herum, aber zumindest war ein Ende in Sicht!


Die Temperaturen spielten auf diesen letzten Etappen verrückt. An der Grenze zu Finnland waren wir so weit vom Meer entfernt, wie sonst nirgends im Rennen, und demetsprechend kalt wurde es: -41°C wurde offiziell verkündet. Das war eine Schweinekälte - besonders nun, da wir alle total übermüdet und ausgebrannt waren. Kaum ging die Sonne auf, kletterten die Temperaturen aber bis auf 0°C und verbrannten wir uns die Nasen, als wir entlang des Flusses auf Arne warteten, um zu sehen, wie es ihm mit seinen nur noch 7 Hunden erging.

Das Bild, das sich uns bot, war köstlich! Arne war am Checkpoint zuvor auf seinen Ersatzschlitten umgestiegen, welcher ein Sitzschlitten war. Und als wir ihn dann sahen, saß er auf dem Sitz und hatte die Beine auf den Handbalken gelegt, wo man sich normalerweise im Stehen festhält - es war ein Bild für die Götter! Und seien Hunde liefen energetisch wie immer: schön!


Die letzte Etappe schien dann wie im Fluge vorbeizugehen. Und dann, irgendwie plötzlich, kam Arne nach nur fünfeinhalb Tagen mit sieben aufgedrehten Hunden am 19.03.2010 um 9:18 Uhr in Alta an.


Er war sichtlich froh - dabei war dies, in neunzehn Jahren, seine zweitschlechteste Platzierung überhaupt - allerdings auch sein schnellstes je gefahrenes 1000km-Rennen! Niemals zuvor war die Konkurrenz so stark gewesen, niemals zuvor hatten die Hunde solche Durchschnittsgeschwindigkeiten an den Tag gelegt. Einerseits lag dies an den guten Wetter- und Schneeverhältnissen, andererseits aber auch daran, dass die Schlittenhundeelite von Jahr zu Jahr zu neuen Höchstleistungen angetrieben wird. Arne sagte mir vor ein paar Wochen selber: Hunde, die vor ein paar Jahren noch das Finnmarksløpet gewonnen hätten, wären heute nur Mittelmaß. Die allgemein im Sport zu beobachtende Entwicklung, immer größerer Leistung erbringen zu müssen, hat auch längst im Hundesport Einzug gehalten.

Der Sieger Ralph Johannessen kam 12 Stunden vor Arne ins Ziel

Einen tieferen Einblick in das verrückte Leben der Musher zu erhalten, war interessant - auch wenn ich jetzt weiß, dass ich nicht infiziert bin und garantiert nicht selber ein solches Rennen fahren muss. Es ist mir einfach zu stressig, und außerdem hasse ich das Wachsen von Kufen mittlerweile einfach zu sehr! Wirklich interessant für mich war aber die Erfahrung, dass ich mit nur sehr wenig Schlaf erstaunlich gut funktionieren kann. In diesen fast sechs Tagen schlief ich nur 27 Stunden, wobei die längste Schlafphase 4 Stunden dauerte. Und in den allermeisten Fällen fühlten sich diese wenigen Stunden an, wie ein normaler Schlaf. Wirklich verrückt!

Und jetzt will ich diesen Bericht mit ein paar weiteren Bildern ausklingen lassen!

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